Im Grenzgebiet zu den Niederlanden und Belgien liegt die kreisfreie Kurstadt Aachen. Bekannt für Printen, die heißen Quellen, aber auch für die Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule, bot Aachen einst eine facettenreiche Bandbreite für Musik- und Kulturliebhaber. Jetzt muss Aachen bangen.

von Raphael Hofman aus De:Bug 180

Um die Situation in der Stadt zu verstehen, muss man sich Aachens zweigeteilte Clubkultur genauer ansehen. Hier die Pontstraße, seit Jahren eine Cocktailmeile in deren Läden man ohne glattgebügeltes Hemd und großes Portemonnaie selten Eintritt erhält, wo Massenbesäufnisse- und Trash-Partys mit EDM-Dauerbeschallung stattfinden. Dort der Südosten, in dem ein Zusammenschluss aus vielen einzelnen Kiezen das alternative Musikprogramm bietet. Hier stehen auch die beiden Aachener Musikbunker. Der eine bespielt jährlich ca. 40.000 Besucher mit verschiedener Musik von Reggae bis Techno, der andere bietet Proberäume für über 1000 Musiker. Genau diese beiden Bunker will die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben nun abstoßen.

Die Serie der Selbstabschaffung in Bezug auf die Clubkultur Aachens begann dabei schon weitaus früher. Nämlich Silvester 2011 mit dem Ende eines der ersten Tanzlokale und Jazzclubs in Deutschland. Nach 54 Jahren unter der Malteserstraße musste der Malteserkeller e.V. seine Kultstätte räumen. Seitdem ist der Verein quasi obdachlos und in der Öffentlichkeit kaum mehr präsent. Damals gab es bereits erste Aufschreie, die jedoch schnell wieder verstummten. Nachdem weitere Lokalitäten Aachens, das Aoxomoxoa und der Jakobshof, gegen Ende des Jahres 2013 ebenfalls ihre Schließung bekannt gaben, spitzte sich die Situation zu. Das Last Exit im Südviertel der Stadt erhielt einen Maulkorb. Konkret heißt das ein Verbot von musikalischen Veranstaltungen, Lesungen und Performances. Auch dem Hauptquartier wurde Konzertverbot erteilt, das ehemalige Café Roncalli wurde geschlossen und die Bunker in der Kasinostraße, der Rütscher Straße und der Sandkaulstraße wurden verkauft. Und jetzt eben die Musikbunker.

Wie klingt eine Techno-Party im Mainstream-Schuppen? Ausweichen auf vorhandene Clubs? Es gibt keinen Platz, um etwas Neues aufzubauen.

Ende Januar erging nun ein vorläufiger Gerichtsbeschluss, der dem Party-Bunker Veranstaltungen untersagt, bei denen bis zu 400 Personen teilnehmen und die bis um fünf in der Frühe dauern. Das könnte das Ende vieler Partys bedeuten. “Das ist für uns eine sehr große Katastrophe“, sagt Lars Templin, Geschäftsführer des Vereins Musikbunker e.V.. Denn über das Partygeschäft werden die Konzerte gegenfinanziert. Der Gerichtsbeschluss folgte auf eine Klage zweier Anwohner wegen Ruhestörung. Viele Gastronomen, Veranstalter, aber auch DJs und Musiker müssen sich seitdem täglich mit Existenzängsten auseinandersetzen. Denn: Wohin? Ausweichen auf vorhandene Clubs? Wie klingt eine Techno-Party im Mainstream-Schuppen? Zentral bietet die Stadt Aachen jedoch keinen Platz um etwas Neues aufzubauen.

Aber was tun? Es müsste eine Plattform geschaffen werden um über das gemeinsame Weiter zu diskutieren. Die nötigen Kompromisse müssten von den Anwohnern, den Clubs, dem Publikum, der Kommune, aber auch von der BImA vereinbart und getragen werden. Ein weiter Weg, aber nur im großen Miteinander, nicht in einer Gegenkultur, scheint es, könnte Aachen wieder ein Ort für alternative Musikkultur werden.

About The Author

lebt für die Musik.

9 Responses

  1. peter pansen

    Was ist eigentlich mit dem graesslichen bunker an der kasinostr.?! sollen die doch den verkaufen und den Mubu einfach lassen…. echt jetzt. fickers.

