Sven von Thülen: 5 Punkte, Anton Waldt: 1 Punkt
Text: Sven von Thülen aus De:Bug 113


Sternstunden der Bedeutungslosigkeit
Rocko Schamoni, Dumont: 14,90 Euro

Michael Sonntag ist der klassische Slacker. Mit einer soliden Mischung aus Ironie, Verzweiflung und Selbstmitleid bewaffnet, ist er der provinziellen Enge seiner niedersächsischen Heimat Cloppenburg entflohen, um sich als kunsthassender Kunst-Scheinstudent und selbst ernannter Nichtsnutz ziellos über den Hamburger Kiez treiben zu lassen. Die Welt ist ihm ein Rätsel, das Leben eine Beleidigung, für die er eine Entschuldigung erwartet. Er ist auf der Suche nach Freiheit, nach einem Leben jenseits der vorgezeichneten Entwürfe, die sein Umfeld für ihn bereit hält (die Taxischule seines Vaters übernehmen, bis ans Ende seiner Tage Plakate kleben oder doch noch Kunst zu Ende studieren), er steckt sich aber selbst täglich in seinen Knast aus Selbstgeißelung und Selbstzweifeln.

Auf seinen Streifzügen durch das Hamburg der ausklingenden achtziger Jahre begegnet er allerlei schrullig kaputten Kiez-Gestalten, die dort ähnlich wie er gestrandet sind und den zähen Trott des eigenen Verfalls bezeugen. Einzig seine heimliche Verliebtheit in seine schöne Nachbarin ist ein ständiger Nervenkitzel. Rocko Schamoni erzählt in seinem dritten Roman einen Inner City Blues, eine tragisch komische Innenansicht, die das perfekte Setting für Schamonis lakonisch trockenen Humor und seinen Sinn für verwundert-feine Alltags-Beobachtungen abgibt.
•••••

Tiefpunkt des Jammerlappemtums
Re-Rezension von Anton Waldt

So kann´s gehen: Der werte Kollege lobt ein Buch, das sich bei der Lektüre als Hirnkrätze übelster Sorte heraus stellt. Und bevor sich ein sensibler Leser im Liegestuhl übergeben muss, hier die zweite Meinung: Rocko Schamoni legt mit den “Sternstunden” ein wahrhaft monströses Dokument peinlicher Selbstverliebtheit vor – Verliebtheit in sein Ego, seine Hippness und seinen Schwanz. Schamoni pendelt nämlich zwischen zwei Polen: Einerseits ist alles gerechter Weltschmerz, soziale Funktionsverweigerung und fröhlicher Aso-Punk, andererseits kann er es sich nicht verkneifen, penetrant darauf rumzureiten, wie Klasse sein Alter Ego das Szene-Slackertum beherrscht.

Da wird erst über Seiten gehungert und unter fiesen Umständen mühsam ein Kleingeld verdient, dann schnippt der gleiche Ich-Erzähler einmal mit dem Telefon, und hat einen coolen, prima entlohnten Job. Da wird ewig das unsichere Männer-Seelchen beheult, aber eine Seite später muss Herr Schamoni uns aufs Auge drücken, dass es für eine breite Hose wie Herrn Schamoni keinen Abend ohne drei Hundert-Pro-Abschlepp-Optionen gibt. Was bleibt, ist das stinkende Lied von der harten Schale und dem weichen Kern des Hetero-Mackers, der das Universum um seine Luxus-Problemchen kreiseln lässt. Das ist nicht schön mitanzulesen, da helfen auch hier und da eingestreute Wortdrolligkeiten und vereinzelt gute Erzähldrehs so gar nichts.

Anhören (MP3): Rocko Schamoni im Interview
http://www.dumontliteraturundkunst.de

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.