Patric Catani ist einer der umtriebigsten Musiker Deutschlands. Mit Krawall-Vergangenheit und mehr Pseudonymen, als die Polizei erlaubt, ist der Wahl-Berliner dabei nicht nur dem Amiga treu geblieben, sondern hat auch auf zahlreichen Produktionen seine einzigartigen Spuren hinterlassen. Sein neues Candie-Hank-Album schließt dabei mindestens einen Kreis.

Krawall

Der Jean-Jacques Perrey des Amiga-Sounds
Candie Hank

Patric Catanis Diskografie gehört zu den besonders unübersichtlichen – aus vielen Gründen: weil sie sehr umfangreich ist (wenn man Compilationbeiträge mitzählt, locker dreistellig), eine bewegte Geschichte hat (wie eigentlich bei allen, die mal mit DHR verbunden waren) und sich auf vielerlei Labeln in vielerlei Projekten tummelt (zum Teil Kollaborationen, Paul PM, Bomb 20, Gonzales, Max Turner … und vor allem immer wieder Gina D’Orio), die meist auch für unterschiedliche musikalische Ansätze stehen: E de Cologne, Test Tube Kid, EC8OR, A*Class, Very Impossible Person, Puppetmastaz, Candie Hank … um nur die bekanntesten zu nennen. Seine Wurzeln allerdings – Hardcore/Gabba und Computerspielsoundtracks – sind in all seinen verschiedenen Projekten irgendwie herauszuhören und kombinieren oft alberne, temporeich rockende Verspieltheit mit latent bedrohlicher Mysteriösität auf eine einzigartig janusköpfig ironische Weise, vor der man nie sicher ist, dass sie überdreht.
Candie Hank hat sich über die letzten Jahre gewissermaßen zu seinem Hauptsoloprojekt entwickelt – das aktuelle Album auf Sonig, das vor wenigen Monaten schon zum Teil auf limitiertem Vinyl zu haben war und jetzt auf CD erscheint, ist schon das dritte unter diesem Namen. Zeit für eine kleine Gesamtschau.

Debug: Obwohl elektronisch, ist das neue Album ja keines, das technisch besonders modern klingt – du bleibst deiner Trackerästhetik treu. Immer klarer wird aber die ganz unverwechselbare musikalische Identität von Candie Hank. Worum geht es denn bei dem Projekt?

Candie Hank: Vor allem um ältere Sachen, die ich mag. Die Musik zu tschechischen und russischen Kinderfilmen zum Beispiel … ich finde Osteuropa überhaupt ganz interessant gerade. Dann zum Beispiel Jean-Jacques Perrey, neben dem ich in ein paar Tagen auftrete. Ich setze dementsprechend mittlerweile viel mehr analoge Synths ein. Und natürlich Rock’n’Roll! Guitar Wolf finde ich super …

Debug: Ich finde, du klangst schon immer nach Rock’n’Roll.

Candie Hank: Echt? Ja vielleicht … die Flex Busterman hab ich kürzlich wieder gehört, da klang die wie eine Amigasurfplatte …

Debug: Nehmen die Leute denn so etwas Freies, auch Verschrobenes wie Candie Hank auf Platte auch an? Mir scheint, das Projekt lebt vor allem von deiner Live-Präsenz.

Candie Hank: Ich kann mich eigentlich nicht beklagen! Aber es stimmt, das Projekt entwickelte sich ja auch daraus, dass ich nach dem ersten Candie-Hank-Stück damals auf Hanayos Album einen Abend voll Material brauchte für einen Liveauftritt. Auch die Stücke der neuen Platte gibt es schon eine ganze Weile und werden erst jetzt als Album zusammengefasst. Insgesamt ist es natürlich eine Art Käptn-Nemo-mäßiger Luxus, den ich mir da leiste, indem ich einfach drauflosmachen kann.

Debug: Wenn Candie Hank deine persönliche Spielwiese ist – wieso verwendest du nicht dein persönliches Alias dafür, Patric Catani?

