MGMT hießen früher noch The Management. Ben Goldwasser und Andrew VanWyngarden fahren die ganz schweren Geschütze des 70er-Bombastrocks auf.


Während MGMT im Spätherbst 2007 schon als Newcomer-Tipp von wahlweise Tag, Woche oder Monat durch die US-Musikpresse geisterte, war man sich auf der anderen Seite des Atlantiks (d.h. in erster Linie UK) noch nicht sicher, was es mit den Electro-Prog-Rockern von der Ostküste wirklich auf sich hatte. Dann kam das Video, ein mehr oder minder erfolgreicher Album-Release in den USA und von heute auf morgen ist die Band aus Brooklyn “the new thing“, das Goldkorn im Sand der Selbstbestimmungsversuche einer reizüberfluteten Generation.

Der Eintritt auf Platz 12 der britischen Albumcharts verlieh ihnen schließlich den ritterlichen Glanz einer Band mit Perspektive. Und bevor wir es vergessen: Ein Auftritt in der David Letterman Show pünktlich zum Albumrelease gehörte natürlich auch dazu. Bei CBS traten die zwei Bandleader plus dreiköpfigem Anhang allesamt in schwarzen Umhängen auf. Schließlich war sich Ben Goldwasser, seines Zeichens Keyboarder und Frontmann, nicht zu blöde an die Live-Performance der – man muss es inzwischen so nennen – Hit-Single “Time to Pretend“ das Orgel-Lick aus der Long-Version der Doors-Interpretation von “Light my Fire“ als Outro anzuhängen. Einmal on National Television, da holt man direkt die Zitat-Klatsche raus, damit auch jeder Freshman von Wisconsin bis New Mexico seinen Bezugspunkt findet.

Umso bemerkenswerter ist es, dass bei Ben Goldwasser und Andrew VanWyngarden substantiell alles beim Guten bleibt. Ihre Musik kommt wunderbar frisch daher, einerseits überraschend ungewohnt, andererseits sehr eingängig, ohne sich dabei anzubiedern. Das hat natürlich auch, aber eben nicht nur mit der Tatsache zu tun, dass sie mit den Querverweisen auf die frühen Siebziger einen ganz neuen Fokus setzen. Viel wichtiger ist aber, dass die beiden großes Songwriter-Talent haben und den Nerv der Zeit treffen.

Dickes Fell aus Schulzeiten
Angefangen hat alles auf dem College. In den ersten Studienjahren fristet man ein gemeinsames Nerd-Dasein im typischen Ostküsten-Akademiker-Umfeld von Connecticut, dem Grunewald von New York City. Vermutlich haben die Jungs sich hier gezwungenermaßen ein entsprechend dickes Fell im Umgang mit der Popkultur zugelegt. So kommt es wahrscheinlich auch, dass VanWyngarden, der singt und Gitarre spielt, und Goldwasser sich bis heute so aufführen (und auch so aussehen!), als würden sie zum ersten Mal in ihrem Leben die Bühne eines kleinen Clubs in Berkeley oder der Lower East Side betreten.

Dabei ist alles andere als falsche Bescheidenheit angesagt. Gnadenlos wird eine Referenz nach der nächsten in den Äther geballert. Ganz keck machen sich MGMT auf ihrer ersten Single “Time To Pretend“ erstmal über das Rockstar-Dasein per se lustig. “Let’s make some music, make some money, find some models for wives. I’ll move to Paris, shoot some heroin and fuck with the stars.” Wer das wie die US-Zensur ernst nimmt, ist selber schuld.

Dabei sind MGMT aber keine Spaßkapelle. Die Ernsthaftigkeit wird bei ihnen eher in der Form denn im Inhalt deutlich. Das Abstrakte hat dabei mehr zu bieten als das Offensichtliche – auch da passen sie ganz unabhängig von der musikalischen Verwandtschaft zu ihren Stil-Vorfahren in den frühen Siebzigern von Pink Floyd bis T-Rex. Was MGMT groß, erfolgreich und bei allen Querverweisen auch so originell macht, ist aber ihre ästhetische Gewitztheit. Diese zeigt sich in Text, Ton und auch Bild. Man beachte zunächst den Titel ihres ersten Albums:

