Zartheit & Kraft
Text: Bianca Heuser aus De:Bug 173

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Freundschaft ist in der Popmusik ein oft stiefmütterlich behandeltes Thema. Während sich ganze Diskographien der romantischen Liebe widmen, sitzt die platonische auf der Bank und hofft vergeblich auf Einwechslung. Sie wird gern als selbstverständlich hingenommen und im Vergleich zum berühmten Kribbeln im Bauch selten in großen Popsongs gewürdigt. Zum Beweis genügt wohl ein Blick in die eigene Platten-Sammlung. Bei Katie Stelman ist das anders: “Olympia”, ihr zweites Album als Austra, ist jener Form von Liebe mit fast rührender Intensität gewidmet.

Text: Bianca Heuser, Bild: Lisa Wassmann

Nachdem ihr Debüt sich textlich eher vage gab und das Fischen nach einer Botschaft dem Hörer überliess, spricht “Olympia” eine klare Sprache. Und das ist nach Überforderung durch den Tourzirkus zum Großteil die der Entschuldigung: “Nach ‘Feel It Break’ fiel es mir schwer, mein echtes Leben und das auf Tour unter einen Hut zu bringen. Darunter litt meine Gesundheit genauso wie mein Privatleben. Ich habe Freundschaften vernachlässigt, war viel krank und mit all dem Stress völlig überfordert. Darum ist dieses Album eine regelrecht kathartische Erfahrung für mich. Es fühlt sich an, als seien mir mit dem Schreiben dieser Songs meine Sünden vergeben worden”, erzählt die Kanadierin. Dazu trug sicher auch das Video zur ersten Single “Home” bei, in dem sich eine zerbrechliche Katie vor dem Spiegel und der Show die Haare flechtet, aber keinen der Besucher ihrer Garderobe an sich heran lässt. Klarer hätten sich ihre Schuldgefühle kaum verbildlichen lassen können.

“Olympia” hat also ordentlich Ballast an Bord, bewegt sich aber trotzdem erstaunlich leichtfüssig über den Dancefloor. Je düsterer Stelmans Texte werden, desto zärtlicher geht es musikalisch zu: Sanfte Backgroundvocals zwitschern von Isolation; die Bitte um Vergebung läuft über 4/4-Beats; zu balearisch anmutenden Arrangements wird Besserung gelobt. Uplifting wäre das falsche Wort bei all der Dramatik, die Katies großer Stimme zum Glück nicht auszutreiben ist, aber die simplen Strukturen der zwölf Songs des Albums streicheln den ihnen innewohnenden Schmerz doch kurz mal weg.

Oper als jugendliche Rebellion
Warum sich Austra musikalisch so straight gibt, lässt sich auch an Katies Biografie nachvollziehen. Von vorne: Es gibt Kinder, so wie ich selbst eines war, die am liebsten den ganzen Tag vorm Fernseher verbringen möchten. Cartoons schauen und Cornflakes essen. Das fanden meine Eltern gar nicht toll. Da sich Katies Eltern aber einen gelungenen Abend vor allem auch vor der Röhre vorstellten, mündete ihre kindliche Rebellion in einer Leidenschaft für klassische Musik, Opern und was es im TV sonst noch nicht zu sehen gab. Opern- und Choralgesang klangen für sie nach echtem Fun, und seit ihrem elften Lebensjahr performte Stelman dann auch mit dem kanadischen Children’s Opera Chorus. “Die Top 40s interessieren mich immer noch null. Da ist zwar ab und zu mal ein guter Song dabei, so wie ‘We Found Love’ von Rihanna, aber die Dollar-Zeichen, die auf jeder dieser Produktionen kleben, kann ich sonst nur schwer ausblenden. Es macht eben einen Unterschied, ob man den eingängigen, leichtherzigen Song schreibt, weil man sich so fühlt oder weil sich das gut verkauft. Wegen dieser falschen Motive und seiner Aufdringlichkeit ist Mainstream-Pop reine Travestie für mich. Das hat mich schon als Kind sehr aufgeregt. Darum habe ich aber lange auch viel verpasst und kannte gerade so noch Radiohead”, erinnert sich Katie.

Zu elektronischer Musik hat sie zunächst nur ein Umweg geführt: Beim Versuch orchestrale Sounds über einen MIDIController zu triggern, verliebte sie sich in das Synthetische des Klangs. Als Maya Postepski, eine Schulfreundin, die zu Austras Percussionistin wurde, als Teenager im Auto House und Techno aufdrehte, weckte das Katies Interesse. Die Gemeinsamkeiten mit klassischer Musik scheinen ihr offensichtlich: Die offenen Strukturen ermöglichen unzählige Arrangements, es braucht weder Vocals noch einen Refrain – oder eine Story. Denn die sei die Musik ja schon selbst, wie sie findet.

