Lost and found

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In den 80ern versuchte sich Ben Cenac aus Brooklyn noch mit mäßigem Erfolg in R&B und B-Boy-Electro, bevor er 1990 mit House sein persönliches Paralleluniversum entdeckte. Seine wenigen Produktionen als Dream 2 Science und Cozmo D erblicken heute erst so richtig das Tageslicht. Ein Wimpernschlag vergessener Musikgeschichte. Seine Zeit als House-Produzent erscheint rückblickend weit mehr zu sein als nur eine kurze Affäre.

Text: Julian Jochmaring

Archäologie ist unsere Zukunft. Solange sich House weiter in einer endlosen Nostalgiespirale um sich selbst dreht, öffnen sich neue Perspektiven nur noch für die, die tiefer graben, abseits der nekrophilen Pfade, auf denen geschichtsbewusste Klangforschung längst zum Reenactment-Porno geworden ist. Ein richtiger Archäologen-Glücksgriff ist den Holländern von Rush Hour mit der Wiederveröffentlichung der “Dream 2 Science”-EP von 1990 gelungen – des einzigen Release des New Yorker Ben Cenac auf Power Move Records. “Dream 2 Science” ist ein kristallklares Manifest elektronischen Souls, voll weicher Pads und verliebt taumelnder Pianos. Es schlägt eine Brücke zwischen dem futuristischen Electro der frühen Achtziger und der Emotionalität von Chicago House. Wenn in “My Love Turns To Liquid” die weibliche Stimme ins Zentrum des Tracks rückt, offenbart sich sogar ein subtiler Pop-Appeal, der in den wesentlich reduzierteren und funktionaleren House- Ansätzen der Zeit – etwa von Nu Groove – bereits verloren gegangen war.

Im Gegensatz zu den meisten seiner Konkurrenten war Cenac kein unbeschriebenes Blatt. 1990 konnte er schon auf fast ein Jahrzehnt im Musik-Business zurückblicken. Als Rapper und Produzent Cozmo D hatte er mit Newcleus zwischen 1983 und 1986 mehrere R&B-Charts-Erfolge. Newcleus’ B-Boy-Electro blieb nicht nur dank der neuartigen 808-Sounds und Chipmunk-Vocals, sondern auch wegen der knalligen Platten-Cover in Sci-Fi-Optik im Gedächtnis. Sein ätherischer Underground-House war dagegen lange Zeit fast völlig vergessen. Cenac lebt heute in Easton, Pennsylvania, einem 30.000-Seelen-Städtchen zwischen New York und Philadelphia. Gutgelaunt plaudert er über seine Erfahrungen aus vier Jahrzehnten Musikgeschichte und lüftet dabei das Mysterium seiner ungewöhnlichen Diskographie: “Angefangen habe ich 1975, zu Highschool- Zeiten, als Funk- und Disco-DJ in Brooklyn. Meine Name war ‘Cozmo Dizco’, eine Kombination von El Cocos ‘Mondo Disco’ und ‘Captain Cozmo’, einer selbsterfundenen Comic-Figur aus Kindertagen.“

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Elektronische Lebensaspekte.

One Response

  1. Wurstbrot

    Naja, dieser staubige “Chicago” House war schon damals… ja staubig :) . Ob man das jetzt wieder aus der Schublade ziehen muss?! Was ich eher interessant finde ist das anscheinend ein neues Newcleus Album in der Pipeline ist:

    http://jamonproductions.com/ad2005.html

    Warum erwähnt ihr das denn mit keinem Wort?!
    UND “Computer Age” ist meines erachten noch heute ein Track, der nicht den kleinsten Fizel Staub angesetzt hat.

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