Die Band von Mo Morris plädiert für Eskapismus in schweren Zeiten. Mit schwelgerischen Flächen und weichen Gitarrensoli ist "A Mountain of One" der Flüchtlingshelfer aus der grauen Alltäglichkeit der The-Bands.


Fotos: Adia, Produktion: Ovelia

England träumt. Das schrieb die englische i-D über die Band “A Mountain of One”. Es ist der schönste Satz, den man bislang über diese eigenartige Band lesen konnte. Das findet auch Mo Morris an einem sonnigen Sonntagnachmittag im April, während er den Hörer zwischen Schulter und Ohr geklemmt irgendwo in London Steaks brät und dabei über seine Band redet. “A Mountain of One” bekommen in der britischen Presse in den letzten Monaten einige Aufmerksamkeit.

Der Guardian rief sie als Zentrum einer Balearic-Revival-Bewegung aus – ohne ein großes Label im Hintergrund, nur auf Grund von drei 12“ und einer CD, die im Grunde nicht mehr tut als eben jene 12“ zu einem Album zusammenzufassen. Auf das erste Konzert der Band im Londoner “The Spitz” strömten über 400 Leute. Mehr als doppelt so viele warteten vergeblich vor der Tür. Da gab es sie gerade mal ein gutes Jahr.

Das alles ist beachtlich, aber – trotz Mini-Hype – im atemberaubenden und ohrenbetäubenden Getose aus Myspace-Buzz-Bands und Londoner Trendhörigkeit wohl nicht mehr als eine seichte Welle, die sachte und flüchtig im Mittelmeersand versickert. Denn natürlich wird es keine große Rückkehr von Balearic geben und auch keine Rückkehr des Progressive Rocks der Siebziger – in diese Schublade wird die Band wegen ihrer verzweigten Gitarrensolos und weichen Synthesizerflächen ebenfalls gerne gesteckt. Aber hört man Mo Morris zu, hört die Leidenschaft, den Ernst und die Dringlichkeit, mit der er über seine Musik redet, dann spürt man, dass es um wesentlich mehr geht als pfennigfuchsende Stil- und Revivaldebatten.

In der Musik von “A Mountain of One” liegen politische Wahrheiten und feine musikalische Zwischentöne, die zwar außerweltlich und verträumt klingen, aber genau damit am Puls der Zeit liegen. Und irgendwann im Gespräch mit Mo Morris kommt der Punkt, an dem eine Zuordnungen wie Progressive Rock wieder erstaunlich richtig zu liegen scheint, denn zwischen dem gesellschaftlichen Klima der siebziger Jahre und dem Jetzt tun sich offenkundige Parallelen auf. Mit ihrer sperrigen Suche nach Wahrheit und Schönheit macht diese Band also so viel richtig, dass es überhaupt nicht mehr schlimm ist, wenn sie manchmal wie Santana klingen.

De:Bug: Balearic und Prog Rock sind eigentlich sehr verschiedene Dinge. Wie fühlt ihr euch mit diesen Genre-Zuschreibungen?

Mo Morris: Balearic kann alles sein. Für manche ist es belanglose “Café del Mar“-Musik. Für mich wäre es “Down by the river” von Neil Young. Balearic steht für mich für die persönlichen Gefühle einer Person, die sich in Musik ausdrückt. Das kann auch Klassik sein, oder Manuel Göttsching oder Neil Young. Ein sehr weit gesetzter Begriff also. Und Progressive Rock ist noch ungenauer. Radiohead sind eine Progressive Rock Band. Thom Yorke würde das Gleiche sagen. Es geht darum, das Neue zu suchen, sich von Album zu Album weiterzuentwickeln. So sollte man den Begriff Progressive Rock verstehen, nicht im Sinne einer bestimmten musikalischen Phase der Vergangenheit.

De:Bug: Aber vielleicht ist Balearic als Bezeichnung für eure Musik genau richtig, weil es als Genre-Bezeichnung so offen ist und dem Hörer viele Freiheiten lässt. Das passt doch zu euch. Viele musikalische Mittel, die ihr benutzt, wie zum Beispiel die langen Gitarrensoli, galten lange als verboten. Ihr macht das nun und es ergibt Sinn.

Mo Morris: Ja, wir versuchen definitiv nicht, cool zu sein. Cool sein bedeutet, in einer beschissenen englischen Indie-Band zu spielen.

De:Bug: Die i-D hat über euch den schönen Satz geschrieben “The sound of england dreaming”. Konntest du dich damit identifizieren?

