4k Vicky Tiegelkamp
vicky@sabotage.de

Was macht man als Amerikaner in Deutschland? Ein Land ohne Service, das keinen Humor kennt (schon gar nicht, wenn es um Geschichte geht), in dem jeder sich einbildet, kultivierter zu sein als die oberflächlichen Amis und dann doch meint, zwischen Ost- und Westküste liegt nur langweiliges Cowboy-Land?
Zum Beispiel plant man eine Website mit dem Namen “Scheiss Service”. Damit Deutsche, von der Dienstleistung schikaniert, sich endlich mal ihren Frust von der Seele schreiben können…

Zwei Amerikaner in Hamburg…
Die beiden Designer David Linderman und Jeremy Abbett hat es vor Jahren durch einen Universitätsaustausch von Wisconsin, USA, nach Hildesheim, BRD, verschlagen. “Als ich David das erste Mal in der Uni in Austin traf, fragte er mich, ob ich Lust hätte, nach Deutschland zu gehen. Hastig antwortete ich: ‘Nein. Da werde ich niemals hingehen!!'”, erzählt Jeremy. Aber irgendwie sind sie dann doch hier hängengeblieben. Nach ihrem Studium arbeiteten sie erst als Designer für Werbe-Agenturen wie Meiré & Meiré in Köln, später für die Agentur Springer & Jacobi in Hamburg. Mit der Tochterfirma Elephant 7 wollte Springer & Jacobi einen Internet-Unit etablieren. 1995 mußten Designer sich schnell entscheiden, ob sie für das neue Hype-Medium Internet gestalten wollten, obwohl es kaum jemanden gab, der wußte, wie man gutes Webdesign umsetzt. Learning by doing, hieß es. Man mußte schon eine gewisse Liebe für die langweiligen HTML aufbringen, um sie in eine gute Form zu bringen. Bei Elephant 7 hatten die beiden dann zwar kreative Freiheiten, aber immer wieder kamen sie mit ihren Konzepten oder Ideen an Grenzen. Nicht so wild, der gutzahlende Kunde versteht das Konzept sonst nicht. Nicht so viele Experimente, daß versteht der Deutsche nicht. Bloß nicht zu verspielt oder gar irgend etwas, das über die Digitalisierung langweiliger Geschäftsberichte und Produktinfo hinaus geht. Und immer schön an’s Marketing denken.
Irgendwann hat es David Linderman und Jeremy Abbett gereicht. Sie wollten selber ausprobieren, wie weit man gehen kann. Das Netz machte zuviel Spaß, als das man seine Zeit mit langweiligen, öden Projekten vergeuden müßte. Es kann auch anders gehen. Deswegen gründeten sie vor anderthalb Jahren ihre eigene Webdesign-Agentur “Fork” (http://www.fork.de).

“Als Fremder hat man Narrenfreiheit”
Daß es anders geht, zeigen ihre kommerziellen Projekte für Kunden wie Nivea (http://www.nivea.de) oder für Spar (http://www.spar.de). Spielerisch sollen Werbe-Websites sein und informativ. Deswegen kann man mit der Niveadose auch den Gameklassiker “Pong” spielen. Das Langzeit Projekt “Blondmag” (http://www.blondmag.com), ein Online Magazin für Skater, ist für die beiden eine ständige Herausforderung, sich Wege zur Artikelgestaltung zu überlegen. Für ihre Präsentationslayouts für neue Kunden benutzen sie gerne Bibeltexte. “Praise to those in higher places!!! Technologie ist die neue Religion. Glaube an das Unfaßbare. Ich glaube an Apple, wie andere, sagen wir mal, an Scientology.” sagt Jeremy. Das Team ist mittlerweile auf acht Leute angewachsen. Es sollen noch ein paar dazu kommen, aber zu groß möchte die Agentur nicht werden. Als kleines Team sind sie schneller und können flexibler mit Projekten umgehen.

“Krieg ist anscheinend interessanter als Arbeit”
Mal abgesehen vom schnöden Geldverdienen finden David Linderman und Jeremy Abbett das Netz immer noch spannend. Letzterer hat eine eigene Domain mit Namen Suture (http://www.suture.com), die ihm als eine Art Design- und Ideen-Skizzenbuch dient. Ihr Stil ist ungewöhnlich. Wenn man nicht weiß, daß die Beiden Amerikaner sind, wundert man sich, daß so cooles Webdesign in Deutschland überhaupt gemacht wird. Sie haben keine Skrupel mit schwierigen Symbolen deutscher Geschichte zu spielen. David meint: “Es gibt in Deutschland so viel in den Mülleimer geworfene Geschichte. Als Fremde haben wir eine Art Narrenfreiheit. Wir können alles ausgraben und es wieder anders nutzen. Wir dürfen Fehler machen, die Deutsche nicht machen dürfen.”
Mit dieser Respektlosigkeit ecken sie an. Sie fühlen sich in Hamburg von den anderen Design- und Webagenturen isoliert. Obwohl sie Deutschland mögen und gerne hier leben, sind sie häufig über die Spießigkeit verblüfft. Experimentieren gehört irgendwie nicht zum guten Ton. Jeremy: “Ich bin adoptiert und habe Sichtweisen, die die meisten Leuten nicht nachvollziehen können… Im Körper einer asiatischen Minderheit, mit dem Denken eines upper-middle-class Amerikaners, inmitten von Europäern.” Die beiden Designer fühlen sich in der Werbermetropole Hamburg oft wie an der Frontlinie von kriegerischen Werbegiganten.
“Krieg ist anscheinend interessanter als Arbeit. Mich langweilen diese Werbestereotypen,” sagt David. “Die Design Szene ist so humorlos! Als wir bei Elephant 7 gearbeitet haben, bestanden wir darauf, daß alles ein bißchen lustiger sein sollte. Unser Boss explodierte und sagte sowas wie:”Jeder will Spaß haben – es gibt hier Arbeit zu tun!”.”

