Roman Lehnhof über Hypes, Blogs und Musikrezeption
Text: Roman Lehnhof aus De:Bug 149

Das letzte Jahr hat gezeigt: Je schneller sich die Hypemaschine dreht, desto langsamer, runtergepitchter wurde die Musik, von der die Maschine erzählte. Die Band Salem (siehe) war das Hype-Übermonster. An ihrem Sound ging ein Hypegenre zugrunde und das nächste wurde geboren. Chillwave, Witch House, Rape Gaze – es wird immer unübersichtlicher. Klar ist nur: Die Gewohnheiten der Musikrezeption sind tief verunsichert. Die Blogosphäre wird immer einflussreicher, der Hype Cycle immer kürzer. Wir wagen einen großen Rückblick auf das letzte Dritteljahrzehnt und ein kleinen Ausblick auf das nächste.

Wann die Beschleunigung eskalierte, weiß niemand mehr. Vielleicht mit den ersten Einträgen bei Hipster Runoff, dem “blog worth blogging about”, vielleicht auch schon mit dem inoffiziellen Launch der Hype Machine. Auf jeden Fall war Pitchfork schon populär, darauf können wir uns einigen. Beginnen wir im Sommer 2007: Ungeduldigen gilt die Indie-Blase als geplatzt, auch Minimal wird langsam schal. Die Debütalben von Justice und Digitalism fallen auf die fruchtbaren Indietronics-Böden der Peripherie-Diskotheken, Ed-Banger-Labelchef Busy P macht den Reibach seines Lebens. Alle reden von “New Rave”, “Maximal” oder “Elektro” (hierzulande tatsächlich gerne mit K).

Die Musik kauft man neuerdings bei iTunes. Vorausgesetzt, man hat die Kohle und will sich die Mühe machen. Alle anderen saugen ihre Alben bei Rapidshare und Co, seitdem in den P2P-Netzwerken die Angst umgeht. Doch das zentrale Format ist sowieso der frische Remix, und den gibt es zeitnah in der Hype Machine – immer gerade noch rechtzeitig fürs DJ-Set am gleichen Abend. Zur Erinnerung: Hype Machine ist ein Blog-Aggregator, das heißt, sie grast hunderte von Musikblogs nach neuen MP3s ab und macht sie mit einer Suchmaschine auffindbar. Die individuell zusammengestellte Musik wird dann logischerweise von den Bloggern neu kompiliert und wiederum von Hype Machine indiziert. Eine Kategorie namens “most blogged artists” verteilt noch die Aufmerksamkeit von unten nach oben, fertig ist der kulturelle Seismograph, dessen Nadelausschlag das Blogbeben gleich mitliefert. Den Hörern ist’s egal. Hauptsache es knallt und ist umsonst.

Last Days of Bloggable Electro
Diese aufblasbare Verbindung aus Musik und Kanal trägt sich bis weit ins Jahr 2008. Der Sound wird radikaler: Ed-Banger-Kollege SebastiAn pitcht “Rollin’ & Scratchin'”, das brutalste Daft-Punk-Release aller Zeiten, auf plus Zehn, und Toxic Avengers Schmähtrack “Saloperie de Minimale” wird kanonisch. New Rave ist allerdings schon am Ende seiner tontechnischen Möglichkeiten angekommen, die rechteckige Bassline degradiert zur Manier und die Maximalität zum Maximalismus. Blogger Carles fragt bei Hipster Runoff: “WTF is Blog House?” – und kommt zu keinem Ergebnis. Ob Sound oder medienhistorisches Artefakt, so genau will er das sowieso nicht wissen. Zumindest tut er so und ist dabei irre witzig. Seine Empfehlung jedenfalls: “Blog or die.” Den Rest des Jahres macht man sich über Steve Aoki, Crystal Castles und die Zukunft des Musikjournalismus lustig. Mit der Zeit wird es aber zunehmend fade, Anfang 2009 ruft Carles, dessen Blog mittlerweile auch von amerikanischen Print- und TV-Journalisten regelmäßig konsultiert wird, “The Last Days of Bloggable Electro” aus. Die Desillusion kommt in der Realwirtschaft an, die Partys lassen nach, auf die Feier folgt der Kater. Der erste genuine Massen-Bloghype geht zu Ende.

