Meine Geschichte ist nicht deine Geschichte

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Die alte Dame Afrofuturismus bekommt frische Beats. Ras G, der “Brotha From Anotha Planet” ist endlich zurück auf eben jenem. Mit eigenem Weltraumprogramm, einem pointierten Blick auf die nach wie vor eklatante Ausgrenzung der Afroamerikaner in den USA und einer endgültigen Abkehr von musikalischen Ghetto-Klischees.

Wie einfach ließe sich doch die Geschichte eines schwarzen Künstlers aus South Centrals HipHop-Welt schreiben: Gang-Kultur, Old English in der 40oz-Flasche mit Papptüte und mindestens 24″-Felgen. Dass aber in LA ein parallel dazu verlaufender Kosmos besteht, propagiert das Label Brainfeeder – gestartet in Flying Lotus’ Appartement – seit mittlerweile fünf Jahren. Eng verzahnt mit der Clubnacht “Low End Theory”, dem Epizentrum der experimentellen HipHop-Instrumental-Szene, wird in Los Angeles nach wie vor zur Emanzipation der Beats aufgerufen. Beats, die ohne Rap schon genügend zu erzählen haben, die mit ihrer Vertracktheit und Weirdness das Korsett gängiger Drum- Patterns immer noch um ein paar Nuancen weiten und mit feinsinniger Sample-Schnippselei und Ambient-Flächen auch Elektronika-Gemüter erreichen. An der Entstehung von Brainfeeder maßgeblich beteiligt: Ras G mit seinem Album “Brotha From Anotha Planet”. Die mittlerweile rasant wachsende Beat-Fabrik diente 2008 als Startbahn für Ras’ Reise, deren Ziel “Space” heißt und die mit Ausflügen bei Ramp und dem eigenen kleinen Imprint Poo-Bah Records fortgeführt wurde. Nun, fünf Jahre später, dient Brainfeeder ihm als Landebahn, als Ort der Rückkehr. Ras ist “Back On The Planet”.

Zentraler Bestandteil seines Schaffens, damals wie heute, ist der nahtlose Anschluss an afrofuturistische Ideen vergangener Jahrzehnte. Deren sozialkritische Funktion scheint kaum an Relevanz eingebüßt zu haben, wie Ras, tiefenentspannt, beim Interview in einem mystischen Monolog zur Sprache bringt. “Denk an Trayvon Martin”, sagt er, “viele Leute hier unten erwarten Gerechtigkeit von ungerechten Menschen, aber das ist Bullshit. Wir leben hier mit dem Teufel und der wird nicht für Rechtschaffenheit sorgen.” Angesichts der Aussichtslosigkeit, die in Ras’ Worten mitklingt, schleicht sich umgehend die Assoziation der Zuflucht ein. Science-Fiction als Ausweg aus den rassistischen Strukturen einer amerikanischen Gesellschaft, in der Gleichberechtigung selbst unter einem afroamerikanischen Präsidenten noch ein Fremdwort ist?

Im weiteren Verlauf des Gesprächs stellt sich indessen heraus, dass es um weit mehr geht als Eskapismus. Nämlich vor allem um den besonderen Umgang mit der Erzählung der Historie, den Ras zur Sprache bringt. Da wäre zunächst die afroamerikanische Diaspora zu bedenken, für deren Aufarbeitung in den USA scheinbar nie Platz war, und die durch eine Ghetto-zentristische Repräsentation der Straße ersetzt wurde. Sie hat in den letzten 30 Jahren zu einer medialen Konstruktion von Schwarzer Identität beigetragen, die Ras als äußerst problematisch sieht: “Das Bild von Schwarzer Kultur in aktueller nordamerikanischer Musik ist völlig verdreht. Als wären wir vollkommen primitiv und würden alle Trap machen, Südstaaten-Slang reden und unendlich viel Geld durch den Stripclub werfen. Diese Wahrnehmung basiert auf Lügen. Das bin nicht ich. MTV und BET? Nicht meine Realität!”

