Juking im Green Dolphin

Das neue Ding Chi-Townscher Szene-Dramaturgie? Juke, Nachkomme von Booty House. Footwork ist der Tanzstil dazu. Eine aberwitzig schnelle Abfolge von Schritten, Drehungen und Wendungen ohne signifikante Bewegung des Oberkörpers. Mike Paradinas‘ britisches Label Planet Mu ermöglicht beidem mit der aktuell erschienenen Bangs&Works Compilation von Europa aus endlich eine eigene Geschichtsschreibung. Eine Aufarbeitung, die wie ein Startschuss klingt.

“Hatas our motivation, hatas our motivation, hatas our motivation“. Eine dunkle Stimme mit offensichtlich amerikanischem Akzent spricht im Loop über synkopisch pluckernde Toms, eine sparsame, gefährliche Synthline kriecht dahinter herum, Claps, vielleicht auf der 1, vielleicht auf der 3, ein Subbass dräut, kalte kleine HiHat-Rudel tauchen auf und verschwinden wieder, schizophrene Drum-Patterns kommen und gehen, die Kick-Drum fehlt bis kurz vor Schluss, wenn sich plötzlich das kantige Konstrukt auf einen fast nachvollziehbaren aber nicht zu trauendem Four-on-the-floor-Rhythmus einpendelt und die Stimmsamples im Pitch zu Kaugummi verkleistern. Was ist das? Kunststudenten im Drum-Machine-Rausch? Zum falschen Hustensaft gegriffen? Ritalin-Hop? Nichts dergleichen, “Hatas our motivation“ stammt von DJ Nate und ist der Titeltrack seiner ersten EP auf dem britischen Label Planet Mu, genau, Mike Paradinas‘ traditionsreichem Imprint für die schrägeren Varianten elektronischer Musik.

Mann, das ist Juke!
Aber: Was ist das nun genau? Juke, Mann, das ist Juke. Und lässt sich trotz aller Abstraktion auch korrekt verorten, allein schon der hastigen 160 BPM wegen. Richtig, wir sind in Chicago und Juke ist der Nachkomme von Booty House. Abgesehen von den wenigen ohnehin Eingeweihten verursachte Paradinas‘ “Entdeckung“ fast schockähnliche Zustände bei europäischen und durchaus auch bei amerikanischen Musikkennern, die lernen mussten, dass Juke nicht etwa ein neues sondern, und da tappen wir auch schon mitten hinein in ein Wespennest aus undokumentierten Zeitlinien, ein mindestens 25, 13 oder drei Jahre altes Phänomen sei, je nachdem, wen man fragt und wonach. Wie kann es aber sein, dass in Zeiten, in denen jede noch so exotische Musik aus mexikanischen Kinderzimmern oder afrikanischen Taxis unmittelbar den digitalen Weg über die Blogs auf den globalen Dancefloor findet – dass ausgerechnet ein Genre aus “been-there-done-that“-Chicago zur Überraschung des Jahres erklärt wird?

Lil' Kenny / FootworKINGz

Um Juke zu verstehen, oder – und es wird nicht einfacher – Footwork, so die inzwischen allgemein gültige, wenn auch nicht ganz richtige Bezeichnung der Ausformung von Juke, der sich Planet Mu zumindest vorrangig widmet; um also überhaupt begreifen zu können, wie es zu den Strukturen dieser abstrakten, asymmetrischen Gebilde kommen kann, zu denen selbst Kopfnicken einiger Übung bedarf, muss man sich mit der Tanz-Kultur der Jugendlichen besonders im Süden und Westen von Chicago beschäftigen. Und nach Footwork-Videos googlen, genau wie Mike Paradinas.

Eigentlich benennt Footwork den Tanzstil, der mit Juke einhergeht: eine aberwitzig schnelle Abfolge von Schritten, Drehungen und Wendungen ohne signifikante Bewegung des Oberkörpers. In seiner soziologischen Bedeutung ist das mit der Breakdance-Kultur der 1980er gleichzusetzen, inklusive der typischen Battles (die zumeist in Sporthallen und nicht in Clubs stattfinden), der Dominanz männlicher Teilnehmer, der Bildung von Crews und des sich völligen Verschreibens eines “Lebensentwurfs“ Footwork der zumeist 14- bis Mitte 20-Jährigen. (Ghetto)-Tanz als Identitätsmarker, die alte Geschichte. Der Einfluss früher Crews wie House-O-Matics, die schon ab 1985 Battles noch zu Chicago House organisierte, bis hin zu einer Crew wie Wolf Pack, die Ende der 1990er den Weg für Footwork ebnete, war enorm, die Crews wirkten als lokale, kreative Zellen für Tänzer. Ihre DJs, Producer, Mitglieder und Fans, vertrieben Mixtapes, organisierten Raves und Wettbewerbe, eine Geschichte für sich.

