Überwachung im Alltag

lawrence_72dpi_02

FOTOS: CHRISTIAN WERNER

NSA, BND und das Internet? Nur die Zuspitzung eines erdrückend perfiden Gesamtpakets der Datensammlung. Der öffentliche Raum, vor allem dort, wo eingekauft wird, ist bis zum letzten Winkel digital vermessen und mikrofoniert. Keiner merkts, alle machen mit.

Wir haben immer noch nicht begriffen, dass das Internet nicht einfach ein eigener Raum ist. An kaum einem Phänomen merkt man das deutlicher, als an der Debatte rings um die Überwachung der NSA. Plötzlich denkt man nur noch an das eine: Wer liest meine E-Mails, wer hört bei den Facebook-Plaudereien mit, wer überwacht mein Browser-Verhalten, was will der Staat, die NSA, oder sonst wer mit meinen Daten? Man hat die Netzgiganten und die staatliche willenlose Überwachungsmaschinerie im Blick und verliert dabei völlig das Gespür für eine Welt, die längst bis in den letzten Winkel der Straßen, Shops und wo immer man sich sonst rumtreibt durchleuchtet werden kann. Man vermutet einen Spion hinter jedem Browser, jeder App, nicht aber dort, wo man sich scheinbar frei bewegt.

Es mag uns so gerade noch klar sein, dass ein Smartphone irgendwie ständig Daten darüber verschickt, wo wir gerade herumlaufen und so eine ultrapräzise Ortung selbst unserer kleinsten Bewegungen ermöglicht. Uns mag einleuchten, dass es neben all seinen unterhaltsamen Funktionen und der ständigen Verbindung mit digital-sozialen Zusammenhängen ein Bündel von Sensoren ist, das erkennt, wie schnell und wohin wir uns bewegen, ob wir zu Fuß gehen, auf dem Fahrrad sitzen oder im Auto unterwegs sind. Wirklich bewusst machen wir uns das aber nur selten. Ständig geht ein Smartphone seinem Nebenjob nach – zum Beispiel WiFi-Netze in der Umgebung zu scannen (alle selbst hypergenau kartographiert) – und wer obendrein noch ein Nutzer von Fitness-Apps ist, der vermisst vom Puls bis zum Blutdruck eh schon konsequent die wabernde Biomasse, die er mit sich rumträgt.

Aber auch weit darüber hinaus bedeutet die Ausweitung der Sensoren-Zone, dass das Netz und alle Vorstellungen, die wir uns über dessen Berechenbarkeit und Überwachungsfantasie machen, längst kein eigener Raum mehr ist, der sich groß vom Rest der Welt unterscheiden würde. Diese Überwachungswelt ist längst überall. Online haben wir uns daran gewöhnt, dass Werbung uns nachläuft. Dass wir einen Dunst von Cookies mit uns rumschleppen, der unsere Web-Vorlieben in zielgenau zugeschnittene Werbung verwandelt und dennoch oft genug Stirnrunzeln verursacht. Offline halten wir Werbung zumeist für dumpfer. Noch ist sie das auch, aber eben nicht mehr überall und immer seltener. Eine Firma wie Amshold zum Beispiel erreicht in Supermärkten und Einkaufszentren längst 50 Millionen Menschen mit einer Form von Werbung, die darauf basiert, mit einer Kamera hinter dem Werbe-Screen auszuwerten, wer genau gerade die Werbung ansieht. Dabei lässt sich schon jetzt locker Alter, Geschlecht, Stimmung und mehr analysieren und die Werbung hinter der Supermarktkasse zielgenauer auf die gerade in der Schlange stehende Zielgruppe anpassen.

Wir sehen was, was du nicht siehst
Bilderkennung steht erst am Anfang. Wenn man sich so manche jetzt schon mögliche automatische Echtzeit- Analyse von Bildern, wie zum Beispiel bei Google, ansieht, dann ist es nicht mehr lange hin, bis solche Werbung unseren Einkauf bis ins letzte Detail allein vom Bild auf dem Band, das wir in der realen Welt der Kamera hinter dem Screen liefern, analysiert, und uns auf mögliche Ver- säumnisse oder die ungewünschte Marke und natürlich den viel zu billigen Fehlkauf hinweist.

Kameras halten massiv Einzug in den Werbe- und den Shopping-Kosmos. Es gibt mittlerweile komplette Kamera-Überwachungssysteme in Kaufhäusern, die nicht etwa dazu da sind, Langfinger zu fassen, sondern unser Einkaufsverhalten zu analysieren. Welche Waren nehmen wir wo wahr, wann und wo greifen wir sie am häufigsten, welcher Engpass führt zum Stau, welcher Umweg führt am Ende mit größter Sicherheit zum Kauf. All das im Dienste der Optimierung des Shop-Layouts für effektiveren, profitableren Einkauf. Bislang spielen viele Shops noch mit den neuen technischen Möglichkeiten. So versieht Burberry ihre Kleidung mit RFID-Tags, die einem ermöglichen, wenn man sich damit vor einen Spiegel stellt, Models in dieser Kleidung zu sehen. Banal! Der nächste Schritt ist, jedes ein Mal getestete Kleidungsstück mit Gesichtserkennung zu versehen, so dass der zurückkehrende Kunde im Shop allein durch sein In-die-Hand-Nehmen von Klamotten ein eigenes Geschmacksprofil ablegt. Und ja, auch in Geschäften werden mittlerweile über Smartphones Bewegungsprofile angelegt.

