2012 im Fazit-Remix. Mit Rainald Goetz, Andy Stott, Grimes, der großen Entnetzung, schöner Raumfahrt und bösem EDM.

Liebe Userinnen, liebe User,

wer immer ganz vorne dran sein will, kriegt früher mit, was Morgen kommt – Dancefloor-Hits, Fashion-Trends und Zeitgeist-Hüpfer – aber in der ersten Reihe kriegt man es manchmal auch geballt ab, so wie der griechische Ordnungshüter im Bild: erst per umgebautem Feuerlöscher mit Protestfarbe eingedeckt und dann auch noch mit dem Spitznamen “Saturday Night Cop” bedacht – ganz vorne ist halt auch kein reines Zuckerschlecken. Weshalb man sich von Zeit zu Zeit ruhig mal umdrehen darf, Nachschau halten, wie es den vorbeigerauschten Trendwellen so ergangen ist. In dieser letzten Ausgabe des Jahres bringen wir 2012 für euch im Fazit-Remix. Natürlich sind nicht alle Übergänge fließend und sicher auch nicht alle Hits dabei, aber dafür gilt es viel Unbekanntes zu entdecken. Die Musikerin Grimes hat einen völlig neuen Look definiert, Andy Stott und Rainald Goetz haben nur so getan, als würden sie sich neu erfinden, und doch dasselbe gemacht, nur besser. Schocker: “Das Visuelle hat dem Intensitätsimperativ der Musik den Rang als popkulturelle Leitidee abgelaufen”, erkennt Dominikus Müller angesichts einer Neuen Ästhetik, die sich diffus um uns breit macht. Sulgi Lie war für uns mit Adorno im Kino, wo sie im Grunde nur beschissene Filme sahen. Thaddeus Herrmann war im Elektronikmarkt, wo sich die Technik-Evolution im rasenden Stillstand des Produktpräsentationswahnsinn erschöpft. Und, auch das noch, Chefschocker: Sascha Kösch war im Internet, das gar nicht mehr so großartig und frei ist, weil gierige Konzerne die Vernetzung zur Entnetzung verkehren, um ihre Gewinn-Claims zu sichern. Klingt desillusioniert? Ist es gar nicht. Ist nur neu. Das Jahr Revue passieren zu lassen, bedeutet eben auch, sich der manchmal gemeinen Wirklichkeit zu stellen. Kann ja nicht immer alles pink sein. Und wenn es im nächsten Jahr nicht besser wird, ziehen wir ins Utopia der neuen Bar 25. Den passenden Doorman für die harte Tür würden wir einfach aus Athen importieren. PS: In diesem Heft erscheint dreimal unabgesprochen und in unterschiedlichen Zusammenhängen die verrückte Rihanna. Was das bedeutet, überlegen wir uns aber erst 2013.

Die Redaktion

DON’T LOOK BACK IN ANGER – unsere Themen:
Entnetzung: Das Internet macht dicht
Das Internet hat sich zu einer Ansammlung unvereinbarer Systeme entwickelt, in der Abmahnanwälte, Google-Löscher und Patentkläger eine immer größere Rolle spielen. Es entsteht ein Darknet dritter Ordnung, das den Usern die Handlungsfähigkeit entzieht.

Rainald Goetz: Neulich im Hass-Seminar

Unser Lieblingstexter hatte in den letzten zwölf Monaten mehr Präsenz in Literatur und Medien als je zuvor. Wir haben ihn durch das Jahr seiner öffentlichen Auftritte begleitet. Ist Rainald Goetz Johann Holtrop?

Stil-Ikone: Grimes’ Pony
Dieser Female Nerd hat dieses Jahr nicht nur eines der originellsten Alben vorgelegt. Niemand krault zur Zeit eleganter durch die Sintflut der Styles als die Dekontextualisierungs- Meisterin Claire Boucher aka Grimes.

Flexible Mode 2012: Be Water My Friend
Olympia, antike Statuen, ambitionierte Tumblr-Ästhetik und Bruce Lee. Das amerikanische Unternehmen Opening Ceremony steht für absolute Anschlussfähigkeit, beherrscht die Grammatik globalen Einkaufens und verbindet Welten.

Andy Stott: Der Brückenbauer
Ob Metalheads, Noise-Hipster oder Technosoldaten, Andy Stott eint seine verschiedenen Hörer wie kein anderer. Im Interview erklärt er wieso ein glücklicher Familienvater so abgründige Musik macht.

RÜCKBLICK 2012
# So klang 2012: Musikhören mit der Redaktion
# Entnetzung: Das Internet macht dicht
# Der Flop des Jahres: Facebook
# Andy Stott: Noisiger Feinschliff aus Manchester
# Electronic Dance Music: Der neue Stadionrock
# Subventionierte Popmusik in Deutschland
# Venus X: Gabba Gabba Bling
# Doacracy 2012: Anonymous As Usual
# Push The Button: Rasender Stillstand der Technik-Evolution
# The New Aesthetic: Jetztschau, verpixelt und diffus
# Stil-Ikone Grimes: Mit Pony durch die Style-Sintflut
# Be Water my Friend: Flexible Mode 2012
# Modestrecke: Dong Xuan
# Leserpoll 2012: Unsere Goodies für eure Meinung
# Rainald Goetz: Neulich im Hass-Seminar
# Wiederauferstehung der Bar 25: Der Kater danach
# Superheldenkino: No Fun in Stahlgewittern
# TV Serien: Girls just wanna have jobs
# Das Ende der Zukunft der Raumfahrt: Alle ins All
# US-Wahlkampf: Data-Mining & Microtargeting

WARENKORB
# Kamera & Sneaker: Nikon Coolpix S800c, Missoni for Converse
# Games & Buch: Nintendo Wii U, Kevin Kuhns Hikikomori

MUSIKTECHNIK
# Akai MPC Rennaissance: Put all the bells and whistles on
# Kontrol Z2: DJ-Mixer mit Integrationsauftrag
# Controller QuNeo: Sinnige LED-Disco
# Audiobus: Audio von App zu App

PLATTEN DES MONATS

# Hot Coins – The Damage Is Done (Sonar Kollektiv)
# Tim Hecker & Daniel Lopatin – Instrumental Tourist (Software)
# Kris Wadsworth – Life And Death (Get Physical)

VOLLE KANNE FUTURE

# A Better Tomorrow: Der reinste Blogschewismus

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