Zurück also zum jungen DJ Nate, der gar kein DJ ist, sondern vielmehr produziert. Seine Motivation: Hass, ein – wie wir gleich feststellen werden – anderes zentrales Thema Chi-Townscher Szene-Dramaturgie. Juke-Kenner, DJ und Labelbetreiber Chrissy Murderbot und DJ Spinn, Produzent, DJ, Ex-House-O-Matics-Tänzer und Partner von DJ Rashad, ebenfalls einer Schlüsselfigur des Genres, treffen wir am Morgen nach ihrem ersten Berliner Tour-Stop zum Gespräch. Sie klären uns auf.

Open Footworking Pit @ Boom Boom Boom

Debug: Chrissy, kannst du uns einen kurzen Einblick in die Entwicklung von Juke geben?

CM: Juke hat sich eigentlich stetig entwickelt, seitdem Dance Mania und Leute wie Slugo oder Funk zwischen 1995 und 97 aufhörten, allerdings war die Szene zunächst ziemlich auf den mittleren Westen der USA beschränkt. In Europa entstanden 2005 in Belgien und Paris kleinere Juke-Zentren rund um das Daft-Punk-Camp, aber eigentlich war es erst Headhunter, der mich so 2007, 2008 ansprach, und als einziger Juke nach England brachte, bis dann Mike Paradinas aufmerksam wurde, erst auf das abstrakte Zeug über die eher Internet-affine Footwork-Szene auf YouTube und schließlich auf die wirklich Club- und Party-relevanten Sachen, wie sie Spinn und Rashad machen.

Debug: Wie würdet ihr den Unterschied zwischen Booty House und Juke beschreiben?

Spinn: Juke ist erstens schneller als Booty House, hat zweitens einen ganz anderen, spezifischen Sound und ist nicht mehr 909- sondern 808-basiert. Und: Was immer du für eine verrückte Bassline finden kannst, her damit und hart bitte!

CM: Juke ist generell viel basslastiger!

Spinn: Die Rhythmik hat sich von four-on-the-floor zu einem viel freieren Gefühl entwickelt, Hauptsache, sie ist heiß.

CM: Weil Juke schneller ist, kommt außerdem der half-time-Aspekt hinzu, 160 zu 80 BPM, es lässt sich z.B. HipHop inkorporieren. Die einzigen beiden Einschränkungen sind eigentlich: Funktioniert der Track auf dem Dancefloor und kann der DJ ihn spielen?

Und da geht es auch schon los mit den Problemen: Funktioniert der Track auf dem Dancefloor? Auf welchem? Chicagos Juke-Szene verteilt sich auf drei verschiedene Stadtteile mit ihren jeweils eigenen Definitionen: die schwarze South Side, die vorwiegend schwarze West Side und der weiße Fan-Block im Norden, der Juke aus einer Außenperspektive heraus betrachtet, nicht ganz unähnlich unserer eigenen, europäischen, und für den Juke auch genauso gut vom Mars kommen könnte. Gut gefunden wird es trotzdem. Eine Vermischung der Szenen hingegen gibt es nicht, so Chrissy, auch wenn es ein Promoter oder die wenigen Labels auch mal überregional versuchen. Die Fans ziehen nicht mit, denn wer möchte schon, ganz abgesehen von der infrastrukturellen Problematik, die ein Pendeln zwischen den Quartieren quasi unterbindet (der Norden ist mit U-Bahn und Bussen gut erschlossen, den Westen oder Süden kann man aber nur mit dem Auto erreichen), der einzige Schwarze zwischen lauter Weißen oder umgekehrt sein?

Open Footworking Pit @ Boom Boom Boom

Zudem regiert das Misstrauen. “Who are you?“, wer nicht zur Familie gehört, wird auch nicht unterstützt, Neider und Verhinderer spalten die Szene, eine homogene Community über die Crews hinaus existiert nicht. Die (College)-Radio-Stationen, neben YouTube, und dem inzwischen von MySpace geschluckten Musiknetzwerk imeem, das wichtigste Medium für Juke, moderieren die Urheber der Tracks nicht an, Vinyl, auf dem ein Name zu finden sein könnte, wird nicht mehr hergestellt, die Distribution erfolgt digital, glücklich, wer überhaupt den richtigen Credit bekommt. Wenn man schon in der eigenen Stadt so wenig voneinander weiß und ein flächendeckender Hit gerade mal mit dem Mittel billiger Pop-Remixe möglich ist, wie dann aus eigener Kraft internationale Resonanz erzeugen? Chicago, die Dritte Welt. Und aufgepasst, here‘s the deal, Schuld an der Misere sind Frankie Knuckles und Jesse Saunders.

