Der Kater danach

Dinge, die 2012 im Kater Holzig liegen geblieben sind. by Teddy Stecker

Dinge, die 2012 im Kater Holzig liegen geblieben sind. by Teddy Stecker

Die Bar 25 wird als XXL-Version auferstehen, am alten aber erweiterten Standort mit Club, Restaurant und billigen Künstlerwohnungen, aber auch mit Hotel, Startup-Zentrum und 24-Stunden- Kita. Hendrik Lakeberg geht dem Projekt auf den Grund: Mediaspree auf Ketamin? Oder was soll das werden?

Das Holztor knarzt im Wind wie ein alter Zweimaster. Auf dem Lattenzaun, der das Gelände des Kater Holzig umschließt, kleben Konzertplakate. Aerosmith hat ein neues Album mit dem Titel “Music From Another Dimension”. Die Band sieht auf dem Plakat auch nach 40 Jahren immer noch aus, als wären sie Praktikanten von Keith Richards. Es ist kalt, Christoph Klenzendorf, einer der Gründer der Bar 25, Mitbetreiber des Nachfolgeclubs Kater Holzig und zukünftiger – ja, was eigentlich? – Stadtentwickler? Immobilienimpresario? Visionär? Verräter der Szene, der das Techno-Lebensgefühl ans Tourismusmarketing verhökert hat und einen Pakt mit dem Teufel/der Stadt/der Politik, geschlossen hat? Wird es der Bar-25-Bande wie den abgehalfterten Rockopas von Aerosmith ergehen? Reich, etabliert und ohne Kontakt zur Basis? Die Meinungen über das gigantische Holzmarkt-Projekt, das im Bar-25-Dunstkreis entwickelt wurde und nun tatsächlich realisiert werden soll, gehen auseinander. Worum es dabei geht? Rund um das insgesamt 18.000 Quadratmeter große Gelände der alten Bar 25 entsteht eine XXL-Version derselben. Mit einem Hotel für etwa 100 Gäste, einem Gründerzentrum, in dem sich die boomende Berliner Startup-Szene und Forschungsstellen für Nachhaltigkeit ansiedeln sollen. Plus ein Dorf, in dem Künstler, Musiker und Designer zu geringen Mieten leben und arbeiten sollen, 24-Stunden-Kita inklusive. Natürlich wird es auch wieder ein Restaurant geben und einen Club als “Herzschlag des Ganzen”, wie Christoph erklärt.
Im Prinzip klingt das alles ein bisschen nach Freistadt Christiania in Kopenhagen, nur dass das Holzmarkt- Gelände nicht besetzt wurde, sondern an eine Schweizer Pensionskasse namens Abendrot verkauft, die es wiederum den Betreibern der Holzmarkt eG in Form eines Erbpachtvertrags für 99 Jahre überlässt. Christoph und seine Mitstreiter werden das Ende also nicht mehr miterleben. Von der CDU bis zu den Grünen stehen alle Parteien hinter dem Projekt, dessen Konzept durch Ausschüsse gewandert, zigmal präsentiert und bis ins Detail justiert und ausgearbeitet wurde. Hätte man das ausgerechnet den Bar- 25-Betreibern zugetraut, die bislang eher als Experten dafür galten, genau das alles für ein paar Stunden aus dem Leben der Gäste auszuschließen? Den ganzen Bullshit, die Realpolitik, das Geld – auf einer tagelangen Party war das im besten Fall so weit weg wie der Mond. Vielleicht ist aber auch der weltweite Erfolg der Bar ein Indiz dafür, dass hier nicht nur ein paar Verpeilte durch Zufall einen Coup gelandet haben. So nüchtern es klingen mag: In Sachen Präsentation und – sorry – Marketing, waren die Bar und auch der Kater Holzig, gewollt oder ungewollt, schon immer brillant.