Fluchtschlaf
Nostalgie und Introversion bedienen schließlich die Bedürfnisse der krisengeschüttelten Digital Natives, deren Konzerttickets immer teurer und deren elterliches Girokonto immer dünner wird. Mitten im Shitstorm des Selbstvermarktungs- und Flexibilisierungsblablas schätzt man wieder die ruhigen Momente mit angeschlossenen Kopfhörern. Kollege Timo Feldhaus wird seinen damaligen Text über Toro y Moi sehr passend mit “Der Schlendrian” betiteln. Im Rückblick wird deutlich: Die Tagträumerei des schüchternen Chaz Bundick ist vor allem ein Fluchtschlaf. Und ein Winterschlaf. Pitchfork ist noch anwesend und liefert zusammen mit dem nun sehr populären MP3-Blog Gorilla vs. Bear den Soundtrack zu diesem Rückzug ins Sorglose.

Chillwave wird getauft. Neon Indian, Washed Out, Memory Tapes sind sprechende Namen, auch Sleep Over und Beach House sind trotz mangelnder Snare-Signatur eher chill als Abfahrt. Hipster Runoff dreht voll auf, Carles ist jetzt alles egal, er nimmt auf keinen mehr Rücksicht und zieht die Involvierten gnadenlos durch den Kakao. Ob das Musikvideo X wohl die “personal brand awareness” des Künstlers erhöht? Wie sich wohl die Trennung der C-Sternchen Y und Z auf die “chillwave movement” auswirkt? Jemand hat ein Chillwave-Cover in Unterwäsche aufgenommen! Und während das Wall Street Journal (!) noch überlegt, ob Chillwave “The Next Big Music Trend” sei, fragt Carles: “Has Chillwave gone Tween Stream?”. An der deutschen Presse geht das Thema derweil komplett vorbei. Für alle Zuspätkommer gibt es immerhin “An Entry Level Guide To Chillwave: The Latest Post-Indie Genre That Every1 is Talking About”. Der Hype gerinnt hier von Anfang an zur Farce: Carles lacht nicht mit den Hörern, er lacht über sie. Und die lachen munter mit.

Böses Erwachen
Genau das will Witch House von Beginn an vermeiden. Von heute auf morgen in aller Munde, ist die düstere, multimediale und ideengeschichtlich aufgeladene Ästhetik eine ebenso logische Entwicklung wie der Verzug, mit dem schon Chillwave an die Öffentlichkeit geriet. Aber noch mal der Reihe nach. Im Frühling 2010 war der Winterschlaf vorbei. Griechenland war zwar pleite, aber ansonsten war alles okay. Man hatte schließlich adäquat gechillt in den letzten Monaten, den Gürtel etwas enger geschnallt, alles ruhig angehen lassen. Aber: In Wahrheit ist die Kacke am Dampfen. Gar nichts ist okay.

Im Mai platzt die Bombe, bei Pitchfork erscheint ein armlanger Artikel über Drag, Haunted House, Witch House. Der ironische Titel: “Ghosts in the Machine”. Dabei hat die Hypemaschine mit White Ring, oOoOO und Mater Suspiria Vision gar nichts zu schaffen. Viele Künstler meiden ohnehin jede Öffentlichkeit, einige basteln sich sogar nicht-indizierbare Projektnamen aus Unicode. Motto: Suchmaschinen müssen draußen bleiben. Die Musik ist verstörend, jedes Video fordert die volle Aufmerksamkeit. An die Stelle einer heimelig-nostalgischen Egoschau tritt die Beschäftigung mit dem Essentiellen, Verbindenden, Transzendenten, aber auch: mit tiefen Abgründen. Es ist ein Ritual der Reinigung. Alles findet online statt, Blogs und Social Media dienen als Partizipationskanäle für einen globalen Teleritualismus. Witch House findet seinen Weg in die deutsche Presse im September 2010.

