Das aktuelle Album "Gloss Drop" der Amerikaner auf Warp ist eher untraditionell

Foto: Beau Lark

Als sich die Battles nach jahrelanger Tour in das Machines with Magnets-Studio in Pawtucket niederließen, um am Nachfolger ihres gefeierten Albums „Mirrored“ zu arbeiten, verließ der Vierte im Verbund Tyondai Braxton, für alle Beteiligten unerwartet, eine der ganz großen Bands des 21. Jahrhunderts. Ian Williams, Dave Konopka und John Stanier dachten aber gar nicht ans Aufhören, fokussierten sich neu und überraschen auf dem nun erscheinenden „Gloss Drops“ nicht nur mit karibischen Soundexplorationen, sondern auch mit Gastsängern wie Gary Numan, Matias Aguayo, Kazu Makino und Yamantaka Eye. Wir sprachen mit Ian und Dave über die Neuorientierung der Band, die ewige Dichotomie von Mensch und Maschine und wie man mit Monologen seine Karriere ruinieren könnte.

Debug: Ihr seid eine Rockband, die mit Gastsängern arbeitet. Wie kam es dazu?

Ian Williams: Eigentlich komplett verrückt. Aber ich betrachte es als gutes Zeichen, wenn die Alarmglocke losgeht. Wenn unklar ist, was gerade passiert, ist es in der Regel cool.

Debug: Geht es tatsächlich darum Grenzen zu verbiegen, also gewissermaßen avantgardistisch zu sein, oder tut ihr nur so?

Ian: Zunächst wollen wir uns selber gefallen. Das Freiheitsgefühl empfinden, machen zu können, was man machen will. Das ist eigentlich alles. Man macht sich so zwar vieles schwieriger als vielleicht nötig, aber es ist interessant. Erst wenn man Probleme lösen muss, entsteht Spannung.

Debug: Wie reagiert das Publikum, wenn ihr Sänger live per Videoprojektionen bringt?

Dave Konopka: Wir fanden die Idee strange, aus dem Nichts eine Stimme kommen zu lassen und keiner weiß, wo zur Hölle sie herkommt. Wir wollten sowieso mit Videoprojektionen arbeiten und die Grundidee für die beiden Projektionsflächen war, sie wie das vierte und fünfte Bandmitglied wirken zu lassen. Ich glaube auch, dass dem Publikum dadurch klar wird, wie unser neuer Weg aussieht. Dass wir eine offenere Form haben, Songs stärker variieren und auch die Gesangsspuren auf der Bühne remixen.

Foto: Beau Lark

Debug: Inwieweit entspricht Battles dem Mythos der Rockband? Da der Sound prinzipiell ein anderer ist, hat man ja erstmal nicht das Gefühl, es bei euch mit klassischen Stereotypen zu tun zu haben.

Dave: Du meinst die ganze Rockstar-Scheiße?

Ian: Wir sind bestimmt keine Drama-Queens. Es fühlt sich tendenziell alles nach harter Arbeit an. Nicht unbedingt, wenn es um die kreativen Prozesse geht, aber wir haben ein Team, Ton, Licht, Bühne, PR. Da muss man managen, motivieren, organisieren.

Dave: Vom Setup her sind wir eine traditionelle Rockband. Gitarren, Bass, Keyboards, Drums. Aber die Art und Weise, wie wir damit umgehen ist wahrscheinlich unkonventionell. Bei der Produktion von Songs sind wir definitiv demokratisch organisiert. Jeder hat also 33,333 Prozent Anteil an der ganzen Sache. Da sind wir wohl eher untraditionell – sagt man das überhaupt, “untraditionell”? Meine Fähigkeit für Präfixe hat sich für heute scheinbar verabschiedet.

Ian: Die Deutschen sprechen immer so ein korrektes Englisch, dass wir Amerikaner dabei total abfucken. Mach dir darüber keine Gedanken, Dave. Ich bin bereits eingeschüchtert, wenn mich ein Deutscher anruft.

Dave: Auf jeden Fall haben wir keinen Axl Rose in unserer Band.

Debug: Ihr werdet von vielen elektronischen Musikliebhabern geschätzt, die sonst bei einem Powerchord die Flucht ergreifen. Seid ihr der Prototyp einer Post-Post-Rock-Band?

Ian: Wir arbeiten gerne mit Loops, im Studio und auf der Bühne. Es ist dabei so, als würdest du einen menschlichen Moment einfangen, um ihn durch die maschinelle Wiederholung zu entmenschlichen. Die Formate, an denen wir uns orientieren, sind auch eher durch Minimalismus geprägt. Steve Reich, Philip Glass zum Beispiel, aber auch afrikanische Stammesmusik. Dort geht es primär um repetitive Pattern, die wir auch an Techno so lieben. Aber man kann ja unterschiedliche Zugänge entwickeln. Wir alle mögen Dance Music und moderne Elektronik. Aber dennoch würde ich nicht sagen, dass wir eine Band sind, die elektronische Musik live umsetzt.

