Es gibt Dinge und elektronische Lebensaspekte, ohne die das De:Bug-Universum nicht funktionieren würde. Diesmal: der Aschenbecher, der Paria am Nullpunkt des Feier-Zubehörs.

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Die Reise ans Ende der Nacht führt ins Innere des vollen Aschers. Das Herz der Partyfinsternis. Allgegenwärtig, aber unaussprechlich. Am Boden gründlich nierdergestampfte Stummel zwischen stinkender Aschmasse, oben kreuz und quer verstreute Kippen, halb geraucht und hektisch krumm gedrückt, zuletzt achtlos hingeschnippte Exemplare, langsam qualmend ausgeglüht, mit angekohlten Filtern. Dazu natürlich noch das unvermeidliche Beiwerk aus Kronkorken, Kaugummis und Flyerfetzen.

Der gesammelte Partymüll löst ausnahmslos Ekel aus und wird daher in der gut geführten Gastronomie zuverlässig in hoher Frequenz geleert. Fest steht: Ohne Aschenbecher wäre die Sauerei noch viel größer. Ohne Ascher würde es die Raucher vor sich selbst ekeln. Alles schon gesagt? Tatsächlich ist der Aschenbecher, die Terra Incognita des Nachtlebens, im Zuge der um sich greifenden Rauchverbote auch noch im Untergang begriffen. Dabei ist trotz der jahrzehntelangen Allgegenwart des Gegenstands kaum etwas über seine Entstehung bekannt und um der Ignoranz die Krone aufzusetzen, machen sogar hartgesottene Fetischisten einen weiten Bogen um den Ascher: Für alle denkbaren Phänomene finden sich Menschen, die den Ekel als Erregungspotential nutzen, wobei eigentlich der Thrill proportional zum Ekelfaktor wächst.

In dieser Logik müsste der Ascher ein sehr mächtiger Fetisch sein, der eine entsprechend große Zahl Fanatiker magisch anzieht. Aber dem ist nicht so, auch nach eingehender Recherche findet sich weit und breit kein Maso, der Aschenbecher auslecken will. Gleichzeitig findet sich im deutschsprachigen Wikipedia ein ellenlanger Eintrag zum Stichwort “Rauchfetischismus”, in dem das ganze Pipapo von gesundheitsgefährdenden Selbstzerstörungstrips bis zur Rauchware als Phallussymbol durchdekliniert wird – wobei der Aschenbecher nicht einmal erwähnt wird.

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Bild: Mülltrennung für den Aschenbescher (via: Aschenbecher-Blog)

Wenn nicht einmal die notorischen Fanatiker des Anti auf das Thema anspringen, ist das Innere des Aschers offensichtlich ein echtes Tabu und damit eine rare Erscheinung. Klammert man die Gedankenhölle des Ascher-Inhalts aus, bleibt die banale Stofflichkeit des Aschenbechers selbst: im einfachsten und am weitesten verbreiteten Fall also eine Art Unterteller mit zwei bis vier Zentimeter hohem Rand, in dem sich Kerben für die sichere Zigarettenablage finden. Mit diesen Offensichtlichkeiten endet leider auch das offizielle Wissen um den Ascher, dessen Entstehung und Geschichte genauso dunkel scheint, wie die Abscheu vor seinem Inhalt.

Um mehr zu erfahren, muss man auf obskure Quellen zurückgreifen, zum Beispiel auf den “Tabakhistoriker” Rainer Immensack aus Hofheim, dessen semiprofessionell betriebenes Steckenpferd das Sammeln von Rauchutensilien ist. Laut Immensack geht die Geschichte des Aschers auf Behälter aus Messing oder Kupfer zurück, die im 16. Jahrhundert in Holland aufkamen und zwar in einer Doppelfunktion: Die auch “Pfeifenkomfort” genannten Frühascher enthielten zum einen glühende Kohle- oder Holzstücke aus dem Ofen, an denen man sich sein Pfeifchen anzünden konnte, zum anderen konnte man die ausgeschmökten Überreste hineinklopfen.

Der Aschenbecher, wie wir ihn heute kennen, nahm dann erst im 19. Jahrhundert langsam Formen an, zum einen durch das Aufkommen von Zigarren, zum anderen durch die Erfindung des Streichholzes, mit der das Vorhalten von Glut obsolet wurde. Mit der Zigarre wurden aus den Hufeisen-förmigen Pfeifenaschern runde Behälter, der letzten Schritt zum “modernen Aschenbecher” kam dann mit der Zigarette, die sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts langsam durchsetzte. Kurz nach der Jahrhundertwende wurde der Ascher schließlich als Werbefläche entdeckt, die von Zechern und Feiernasen nicht übersehen werden kann – et voilà! Fertig war der Aschenbecher, den Nichtraucheraktivisten heute als “Mordwerkzeug” betrachten, das aus der Öffentlichkeit verbannt werden muss.

Für Sammler wie unseren Experten Herrn Immensack ist diese Entwicklung natürlich Anlass großer Bestürzung, weil der aus Wirtstuben und Diskos vertriebene Ascher nicht länger ein liebevoll gestaltetes “Objekt mit Wertigkeit” ist. Dabei geht Immensacks Perspektive ohnehin am Kern der Frage “Was bleibt?” vorbei, weil nicht einmal fanatische Sammler volle Aschenbecher sammeln, egal wie berühmt oder legendär die dazugehörenden Raucher waren. Und wenn sich das nicht bald ändert, wird man sich in 20 Jahren Damien Hirsts gefüllten XXL-Comic-Aschenbecher anschauen müssen, wenn man wissen will, wie der Ascher funktioniert hat, weil unser Aschenbecher dann genauso in Vergessenheit geraten sein wird, wie heute der Spucknapf.

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Elektronische Lebensaspekte.

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