Antye Greie singt jetzt in fremder Sprache, damit sie sich selbst - und der Welt - näher kommen kann. In Englisch und verschobenen Clicks and Cuts zieht sie einen Schlussstrich unter die westliche Zivilisation.

Elektronika

Ganz nah am Mikro
AGF

Berühren, sehen, lesen, hören – empfinden. Nahezu alle Sinne werden von Antye Greie mit ihrem zweiten Soloalbum AGF – “Westernization Completed” angesprochen. In meinen Händen liegt ein kleines Buch, in dem Bilder sprechen. Text und Grafik erzählen Geschichten, liegen zwischen Fotografie, Kalligraphie und Malerei – und zu guter Letzt, fast versteckt, taucht die CD auf. Die Person Antye Greie ist überall, in jeder Faser des Booklets und der Musik präsent – und doch tritt sie einem eher abstrahiert und symbolhaft als AGF entgegen. Trotz manifestartigem Titel ist das Album nicht nur Autobiografie, es fängt auch ihre Umgebung wie ein zersplitterter Spiegel ein. Und all die Brüche hinterlassen Spuren und Fragmente, ihr Lebensprinzip heißt “Trial and Error”.

Als eine Hälfte von Laub setzte Antye zuletzt im Frühjahr 2002 Diskussionen in Gang, in deren Verlauf zwar immer wieder die musikalische Wandlung von Laub hin zu Clicks and Cuts begrüßt wurde, in denen aber auch ihr darüberliegender Gesang, ihre Texte und deren Vortragsweise teilweise als Unding geahndet wurden. Zeitgleich zu Laubs letztem Album “Filesharing” (Kitty Yo) erschien ihr erstes Soloalbum AGF – “Head Slash Bauch” auf Kit Claytons Label Orthlong Musork, bei dem Codeelemente zum Text wurden (Zitat: “linendicke slash sehr gross schriftgroesse 1.ordnung slash”) und sie sich damit erst mal frei schwamm.
Auf “Westernization Completed” erzeugt AGF wieder Intimität durch ihre Stimme, der sich mancher schlecht erwehren kann. Sie schafft es manchmal, fast das Herz stehen zu lassen. Und das muss man schon wollen.

Intimität

Mit der Art, wie sie ihre Texte vorträgt, kriecht sie dem Hörer unter die Haut. Ganz dicht ist sie da, sehr nah am Mikro, und etwas passiert. Antye spricht dabei von ihrem Leben in der DDR, von Drogen, vom Leben online, von Asien, von Liebe. Daran designed sie die einzelnen Stücke. Manchmal muss man schmunzeln. Sie spinnt ein Netz aus Geräuschen und Sounds um den englischen Text. Der Beat ist selten tight. Sie spricht in der Sprache, die sie am häufigsten benutzt. “Inhaltlich geht es nicht um mich, es kommt aus mir”, sagt sie. Selten wird es laut auf “Westernization Completed”, die Ruhe funktioniert wie ein Platzhalter für die eigenen Gedanken. Als Hörer muss man dieses Berührtwerden zulassen wollen, dann ergibt sich vielleicht die Chance, wieder einen dieser seltenen Momente erleben zu können, in denen man fühlen kann, dass man überhaupt ein Herz hat, dass man existiert. Musik, die das kann, ist großartig. “Ich möchte Menschen inspirieren, ihr Ding zu machen, ihnen Trost spenden und sagen, sie brauchen nicht so viel Angst zu haben. Versagen (Refail) ist ein wichtiges Thema für mich. Man muss aufstehen, weitergehen und weitermachen.” Das meint Antye pragmatisch, nicht theatralisch. AGF ist kein Theater.

Echo

Schon im Artwork von “Westernization Completed” kann man lesen “Ich bin eine öffentliche Person”. Blättert man hindurch, kann man schon alles sehen, was AGF aus- und anders macht. Und doch ist wichtig festzustellen, dass die Person Antye hier als Echo inszeniert wird, das manches abgeschwächt, anderes dagegen verzerrt zu Tage treten lässt. Antye soll in erster Linie wahrgenommen werden als diejenige, die alles in der Hand hat. “All Tracks composed, recorded and produced by AGF” ist die wichtigste Aussage im Booklet, sagt sie. Aber trotz aller scheinbaren Übernähe nimmt sie sich bei AGF nur als Symbol war. “Poemproducer” steht auf einem doppelseitigen Ausschnitt ihres Gesichts, der trotz der Nähe unscharf ist . Die Person Antye fotographisch in “Westernization Completed” abgebildet sehen zu wollen, ist ein Trugschluss. Sie benutzt zwar ihr Gesicht, ihre Hände, Füße, weil AGF ein Teil von Antye ist. Aber diese Bezeichnungen sind vielmehr eine Kombination der Dinge, die sie stark beeinflussen, ein Mosaik ihrer selbst, das als Denkbild eine Phase ihres Lebens wiedergibt. Sie beschreibt die Materialität dieses Abbildens als “vom Warencharakter losgelöst”. Mode (von Uli Dzialas), Malerei (von Ulyana Gumeniuk), Menschen geben AGF auf “Westernization Completed” die Form. Auch musikalisch befindet sie sich irgendwo in der Weite des Delays. Zu Clicks and Cuts addiert sie eine asynchrone Unvorhersehbarkeit, in die sie Worte hineineditiert, um zu positionieren. “Anhand der Beobachtung meiner selbst versuche ich, die Welt zu beschreiben.”

Sie sagt, die Platte ist nicht für Deutschland gemacht. Sie sucht die Welt als Publikum. Warum auch ähnlichen Zwängen verfallen, von denen sie sich mit 19 im Jahr 1989 freigemacht hat? Das Internet empfindet sie als Gegenpol zur Kindheit und Jugend in der DDR. “Ich bilde mich selber über das Internet”, sagt sie und meint damit, dass nur sie selbst entscheidet, was wissenswert ist und was nicht. Und auch für “Westernization Completed” war neben allem Aufarbeiten der Vergangenheit das Netz wort- und stilprägend. “Damit kommt mehr Zufall als in jeder Technoplatte zustande.” Derzeit schließt sie eine neue Tür auf: In Planung ist gerade Wiki, eine Website für Texte, die die Open-Source-Idee der letzten Laub-Platte “Filesharing” auf HipHop überträgt. Neben der täglichen, intensiven Beschäftigung mit dem Netz stehen auch mehr Kunstprojekte an, bei denen sich Antye noch mehr als bisher in die Welt übersetzen wird.

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Elektronische Lebensaspekte.

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