Sean Booth im Gespräch über musikalische Entropie, die unausgeschöpften Möglichkeiten moderner Technik und barocke Cembaloklänge.

Das neue Album von Autechre heißt “Oversteps”. Überschreitung. Klingt erst einmal plausibel, ist es aber ganz und gar nicht. Denn die beiden Briten haben 2010 einen neuen Pfad eingeschlagen, indem sie alle Erwartungen geradezu unterschreiten.

Ein neues Kapitel im Buch Autechre ist aufgeschlagen. Ring frei für den Diskurs. Denn “Oversteps” wartet nur darauf gelesen, in einen Kontext gestellt, interpretiert oder vielleicht sogar einfach nur verstanden zu werden. Doch kann man oder muss man Musik eigentlich verstehen? Und wenn ja: Sollte man es nicht eher denen überlassen, die sich von der Erschließung eines Werkes eine Bestätigung der eigenen Kulturbeflissenheit erhoffen? Fakt ist: Autechre schlagen eine Schneise in die inflationäre Kultur “funktionaler”, elektronischer Musik. Das haben sie schon immer getan. Auch wenn der Hörmodus bei dieser Musik eine erhöhte Aufmerksamkeit erfordert und daher mühselig ist, ist es mehr als angenehm, wenn das ständig auf Abruf stehende kleine Referenzkatalogteufelchen einfach mal die Klappe hält. Der musikalische Terror erzeugt so gewissermaßen Stille.

Gibt es bestimmte Reaktionen, die Autechre nach der fast 17-jährigen Erfahrung für das neue Album erwarten würden? “Nein, über so etwas machen wir uns keine Gedanken”, erwidert Sean Booth matt. Und ähnlich abwehrend bezeichnet der 1500 km entfernt in Manchester am anderen Ende der Telefonleitung sitzende Brite ihr bisheriges Werk nicht als eines, das einer kohärenten Entwicklung folgen würde. Er besteht auf Tabula Rasa vor jedem Werk. Dabei muss man “Oversteps“ in seiner Geschichte als ein Album verstehen, das große Schritte zurück und gleichzeitig vorwärts macht.

Beim ersten Hören fallen einem direkt die atmosphärischen Flächen des Debütalbums “Incunabula” wieder ein. Das erschien 1993. Während die Konstanten der letzten Alben unter dem Zeichen der Progression und Dekonstruktion von Beats und Sounds standen, so ruht die Musik nun wieder verwirrend vollständig in sich selbst. Es sind kaum Beats zu hören, stattdessen: Epische Harmonieflächen, die klingen, als seien sie durch den Hallraum einer riesigen Fabrikhalle geschickt worden, treffen auf barocke Klänge, aus denen sich manchmal ein subtiler Beat herauszuschälen scheint, dessen arbiträrer Rhythmus lediglich aus einem reduzierten Gerüst besteht, das immer akut einsturzgefährdet ist. Darüber schweben Melodien, die genug Platz haben, um zu atmen und langsam genug sind, um den Anschein einer Resignation vor der eigenen Unmöglichkeit, der eigenen, lange erarbeiteten Komplexität ein weiteres Mal gerecht zu werden.

Genau an der Stelle, an der man darauf hofft, die wabernden Synthieflächen würden nun doch noch einem metallischen, chaotischen Beat weichen, wird man auf eine andere Weise herausgefordert: Die eigene Perspektive muss gewechselt werden. Denn erst jetzt bemerkt man, dass hier das Subtile im Vordergrund steht, die Suche nach einer Ordnung im Chaos. Verkehrte Welt. Über Jahre bestand die künstlerische Vision Autechres darin, uns das Chaos dieser Welt, die uns auch auf der nicht sichtbaren, physikalischen Ebene in jeder Millisekunde in Form von winzigen Molekülen um die Ohren fliegt, vor Augen zu halten. Und zwar mithilfe einer Übersetzung in Musik. “Oversteps” zeigt hingegen, dass unsere komplexe und fremdartige Umwelt stets Oasen der schlichten Schönheit bereithält.

Kapitulation vor der Kakophonie?

Besonders auffällig sind dabei die nostalgisch anmutenden Cembaloklänge, die auf “known(1)” oder “see on see” zu hören sind. Handelt es sich um eine bewusste Referenz auf Barockmusik? “Nein, bestimmt nicht”, lacht Sean durch den Telefonhörer und verweist darauf, dass er in den letzten Wochen das Wort Barock schon öfter gehört hat. “Wir wollten damit in erster Linie organischer, natürlicher klingen.”

Irgendwie absurd, sind es doch Autechre, die mit ihren fremdartigen, jegliche Semantik negierenden Kompositionen dazu im Stande sind, ein diffuses Gefühl der Fremdheit zu erzeugen, so dass man so manchen Fans schon Glauben schenken möchte, wenn sie behaupten, die beiden Briten stammen aus der Zukunft und sind hier, um uns zu erleuchten. “Man sollte das auch als eine bewusste Entscheidung verstehen, sich von der Tendenz aktueller Musik, alles auf übertriebene Art zu layern, abzugrenzen”, versucht Sean es nach längerem Überlegen zusammen zu fassen. “Außerdem war das Ziel diesmal, mithilfe der vielen Melodien gewisse Emotionen zu transportieren.” Auch das zeigt mitunter den sonischen Richtungswechsel. Denn gerade die Fähigkeit der beiden Musiker, selbst mit den abstraktesten Beats und abseits konventioneller Knopfdruck-Gefühls-Harmonien bestimmte Gefühle erzeugen zu können, war stets einzigartig. Themenwechsel. Auch weil Sean ohnehin lieber über die Dinge spricht, die seine Musik umgeben, anstatt sie en detail zu analysieren.