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Zeitgeist
Die Annäherung an elektronische Musik erfolgte ihrer Meinung nach aber doch irgendwie, naja, rückwärts: “Ich habe erst sehr spät verstanden, was Bass und Rhythmus für eine Wirkung haben können. Dieses Album ist auch mein erstes, das von einer gewissen Rhythmik lebt. Wenn ich rückwärts sage, meine ich, dass die meisten wahrscheinlich mit einem simplen Beat anfangen und dann kompliziertere Strukturen entwickeln. Ich habe mich aber eher von aufgebauschten Arrangements her auf den 4/4-Beat zubewegt.” Trotz der popkulturfernen Sozialisierung, in die sich Katie Stelman freiwillig begab, fügte sich ihr Debüt nahtlos in eine Reihe aktueller Releases ein. Am Unwirklichsten wirkt wohl das zeitgleiche Erscheinen zu Zola Jesus’ letztem Album, das Austras in Ästhetik wie Gesang fast unheimlich ähnelte. Wie so etwas möglich ist, erklärt Katie mit einem Wort: Zeitgeist. “Wir sind eben alle ein Produkt der Zeit und des Raumes um uns. ‘Olympia’ wollten wir bewusst möglichst organisch produzieren – weil es uns so einfach erschien, ein Album am Computer aufzunehmen. Und weil wir dieses Mal die Mittel hatten, etwas Anderes zu machen. Genau dieser Prozess interessiert gerade auch eine Menge anderer Musiker. Als wir mit ‘The XX’ auf Tour waren, erzählte Jamie, dass er derzeit auch lieber mit analogen Instrumenten arbeiten möchte.” Auch ein gewisser Mut zur Offenheit und (wenn es sein muss) sogar Verletzlichkeit scheint dem Zeitgeist aktuell inbegriffen. Zumindest sind dies Schlüsselworte im Gespräch mit Katie. Nichts scheint ihr wichtiger zu sein. Sich so zu öffnen, das habe beim Schreiben der Lyrics oft gebrannt wie Salz in der Wunde, aber letztendlich doch zur Reinigung beigetragen: “Ich habe dieses Gefühl eigentlich sehr genossen. Ich wollte auf diesem Album auch unbedingt direktere und pointiertere Texte singen. Da ich mich selbst nicht unbedingt als Poet sehe, brauchte ich aber oft die Hilfe meiner Bandkollegin Sari Lightman. Sich mit ihr hinzusetzen und zu sagen: ‘So fühle ich mich gerade’, war ein sehr intimer Prozess – manchmal ein bisschen peinlich, aber auch sehr bereichernd.”

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I Don‘t Care, I‘m A Man
Aus dieser Kollaboration ist auch “I Don’t Care (I’m A Man)” entstanden. Song und feministisches Pamphlet zugleich. Konzentriert und ernst wird hier von häuslicher Gewalt, Sexismus und der herablassenden Natur, dem Paternalismus des Trostes gesungen: “The solace in denying“. Verständnisbekundungen dienen schließlich – öfter als einem lieb wäre – auch der Kaschierung eines Problems. Im Gegensatz zu allen zuvor erwähnten Schnittstellen mit dem Zeitgeist braucht es keinen Internetanschluss, um sich dieser Problematik bewusst zu werden. Trotzdem findet sich gerade im Web ein Sturmfeuer an Berichten dazu, dass an der Gender-Front noch lange nicht alles in Ordnung ist: Jennifer Cardini berichtete erst kürzlich davon, wie immer wieder versucht wird, ihre Gage zu drücken. Katie erzählt mir von Planningtorock, die derzeit Festivals zu ihrer Booking- Politik ausquetsche. Überwiegend männliche Line-Ups wurden an dieser Stelle damit begründet, dass man sich die weiblichen Acts einfach nicht leisten könne. “Ihr könnt euch keine Frauen leisten?”, fragte die Britin Janine Rostron dann, “ihr wollt sie einfach nur nicht bezahlen!” Zugleich muss sich Nina Kraviz von DJ-Kollegen für ein mittlerweile berüchtigtes Videointerview, das sie in einer Badewanne gab, anfeinden oder herablassend den Kopf tätscheln lassen. Dass dabei sie für die Reduzierung von Frauen auf ihre Sexualität in solchen Publicity Stunts und im Allgemeinen verantwortlich gemacht wird, statt das jahrhundertealte perfide System des Patriarchats, ist nicht einmal schockierend. Das nennt man ganz einfach Verblendung. Die Lage bleibt also weiterhin kompliziert: Natürlich hat niemand Nina Kraviz aka Frau zu sagen, wie sexy oder eben nicht sie sich zu präsentieren hat. Gleichzeitig erscheint eine derartige Sexualisierung der eigenen Person in der Öffentlichkeit auch nur noch in den seltensten Fällen progressiv: Während Madonnas Bühnen-Masturbation in den 80ern als ein Befreiungsschlag für die weibliche Sexualität gelten kann, erscheint beispielsweise Nicki Minajs übermässig sexualisiertes Gebaren eher wie selbstinduzierte Ausbeutung. Der Unterschied liegt dabei darin, dass sich das Auftreten letzterer weniger wie die eigene Vorstellung von Sexyness anfühlt als eine patriarchalisch geprägte Adaption dessen, was man angeblich sexy zu finden hat.

