Listening To The Twentieth Century - Klassik des ausgehenden 19. und des 20. Jahrhunderts


Alex Ross
The Rest Is Noise. Listening To The Twentieth Century
(Fourth Estate/Harper Collins)

Die Zeit rennt und die zeitgenössische Klassik des ausgehenden 19. und des gesamten 20. Jahrhunderts wirkt weit weg, vergessen und vergraben, ist eine Referenzmaschine, mit deren Hilfe man problemlos die Diskussion wieder an sich reißen kann, denn die meisten in der Runde werden nur wissend nicken, ohne auch nur zu ahnen, worum es eigentlich geht. Alex Ross macht damit ein für alle mal Schluss. Seit 1996 schreibt er regelmäßig im New Yorker über Musik, wurde dafür mit Preisen überhäuft und landete sogar ein Stipendium an der American Academy in Berlin.

Und auch sein Buch “The Rest Is Noise”, im Oktober vergangenen Jahres in den USA veröffentlicht und seit dem Frühjahr auch in England erhältlich, wurde mit positiven Besprechungen überschüttet. Kein Wunder, denn Ross gelingt es nicht nur, den Bogen von Richard Strauss’ “Salome”-Premiere 1906 bis zur Verortung klassischer Ansätze in unserer digitalen Gegenwart zu spannen. Es ist vielmehr die Art und Weise, wie er auch und gerade nicht Klassik-beschlagenen Lesern die Werke und die Menschen dahinter nahe bringt. Als eine Art allwissender Gesellschafts-Reporter mit Musikbegeisterung nimmt er uns mit an die Orte des Geschehens, setzt uns ins Auditorium, stellt uns die Berühmtheiten im Publikum vor. Im Fall der Salome-Premiere deutet er auf Puccini, Berg und Hitler.

Gleichzeitig begleitet er die Komponisten, lauscht, was sie beim Abendessen erzählen, hängt sich bei nachmittäglichen Spaziergängen mit dem Notizblock hinten dran und notiert fleißig, wie die Protagonisten über vermeintliche Konkurrenten denken. Ross mischt diese posthumen Reportagen mit gut verständlichen Zusammenfassungen der Werke, um die es geht, beschreibt und vergleicht die musikalischen Stilmittel, erklärt, warum sie zu diesem Zeitpunkt revolutionär waren oder eben auch nicht, wie Publikum und Presse darauf reagierten und was die Kollegen dachten.

Gleichzeitig verbaut er seine Analysen und Beobachtungen in ein größeres, weltpolitisches Bild, setzt Kompositionen in Beziehung zu politischen Entwicklungen, legt die wirtschaftlichen Grundlagen dieser kompositorischen Musikindustrie offen, schreibt über Gagen gefragter Komponisten, die vor allem in den USA horrende waren, und reflektiert, wie nach den ersten Gastspielen großer europäischer Komponisten die afro-amerikanische Musikkultur in ihren Werken aufgegriffen wurde. Es ist dieser gesamtheitliche Ansatz, der Ross’ “The Rest Is Noise” so lesenswert macht. Denn auch wenn die Musik immer im Vordergrund steht, ist sein eigentliches Ziel klar. Es geht ihm darum, die kulturellen Strömungen, Probleme, Entwicklungen anhand der klassischen Musik nachzuerzählen.

Der aufkommende Faschismus und die Hitler-Diktatur kommen dem Autor da gerade recht, verhindert er doch das Abgleiten des Buches in eine fast schon Regenbogenpresse-artige Reportage über das Hauen und Stechen unter Komponisten. Der erzwungene Exodus europäischer Komponisten nach Amerika verlagert auch Ross’ Erzählstrang auf die andere Seite des Atlantiks. Je weiter sich das Buch der jüngsten Vergangenheit nähert, desto unüberschaubarer und fragmentierter werden seine Ausführungen, wie bei der Ziehung der Lottozahlen wirbeln die Komponisten der 50er und 60er durch die Kapitel.

Alex Ross zeichnet die Geschichte des 20. Jahrhunderts faszinierend und unnachahmlich nach. Ob alle Details wirklich zu 100% recherchiert sind, bleibt unklar, ist aber auch nicht der Punkt. Ross gelingt es, Interesse an einer Musik zu wecken, die vielen Menschen komplett unbekannt ist, ruft uns in Erinnerung, dass die Geschichte unserer Mediengesellschaft auch schon vor dem Zweiten Weltkrieg außerordentlich spannend war und dass jede Epoche versucht, alte Konventionen abzuschütteln. Mit jeder Menge Noise.
http://www.therestisnoise.com/

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Elektronische Lebensaspekte.

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