Mensch vs. Technik

Die Frage nach musikalischen Einflüssen oder Vorlieben drängt sich auf. Kann es so etwas geben in der Autechre-Welt, die doch eigentlich so immun gegen aktuelle Musik ist wie eine Motörhead-Platte, im positiven Sinne? “Immun ist der falsche Begriff, es ist nur so, dass mich das meiste, was im Moment so Neues veröffentlicht wird, einfach nur langweilt. Überall die gleichen Sounds. Alles gleicht sich einander immer mehr an. “Trotz aller Kritik fügt Sean später hinzu, dass er zurzeit viel Tangerine Dream hört. “Vor allem die mehr auf ausgefeilten Melodien basierenden Sachen aus den 80er-Jahren. Außerdem höre ich nach wie vor viel HipHop, vor allem älteren, viel von B Boy Records, die übrigens gerade ihren gesamten Backkatalog für 50 Dollar auf iTunes verkaufen, was schon ziemlich verrückt ist. An aktuelleren Sachen am ehesten noch Black Milk, vor allem wegen seiner guten Beats, die sich deutlich von anderen Genrekollegen abheben.”

Auch hier scheint nach Seans Meinung die Orientierung an bereits Existierendem eine große Rolle zu spielen. Was mitunter auch daran liegt, dass “viele Produzenten immer wieder die neueste Software oder das frischeste PlugIn benutzen, anstatt zu versuchen, alle vorhandenen Möglichkeiten aus einem älteren Programm oder einer Hardware herauszuholen”, wie er etwas aufgerüttelt hinzufügt.

Ganz im Sinne der eigenen Entmystifizierung nennt er kurz einige Tools, mit denen Autechre zurzeit arbeiten. Max MSP, Logic, Ableton und vieles mehr. “Es sind alles Dinge, die heutzutage jeder benutzt.” Klar, aber bei aller Bescheidenheit ist doch das Wie entscheidend, also die Art, auf die man die entsprechenden Instrumente benutzt. Dieser akribische Blick unter die Oberfläche des Synthesizers, die ständige Soundforschung ist das, was den Unterschied ausmacht gegenüber denjenigen, die sich mit den immer gleichen Texturen zufrieden geben.

Trotz der tiefen Versenkung in das technische Labyrinth modularer Systeme und Oszillatoren, geht es Autechre immer darum, stets die Kontrolle über alles zu behalten und sich selbst immer der eigenen Handlungen bewusst zu sein. “Es existiert immer eine Distanz zwischen uns und der Technologie. Ich denke, es wird noch dauern, bis der Zeitpunkt kommt, an dem die technischen Möglichkeiten auf musikalischer Ebene das menschliche Vorstellungsvermögen übertreffen”, bringt es Sean auf den Punkt, den er bei diesem Thema allzu ungern setzt. Was nicht weiter verwundert, sind doch gerade Autechre immer die Referenzgröße schlechthin dafür gewesen, was den Zusammenhang von Musik und Technik betrifft. Aus diesem Grund kommt Sean auch nicht um die Beantwortung der Frage herum, wie er sich die Zukunft der elektronischen Musik vorstellt.

Er beginnt erneut retrospektiv. “Ich hätte mir vor 15 Jahren nicht vorstellen können, wie langweilig elektronische Musik heute sein wird, ich dachte immer, es würden die verrücktesten Dinge dabei herauskommen. Aber Programme wie MAX for Live wird hoffentlich viele Innovationen bringen, da es den jungen Leuten endlich das Arbeiten mit modularen Systemen näher bringt.” Was genau die Arbeitsweise ist, die die Briten seit jeher auf höchstem Niveau perfektioniert haben. Und die aktuelle Tour, das neue Livesetup? Wie es genau aussehen wird, will Sean nicht wirklich erklären, sind doch die Tracks von “Oversteps” alles andere als clubtauglich. Unwillkürlich drängt sich die Vision eines bestuhlten Konzerts auf, bei dem das sitzende Publikum den Klängen knöpfchendrehender Anzugträger lauscht, während jedes Räuspern und jeder Atemzug argwöhnische Blicke auf sich zieht.

Doch es wären nicht wirklich Autechre, wenn nicht etwas Unerwartetes in Planung wäre. “Das neue Liveset wird jedenfalls einige Elemente der aktuellen Platte enthalten, sich aber stark von früheren unterscheiden und vor allem mehr Beats enthalten”, erklärt Sean, der sich an dieser Stelle auffällig kryptisch zeigt. Wer dieses Adjektiv in Bezug auf Autechre endgültig satt hat, der sollte sich sie einfach live anschauen, und für einen kurzen Moment im Leben die Möglichkeit nutzen, eine vermeintliche Ordnung im Chaos zu sehen. Oder umgekehrt.

Autechre, Oversteps, ist auf Warp/Rough Trade erschienen.

Leave a Reply