Auf schnellen Sohlen
Text: Timo Feldhaus aus De:Bug 158


Roman Schramm, Zigsonic, 2011 (Galerie Croy Nielsen, Berlin und WCW-Gallery, Hamburg)


2011 wurde die Zukunft endlich zur Gegenwart: Futuristische Sportswear ist wieder en vogue, hochaufgerüstete Running-Schuhe ersetzen die Krepp-Sohle des Clark Desert Boots als fußumschließendes Ornament der Kulturklugscheißer. Und in Berlin bezieht sich eine neue Designgeneration auf ihre protestantischen Wurzeln.

Die “Allure“ genannte Autobiografie von Diane Vreeland beginnt mit dem Satz: “Ich finde Nostalgie entsetzlich.” Und damit trifft die 1989 verstorbene große New Yorker Modeberichterstatterin piekgenau ins Herz des Heute. Allein für diesen Beginn gilt es den so amüsant wie absurden “Roman ihres Lebens”, der 2011 zum ersten Mal auf deutsch erschienen ist, zu lesen.

In diesem Jahr wurde die Zukunft endlich zur Gegenwart. Bei den Modeschauen im Februar sah man weltweit, dass sich die Ästhetik des Morgen endlich schon heute tragen lässt. Hi-Tech-Mode passte plötzlich. Man sah das am besten in der Kollektion, die Romain Kremer und Lady Gagas Stylist Nicola Formichetti für Thierry Mugler entwarfen, aber auch bei Dries Van Noten. Nylon-Parka und Woll-Polyester-Gemische, möglichst wasserdicht und mit Outdoor-Touch. Sportswear darf wieder als Referenz dienen, sie vollzieht sich in einem eleganten wie selbstverständlichen Mix aus real und synthetisch, aus Tradition und Technologie. Mode leuchtete, Mode strahlte. Zwar bekam dieses Jahr auch das Spiel mit den Wearables, der Nerd-Wear, einen merkbaren Schub, vor allem aber funktionierte die früher futuristische Kleidung ganz selbstverständlich in ihrer Jetzt-Zeit. Die leichten und körpernahen Techno-Uniformen aus der Winterkollektion des Adidas Sub-Label Slvr von Dirk Schönberger war die tragbarste und beste deutsche Kollektion des Jahres.

Geschmack & Global-Shanzai
Vor allem in Bodennähe gab es in Puncto gemeinschaftlicher Geschmack ein plötzliches Sicherheitsgefühl: Es war verblüffend, wie viele Menschen plötzlich Laufschuhe trugen, zumal es sich dabei oft um Menschen handelte, die seit zehn Jahren keine Sneaker mehr gekauft hatten, und zumal die Running-Schuhe für den täglichen Gebrauch logischerweise völlig überambitioniert wirken, eine Art SUV des Bordsteins. Neben Modellen von Puma und New Balance, und den Klassikern von Asics ersetzten Neuauflagen des Nike Free, des Barfuß-Schuhs, und des Nike Lunarglide die Krepp-Sohle des Clark Desert Boots als fußumschließendes Massenornament der Kulturklugscheißer und wollte so endgültig den Preppyismus in sein Modegrab zwängen. Viele Künstler aus dem Umfeld einer neuen Generation der Internet-Art entwickelten aus diesen Schuhen Kunstwerke. Während der Eröffnung der diesjährigen Berliner Leistungsschau “Based in Berlin“ trugen sie noch selbst hochaufgerüstete Laufschuhe, doch sprachen bereits leise davon, dass das eigentlich nicht mehr ginge. Unter ihrer Hand wurden Witch-House-Hipsterism, Global-Shanzai, runtergepitchter Rap und Jutebeutel-Moves zur zeitgenössischsten Ästhetik transformiert. Sie durchstreifen Web-Oberflächen und übersetzen sie in die aktuellen Bilder des Lebens im Internet-Zeitalter. Und so schnell wie sie darin sind, werden die Schuhe wohl erst 2012 in voller Blüte stehen.