“Oracular Spectacular” – großartig, alle Farben des philologischen Regenbogens sozusagen! Gleiches gilt für die zehn Tracks auf dem Album: Facettenreich bis zum Gehtnichtmehr. Zum einen Pathos-Rock à la Pink Floyd, dann wieder Indie-Electro, bei dem deutlich wird, dass der Computer eben doch vor der Gitarre da war. Das alles mit Hilfe des Flaming-Lips-Produzenten David Fridmann so ordentlich zusammengemischt, dass sich die Pop-Rock-Welt warm anziehen muss. Als Konstante steht vor allem eins: MGMT lieben es groß, ausufernd, farbenprächtig. VanWyngardens Stimme ist auf der Platte kaum ohne Hall-Effekt zu hören.

Surfen, Lagerfeuer und Copy/Paste
Auf dem Albumcover sehen wir die beiden Frontmänner im typischen Ethno-meets-Surfertyp-Look mit Katze auf dem Arm vor einem Vollmond posieren. Dieses Konzept setzt sich im Video zu “Time to Pretend” fort.
Da wird ums Lagerfeuer am Strand getanzt, mit Pfeil, Bogen und Speer schlägt sich die Band als Freizeit-Indianer-Trupp durchs Kornfeld, Van Wyngarden surft auf Lichtstrahlen und schließlich reitet man auf riesigen Eulen und Hauskatzen durch das Universum. Aber auch an dieser Stelle gilt: Wichtig ist weniger das “Was” denn das “Wie”. Analog zum Design von MGMTs Webseite hat Regisseur Ray Tintori ein Feuerwerk aus Copy&Paste auf den Bildschirm gebracht, angelehnt an Prä-Lucasarts-Zeiten, als Special Effects noch in den Kinderschuhen steckten. So ergeben sich Perspektiven, die bewusst an Rauschvorstellungen der frühen 70er erinnern, als Natur noch eine weitaus größere Anziehungskraft als Technik besaß. Dass hierfür eben das alltägliche Umfeld – also Strand, Freunde, Hauskatze – herhalten muss, ist also auch kein Zufall. Es gilt: jedem seinen persönlichen Trip.

Entsprechend spielt beim Thema Rausch auch ein weiteres Phänomen eine Rolle: Paranoia. Den metaphorischen Höhepunkt bilden dabei Monster-Krabben, denen Tintori in LoFi-Postproduction-Manier einen riesigen Menschenmund mit Raubtiergebiss aufgemalt hat. Jegliche positive Konnotation, die wir von überdimensionalen Mündern bis dato in der Rockgeschichte gewohnt waren, führen MGMT hier ad absurdum. Passend dazu wehren sich VanWyngarden und Goldwasser im Video mit Pfeil, Bogen und aufgesteckter Dynamit-Ladung. Schließlich verwandelt sich das Monster beim Aufprall des explosiven Geschosses in einen Schwarm aus Delphinen.

Dass diese Ästhetik fast 40 Jahre nach “Atom Heart Mother” wieder auflebt, passt gut zum Ökohype, zeigt aber grundsätzlich einfach ein Bedürfnis nach neuen Looks, neuen Bezugspunkten, nachdem die 80er bis auf die Grundmauern geplündert wurden.

Natürlich, man könnte MGMT vorwerfen, sie haben sich das alles nur zurechtgelegt. Zum richtigen Zeitpunkt das richtige Revival. Dass das ganze Theater nur ein gut geplantes Rollenspiel ist, ausgelegt als Köder für die Hipster Crowd.

Zum einen ziehen Goldwasser und VanWyngarden aber die Nummer ziemlich konsequent durch und nehmen sich selbst (bzw. Ihre Sache) dabei schon wesentlich ernster, als es auf den ersten Blick scheint. Man nimmt ihnen das Theater ab. Zum anderen scheinen sie unabhängig von Trend oder Schublade wirklich gute Musiker zu sein, die ihr Handwerk beherrschen, ohne langweilig zu sein. Und, was will man, es funktioniert im Moment einfach ziemlich gut!
http://www.whoismgmt.com

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Elektronische Lebensaspekte.

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