DJ History
Text: Finn Johannsen aus De:Bug 138

Aus kontinentaler Perspektive ist es immer wieder erstaunlich, wie emsig und unverkrampft man auf der Insel an einer übergreifenden Aufarbeitung der Club-Kultur arbeitet, auch in Buchform. Was 1998 mit Sheryl Garratts “Adventures In Wonderland” seinen Anfang nahm, ging stetig weiter: Just haben die Chefchronisten Bill Brewster und Frank Broughton den Acid-House-Prachtfotoband “Raving 89” von Neville und Gavin Watson auf die Kaffeetische lanciert, folgt schon der Nachschlag mit einem Werk über Boy’s Own, die wichtigste Londoner Fanzine-Institution der klassischen UK Rave-Zeiten von 1986 bis 1992.

Es mag der nach wie vor schwelenden Nord-Süd-Rivalität zu verdanken sein, dass nach zahlreichen Veröffentlichungen über Manchesters Legendenclub Haçienda plus Umfeld auch Londons Szeneprotagonisten ihr Zeugnis ablegen. Boy’s Own brachte es in sechs Jahren zwar nur auf zwölf Ausgaben, doch damit erreichte man das, was die meisten anderen Fanzines nur beabsichtigen: Tiefe Spuren hinterlassen. Außer Magazinen wie der Face, I-D und dem vorübergehenden Konkurrenten Blitz hatten britische Medien für Clubkultur zur Gründungzeit von Boy’s Own nicht viele Zeilen übrig.

Lokale popkulturelle Entwicklungen, die dem Nachtleben entstammten, exportierte man von der Beat Invasion über Post Punk und New Romantics hin zu Rare Groove zwar stolz und mit voller Hype-Ladung über den Erdball. Aber diejenigen, die in den richtigen Clubs zur richtigen Zeit dazu tanzten, hatten nie ein rechtes Sprachrohr. Es brauchte wohl den Enthusiasmusüberschuss des nacheifernden Peripherie-Hipsters um diesen Zustand zu beenden. Terry Farley, Andrew Weatherall, Cymon Eckel, Steve Hall und Steve Mayes stammen aus dem Londoner Umland und waren einerseits vom Clubland des Zentrums angezogen, andererseits aber auch stolz genug, ihre vormals ausgegrenzte Herkunft nicht zu verleugnen.

So drückten sie mit punkgeschultem Schreibmaschinen-Layout der etablierten Szene hartnäckig und unterhaltsam ihr Themenspektrum zwischen Drogen, balearischen Urlaubsreisen, House, Fußball, Casual-Mode und nächtlichem Troopertum auf, bis sie selbst die Szene waren. Fortan regierten die Jungs für lange Zeit mit florierenden Partys, Plattenlabels und Produzentenkarrieren und dem Herz am rechten Fleck voller Liebe für die Sache. Eigentlich hat sich nichts geändert, nur die Reputation und das Beziehungsgeflecht wurden größer: Weatherall ist immer noch ein einflussreicher Erzbohemien und Farley rettete seinen Humor, die Leidenschaft und alle Schreibfehler zum Fanzine “Faith”, das heute als ähnlich wichtige Lektüre gilt. Dieses Buch ist immer noch eine essentielle Lehrstunde in Ladism, Top Young/Old Boys-Berichterstattung und entspanntem Checkertum. Die Musik dazu mag heute anders klingen, aber alles was noch dazugehört, tobt weiter.

Boys Own

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Elektronische Lebensaspekte.

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