CM: Trax Records und Jesse Saunders, Larry Sherman und Frankie Knuckles – so sehr ich Frankie auch liebe – haben von Anfang an propagiert, niemandem zu trauen, weil dir jeder das Essen aus dem Mund stehlen wolle. Die Parole war, alles für sich zu behalten, niemanden deine Tracks hören zu lassen, bis dir jemand 1 Millionen Dollar dafür bietet. Niemandem helfen, keine Kontakte, keine Bookings, kein Wissen weitergeben. So wurde Chicago von diesen drei konstituiert, während sie selbst die ganze Zeit andere Leute bestahlen. Auf “Your Love“ von Jamie Principle stand noch nicht mal sein Name und genau diese Einstellung wird bis heute fortgeführt. Die Leute glauben z.B. immer noch, Slugo hätte “Godzilla“ gemacht. Ist die Fehlinformation einmal raus, lässt sich das wahnsinnig schwer korrigieren.

Da ist es tatsächlich ein Segen, wenn jemand wie Mike Paradinas in teilweise monatelanger Recherche-Arbeit und mit Hilfe der wenigen Aktivisten wie dem Ghettophiles-Labelmacher Neema Nazem, dem Blogger Dave Quam oder eben Chrissy Murderbot, die verstreuten Producer und DJs in Chicago aufspürt, und ihnen einen Deal mit einem Label anbietet, auch wenn sie von dem noch nie etwas gehört haben. Mit der Bangs&Works Compilation, die jetzt erscheint, wird Juke von Europa aus endlich eine eigene Geschichtsschreibung ermöglicht. Und jeder kann jetzt nachlesen, dass es der Juke-Pionier RP Boo war, der “Godzilla“ geschrieben hat. Eine Aufarbeitung, die wie ein Startschuss klingt. Aber warum gehen uns Juke und besonders Footwork gerade jetzt so gut ins Ohr?

CM: Wir haben diese Übereinstimmung mit Bass Music und speziell mit Dubstep, das eben auch mit half-time- und double-time-Tempi arbeitet, das passt gut zusammen, ganz abgesehen davon, dass natürlich beide Stile von Chicago House abstammen, aber eben von House von vor 20 Jahren und auf völlig verschiedenen Wegen. Dann natürlich die zeitliche Parallelität mit UK Funky und die Wiederentdeckung von Chicago und Deep House als Vorbild von Garage bei den jungen englischen Produzenten.

Und nicht nur das. Auch die “neue“ Lust an der Düsternis wird bedient, etliche der Juke- und Footwork-Tracks spielen mit Samples aus Horror-Filmen, verbreiten eine außerweltliche Drone-Atmosphäre, ganz ähnlich Stilen wie Drag oder Witch House, die ohnehin auf Juke oder vergleichbare Quellen zurückgreifen, oder sich mit der britisch-urbanen Variante, die sich gerade als Ghost Step manifestiert, kombinieren lassen. Eine Düsternis, die die Juke-Produzenten laut DJ Spinn bei 36 Mafia und anderen Dirty South Acts abgeschaut haben. Juke und Footwork werden sich nicht durchsetzen können auf europäischen Dancefloors, dafür sind die hiesigen Füßchen wohl zu langsam, aber das müssen sie auch gar nicht. Ihr Job ist es, Chicago in ein neues Licht zu rücken, die Referenzmaschine anzuschmeißen und uns den einen oder anderen Trick beizubringen, eigentlich wie immer.

3 Responses

  1. korkenzieher

    also was das auf der planet mu seite unter bang and works zu finden ist bringt uns hier in germany keine tricks mehr bei… die sachen stecken soundmässig noch in den kinderschuhen, klingt wie erste gehversuche… ausserdem hier fehlt druck….

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  2. Herr Jemineh

    Dem kann ich nur beipflichten. Außerdem ging mir das 808 Gefrickel und diese Sample Repeat – Orgien schon nach dem 2. Track auf den Keks. Ist wahrscheinlich ein kulturelles Ding ;)

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  3. Hatas our motivation

    Diese oberflächliche Arroganz-Orgie hier in Germany ging mir schon nach dem 2. Kommentar auf den Keks. Ist wahrscheinlich ein kulturelles Ding ;)

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