Mo Morris: Auf jeden Fall. Wir wollen die Leute mit unserer Musik aus ihrem Alltag rausholen. Eine andere Atmosphäre kreieren. Englische Musik handelt heute viel zu oft von Beobachtungen. Von einem Mädchen, von einem Abend in der Disco, einem Streit oder einer Schlägerei. Es geht immer um mehr oder weniger Alltägliches. Das ist doch Quatsch. Wir sehen das doch jeden Tag. Warum sollte ich nach hause gehen, eine Platte auflegen und mir meinen eigenen Alltag vorspielen. Man braucht mehr Musik, die einen da rausholt. Das ist doch die eigentliche Idee der Kunst.

De:Bug: Steckt darin auch ein gesellschaftspolitischer Kommentar? Ist eure Musik ein Aufruf, mehr zu träumen?

Mo Morris: Mein Songwriting-Partner ist seit zehn Jahren Buddhist. Ich denke, das spielt für uns eine Rolle. Außerweltlichkeit, ein innerlicher Glaube, darum geht es in der Musik von “A Mountain of One“. Buddhismus ist keine Religion, mehr ein Glaube. Das inspiriert unsere Musik, die Atmosphäre. John Lennon war ein Buddhist, es gab Millionen großer Songwriter, die Buddhisten waren. Aber es geht uns auf keinen Fall darum, Werbung für den Buddhismus zu machen. Die Leute sollen durch uns einfach ein wenig Schönheit erfahren. Die Atmosphäre der Musik ist mir das Wichtigste.

De:Bug: Aber es gibt neben den musikalischen Parallelen auch vergleichbare gesellschaftliche Zustände, heute und in den Siebzigern.

Mo Morris: Wir leben in harten Zeiten. Nach dem Vietnamkrieg wurde diese ganze wunderschöne Musik gemacht. Von Leuten, die verängstigt waren und unsicher. Von Leuten, die nicht wussten, was als nächstes kommt. Immer, wenn man den Fernseher anmacht, ist da Krieg und Zerstörung. Die Zeiten heute sind ähnlich. Deshalb ist diese Musik wieder relevant. Wir leben in schweren Zeiten. Und das ist nicht allein ein englisches Problem, es ist global. Die ganze fürchterliche Situation im Irak. Es gibt Anzeichen einer Rezession. Die Leute sind verschuldet. Künstler haben es schwer, in den Städten zu leben, die Mieten sind zu teuer und steigen. Der ökonomische Druck wird immer größer. Man wird in die Enge getrieben. Wir haben Kapitalismus all over again. Wenn es Menschen schlecht geht, dann suchen sie nach etwas, das sie da rausholt. Dadurch entsteht der Wunsch nach mehr Außerweltlichkeit in der Musik.

De:Bug: Die Zeichen der Zeit scheinen auf Rückzug und Innerlichkeit zu stehen. Warum protestiert niemand gegen die Verhältnisse?

Mo Morris: Es gibt tatsächlich kaum mehr ernst zu nehmende politische Aussagen in der Popmusik. Keiner traut sich mehr. Wir haben gerade niemanden vom Format eines Jimi Hendrix oder Bob Dylan. Es gibt zwar Friedensmärsche und so etwas, aber nichts davon macht für mich wirklich Sinn. Wir sind im Grunde einfach zufrieden, den Alltag unbeschadet zu überstehen.

De:Bug: Ihr kommt aus der Dancemusic-Szene. Inwiefern spielt das für die Musik von “A Mountain of One” eine Rolle?

Mo Morris: Das ist ein Mythos, dem Journalisten immer wieder aufgesessen sind. Ich habe Mixed-Media-Happenings in einem Club in London unter dem Namen “Electric Stew“ organisiert. Resident-DJ war zwar DJ Harvey, aber nur ein kleiner Teil des Programms umfasste Dance-Musik. Wir haben auch Lesungen und Ausstellungen organisiert. Ich habe als 18-Jähriger viel Nick Drake gehört. Natürlich war ich mit Acid House konfrontiert. Wenn man 1991 18 war, konnte man sich dem nicht entziehen. Alle sind in die Clubs gegangen und haben Ecstacy genommen. Das war eine kulturelle Explosion, und ich habe mich immer für solche kulturellen Verläufe und Bewegungen interessiert. Das hat mich inspiriert, aber richtig in Dance-Musik involviert war ich nie.

De:Bug: Einige eurer Texte wie der von “People without Love” sind ungewöhnlich direkt und kritisieren diese urbane Hipster-Szene mit wütenden Worten.

Mo Morris: Der Text stammt von James Kelsy Fry – ein Friedensaktivist und Freund von mir. Wenn man zu anderen nicht ehrlich ist, dann kann man auch sich selber gegenüber nicht ehrlich sein. Was ist falsch daran, ehrlich und direkt zu sein?
http://www.myspace.com/amountainofone

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Elektronische Lebensaspekte.

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