Arno Kammermeier und Walter Merziger sitzen als Rückgrat von Get Physical im Studio oder entwerfen Beats für Werbespots. Oder sie spielen in 20 Monaten 140 Konzerte und begeistern Massen mit ihrer Hit-Sammlung.
Text: Constantin Köhncke aus De:Bug 123


Elektronische Musik wird oft fälschlicherweise auf Elektro reduziert, dabei wird an Tracks gedacht, die an der Oberfläche des Untergrund-Wassers auftauchen und mit Radiopromotion und weitgehender Internet- und Clubstreuung an der Untergrenze des Mainstreams umherschwimmen. “Rocker” war so ein Track, “3 Tage Wach” scheint es gerade zu werden, aber auch Booka Shades “Mandarine Girl” und “Body Language” gehören unmittelbar zu dieser Genrefizierung des kommerztauglichen Club-Hits.

Wenn man sich die Historie von Arno Kammermeier und Walter Merziger alias Booka Shade anguckt, stellt man fest, dass der Weg zu dieser Art des Hits bei ihnen nicht von ungefähr kommt. Bevor sie 2002 zusammen mit DJ T und M.A.N.D.Y. das slicke “Get Physical“-Label ins Leben riefen, sind sie schon lange als Musiker unterwegs. Anfang der 90er Jahre stehen sie zusammen als Synthie-Pop-Duo auf der Bühne, danach veröffentlichen sie Techno-Platten auf Harthouse, R&S oder Tommy Boy. Als globale Jugendbewegung schwimmt Techno gerade ganz oben. Und manchmal muss man eben aufhören, wenn es am schönsten ist.

Ein Releasestopp ist die Folge, der bis zur Veröffentlichung ihres ersten gemeinsamen Albums Memento andauert. Dennoch produzieren die beiden weiter Musik, nur nicht als Booka Shade, nicht als Songwriter, sondern als Produzenten. Denn dass Arno und Walter aufhören würden Musik zu schreiben, wäre schlichtweg undenkbar, ist das Studio doch der Ort, wo sich die beiden pudelwohl fühlen, zumindest genauso wohl wie auf der Bühne. Booka Shade tüfteln ab sofort also nicht mehr an eigener Musik, sondern beginnen damit, andere Bands und Acts zu produzieren, Pop-Bands wie die No Angels oder Dance-Pop-Legenden wie Culture Beat. Anfang des neuen Jahrtausends kommen Soundtracks für Werbungen dazu.

Da könnte man zu dem Schluss kommen, dass Booka Shade ihren Status und ihre Fähigkeiten im Studio nun dazu benutzen würden, um dem Pop ein bisschen subkulturelles Flair zu verleihen oder um großen Marken wie BMW oder Levi’s ein wenig Street Credibility überzustülpen. “In Deutschland ist es ja negativ konnotiert, Musik für Werbung zu machen“, erklärt Walter Merziger. “Aber gerade im Ausland ist es das Sprungbrett zu allem anderen. Wir haben hauptsächlich internationale Spots gemacht und die Kunden wollten sehr authentische Musik haben. Es ging jetzt nicht darum, den 150. Röchel-D-50-Sound einzusetzen, sondern das zu machen, was wir sowieso gut können.“

Bleibt die Frage, warum man vom Produzenten wieder zum Act wird, vom Studio wieder auf die Bühne tritt und seine eigene Musik auch wieder performen will? Warum tourt man als Booka Shade wieder in einem Zyklus, welcher dem einer Stadionrockband ähnelt?

“Da kamen verschiedene Sachen zusammen“, klärt Arno Kammermeier auf. “Einerseits haben wir uns mit der Veröffentlichung von Memento überlegt, wie wir das Album jetzt promoten könnten. Wir sind keine DJs und werden es wahrscheinlich auch niemals sein. Als Produzenten und Musiker fühlen wir uns auch einfach viel wohler. Aber DJ T und die Jungs von M.A.N.D.Y. erzählen uns nach den Wochenenden immer, wie irre es abging, wenn sie Get-Physical-Platten spielen. Das hat uns sehr neugierig gemacht. Da haben wir uns gedacht: Wenn wir selber als Band unterwegs wären, dann könnten wir das auch erleben.“

In Zeiten einer Rezession der Musikindustrie, die mit schwindenden Absatzzahlen von Tonträgern einhergeht, ist der Grund für die Inflation von Live-Gigs und Touren eindeutig: Der Act muss wieder live spielen, um Geld zu generieren, als hübscher Nebeneffekt ist eine gute Live-Tour Balsam für die Promotionseele. Bei Booka Shade ist sicher was dran an dieser kühlen Funktionalität von Live-Gigs, dennoch scheint es hier um viel mehr zu gehen.

Im April packten Arno Kammermeier und Walter Merziger ihre Instrumente und Maschinen, nahmen ihre Tontechniker und Lichtkünstler mit und reisten in zwei Wagen samt allem Equipment gen Norden. Genauer gesagt nach Parchim, in die Flame Diskothek. Fernab der überkritischen Großstadt testeten sie dort vor Publikum die neue, sehr aufwendige Show, die zwar in Zusammenarbeit mit vielen Leuten funktioniert, aber dennoch von Walter und Arno alleine konzipiert ist. Man identifizierte Stärken und Schwächen, technische Mängel und Gänsehaut-Momente. Man baute neben neuen Bearbeitungen der alten Hits die ruhigen Songs des neuen Albums “The Sun And The Neon Light“ ein. Man versuchte die bestmögliche Dramaturgie zu bestimmen.

Coachella, Rock am Ring, Benicàssim und Glastonbury sind nur einige Stationen auf der neuen Tour von Booka Shade. Da muss einfach alles stimmen. Denn noch mehr als bei der Produktion von anderen zählt für Arno Kammermeier und Walter Merziger bei der eigenen Musik die Perfektion.
http://www.bookashade.com

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Elektronische Lebensaspekte.