Sich in dieser doppelbödigen Problematik zu Recht zu finden, erschwert Mädchen weltweit die Entwicklung einer gesunden Beziehung zu ihrer weiblichen Identität. Aber solange Gender in unserer Gesellschaft Teil unserer Identität ist und die Außenwahrnehmung so maßgeblich beeinflusst, gibt es kaum Wichtigeres, als sich mit seiner eigenen geschlechtlichen Identität reflektiert auseinander setzen und wohlfühlen zu können. Da kann es gar nicht genug Frauen geben, die sich dieser Thematik öffentlich annehmen. Eine von ihnen ist Claire Boucher aka Grimes, die in einem klar artikulierten Tumblr-Post erst vor wenigen Wochen zum Ausdruck brachte, dass sie sich nicht verniedlichen lassen mag, bloß weil sie sich ihrer Sexualisierung verweigert. Auch Katie Stelman ist sich der wenigen Rollen, die Frauen in der Musikindustrie zugestanden werden, bewusst: “So wie ich es sehe, darf man sich als Frau zwischen zwei Kategorien entscheiden: Sexobjekt oder Alien. Björk zum Beispiel gehört in letztere – genau wie Kate Bush. Dass diese Frauen aber auch sofort als Freaks gelten, zeigt nur noch deutlicher, mit welcher Doppelmoral wir es zu tun haben. Den Ort, an den man kommt, wenn man die Sexualisierung der eigenen Persona vermeiden kann, und nicht mehr als Frau oder Mann sondern als Künstler wahrgenommen wird, würde ich aber trotzdem gerne als Erfolg beschreiben. So eine besondere Autorität wird nämlich leider nur wenigen Frauen zugestanden. Diese Doppelmoral sieht man übrigens auch gut am Umgang mit Margaret Thatchers Tod: Ein männlicher Politiker mit ähnlichen Standpunkten hat sich weitaus weniger Anfeindungen auszusetzen. Ich habe das Gefühl, dass viele Leute auch einfach ein Problem mit ihr als starker Frau hatten. Und was soll bitte dieser “Ihre armen Kinder”-Bullshit? So etwas würde man über einen Mann nie sagen. Weil Kinder eben als Frauensache gelten! Das alles finde ich ungeachtet ihres politischen Wirkens krass anti-feministisch.”

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Jenseits der Sexualisierung
Ebenso verstörend sei es für sie gewesen, dass ihr amerikanisches Label den ersten Vorschlag für das Cover zu “Olympia” ablehnte. Katie vermutet, dass man mit der romantischen Natur des Entwurfes haderte. “Ich hatte das Gefühl, dass sie es zu fragil fanden; dass es ihnen nicht genug Power ausdrückte”, erzählt sie. Das Cover zur ersten Single “Home” zeigt sie nun trotzdem verträumt und in zartem Rosa vor einer Bob-Ross-artigen Landschaftstapete. 1978 veröffentlichte Patti Smith “Easter”, dessen Cover ihrem Label ebenfalls nicht gefallen wollte. Der Grund war damals aber noch ihre sichtbare Achselbehaarung. Katie scheint es, als hätte man mittlerweile Angst vor einer klassischen Präsentation von Femininität, die ja traditionell synonym zu Verletzlichkeit und Feinfühligkeit steht. Diese Eigenschaften wiederum werden in unserer Gesellschaft im Allgemeinen als Schwächen wahrgenommen – oder als die Grenze zur Hysterie. Als sei der Eiffelturm nicht Beweis genug, dass Fragilität und Stärke einander nicht ausschließen! An dieser Stelle sei außerdem erwähnt, dass die gestörte Definition unserer Gesellschaft von Männlichkeit als Dominanz und Macht (über Frauen) es nicht leichter macht, sich von diesen Sexismen zu lösen.
Genau hierin liegt die wahrscheinlich größte Errungenschaft von “Olympia”: Es zeigt, dass Zartheit und Kraft nicht als Gegensätze existieren müssen, präsentiert eine schöne, selbstbestimmte Version von Weiblichkeit und freut sich seiner intensiven Gefühlswelt unablässig. Wut ist übrigens auch ein Gefühl. Wichtiger aber noch: Austras zweites Album erzählt von einem Frauenbild, das sich jenseits von Infantilisierung und Sexualisierung abspielt. Das ganz nonchalant in ein so komplexes Themenfeld einzuflechten – das nennt man wohl Erfolg.

Austra, Olympia, ist auf Domino/Good To Go erschienen.

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Elektronische Lebensaspekte.