Jene trügerische Erzählung führt sogleich zum eigentlichen Kern der Kritik in Ras Gs Universum – einer Kritik an der Geschichtserzählung per se. Sie beginnt mit der Relativität von Geschichte: Erzählungen werden stets aus einer spezifischen Perspektive heraus geführt. Diese relativen Darstellungen sind zudem nicht nur als Wiedergabe, sondern immer auch als gleichzeitige Fortschreibung von Geschichte wahrzunehmen. Schließlich findet die Erzählung der Vergangenheit stets in einer differierenden Gegenwart statt und ist somit kein fixes, endliches Moment – genauso wenig, wie die Zukunft jetzt schon geschrieben wäre. In den Worten von Ras G heißt das: “Die Vergangenheit ist jetzt. Die Zukunft ist jetzt.”

 

 
Space war schon immer the place
Im Kontext der konstanten Neuschreibung von Geschichte findet nun auch “Back On The Planet” statt. An die Stelle von stereotypen Ghetto-Fabeln tritt hier nach eigener Angabe die Geschichte zahlreicher “Ahnen”, die Ras in seiner zum Studio umfunktionierten Gartenlaube durch die MPC jagt. Unverkennbarer Protagonist unter den “Ancestors”: Sun Ra, dessen gesamte Inszenierung letztlich auch zum Konzept des “Afrikan Space Program” geführt hatte – so der Name von Ras’ Ein-Mann-Programm. Die Ideen Sun Ras seien keineswegs veraltet, – wie die staubigen Samples vielleicht nahelegen würden – vielmehr fänden sie innerhalb eines Kontinuums statt, in dem sich auch Ras’ neues Album einreiht. “Die Geschichte ist noch immer dieselbe, damals wie heute. Manche Ideen werden eine Zeit lang nicht erzählt, aber sie sind permanent da, in allem was uns umgibt. Das ist wie mit den Pyramiden in Ägypten: Die gehen nirgendwo hin. Diese Geschichte besteht, sie wird nur übersehen. Space has always been the place.”

Weitere ancestors, die Ras im Space aufgesammelt hat, scheinen aus Amerika, Afrika und einem historischen Nahen Osten zu stammen. Sie sprechen entweder Patois, in Schnipseln oder sogar rückwärts (“_G Spot Connection”). Sie spielen Jazz, Funk, afrikanische Drums und defekte Synthies (“All Is Well” & “Ancestral Data Bank”). Ras lässt sie auf eine nostalgische Art erklingen – sie knistern, sind nie ganz klar zu hören. Und sie allesamt werden in ein futuristisches musikalisches Gewand gesteckt. Samples werden hier bis zur Unkenntlichkeit verzerrt und in die Unendlichkeit gedehnt – die Assoziation zum Outerspace liegt nahe. In die erdige, sich in historisch gerader Linie aus Soul-Samples speisende HipHop-Tradition reihen sich diese Produktionen jedenfalls kaum ein. Da widerspricht schon “All Is Well”, das mit seiner Percussion tief in den Archiven der Drums afrikanischer Vorfahren wühlt, um schließlich von weit unter dem Meeresspiegel liegenden Subbässen abgelöst zu werden und am Ende, anstelle des erwarteten Drops, urplötzlich abzubrechen. Geschichte wird eben nicht zu Ende geschrieben.

“Back On The Planet” lässt sich mit seinem nostalgischen Sound-Bild und seinen zukunftsgewandten Arrangements als retro-futuristisches Album unter den Vorzeichen noch immer relevanter afrofuturistischer Gesellschaftskritik lesen. Und im Grunde genommen ist Ras’ Platte, im Vergleich zu ihren derzeitigen prätentiösen HipHop-Partnern, trotz all der fiktiven Momente geradezu down to earth. Soll heißen: weg von der Rekapitulation klassischer Ghetto-Geschichten, hin zur mystisch inszenierten Fiktion, die am Ende doch sehr viel reeller scheint als 98 Prozent des “Keep It Real”-Gehabes. Ras G geht mit der Stimme runter und beendet unser Gespräch mit einem Verweis auf Sun Ra: “Man wird dir niemals meine Geschichte erzählen, sie werden dir immer ihre Geschichte erzählen. My story is a mystery. That’s the realest shit ever.”

 
Ras G, Back On The Planet, ist auf Brainfeeder/Ninja Tune erschienen.

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Elektronische Lebensaspekte.

One Response

  1. michele

    soweit ich weiß arbeitet ras g nicht mit ner mpc sondern mit einem roland sampler ´´

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