Silbergeld
Die Blogs sind in der Zwischenzeit natürlich weiter, Ende des Jahres wird eifrig über die Genreparodie Rape Gaze berichtet. Drei von vier Kommentatoren bei Last.fm finden das eher “lol”, und Hipster Runoff spottet: “Seems like ‘rape gaze’ has a huge opportunity to become the next chillwave, since it is way more hardcore than the term ‘witch house’.” Kurz vor der absehbaren Endstufe medien- und damit informationstechnischer Beschleunigung ist also nicht nur der Hype thematisch, auch die Persiflage des Hypens ist gängige kulturelle Praxis. Das Hypen selbst ist der Hype, sein Gegenstand rein virtuell im eigentlichen Wortsinne. Die Überholung der Produktion durch die Kommunikation hat eine technogene Blase gezeitigt, die Musik nur noch entfernt zum Anlass nimmt. Die jüngsten musikalischen Entwicklungen und ihre öffentliche Verhandlung sind so nur noch denkbar als verlängerter Arm einer billiardenschweren, Jahrzehnte langen Geschichte elektrotechnischer Unternehmensinnovationen.

Kein Wunder, dass sie niemand mehr ernst nimmt. Das lateinische “electrum” bezeichnete als Lehnwort übrigens nicht nur “Bernstein” (die Tönung der Bandfotos auf Gorilla vs. Bear), sondern auch das goldlegierte “Silbergeld”, was wiederum hervorragend zur mehr wirtschafts- als musikjournalistischen Realsatire Hipster Runoff passt. Gorilla vs. Bear verfügt mittlerweile über eine eigene musikalische Prägeanstalt namens “Forest Family” und ist Teil des Blogkollektivs Altered Zones, dem auch die Aussie-Psych-Fachleute von Rose Quartz angehören. Altered Zones ist wiederum ein Projekt der – Überraschung – Pitchfork Media Inc., was angesichts mangelnden Impressums vielleicht nicht jeder mitbekommen haben dürfte. Damit ist der nebulöse Pitchfork-Komplex nun Plattenfirma, bloggerbasiertes Empfehlungsmarketing und professionelle Musikpresse unter einem Hut. Dank Aggregatoren ist das eine Menge Marktmacht. Und Carles? Der hat Anfang Dezember sein Blog geschlossen – zum dritten Mal. Es bleibt spannend.

8 Responses

  1. De:Bug: Blog House « in defense of lost causes

    […] Ein Überblicksartikel über die beschleunigte Aufmerksamkeitserzeugung in Zeiten immer flüchtigere…. Wenn man sich das Interview in derselben Zeitung mit Salem durchliest oder diesen Mix von Hype Williams beim FACT Magazine anhört, dann wird man das Gefühl nicht los, dass diese Leute die aufgekratzte Hypemaschinerie gründlich verarschen, weil sie wissen, dass sie jeden Schrott verbreiten können und irgendwer das dann in jedem Fall als den neuen heißen Scheiß schluckt. GA_googleFillSlot("468x60_default"); […]

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  2. Terry Bell

    mMn schließen viele blogs (u. bleiben geschlossen), weil die leute dahinter dachten, sie könnten den platzhirschen (traditionelle printmedien sowie statische webseiten wie pitchfork oder laut.de) ans bein pinkeln – immer einen schritt voraus, ganz nach dem vorbild der fashion blogger. irgendwann haben sie schließlich festgestellt, dass ihr blog-house (im engeren sinne electrohouse und nu disco) nur nervt und nichts einbringt. außer vielleicht ein paar basecap-tragende colorierte affen, die einem folgen, aber deren musikrezeption eher ans kettenrauchen erinnert. überdies sind das nicht gerade die loyalsten fans und inzwischen schon auf den wobblestep-zug aufgesprungen (was übrigens zu zusätzlicher desillusion bei den bloggern geführt hat, da sie dem zug plötzlich hinterherliefen – womit ihr ursprüngliches blogger-ideal natürlich ad absurdum geführt wurde).

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