Der erschütternde Stand der Netzkritik 2013

Der Tod des Internets ist für Chef-Netzkritiker Evgeny Morozov beschlossene Sache. Je früher, desto besser. Wir machen uns auf die Suche nach Halbwahrheiten in Morozovs aktuellem Buch “Smarte neue Welt”.

Evgeny Morozov hat sich in den letzten Jahre den Titel Netzchefkritiker in den deutschen Feuilletons erspielt. Kaum ein Internet-Erklärbär, der von ihm nicht ordentlich in der Zeit, der FAZ, der Süddeutschen abgewatscht werden darf (Ausnahme: Morozov-Fan Schirrmacher). Da bleibt kein Technik-Gigant verschont, keine miese Praxis der Silicon-Valley-Verbrecher unaufgedeckt. Und Morozov hat Fans. Kulturpessimisten sind dabei ebenso herzlich willkommen wie Ludditen aller Couleur. Und nicht selten muss man sich von einem neugeborenen Morozov-Fan Dinge anhören wie: Endlich traut sich mal einer was gegen die da oben im Technotopia zu sagen.

Diesen Monat erscheint nun sein Buch “To Save Everything, Click Here: Technology, Solutionism, and the Urge to Fix Problems that Don’t Exist” auf Deutsch unter dem wuschig paraphrasierenden Titel “Smarte neue Welt: Digitale Technik und die Freiheit des Menschen”. Mit dem Buch schwappt eine Welle von Interviews mit dem “Netz-Vordenker” über die Feuilletons. Aber wir lesen lieber Bücher, also ran an den Schinken.

Nach circa 25 Seiten “Smarte neue Welt” denkt man sich: Gut, ich habe jetzt wirklich verstanden, worum es dir geht. Komm zur Sache, Evgeny! In Kürze: Laut Morozov werde dem Internet ständig unterstellt, dass es eine Essenz habe, eine wesentliche Eigenschaft. Diese gedachte Essenz (Freiheit, Gleichheit etc.) führe dazu, dass man mit dem Internet die Probleme der Welt lösen will (solutionism), und behauptet, es wäre unveränderlich. Diesen Gedanken sollten wir in bold setzen, er steht auch nach 50 Seiten im Zentrum des Buches und wird von Morozov mit immer neuen Beispielen und Variationen erklärt. An immer noch depperteren Aussagen von Leuten wie Carr oder Halbsätzen von Eric Schmidt nimmt Mozorov genüsslich eine gefährliche Ideologie “auseinander”, man sollte eher sagen: Er zerrupft sie willenlos. Nach hundert Seiten denkt man sich: Gehirnwäsche?

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Keine Netzkritik

Morozov betreibt vielmehr eine Art uferlose Kritik an jedem, der etwas Gutes am Netz findet. Langatmig vielleicht, sicherlich legitim. Trotzdem überkommt einen nach einer ziellosen Litanei des Niedermachens irgendwann das Gefühl (nein, kaum ein Zitat wird mal mit einer Fußnote für die Herkunft bedacht), Morozov dreht auch Leuten, die man selbst noch nie leiden konnte, vielleicht das Wort im Mund herum.

Die schwierige Aufgabe, an der Morozov scheitern muss, ist die Kritik an einem Gegenstand (das Internet), das kein Wesen haben darf. Morozovs Gegenstand sind also in Wirklichkeit die Leute, die das kritisieren, was ihm zufolge unkritisierbar ist. Eine leichtere Aufgabe wäre gewesen, Diskursanalyse zu betreiben, etwa anhand der vielen widersprüchlichen Aussagen zum Internet in Zeitraum X, Beobachtung globaler Tendenzen und Ideologien, die Rolle des Netzes als Machtinstrument, also eine Bestandaufnahme der dominanten Diskursströme, und wie man gegen sie vorgehen könnte. Stattdessen: Witze über die Befreiung durch Katzenbildchen und nahezu keinerlei konkrete Erwähnung anderer Aussagen über das Netz als diejenigen, die sein Gegenargument stützen. Das Buch ist ein Essay, der die Verve auf endlosen Seiten des Widerkäuens gnadenlos verliert.

Wenn das alles wäre, man würde das Buch einfach irgendwann erschöpft beiseite legen. Aber man spürt hinter all dem irgendwie mehr. Morozov spielt sich als der einzige Weise des Internets auf. Als jemand, der einem endlich erklärt, warum alle anderen Unrecht haben. Diese “alle anderen” existieren aber erstens nicht, zweitens sind die Aussagen von Morozov alles andere als neu. Wir blicken kurz zurück in die Geschichte der Netzkritik: 1996 kam mit “The Californian Ideology” der erste große Schwung an Kritik an den Utopisten, den Yuppie-Grundlagen, dem Neoliberalismus, der Idee, das Internet würde alle unsere Probleme lösen können und eine Welle der Befreiung und Demokratisierung durch die Welt schicken. Es bildeten sich Mailinglisten, die den kritischen Diskurs des Netzes sehr stark beeinflussten. Eine davon war Nettime, deren Protagonisten endlose Konferenzen gefüllt haben. Die Internet-Kritik, Netzkritik, war geboren; Gingrich, Wired mitsamt seiner Long-Boom-Idee etc. standen da schon auf der intellektuellen Abschussliste.