lawrence_72dpi_01

Und nicht nur da. In London steigen seit kurzem die öffentlichen Mülleimer in diesen Job mit ein. Die sind natürlich mit Werbescreens ausgestattet, aber auch mit WiFi-Antennen, die sämtliche Identitäten von Handys sammeln und so den Einkaufsbummel analytisch begleiten. Auch hier ist die Idee: personalisierte Werbung, zugeschnitten bis hinunter zur einzelnen Person. Treue Kunden einer Kaffeekette werden so beim Fremdgehen mit einer anderen Marke ertappt und sanft mit einem Hinweis (“Starbucks vermisst dich so sehr”) wieder auf den rechten Pfad gelotst; off- wie online. Qualcomm zum Beispiel nutzt all solche Daten in Japan auch wieder für eine gezieltere Werbung auf Handys und behauptet, dadurch eine drei Mal höhere Clickrate zu erzielen. Die Londoner Stadtverwaltung will dieses Prozedere jetzt unterbinden.

Werbung beschreitet mit solchen Methoden einen schmalen Grad: zwischen dem Gefühl, als Kunde über unwahrnehmbar hinterlassene digitale Spuren ultrapersönlich angesprochen zu werden und andererseits dem Creepiness-Faktor, dass die Marke einfach zu viel über einen weiß. Das Paradoxe daran: je gruseliger und intrusiver die Methode, desto unauffälliger am Ende die Überwachung und die Manipulation. Es ist schon jetzt durchaus greifbar, dass Menschen, die ihrer Unlust über eine zu persönliche Werbeansprache mit einem verzogenen Gesicht Ausdruck verleihen, in naher Zukunft von eben genau dieser zu direkten Ansprache, wegen der gespeicherten Runzelstirn verschont bleiben. Wir vermuten, ganze Armeen von Verkaufenden werden in Kürze extra zur Umschiffung dieser und ähnlicher Klippen endlose psychologische Schulungen aufgedrückt bekommen.

Überwachung in 3D
Dabei haben wir die dritte Dimension noch nicht einmal berücksichtigt. 3D-Modelling von Bildern bis in nahezu perfekt reproduzierbare 3D-Prints sind ja längst keine Zukunftsmusik mehr, sondern Consumer-Technologie, die nicht nur dazu führt, dass man sich selber in den neuesten Klamotten der Firma XY von allen Seiten ansehen kann, noch bevor man den Laden überhaupt betreten hat, sondern sich auch bestens dazu eignen, einen Schlüssel nachzudrucken, der ein Mal von allen Seiten beleuchtet wurde. Ja, dazu gibt es bereits Apps.

Kameras sind bislang vor allem nur für das sichtbare Licht zuständig. Aber auch das unsichtbare verrät einiges. Nacktscanner kennen wir alle und schon der Traum von X-Ray-Apps auf dem Smartphone sollte uns verraten, welches Potential hinter einer Ausbreitung des auswertbaren Lichts steckt. Für ultraviolettes Licht und T-Rays fallen langsam die Grenzen. Durch-Wände-Sehen, Wärmeprofile, in Taschen blicken: All das ist technisch brauchbar und nur noch eine Frage der Zeit. Und mögen Dronen am Himmel noch eine Seltenheit sein – und hierzulande bestenfalls bei Fußballspielen eingesetzt werden – weichen auch dort schon die Grenzen auf.
Neue Gadgets und Apps liefern Nützlichkeit durch Überwachung: Google tendiert immer mehr dazu, Ansagen zu machen (Google Now), denn Antworten zu liefern; Smartwatches und Fitness-Apps tendieren dazu, immer mehr die Schnittstelle zwischen Information und unserem Körper aufzulösen. Wer diese Trends sieht, der ist nicht einmal mehr verblüfft, dass es tatsächlich schon jetzt Medikamente gibt, die Körperinformationen und Dosierungsanweisungen direkt über Microchips aus dem Körper heraus an den Arzt und den eigenen Mail-Account senden.

Wer sich ernsthaft Gedanken über Überwachung machen will, der muss aufhören von Gedanken wie “meine Daten” auszugehen – allein die eigene Präsenz erzeugt schon Daten -, der muss auch aufhören, zu denken, dass im Internet das Hauptproblem zu suchen wäre und sich bewusst machen, dass man immer Daten produziert und sie immer jemand lesen wird. Es kommt nur darauf an, genau zu wissen wo, wie, ob man sich dagegen wehren kann und mit welchen Mitteln. Alu-Hüte auf!

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.

Leave a Reply