Renditen und Ressourcenmanagement
Wir gehen durch den verwinkelten Hof und hoch ins Kater- Restaurant. Es ist Montag, der Laden hat geschlossen, die Stühle sind auf die Tische gestellt. Wir trinken Cola, Kaffee und Bier, rauchen Zigaretten der Marke Fred in der Kater- Holzig-Sonderedition. Ich habe Christoph schon einmal für diese Kolumne getroffen. Es ist fast drei Jahre her. Damals ging es noch um die Bar 25 und deren letzten Monate. Es war ein Sommertag. Einer der Tage, an dem die Bar tatsächlich so schön war wie kein anderer Club. Heute ist es kalt und regnerisch. Ich stelle kaum Fragen, Christoph erzählt. Ausführlich, auf den Punkt. Man merkt, dass er sich in den letzten Monaten mit kaum etwas anderem beschäftigt hat. Es geht um Bruttogeschossflächen, Liegenschaftspolitik, Renditen, Ressourcenmanagement. Manchmal klingt er dabei ein bisschen wie die Politiker, mit denen er lange verhandelt hat. Er sagt: “Die Politik ist ein schwieriges Pflaster. Es geht um Wählerstimmen und niemand will seinen Kopf riskieren.”
Interessanterweise war die CDU die erste Partei, die sich Anfang 2012 meldete und Sympathie für das Projekt bekundete. Dann kam die SPD, dann die – laut Christoph – schwierigsten, die Grünen. Der politische Wind zum Thema Stadtentwicklung hatte sich leicht gedreht. Nach den Protesten gegen die Liegenschaftspolitik und der Initiative “Mediaspree versenken”, die in einem Bürgerentscheid 2008 mündete, der gegen die kontroversen Bebauungspläne des Spreeufers stimmte, realisierten die Parteien, dass sie die Stadtmitte nicht einfach an den Meistbietenden verkaufen konnten, ohne dabei auf massive Proteste zu stoßen. Seit kurzem gibt es deshalb so etwas wie eine Stadtrendite: Die Maxime beim Verkauf von öffentlichem Raum ist nicht mehr ausschließlich der Preis, sondern auch der Zweck – ohne das Holzmarkt-Projekt oder die Mediaspree-Proteste wäre es dazu wohl so schnell nicht gekommen. Trotzdem zählt ein mündliches Bekenntnis im Restaurant vom Kater Holzig zunächst nicht viel. Entscheiden müssen am Ende immer andere, zum Beispiel der parteilose Finanzsenator Ulrich Nußbaum und der Senator für Stadtentwicklung und Umwelt Michael Müller, die sich in herzlicher Abneigung verbunden sind. Und natürlich die Berliner Stadtreinigung BSR, die das Gelände verwaltete und für den Verkauf zuständig war. Durch das Bürgerbegehren gegen die Mediaspree-Bebauung sank der Preis für das Areal, das nun an das Holzmarkt-Projekt ging, schon von 32 Millionen auf 17 Millionen Euro. Trotzdem wurde die BSR das Gelände nicht los. Deshalb gab sie das Grundstück Anfang 2012 an den Liegenschaftsfond, der eine öffentliche Ausschreibung machte. “Da hat die Politik richtig angefangen”, sagt Christoph. Bei der städtischen Ausschreibung ging es nicht mehr nur um den höchstmöglichen Preis, sondern auch um ein Konzept für das zu bebauende Land. Also um das Abwägen des ökonomischen und ideellen Werts, um Faktoren, die schwer mit Zahlen zu belegen sind. Was bringt der Stadt das Holzmarkt-Projekt oder auch ein Club wie die Bar 25 oder andere? Zahlen sie sich als Imageträger eines modernen Berlins letztendlich auch ökonomisch aus? Und wie bemisst man das? An der Zahl der Touristen? “Im Endeffekt geht es immer nur ums Geld”, sagt Christoph. Dennoch spielten die Ausschreibungskriterien der ehemaligen Bar 25 Crew natürlich in die Hände. Nach “Geld” ist denn auch “Traum” das wichtigste Wort in Christophs Erklärungen. Der Traum, einen kleinen Stadtteil zu errichten, in dem es ein bisschen gerechter und besser zugeht als im Rest von Berlin. Es geht aber auch um eine neue Strategie der Stadtentwicklung und vielleicht sogar darum, mit dem Holzmarkt-Projekt eine ähnliche Strahlkraft zu entwickeln wie die Bar 25, deren Konzept bis nach China kopiert wurde. An der Decke des Kater Holzig Restaurants baumeln Lampen aus Olivendosen, an denen Strasssteine im Licht funkeln, an der Wand hinter uns hängt ein großes Foto von dem weichen Gesicht Gianni Vitiellos, dem verstorbenen DJ, der durch die Bar zum Helden wurde. Wir reden über die Goldman- Sachs-Doku auf Arte und das Ende des Kapitalismus. Auf die Spitze getrieben könnte auch das Holzmarkt-Projekt ein politisches Statement werden, das weltweit beobachtet wird und Nachahmer finden könnte. Und weil den Bar-25- Leuten das schon einmal geglückt – oder besser – passiert ist, fällt es leichter, sich durch die Gremien und Ausschüsse zu kämpfen, denn am Ende könnte ja tatsächlich etwas ähnlich Großes stehen.

