Jenseits von Juke und Footwork - Chicago kann auch anders

Von Chicago in die ganze Welt. Area, aka M50, arrangiert auf seinem Album die Tracks mit so viel Feingefühl, dass daraus tatsächlich eine LP geworden ist, zu der man auch zu Hause tanzen will und, im Gegensatz zu anderen Chicago-Phänomenen wie Juke und Footwork, auch kann.

Was dabei herauskommen kann, wenn ein Techno/House-Produzent sich auf seinem Debütalbum “Where I Am Now” nicht aufs Versammeln starker Hooks und Beats verlässt, sondern auf die Konstruktion eines musikalischen Flusses zu einer abendfüllenden Geschichte setzt, kann man bei Area bewundern: Es macht sein Material unwiderstehlich. Aber auch in seiner originären Behandlung von Rhythmus und Groove und in der warmen, eigentümlich ungreifbaren Melodik, die irgendwie off-center sind und dann doch passgenau sitzen, verrät er sich als jemand mit viel Erfahrung, und dazu als offen für eine enorme Bandbreite an Einflüssen. Acht EPs hat der 31-Jährige klarnamensscheue Musiker, den man, um Verwechslungen auszuschließen, auch gleich mit seinem DJ-Namen M50 einführen sollte, bereits unterm Gürtel. Unter anderem auf Steadfast, Ethereal Sound, Wave und inzwischen auch seinem eigenen kleinen Label Kimochi, das er von Chicago aus betreibt, wo er seit Studienzeiten zu Hause ist. Gebucht wird er allerdings rund um den Erdball, bislang als DJ, und in der Tat führt der Halbkanadier seit einigen Jahren eine recht nomadische Existenz, die ihn auch immer wieder nach Berlin führt, wo er zum Beispiel den diesjährigen Frühling verbringt. 

Debug: Du bist seit vielen Jahren bei der College-Radio-Legende WNUR aktiv, zeitweise in diversen verantwortlichen Positionen, aber vor allem auch als DJ, und hast dir einen eklektischen, überall andockbaren, aber irgendwie eher in der funky Melancholie von Detroit fußenden Sound erarbeitet. Typische Chicago-Sounds à la Footwork oder Relief: Fehlanzeige.

Area: Das stimmt, aber ich fühle mich dennoch sehr davon geformt, dass ich in Chicago wohne, von der Erfahrung, was die Leute in der Stadt um einen hören, was in den Clubs läuft, dem Gesamtsound. Hier gab es von Anfang an enge Verbindungen nach Detroit und zu kleinen Szenen im mittleren Westen, nach Europa, auch Läden, die mit Platten aus aller Welt bestückt sind. Ein Track klingt auch unterschiedlich, je nach dem, ob man ihn in Tokyo, Chicago, Berlin oder London spielt, jeder Ort hört ihn etwas anders. Erst über WNUR fand ich selbst wirklich zu auflegbarer Musik. Jamal Moss arbeitete dort auch und verschaffte mir mit einem Steve-Poindexter-Remix-Auftrag dann 2006 mein Produzenten-Debüt.

Debug: Dein Album kombiniert Edits von Stücken, die großteils separat auf 12″ erscheinen, in eine sehr fließende Erzählung. Das spiegelt auch deine DJ-Identität wider.

Area: Das war die Idee von François Kevorkian, meinem Label-Boss, und ich war sehr dankbar dafür. Seine Auswahl, die anders, als man das bei EPs oft macht, auf sehr unterschiedliche Stücke setzt, hat mich überrascht!

Debug: Welche Lücke versuchst du mit deiner eigenen Musik zu füllen?

Area: Darüber denke ich beim Produzieren nicht nach, das ist viel Drauflosbasteln und nachträgliches Ordnen. Urteile trifft der DJ in mir: Möchte der das kaufen und auflegen? Und als solcher suche ich nach auffälligen Sounds, etwas Unberechenbarkeit, ein bisschen Kantigkeit, nach interessanter Rhythmik, etwas Balance, etwas Schönheit. Aber was wirklich mein “Sound” ist, liegt für mich im Dunkeln!

Debug: Berlin scheint ja langsam teuer zu werden. Wo zieht es dich noch hin?

Area: In Kroatien gibt es in der Tat einen Pool guter Produzenten/DJs: Brighton, Examine, Davor, und ein sehr offenes Publikum, das lockt mich nach guten Erfahrungen tatsächlich. Singapur letztes Jahr war schrill, bunt, sehr kommerziell, was auf den Soundtrack abfärbt. Ganz anders als Berlin, wo mich natürlich die lebendige Musik- und Kunstszene anzieht, und wo ich mich auch in Sachen Essen und Geographie zu Hause fühle, frei von der Krassheit von Chicago oder dem Druck von New York. Dazu ist es Urlaub von der Car Culture! Solange der Euro schwächelt, ist Berlin immer eine Option. Aber vielleicht überspringt der Boom ja auch Berlin und der Zeitgeist geht direkt nach China.

One Response

Leave a Reply