    Reply
    • BF

      @ Peter: der Bunker an der Kasinostraße wurde schon lange vom Bund verkauft. Dort sollen Wohnungen entstehen und ein Durchgang zum Bahnhof.
      Der Verkauf des Musikbunkers ist erstmal kein so großes Problem, denn der Stadt und dem Verein sind ein Vorkaufsrecht eingeräumt worden, das diese auch nutzen wollen. Derzeit wird über den Preis verhandelt. Die Stadt ist auch bereits Eigentümer des dritten Bunkers (Zeppelinstraße), den der Musikbunker e. V. betreibt.
      Die Stadt und der Verein Musikbunker e. V. sind sich einig darüber, dass die 3 Bunker auch Musikbunker bleiben sollen.

      Reply
  2. Markus

    Sorry, aber selten einen undifferenzierteren und vor Halbwahrheiten nur so strotzenden Artikel zum Thema gelesen. Das ist eines Magazins wie der De:Bug, das im im allgemeinen für Qualität steht und das ich sehr schätze, eigentlich nicht würdig.

    Ich fange mal mit der Situation zum Musikbunker an: Die Tatsache, dass der Bund, genauer gesagt die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (BIMA), diverse Bunker – darunter auch den MuBu – veräußert, ist erst mal keine Bedrohung sondern würde lediglich einen Eigentümerwechsel bedeuten. Stadt Aachen und der Musikbunker e. V. verhandeln bereits seit geraumer Zeit hinter den Kulissen dazu, aktuell geht es um die genaue Höhe des Kaufpreises. Jedoch wurde immer betont, gerade auch von seiten der Stadt, dass Interesse daran besteht, den Musikbunker in der jetzigen Form weiterzuführen. Anders stellt sich die Lage bei der Klage dar, diese ist im Prinzip in der Tat existenzbedrohender, weil dadurch – bis zu einem endgültigen Urteil – lediglich maximal 138 Leute pro Veranstaltung eingelassen werden dürfen.

    Der Jakobshof und das Aoxomoxoa schließen allerdings genau aus diesem Grund – Eigentümerwechsel. Im Jakobshof gehen Ende März die Lichter an bzw. aus und das Aoxomoxoa hat noch eine Schonfrist bis Ende des Jahres bekommen. Beide Betreiber suchen allerdings nach alternativen Standorten, um gegebenfalls wieder neu eröffnen zu können.

    Dass das Hauptquartier bereits seit rund anderthalb Jahren komplett geschlossen ist, hätte man im Februar 2014 vielleicht auch mal zur Kenntnis nehmen können. Schließen musste es übrigens nicht wegen Lärmbelästigung sondern schlicht aus wirtschaftlichen Gründen. Und beim Last Exit ging es um eine Konzession für die Außengastronomie. Dann gibt es noch eine Reihe von anderen (Nacht-)Läden, die wegen – sagen wir mal etwas unscharf interpretierten Konzessionen dicht machen mussten.

    Am Montag gab es auf Einladung einer lokalen Tageszeitung eine Diskussionsrunde zum Thema Club- und Kneipenkultur in Aachen, an der sowohl Clubbetreiber und Gastronomen als auch Vertreter der Politik teilgenommen haben. Dabei wurde von OB Marcel Philipp betont, die Stadt wolle in Zukunft auf der Suche nach geeigneten Clublocations, gerdade auch im Innenstadtbereich, verstärkt selber aktiv werden und gegebenenfalls Räumlichkeiten vorschlagen. Ob das von Erfolg gekrönt sein wird steht auf einem ganz anderen Blatt. Man sieht also, das Thema hat ein paar Facetten mehr.

    Reply
  3. dr. motte

    ich war bei einem gespäch in aachen dabei. ich wurde eingeladen zu vermitteln. am ende gab es ein ergebnis. das ordnungsamt macht was es will. auflagen sind eben einzuhalten weil es vorschrift ist. dann wirst du als club oder veranstlter verdrängt, weil es an einem notausgang mangelt. ist tanzen in aachen verboten? schade wie sich das hier in eine merkwürdige richtung entwickelt… scheibchenweise werden menschenrechte auf allen ebenen eingeschränkt. die botschaft lautet: haltet die klappe. geht nach hause. geht morgen wieder arbeiten. auch so spürt man die politik der konservativen cdu / cdu / spd bundesregierung. musik ist kein lärm! musik ist kultur & kunst. wer das tanzen verbietet, verbietet das leben! verteidigt die freiheit der kunst!

    Reply

Leave a Reply