Es gibt Dinge und elektronische Lebensaspekte, ohne die unsere De:Bug-Welt nicht funktionieren würde. Jeden Monat gibt es ein neues Basic mit seinen Facetten und Aspekten. Diesmal: der Tresen, der Ort an dem die Nacht beginnt und endet.

Als Tresen wird in Gaststätten und Lokalen der Ort bezeichnet, an dem die Warenübergabe und die Bezahlung erfolgt. Im Nachtleben bezeichnet er Verlässlichkeit, Sicherheit und ist gleichzeitig Spielplatz für soziale Nerurosen. Der Tresen ist die Seele jedes Ladens.

TTT, das steht nicht nur für Titel, Thesen, Temperamente. TTT, das sind die Basics des Clubs: Tresen, Tanzfläche und Toilette. Aber vor allem findet am Tresen die Initiierung statt, an ihm beginnt die Nacht. Er ist der erste Ort, der angepeilt wird, wenn man einen Club betritt. “Erstmal ein Bier!“.

Das schafft Klarheit und liefert sofort eine Anlaufstelle in der unübersichtlichen Betriebsamkeit. Wer zielstrebig seinen Weg zur Bar einschlägt, gibt sich nicht die Blöße, unsicher und unbeholfen herumzustehen. Während des Durch-die-Menge-Wühlens kann zusätzlich ein strategischer Überblick verschafft und in Ruhe die Tanzfläche, der DJ und das Publikum abgecheckt werden. Ein Tresen gibt der Anwesenheit sofort einen Sinn und eine Bestimmung: Am Anfang der Nacht ist der Tresen ein Anker.

Der Sinn des Ankers ist, nicht nur für Verlässlichkeit und Sicherheit zu sorgen, ein Anker hält auch fest, beziehungsweise er hält auf. Am Tresen angekommen, steht man schnell in der Schlange. Da auf dem Weg vielleicht die ersten Freunde gesichtet wurden, will man am liebsten sofort wieder weg: Wahlweise mit Bier oder Gin Tonic in der Hand auf die Tanzfläche oder einem guten Gespräch entgegen.

Gerade beim langen Anstehen kann es leicht passieren, dass die Anfangsenergie, die einen beim Betreten des Clubs beflügelt hat, entscheidend abgedämpft wird. Im Club ist der Tresen somit meistens ein unliebsamer Ort. Das liegt nicht nur an der Schlange davor, sondern auch am Bestellvorgang an sich: Wie verhält man sich, dass der Barkeeper dich möglichst schnell bedient? Eher besonnen und betont entspannt, oder lieber hektisch mit einem 50-Euro-Schein wedeln? Ein guter Barkeeper wird immer sagen, er bedient vor allem die Kunden zuerst, die geduldig, zurückhaltend und freundlich lächelnd warten.

In der Realität sieht das meistens anders aus, denn in dem Trubel vorm Tresen gilt im Endeffekt das Recht des Stärkeren. Hier muss jeder wissen, was er will und das auch deutlich machen. Vielleicht sollte man tatsächlich nicht unbedingt mit dem Fuffi zwischen Zeige- und Mittelfinger geklemmt in Richtung Barkeeper fächern und “Ey, Alter, mach mir mal ’nen Caipi klar!“ schreien. Am Clubtresen geht es um Geschwindigkeit und knallhartes Business, für subtile Freundlichkeiten ist da kein Platz.

Die Kunst des Ausgehens
Ganz anders beim Tresen in der Bar, denn dort ist er so etwas wie die Seele des Ladens, das geistige Zentrum. Da ist der Tiefsinn zu Hause – oder der Schwachsinn. Als gesichert gilt: Am Bartresen geht es um Sinn und Unsinn der Welt, um Liebe und Politik, um Kunst und Literatur. Mit einem Bier in der Hand am Tresen lehnend haben viele ihre wachsten Momente – das Denken ist freier, wilder und entspannter.

Eigentlich sollte eine Bar aus nichts anderem als einem großen Tresen bestehen. Und vielleicht ist es sogar so: Je mehr Tresen eine Bar hat, umso mehr Seele besitzt sie. Besteht eine Bar nur aus Tresen kann man auch die gegenüber sitzenden Gäste betrachten. Ein erfahrener Barkeeper würde es vielleicht so ausdrücken: Ein Tresen muss rund in den Raum hineinragen. Jeder kann sehen, wer da ist, mit wem man sich später noch unterhalten sollte – und wem besser nicht, weil er einem dann rücksichtslos eine Frikadelle ans Ohr labert – während die besten Freunde die interessantesten Gespräche ohne dich führen oder genervt zu dir herüber schauen.

Die Kunst des Ausgehens hat auch immer mit der Fähigkeit zu tun, sich freundlich aber bestimmt im richtigen Moment von Gesprächspartnern trennen zu können. Keine einfache Sache, wenn dabei gewisse Umgangsformen, Respekt und Freundlichkeit gewahrt werden sollen, weil man sie für schützenswerte Errungenschaften hält. Egal wie betrunken man ist.

Footrail
Ein Tresen ist auch dazu da sich festzuhalten, wenn der Abend fortgeschritten ist und der Promille-Pegel entsprechend hoch. Deshalb muss der Abstand zwischen Tresen und Tresenaußenfläche ausreichend groß sein, so dass mit der Hand die Kante ergriffen werden kann. Optimal wäre dazu noch ein so genanntes Footrail (Fußstütze), entweder am Tresen oder am Barhocker. Ob unterhalb des Tresens ein Kleiderhaken montiert sein sollte ist eine Geschmacksfrage – praktisch wäre es allemal.

Aber das Jacken- und Schalgebämsel zwischen Gast und Bar würde ästhetisch keinen guten Eindruck verbreiten. Der Raum hinter dem Tresen ist die verbotene Zone und viele Barkeeper reagieren verständlicherweise verstimmt, wenn man sie ungebeten betritt. Das hat vielleicht etwas mit Neid zu tun: Es muss immer auch ein wenig frustrierend sein, wenn man immer dort arbeitet, wo die meisten ihre Freizeit verbringen. Wer kann da noch entspannt mit Freunden seine eigene Freizeit verbringen, ohne an die Arbeit zu denken? Aber Neid hin oder her: So freundlich ein Barkeeper sein sollte, so streng muss er sein.

Der Tresen ist immer auch ein Spannungsfeld der Macht zwischen dem Geld des Kunden und dem Stilwillen des Barbesitzers: Welche Gäste bediene ich wie freundlich? Wen ziehe ich wie vor? Wen lasse ich zappeln? Welche Regeln herrschen in meiner Bar? Wie viel Spielraum lasse ich dem Gast bei der Entfaltung seiner Betrunkenheit? Die Feinjustierung dieser Parameter steuert der Barkeeper – und ein guter Barkeeper hält die Zügel hinter dem Tresen immer fest in der Hand. Vielleicht ist in diesem seltenen Fall die Kontrollausübung nahezu uneingeschränkt zu begrüßen, denn sie ermöglicht ein kleines bisschen Anarchie.

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Elektronische Lebensaspekte.

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