Daher findet der Austausch über Webdesign und neue Webtechniken bei Fork über eine private Mailingliste mit anderen amerikanischen Designern statt. “Wir haben über unsere Website eine Menge Leute kennengelernt, die begeistert von unserer Arbeit waren,” erzählt David. “So haben wir Kontakte geknüpft z.B. zu einem Designer von Icon in New York, der für Word arbeitet. Der kannte dann wieder andere. Und schließlich landeten wir als ausgewählte Site bei dem Design Net-Zine ‘Atlas’. Wir haben Designer kennengelernt, die eine ähnliche Bildersprache wie wir verwenden. Das war toll – so eine Art Seelenverwandtschaft!”

Pocket technology rocks: Helmut-Kohl-als-Sumo-Tamagotchi
Ihr momentanes Spaß-Only-Projekt trägt den Namen:”Helmut-Kohl-als-Sumo-Tamagotchi”. Jeremy erklärt es:” Die G7 Politiker stehen im Ring (dohyo). Sie müssen gegeneinander kämpfen. Vorher muß man seinen Politiker mit Dingen füttern, die er mag, damit er auch stark genug für den Kampf ist. Wenn du z.B. Clinton mit BurgerKing Burgern füttern willst, wird er sie nicht essen: er mag nur McDonalds. Je mehr du deinem G7 Politiker in einem bestimmten Zeitraum zu Essen gegeben hast, desto besser sind deine Chancen später im Ring. Wenn er also gut gepflegt wurde, darf er in den dohyo, um mit einem anderen Politiker zu ringen. Du kontrollierst deinen Ringer mit der Maus und den Pfeil Tasten. Derjenige, der als erster den Boden berührt, hat verloren. Welchen Politiker du kontrollierst, wird abhängig von deiner IP-Adresse sein. In Deutschland kannst du also nur Helmut Kohl füttern. Das Füttern wird sich nicht nur auf Essen beziehen. Es können auch Objekte sein, die mit dem jeweiligen Land zu tun haben. Es wird eine High-Score Liste der zehn besten Sumo Ringer geben.” Sie hoffen, das Shockwave Spiel noch vor Weihnachten auf ihrer Site zu haben.

Scheiss Service
Ein anderes Projekt ist eine Sticker-Kampagne, die sie gerade abgeschlossen haben. Auf den Stickern steht: “Scheiss Service” und die URL einer Kundenbeschwerde- und Selbsthilfegruppe. Die Idee war, Sticker für den praktischen Einsatz zu kreieren, um sich so gegen unfreundliche Verkäufer und Schikanierungen zu wehren. David erklärt: “Wenn dich ein Verkäufer bei Karstadt wie den letzten Dreck behandelt, klebst du einfach einen Sticker an die Kasse oder Schaufensterscheibe. Das bringt Aufmerksamkeit und geht schwer wieder ab.” Die Website dazu ist noch nicht fertig, aber sie planen es als öffentlichen Service für die frustrierte deutsche Bevölkerung…

Jeremys Wunschliste:
1. Ein besseres Verständnis der deutschen Kultur 2. Alle Miniprojekte, die ich angefangen habe, zu beenden 3. Online Zugang für Finanzschwache 4. Obdachlosen Homepages und Website 5. Daß jeder Einwohner seines Landes mal die eigene Ausländerbehörde besucht (damit sie endlich mal wissen, was Leute aus anderen Ländern so durchmachen müssen)

Davids Wunschliste:
1. Princess Di Tunnel-Racer game (for goth/techno crossover crowd) 2. Das fertige Kohl game (Helmut Kohl als Sumo-Tomagotchi) 3. Einen Dollar für jeden Beamten. 4. Einen U-Boot-Bunker 5. Commodore-64 Emulation für den Macintosh

Fork’s Favourite Links:

David:
Two of my favorite people on the web right now:

http://www.dhky.com/
>it’s not how big you are, but how hard you hit.

http://www.brnr.com/
>always remodeling the site or tricking out cool java-scripts…

All-time Favorites ( still ):
http://www.adaweb.com/~GroupZ/
>Facism can be fun.
>_Then_ I understood…

http://www.crashsite.com/
>’chaos, horsepower and madness…’
>first web-heros. “…evangelizing the notion that the transmission of violent images across the optic nerves is fun, exciting, erotic.”

Jeremy:
http://www.superbad.com
>rockin it with anti-clear navigation. why not lose yourself?

http://www.trynkeepup.com/
>proving that you don’t need cheap eastern labor for everything

All-time Favorites ( still ):

http://www.suture.com/heim
(shameless plug) they are all here. the new and the old.
+ a division of fork +

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.

Leave a Reply