Es gibt Dinge und elektronische Lebensaspekte, ohne die unsere De:Bug-Welt nicht funktionieren würde. Jeden Monat gibt es ein neues Basic mit seinen Facetten und Aspekten. Diesmal: der Stempel, der den wahren Verbund der Nacht markiert.

Ein Stempel ist ein Werkzeug, das auf der einen Fläche mit erhabenen oder vertieften Figuren, Buchstaben und dergleichen versehen ist, um mittels Stempelkissen aufgetragener Farbe die Figur aufzudrucken.

Stempel sind ein Zeichen der Verifizierung. In Asien haben persönliche Stempel teils noch immer den gleichen Stellenwert wie die Unterschrift. In England kann ein Poststempel genau den Briefkasten und somit den exakten Ort angeben, wo etwas aufgegeben wurde. Dabei werden Stempel prinzipiell auf Papier oder Pappe gedrückt und seltener auf die Haut. Bei Viehherden werden Stempel mal gerne permanent, mit glühend heißem Metall in die Epidermis eingebrannt, um dem Cowboy im Chaos Orientierung zu geben.

Bei Menschen und einigen speziellen Körperästheten ist das davon abgeleitete Branding Masochic, es konnte sich dann aber doch nicht so wirklich durchsetzen. Da hatte das Tribaltattoo und die Oberafter-Permatinten-Ornamentisierung mehr Erfolg, nachhaltig ärgern tun sich unter Umständen indes aber beide Zielgruppen. Im Clubleben bekommt der Stempel wiederum seinen ganz eigenen Charakter. Die ersten Markierungen auf der Besucherhaut gab es in den USA, wobei es sich aber nicht um einen Stempel handelte, sondern um ein mit Filzstift gemaltes X auf dem Handrücken, um die Minderjährigen (dort unter 21) für Konzerte zu kennzeichnen, damit kein Alkohol an die Jungrabauken ausgeschenkt werden konnte. Dieses Zeichen des oktroyierten Verzichts von Suchtmitteln machte sich die Straight-Edge-Hardcore-Gemeinde bald als eigenes Symbol aus. Ähnlich wie bei den Rindern und den Heißeisenmenschen, bei den einen aufgezwungen, bei den anderen semiotisch aufgeladene, aber freiwillige Aussage, um die Szene zu verifizieren und ein Zusammengehörigkeitsgefühl zu erzeugen.

Der Stempel in Nachtetablissements heute sagt eigentlich nur, ich habe gezahlt, war kurz zum Kotzen auf dem Parkplatz, also lasst mich ohne Mucken und Warten wieder rein. Dabei war der Stempel im Nachtleben gar nicht selbstverständlich. In Japan ist an Wiedereintritt gar nicht zu denken. Viele Großraumdiskotheken verlangten oder verlangen noch immer für den Wiedereintritt einen verminderten Betrag, weil der mitgebrachte Ballermannfusel natürlich im Corsa-Kofferraum gebunkert wird und Onkel Diskothek sich so den finanziellen Schaden durch die Dorfjugend ein wenig zu kompensieren erhofft.

Ein Stempel war aber auch nicht schön, erinnern wir uns an die Zeit, wo UV-Stempel angesagt waren, damit das weiße Paco-Rabanne-Hemdärmelchen nicht unerwartet blaue Ränder bekam. Eigentlich hatten die Stempel unauffällig auf der einen Seite, aber auch signifikant auf der anderen Seite zu sein. Irgendwann begannen die Clubs aber, sich eigene Stempel zu machen, sprich, den Besuchern das hauseigene Logo temporär zu tätowieren. Für den Abend waren sie dann Teil der Community, wobei ein zu früher Morgenstunde geklauter WMF-Stempel einigen WGs monatelang freien Eintritt gewährleisten konnte, da nun nicht jede Woche geschaut werden musste, ob jetzt ”Einschreiben“ oder ”Luftpost“ an der Reihe war.

Gästelistenschlampen tragen ihre Farbkissenstreifen besonders stolz vor sich her, da zählt Masse statt Klasse, für mehrfach abgewiesene Rave-Touristen ist das Auftragen des Berghain-Stempels ein heiliger Moment, so wie frühere Bar-25-Gänger sich drei Tage lang nur dezent die Hand wuschen, um den Freitagsstempel auch am Sonntag nutzen zu können. Man sieht: Der Stempel im Club entwickelt seine ganz eigene Dynamik und ist gerade in seiner Archaik aus unserem Leben nicht wegzudenken. Dinge wie Stempel-früh-holen-und-später-an-der-Schlange-vorbei ist solch ein Beispiel.

Subkutan implantierte RFID-Disko-Chips sind zum Glück gescheitert und natürlich prahlen einige gerne mit ihren ach so elitären Clubmarken herum, aber der Stempel zeigt den wahren Verbund der Nacht, er ist eine Art Anker in der sich schnell verflüchtigenden und auflösenden Wochenendekstase, zeigt die eigentliche Demokratie im Clubmikrokosmos und ist der nachträgliche Beweis, dass man bei etwas eventuell Großem dabei war. Der Stempel macht unser Nachtleben nicht unbedingt besser oder schlechter, aber ohne ihn wäre es ganz bestimmt etwas ganz anderes.

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Elektronische Lebensaspekte.

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