Candie Hank: Das würde mich zu sehr festlegen. So ein Hauptname löst andere Erwartungen, auch mehr Druck aus. Hinter eine Kunstfigur kann ich mich besser zurückziehen. Und eine Vielzahl kleiner Projekte hilft dabei, beweglich zu bleiben, das ist mir wichtig.

Debug: Zu Anfang warst du ja einige Jahre E de Cologne, brachst das Projekt dann aber Mitte der Neunziger recht abrupt ab. Inzwischen spielst du die alten Sachen manchmal wieder live und hast mit Very Impossible Person auch ein neues Projekt, das an die Hardcore-geprägte Ästhetik anknüpft. Was ist damals passiert?

Candie Hank: Es begann alles damit, dass ich mit meinem Freund Simi Anfang der Neunziger holländischen Gabba gehört hab, E de Cologne waren auch ursprünglich wir beide. Dann ging alles sehr schnell – ein Amiga-Liveauftritt bei Cosmic Orgasm in der Ruine, Walker hörte den und machte direkt eine Platte.

Debug: Dann hattest du mit sechzehn ein Doppelalbum draußen … und Mouse on Mars luden dich ein, Remixe für ihr erstes Album zu machen. Womit sich mit dem neuen Album auf Sonig auch ein Kreis schließt.

Candie Hank: Das war natürlich toll. Aber dann sind wir irgendwann mal alle ins Auto gestiegen und nach Holland gefahren, um uns die Gabba-Szene anzusehen, und waren dann doch erschrocken. Das hat die gar nicht interessiert, was wir machen. Anderes lief schief, ich will gar nicht drauf einsteigen … jedenfalls war ich enttäuscht, rutschte in die Punkszene und landete damit schließlich in Berlin und bei DHR.

Debug: Das war dann eine eher humorlose Angelegenheit, bei der du auch ausgeteilt hast …

Candie Hank: Ja. Das war das Image! Und das hat natürlich extrem eingeschränkt. Das reizte sich schnell aus.

Debug: Danach hast du gewissermaßen noch mal von vorn angefangen. Ich frage mich ja, was du wohl machen würdest, wenn du heute 15 Jahre alt wärst.

Candie Hank: Oje – keine Ahnung. Deutschrap!?

Debug: Worauf ich hinaus will – würdest du überhaupt Musik machen, oder eher was anderes – Computerspiele z.B.?

Candie Hank: Ich glaube, es würde immer auf Musik hinauslaufen – das steckt in mir drin. Aber damit Erfolg zu haben, dazu gehört natürlich Glück – ich hatte immer wieder Leute, die mir geholfen haben und mich weitergebracht haben, und ich muss schon sagen, dass ich denen auch dankbar bin. Das geht wahrscheinlich heute so auch nicht mehr, diese offene, energiereiche Zeit Anfang bis Mitte der Neunziger in Köln war einzigartig.

Debug: Und wie geht es jetzt weiter?

Candie Hank: Was mich zurzeit in der Tat mehr reizt, als Platten zu machen, ist Musik für Theater und Film. Johan Simons hat mit mir zwei Produktionen gemacht, Umsetzungen von Kieslowskis “Zehn Gebote” und Dostojewskis “Der Spieler”. Auch eine Arbeit zu “Berlin Alexanderplatz” mit Michel Schröder. Sich mit solchen Texten auseinander zu setzen, finde ich sehr spannend, das möchte ich gerne mehr machen.

Debug: Solche Klassiker, sind ja, wenn man sie mal liest, oft erschreckend modern, grade der “Alexanderplatz” … man findet sich wieder, obwohl sie schon so alt sind.

Candie Hank: Ja. So zeitlose, tiefe Themen finden im Clubkontext überhaupt nicht statt. Das ist irgendwann auch einfach mal zu wenig.

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Elektronische Lebensaspekte.

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