Keine Bilder und kein Name: Burial aus London verschleiert erfolgreich seine Identität, mag keine Handys und steht nicht nur bei seiner Plattensammlung auf oldschool. Nebenbei hat er das erste Dubstep-Album gemacht, dass sich auch mit Recht so nennen darf. Adam Park nimmt ihm die Maske ab.

Nur die Musik zählt
Burial

Ewigkeiten, nachdem Drum and Bass sich sein Schienbein am Coffetable-Journalismus final geprellt hat und Millennium-Garage kopfüber im eigenen Krystal-Bad ersoffen ist, scheint es endlich eine neue UK-Underground-Bewegung zu geben, für die man sich gerne nass macht. Aufgetaucht in einem Dickens-artigen Nieselregen unter der Mönchskutte futuristisch urbaner Ruinen, war Dubstep der Sound der Londoner Piratensender. Gespenstische Beats prallten duch den Äther, losgelöst von der kaltschnäuzigen Polemik zahlloser MCs. Leider, wie viel zu oft, wenn es um eine Szene geht, die so stark auf Dubplates und Whitelabels basiert und der der Killerrelease fehlt, der den launischen Sound bei einer breiteren Öffentlichkeit beliebt machen könnte, wurde der Enthusiasmus auch hier mit einer Grabesstille beantwortet. Bis jetzt, denn trotz möglicher Übertreibung könnte Burial genau diese Lücke füllen.

Zuerst piekste er am kollektiven Bewusstsein mit einem dichten Netz aus Beats und Basslines, die auf Hyperdub erscheinen und auf den Namen “South London Borough” hörten. Der körperlose Soul und die schlendernden Rhythmen ließen ein beeindruckendes Talent dahinter erahnen. Die Verscheierung seiner Identität führte zu fruchtbaren Spekulationen. Während der Name klar eine Basic-Channel-Verwandtheit zu verraten schien, war der Boss von Hyperdub, Kode 9, ebenso im Gespräch wie The Bug. Selbst Größen wie EL-B und Aphex Twin standen im Raum. Klar schien nur eins zu sein: Diese schmuddelige reflexartige Weiterentwicklung von Dubstep konnte nur von einem etablierten Künstler stammen. Ganz falsch.

Aus seiner Südlondoner Ecke betrachtet Burial (aka wer weiß das schon) das Ausmaß der Spekulation um seinen echten Namen mit einer gewissen Belustigung und bietet uns eine bündig schnelle, wenn auch etwas klischeehafte Zusammenfassung seiner Geheimniskrämerei an. “Ich tauche lieber unter und lasse die Leute die Musik hören, anstatt sie mit meiner Person zu verwirren.” Über seine musikalischen Leidenschaften aber redet er unbeschwert mit einer Haltung, die man schon fast hysterisch nennen könnte. Und Burial hat allen Grund fröhlich zu sein, denn sein Album wird gepriesen, fast schon routineartig mit Boards Of Canadas “Music Has The Right To Children” verglichen und zerstäubt die oft genug hinderlichen Gewichte der Genrefizierung, mit der man sich ständig rumplagen muss. Für ein Album, das so verbissen cutting-edge ist, ist Burial allerdings überraschend erpicht darauf, sein Misstrauen gegenüber moderner Technologie klarzustellen. “Ich mag die alten Tage. Kein Internet, keine Handys. Nur die Schallplatte. Die alten Undergroundproduzenten, die hatten eine gewisse Mystik um sich rum. Wenn alles, was man hat, ein Logo, Trackname und eben die Musik ist, dann hat man das Wichtige eher im Fokus. Ich bin kein Fulltimemusiker, mir macht das vor allem Spaß, und ich will nur eins: Tunes machen. Ich stehe nicht hinter den Decks, ich rave da.”

Zum Produzieren über eine Liebe zu Underground-Tunes gekommen (“Tiefe rollende Musik im Club oder auf den Kopfhörern, daran glaube ich.”), ist der Sound von Burial übersättigt mit all dem, was ihn inspiriert hat. Und das ist eine ziemliche Bandbreite von Alex Reece, Goldie, DJ Hype und Prodigy bis Loefah, Pole, Todd Edwards und sogar Bad Company. Der beste Referenzpunkt für die Burial-Ästhetik kommt aber aus einer weiteren Ecke seiner Plattensammlung: der immer noch lebendige Stil früher Photek-Platten, auch jenseits der üblichen Soundcharakterisierung, diese Liebe zur Bearbeitung von Drums, egal wie schludrig. Während die frühen Lehnsherren in Dubstep sich auf ein gut lackiertes Schema einfacher Melodien mariniert in darkem Bass (ja, Skream, dich meinen wir) stützten, gibt es bei Burial ein breit zusammengeschmissenes Spektrum von Sounds, das weit jenseits der plattgewälzten, in sich verfangenen Atmosphäre liegt, von dem Außenseiter immer annehmen, dass sie die Clubs bevölkert.