Science and Technology Studies, Actor Network Theory, die Medien-Theoretiker und Klassiker der Postmoderne wurden zu komplexeren Theorien des Netzes herbeigezogen. Theorien, die längst das Soziale, das Politische, das Netzwerk Internet und die in diesem komplexen Amalgam handelnden Akteure (selbst jenseits klassischer Handlungstheorien) unter die Lupe nahmen. Gleichzeitig entwickelte sich eine endlose Reihe semi-wissenschaftlicher Abhandlungen über Potentiale und Gefahren des Digitalen. Die Sekundärliteratur zum Internet füllt (gefühlt) mittlerweile ganze Bibliotheken.

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Solution gegen Solutionism

Eine der Hauptthesen des Buches von Morozov – das gibt er an einer der wenigen Stellen en passant mal zu – ist, dass das Netz nicht essentialistisch zu betrachten ist, kein Wesen hat und stammt aus Lawrence Lessigs Buch “Code Is Law” von 1999, der diesem Thema damals ein ganzes Kapitel widmete. Lessig kam schon zum gleichen Schluss: “If there is any place that is constructed, cyberspace is it… the rhetoric of ‘essence’ hides this constructedness. It misleads our intuitions in dangerous ways.” Nur machte Lessig damals nicht den Fehler, sämtlichen Diskurs über das Netz unter diesem Teilaspekt zu subsumieren, nur um eine größere Angriffsfläche zu haben.

Dass man sich nicht leicht von beherrschenden diskursiven Grundzügen lösen kann, würde man gerne als Rechtfertigung des Morozov-Rundumschlags anführen. Der kämpft halt so lange gegen die Windmühlen, bis einem so schwindlig ist, dass das Argument zu Brain-Body-Memory geworden ist. Lassen wir einmal beiseite, dass es möglicherweise Episteme nach Foucault’scher Definition geben könnte, aus denen man sich eh nicht herausbewegen könne. Dann würde man zumindest von Morozov erwarten, dass er sich von diesem verfluchten Essentialismus selber reingewaschen hat. Mitnichten.

Geht Morozov nun eigentlich wenigstens den Auswirkungen dieser einen These im Detail nach? Es ist jedenfalls keine Entwicklung einer Begrifflichkeit zu entdecken, die zum Beispiel die unterschiedlichen Facetten von “solutionism” (auch das ein geborgtes Konzept) fassbar macht oder erklären würde. Es gibt auch keine Untersuchung (jenseits von endlosen Anekdoten), die einem die Wirkungsweise dieser Ideologie auf Bereiche der Politik, der Lobbyarbeit, technologischer Entwicklung etc. näher erklären würde, geschweige denn eine Struktur sichtbar machen würde, die eine Solution gegen Solutionism erahnen lassen könnte. Auch wenn Morozov dafür natürlich eine Lösung parat hat. Doch einen Schritt zurück. Es gibt in philosophischen Archiven meterweise Bände über Teleologie (das letztlich beschreibt die Haltung von Solutionism), das Verhältnis von Teleologie zu den Wissenschaften, zur Technik, zum Diskurs, zur Aporie, Apokalypse, etc. Nein, wie erwartet tauchen die nicht auf bei Morozov. Es ist nahezu ein Grundcharakter des Buches, für nichts eine Basis, Vorgänger, wissenschaftliche Grundlagen oder ähnliches zu bieten. Bodenlose Schwammigkeit als Unterstützung der eigenen These ist hier Programm.

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Zukunft? Unklar.

Sehr deutlich wird das zum Beispiel beim gerne seitenweise ausgebreiteten Topos “Gibt es ein Nach-dem-Internet?” Denjenigen, die Dinge sagen wie “Das Internet wird bleiben” wird nahezu Hirnlosigkeit vorgeworfen. Da es aber keinerlei Definition des Internets gibt, auf die sich diese oft eher vermutete Ewigkeit des Netzes stützen könnte, wird die Kritik zum Scheindiskurs. Weder Morozov noch die von ihm Kritisierten sagen eigentlich genau, was sie damit meinen. Wird es auch in Zukunft ein Netzwerk geben, auf dem Daten verbreitet werden? Unwahrscheinlich ist das nicht, aber wir wissen ja nicht einmal, von welchem Zeitraum wir da reden, geschweige denn von welcher Welt.