Genannte Laufschuhe mit anatomischem Design betonen gerade das Fehlen unnötiger Technologie. Sie sagen: Schuhe sind High-Tech-Produkte, in denen heute in ihrer schönsten Form die Anwesenheit von Technologie gerade deren Abwesenheit simulieren soll. Technik ist immer da und am schönsten ist sie, wenn sie sich in der Selbstverständlichkeit versteckt. Die Mode wird dabei endlich zum Zeichen ihrer Zeit, statt sich auf eine zukünftige zu beziehen. Jedoch: Wer tagsüber in utopischen Schuhen auf der harten Straße unterwegs ist, wickelt sich am Abend doch wieder in die warme Pendleton-Decke. Das uramerikanische Symbol in Indianerdeko ist der perfekte Begleiter der geflochtenen Hanf-Sohlen à la Espadrilles, die im nächsten Jahr bei Pointer, Keds, Camper und vielen anderen unter die Schuhe kommen. Nach High-Tech also doch wieder die geknüpfte Pflanzenfaser? Das darf man natürlich selbst entscheiden. Aber niemals war es wichtiger, mit welcher Sohle du unterwegs bist.

Berliner Sachlichkeit
“Die deutsche Mode hat ihren Ursprung in Berlin.“ Das ist der erste Satz in dem opulenten Bildband und Reader “German Fashion Design (1946-2012)“, erschienen im Distanz Verlag. Nach fünf Jahren Berlin Fashion Week hat es die Hauptstadt nun endlich geschafft Restdeutschland davon zu überzeugen, dass die Mode nur hier auch wieder zu sich selbst kommen kann. Und um das zu zelebrieren, hat Berlin plötzlich, nach langen Jahren des diffusen Suchens, auch wieder einen Stil. Eine junge Designgeneration aus Michael Sontag, Perret Schaad, Sissi Goetze und Hien Le besticht durch Schlichtheit und Glätte, weiß und rein. Statt Nachtleben und Rock‘n‘Roll setzen sie auf Bodenhaftung und Wachheit und geben Berlin nach den Elektroclashern mit verdrucktem Silkscreenshirt, 80er-Optik und asymmetrischen Haaren zum ersten Mal seit der Vorreiterrolle Anfang der 2000er ein nachvollziehbares Gesicht. Patin ist nicht mehr Penis-Peaches, sondern die strenge Eleganz der Jil Sander aus Hamburg. In der artigen, gewissenhaften neuen Berliner Schule lassen sich durchaus restaurative Züge ausmachen. “Die neue Bewegung glimmt leise in einer protestantischen Biedermeierlichkeit, die dem punkigen Pöbeln des Nu-Rave-Berlins die Flausen austreibt“, wusste Jan Joswig, der Mode-Papst des Underground, schnellstens zu reagieren.

Auch in der Praxis gibt es andere Positionen: Der Designer-Liebling Vladimir Karaleev wirkt mit seinen ungesäumten Enden und fragilen Drapierungen neben den Neusachlichern wie ein Melancholiker, der den Zweifel und das Unbehagen so poetisch wie kaum einer ins Kleid setzt. Und so ungern wir immer nur über Berlin reden wollen, man muss es auch mal endgültig und unumwunden sagen: In Deutschland ist einfach nur hier was los. Das ist schrecklich genug. Verblüffendes zum Schluss: “Keine andere Musikströmung hat die Mode in Deutschland so verändert wie Techno.“ Das schreibt Cathy Boom, die langjährige Chefin des Berliner Stil-Magazins Style and the Family Tunes, das dieses Jahr leider eingestellt werden musste, in das oben genannte Buch. Den Nachweis dafür lieferte sie im Text indes nicht. Aber das wird mit Sicherheit 2012 in der Wirklichkeit auf uns zukommen.

Aus dem Special in De:Bug 158: FAZIT 2011

11 Responses

  1. tizzle

    Ich trag meine Clarks schon seit 10 Jahren und sage es mit Jan Delays Worten: Ich will mit meinen Schuhen auf die Straße und nicht auf den Mond.

  2. Pit

    ….na schön, dass ihr den “Link” “Kulturklugscheißer” gleich selbst gebracht habt.

    Damit ist ‘ne Menge über die Stilfestigkeit, Geschmackssicherheit und Persönlichkeitsfindungetappe von Psychen, die Clak’s Desert Boot gegen Plastik-Runner wie den Nike Lunarglide austauschen gesagt.

    Warten wir mal das Gelaber von Morgen über die Trends von Heute ab.
    Dann wird’s nämlich bestimmt mal wieder keiner gewesen sein wollen, von denen die heute ach so sophisticated daher stylen und neurotisch profilieren.

    Alte Frontline-Kataloge sind da z.B. heute prima Schmunzel-Lektüre.

    Also schmeisst eure Desert Boots nicht weg – der Tag des Bereuens wird kommen.