Bar und Baustruktur
Trotzdem ist es beeindruckend, wie hier eine Horde vermeintlich verpeilter Raver, die im Prinzip nichts anderes wollten als nach ihren Vorstellungen zu feiern, mittlerweile große Politik macht. Denn spätestens mit dem Holzmarkt-Gelände ist ganz offiziell im Zentrum der Politik angekommen, dass Berlin Orte wie den Kater, das Berghain, das About Blank oder andere Clubs irgendwie braucht. Zumindest im Moment. Die Betreiber einiger dieser Orte mögen ihren politischen Status befremdlich finden, vielen mag es nicht gefallen, sich vor den Karren des Tourismus-Marketings spannen zu lassen, aber ist es nicht besser, es besteht eine zumindest temporäre politische Wertschätzung der Clubkultur als keine? Doch schon, oder? Überleben ist besser als langsames Sterben. Insofern haben die Raver der Bar 25 in diesem Jahr eine Menge bewegt. Und auch eine Menge für Berlin getan. Den Stolz über den Triumph merkt man Christoph an, wenn er die komplizierten organisatorischen Strukturen der Holzmarkt eG erklärt. Die groben Eckpunkte: Die Abendrotstiftung, eine konservative Schweizer Pensionskasse, der es um den Erhalt von Vermögen und nicht in erster Linie um dessen Vermehrung geht, hat nach nachhaltigen Investitionsobjekten außerhalb der Schweiz gesucht, das Gelände an der Spree gefunden und für etwas über 10 Millionen Euro gekauft. Das verpachtet sie an die Holzmarkt eG. Das Konstrukt des Holzmarkt-Projekts setzt sich aus zwei Genossenschaften zusammen: eine der Betreiber und eine der Investoren. Die Betreibergenossenschaft besteht aus Kater Holzig/Bar 25, dem Verein Mörchenpark, der die Gartenfläche des Geländes betreuen soll, und weiteren. In die Investorengenossenschaft kann sich jeder einkaufen, der mindestens 25.000 Euro einzahlt. Jeder Anteilhalter hat jedoch nur eine Stimme, egal ob die Person Hunderttausend, eine Millionen oder den Mindestbetrag eingezahlt hat. Den Investoren wird eine Rendite garantiert, die aber nicht besonders hoch ausfällt. Man kann den Beitrag als normale Geldanlage sehen oder als Investition in ein gutes Projekt. Die Betreiber – auch Christoph – lassen sich bei der Genossenschaft anstellen. “Niemand wirtschaftet in die eigene Tasche, um sich irgendwann eine Villa im Grunewald zu kaufen”, sagt er. “Langfristig wollen wir erreichen, dass wir auch andere Projekte unterstützen. Wie zum Beispiel diese Initiative, die eine alte Polizeiwache in Lichtenberg bespielen will”. Aber solche Investitionen sind Zukunftsmusik. Im nächsten Jahr gehen die ersten Baumaßnahmen los. Im Mai 2014 sollen die größeren Bauwerke wie das Hotel und das Gründerzentrum “Eckwerk” in Angriff genommen werden. Im Dorf mit Club, in dem Künstler und Musiker für wenig Geld leben, soll die Baustruktur der Bar bewahrt werden. Und nicht nur die: Natürlich ist das alles nicht offen für jeden. Die harte Tür von Kater und Bar sollen indirekt auch aufs Holzmarkt- Projekt übertragen werden, denn sie war ein Grund, warum die Partys so gut funktionierten. Aber dafür müssen neue Kriterien gefunden werden. Denn jemandem eine Investition zu verweigern, weil er zu traurig dreinschaut, ist wohl nicht möglich. Obwohl es natürlich lustig wäre.

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.

Leave a Reply