Waffe der Wahl: Drums
“Alles dreht sich um die Drums. Egal ob es Vocals sind, Playstation-Samples oder Samples von Schüssen … Das Wichtigste sind immer die Rhythmen. Ich liebe Clicks und Gerumpel, den Klang von Regen, und all das führt dazu, dass deren Rhythmen mich hypnotisieren, wenn ich einen Tune mache. Und dann wache ich am nächsten Morgen auf und erinnere mich nicht mehr dran, wie das zustande kam.” Mit dem erklärten Ziel, ein UK-Underground-Album zu machen, das er selbst als Kind geliebt hätte, hat Burial dem Zeitgeist einen dicken Klumpen Pathos injiziert, der zurückführt zur Tape-Geschichte britischer Musik, in der das Rauschen und Krachen eine außerirdische Bedrohung direkt hinter der Hörweite ahnen ließen. Eine Geschichte britischer Musik, die nichts mit den Klischees eines mit Union Jack verkleideten Hackney-Rebels zu tun hat. “Wenn man sich alte Tapes und Tunes anhört, wird man ganz unwillkürlich traurig. Die versuchten damals mit Musik das Kingdom zu vereinen. Aber es ist nicht passiert, und so hat man das Gefühl, Geister zu hören. Die Welt dreht sich weiter und Raver werden älter und es ist sehr emotional, Tunes wie Omni Trios ‘Through The Vibe’ oder ‘Shining In Darkness’ von Nookie zu hören, die eine Darkness vermitteln, die einen zum Weinen bringt, gleichzeitig aber so upliftend sind. Genau das wollte ich auch für mein Album.” Ist Darkness ein düsterer Ort? “Nein, ich glaube nicht. Viele Sounds lehnen sich weit zurück in die Vergangenheit, aber für mich ist es ein ausbalancierter Ort mit upliftenden Geistern und manch süßen Sounds, Stimmen und Strings. Nicht alles ist düster, hoffe ich jedenfalls.”

Während er mit einem Schritt das erste Dubstep-Album (lassen wir mal die eher zusammengepasteten Versuche von Benga und Boxcutter beiseite) macht und gleichzeitig das Genre jenseits seiner Ursprünge von Subbass und Melodie treibt, schüttelt Burial den Hype um das Album ab und denkt lieber daran, wohin er das Genre und seinen eigenen Sound bringen will. “Ich bin froh, dass ich das Album rausgebracht habe, bevor eine zu starke Formalisierung eingesetzt hat und die Leute nur noch eine Richtung hören wollen. Bei Dubstep geht es darum, das, was jetzt passiert, mit der Geschichte des UK Undergrounds zu vereinigen. Die Sounds, die ich vor meinen Karren gespannt habe, sind schon seit Ewigkeiten um uns rum, sie hatten nur noch keinen Namen. Versteckt zu sein in dieser Namenlosigkeit, hat sie nur stärker gemacht.”

Während er zugibt, dass Dubstep einen “militanten UK Sound hat”, ist Burial doch wichtig, dass es universell ist und sein Album den konservativen Approach vermeidet, der so vieles, was Underground ist, im Keim erstickt. Mit dem scheinbar unvermeidbaren Marsch in Richtung Mainstream-Erfolg befindet sich Dubstep vielleicht schon an einer akustischen Kreuzung. Leute wie Burial und Skream bewegen sich auf ein eklektischeres Werk hin, währen der größere Kern sich immer weiter auf eine feuchtkalte und kreativ todesgeweihte Höhle zubewegt, die dem Genre den Ruf eines besessenen Posertums einbringen könnte. Trotz dieses möglichen Schicksals hat Burials Album das Potential zu einem wirklichen Klassiker. Besonders wenn es die klangliche Mutation wird, die eine neue aufregende Richtung in den Clubs zur Folge hat.

Während ich mein Gespräch mit Burial mit einer Diskussion darüber abschließe, warum er glaubt, dass Dubstep so schnell die Phantasie so vieler erreicht hat, schlägt er vor, dass Dubstep die erste Musik sein könnte, die im Club auf Ketamin genauso gut funktioniert wie zu Hause unter Kopfhörern. Es gibt da Scherben und Wirbel in der Musik, denen man entweder folgen kann, oder man kann sie ignorieren. Das äußere Skelett der Beats ist im Club sehr präsent, aber die tiefen und persönlicheren Elemente, die darum gewebt werden, sind genau das, was man zu Hause zusammen mit Freunden darin hört.” Und wer jetzt glaubt, dass der UK Underground absolut introspektiv geworden ist, für den zermalmt Burial gleich noch die Stimmung mit seinem letzten Statement zu seinem Album: “Das ist alles ein ziemliches Durcheinander, aber hey, das war doch erst mein erster Versuch.”

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Elektronische Lebensaspekte.

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