Debug: Weil es euch auch um das Physikalische des Musikmachens geht.

Dave: Unbedingt. Bei der Mensch-Maschine-Dichotomie hat der Mensch bei uns noch immer die Oberhand.

Debug: Eine Band zu betreiben, ist aus heutiger Sicht fast anachronistisch. Aufwendig, kompliziert, der Apparat ist viel größer.

Dave: Selbst wenn ich aus Berlin wäre, würde ich behaupten, dass ich das, was wir jetzt tun, bevorzugen würde. Wir sehen uns ja durchaus in der Tradition von Krautrock. Ich glaube, dass die Protagonisten damals eine ähnliche Idee hatten, wie wir heute.

Ian: Es ist wohl der Spaß am Experimentieren und der Hippie-Traum, etwas Neues zu erschaffen (lacht).

Dave: Aber auch damals war die Instrumentierung wichtiger als die Technologie.

Ian: Ich würde nicht sagen, dass wir amerikanische Musik spielen. Unsere Einflüsse sind sehr weit gestreut. Aber zugleich sind wir alle drei in einer bestimmten amerikanischen Bandkultur groß geworden. Europa hat einen anderen Zugang zu Clubmusik und seiner Produktion. Für mich ist das eine Fortführung dessen, was Punkrock vielleicht mal gewesen ist. Amerika ist ein großes Land, da ist alles viel langsamer, bis sich etwas verändert oder adaptiert wird. Das ist seltsam. In den USA hat beispielsweise jede Stadt eine eigene Zeitung. Wenn also in Philadelphia jemand über etwas Neues, Spannendes berichtet, dann wissen das nur die Leute in Philadelphia. Dadurch entsteht eine Form des Amorphismus. Daher ist moderner Techno für einen Großteil noch immer etwas höchst Bizarres. Nimm als Beispiel Wasser. Eine große Oberfläche, darunter aber bewegen und vermischen sich die Teile andauernd. In den USA ist noch immer alles Schwarz oder Weiß. Die amerikanischen Pioniere der elektronischen Musik sind ja nun mal vornehmlich schwarz. Gut, HipHop ist natürlich sehr populär, aber bei anderen Spielarten ist es noch immer ein vielleicht auch politisches Problem.

Foto: Beau Lark

Debug: Wie sehr lasst ihr euch von Hardware und Technik beeinflussen?

Ian: Das beeinflusst den Sound natürlich enorm. Wir Musiker sehen uns aber auch als Werkzeuge und Schnittstellen zu Musikmaschinen, eine Sache der Balance. Wenn du sagst, dass die aktuellen Sachen anders klingen, dann ist die einfachste Antwort wahrscheinlich, dass wir anderes Equipment benutzt haben. Dave und ich haben mit verschiedenen Möglichkeiten Loops zu produzieren experimentiert, weshalb sie jetzt schmieriger, rutschiger klingen, aber auch mehr Eigendynamik und Bewegung haben.

Debug: Ihr sprecht immer wieder von der Relation Mensch und Maschine. Dennoch sehe ich das gänzlich anders zu dem, was Kraftwerk getan haben. Bei denen ging es um Entmenschlichung, den humanen Impetus weitestgehend herauszunehmen, Stichwort Musikarbeiter. Die Musik von Battles ist massiv, sehr physisch, brutal, es schwitzt an allen Ecken und Enden.

Dave: Das stimmt. Wir werden ja immer gefragt, ob wir einen Plan oder Konzept hätten. Ich finde nicht, dass es bei uns um ein Statement geht. Für uns steht der Prozess im Vordergrund. Mirrored war sehr eigenständig. Es waren ganz bestimmte Muskelpartien, die während des Songwritings gearbeitet haben. Diesmal wollten wir davon weg. Mehr den persönlichen Intuitionen und Interessen folgen.

Debug: Bands entwickeln nach einiger Zeit auch aufgrund des chronischen Nightliner-Kollers einen eigensinnigen Humor.

Dave: Oh ja, Manchmal stellen wir uns vor, wie wir am besten unseren Karriereselbstmord inszenieren könnten. Wir würden auf die Bühne gehen und ein Zwiegespräch mit uns selbst führen. Oder wir stellen uns vor, das Publikum sei ein Fluss. Wir würden uns an den Rand der Bühne stellen, Geschichten erzählen und Lieder singen wie ein alter schwarzer Mann im Schaukelstuhl am Mississippi.

http://www.bttls.com
http://www.warp.net
http://beaulark.squarespace.com/

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.

Leave a Reply