Zur Unterfütterung für die Hirnlosigkeit der vermeintlichen These der Ewigkeit des Netzes (die sich manchmal in sicherlich quietschigen, oft auch substanzlosen Reden vom neuem Zeitalter etc. ausdrückt) begeht Morozov dann, wie an anderen Stellen auch gerne, den Kardinalfehler: Er stellt das Internet in eine Reihe von Medien und schreibt damit dem Internet trotz vermeintlicher Essenzlosigkeit ganz natürlich die Essenz eines Mediums zu, statt es zum Beispiel mit dem Strom- oder Gasnetz zu vergleichen. In aller Banalität geht das Argument wirklich so: Man hätte sich damals auch nicht vorstellen können, dass das Radio abgelöst werden könnte, also müsste man es beim Internet eigentlich besser wissen. Und wer das nicht so sieht, ist schon verblendet von der Internet-Ideologie. Der Tod des Internets (das er aus Ekel vor dem Begriff durchgängig in Anführungszeichen setzt) ist für Morozov eigentlich beschlossene Sache. Wer das nicht sehen kann, gehört dem Club der Internet-Zentristen an. Deren perfide Agenda sei laut Morozov die Unveränderbarkeit und Unantastbarkeit des Netzes, das an sich für die Essentialisten ja befreiend ist, so dass jeder Eingriff ein Eingriff in die Freiheit der Menschheit und letztendlich die Lösung all unserer Probleme wäre. Dass das Gespür für die ständige Veränderung des Netzes geradezu ein Einstellungskriterium für Tech-Firmen ist, beziehungsweise die oberheiligste Aufgabe eines CEOs, der seine Firma länger als eine Welle bis zum nächsten Dotcom-Crash melken will, entgeht ihm dabei vermutlich nicht einmal. Er lässt es einfach unter den Tisch fallen, weil es – wie so viele andere – nicht in sein Argumentationsschema passt.

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Future-Shock-Starre

Welche Lösung schlägt Morozov nun für dieses dämliche Problem der Totalverblödung, wenn nicht gar Versklavung der Menschheit durch die Internet-Halbgötter vor? Bugs. Konsequente Fehler in Technik, die Technik immer wieder mit Brüchen versieht, an deren Aufscheinen den Menschen bewusst wird, dass sie Bürger sind, denen Gesellschaftspolitik wichtiger ist, als das neuste Gadget, die Totaldurchleuchtung jeder noch so minimalen menschlichen Ausdrucks- oder Handlungsweise. Und wenn Bugs nicht helfen, dann Technik, die die Bösheit von Technologie vermittelt. All das übrigens ein in Netart-Kreisen absolut beliebtes Thema seit nun fast zwei Jahrzehnten. Nur jetzt ganz neu. Weil: Morozov.

Gefährlich an Morozov ist – solange man glauben mag, dass ein Feuilleton-Hype gefährlich sein kann – aber genau das: Viele Dinge im Netz sind das reine Grauen, für all diese Dinge gibt es komplexe Lösungen, teils im Netz, teils von “außen” (wenn man das Netz wirklich mal provisorisch zur Vereinfachung auf einen Raum beschränken will, der es eigentlich längst nicht mehr ist). Nach der Lektüre von “Smarte neue Welt” ist man aber entweder so einäugig voll des Hasses auf die Internet-Verbrecher, oder so ermüdet von den Argumenten, schlimmstenfalls so plattgeredet von deren Eindimensionalität, dass man sich die Mühe schon gar nicht mehr machen möchte, nach ernsthafter Netzkritik zu suchen. Geschweige denn, sie selbst zu entwickeln, ihre Notwendigkeit in den Momenten zu erkennen, in denen man vielleicht wieder ein Mal vom Netz manipuliert wird – und dort, wo man es nicht wird, nicht gleich in Future-Shock-Starre zu hyperventilieren.

All Pictures from Alexei Shulgins Form Art Project (1997)

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Elektronische Lebensaspekte.

5 Responses

  1. Pete

    Er stellt das Internet in eine Reihe von Medien und schreibt damit dem Internet trotz vermeintlicher Essenzlosigkeit ganz natürlich die Essenz eines Mediums zu, statt es zum Beispiel mit dem Strom- oder Gasnetz zu vergleichen.

    Ein Vergleich des Internets mit einem Strom- oder Gasnetz? Das wäre genauso naiv, wie der Rest deines Beitrages.

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    • Sascha Kösch

      Ich würde mal behaupten, das ist genau so naiv, wie das Internet unwillkürlich in eine Geschichte der Medien zu stellen und Schlüsse zu ziehen wie: weil Medium A Schicksal X hatte, wird es dem Internet auch so ergehen. Ausserdem betont Morozov in seinem Buch auch ganz gerne (wie üblich, wenn er es gerade brauchen kann), eigentlich ist das Internet ja eine Ansammlung von Kabeln, Rechnern und Routern. Nicht dass er sich dran halten würde.

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