Zwischen Bass und Trauer
Text: Natalie Meinert aus De:Bug 173

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Bianca und Sierra Casady haben ein neues Album gemacht und wollen wie immer nur ungern darüber sprechen. Dabei geht der Sound tatsächlich neue Wege. Erklärt sich doch von selbst, muss Sierra wohl gedacht haben und verschwindet nach dem Fotoshooting und vor dem Interview wortlos in ihrer Garderobe.

Text: Natalie Meinert, Bild: Benedikt Bentler

Beeindruckt laufen wir durch schwere rote Samtvorhänge, vorbei an alten Kerzenleuchtern. Von der Putzfrau werde ich ermahnt, leise zu sein, dabei spiele ich nur laut- und lustlos Solitär auf meinem Handy. Bianca sucht sich für das Interview einen für sie angenehmen Ort aus: die bequeme Feuertreppe des Gebäudes. Die Wahl wirkt eigentümlich. CocoRosie kommen gerade aus einer Orchesterprobe am Berliner Ensemble. Für das neue Theaterstück des Regisseurs Robert Wilson haben sie 15 Lieder komponiert. Um was für ein Stück geht es dabei eigentlich? “Peter Pan”, sagt Bianca müde und knapp. Ich versuche es anders und lobe sie aufrichtig für die Farbe ihres Lippenstifts. Man muss sich sowieso ernsthaft zusammenreißen, nicht jeder ihrer eingeübten Phrasen zuzustimmen, denn allein ihr Damenbart wirkt ungemein sexy. Trotzdem: Zu ihrem neuen Album “Tales of a Grass Widow” kann man Bianca nicht viel entlocken. Wahrscheinlich, weil es ihr und ihrer Schwester stets wichtig ist, genügend Fläche zur freien Meinungsbildung zu bieten. “Nothing’s really meant to be”, zuckt Bianca lakonisch-gelangweilt mit ihren Schultern, wenn man sich in einer vorsichtigen Deutung versucht. Okay, dann machen wir das eben alleine.

Beats in der Isolation
Das neue Album birgt das vertraute Spielerische der Frauen, auch Antony Hegarty taucht als alter Bekannter auf zwei Tracks wieder auf. Unüblich sind jedoch die poppigen, fast schon M.I.A.-angehauchten Beats, die die gewohnten Kinderinstrumente in den Hintergrund rücken lassen und dem Folk noch mehr -tronic beimischen. Jene geben auch Anlass, CocoRosie mittlerweile als tanzbar zu bezeichnen – stünden da nur nicht die Lyrics im Wege, die derart hart sind (“all you fellows climbed me like a staircase, wore me down”), dass sich eine perfekte und zauberhafte Dissonanz zwischen Bass und Trauer ergibt. Ansonsten ist es wie gehabt: Bianca gibt sich kauzig krächzend, Sierra mimt den kristallenen Kinderchor. Aufgenommen wurde das Ganze grösstenteils in New York. Die letzte Produktionsphase jedoch fand in Island statt, der Heimat des verantwortlichen Produzenten Valgeir Sigurðsson. Mit ihm, der auch mit Feist und Björk arbeitete, hatten sie bereits ihr drittes Album aufgenommen. “We loved it there”, sagt Bianca dazu und man denkt heimlich, dass sie das nicht extra hätte erwähnen müssen. Man meint die Abgeschiedenheit und die dunkle Wildnis der weiten Felslandschaft heraushören zu können, und gratuliert der Band stumm zu dem Entschluss, ihr neues Werk in diesem Umfeld aufgenommen zu haben, in dem es von umhüllender, aber eben auch isolierender Flora und Fauna nur so strotzt. Passender könnte dieser Ort nicht sein: Es ist bekannt, dass CocoRosie sich von Mainstream- und Popkultur fern halten, um sich besser auf ihre Eigenproduktionen konzentrieren zu können. “Für uns ist es nach wie vor leicht, intime Orte für unsere Aufnahmen zu finden und uns von der Außenwelt und ihren störenden Einflüssen abzuschotten. Wir hören tatsächlich keine aktuelle Musik. Natürlich tanzen wir auch zu Achziger-Hits auf Privatpartys, aber wenn uns Radiosender zum Beispiel um persönliche Playlists bitten, wird es schwierig. Wir können dann meistens nur Songs von Freunden oder Musikern angeben, mit denen wir bereits gespielt haben.” Zehn Jahre erfolgreiche Musikgeschichte und absolute Isolation? Klingt unmöglich – und ist es wahrscheinlich auch, da Bianca letztlich doch noch hinzufügt: “Das einzige Thema, mit dem ich mich in letzter Zeit immer mehr auseinandersetze, ist die neue, weltweite feministische Bewegung.”

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Feminismus und das grausame Konzept der Menschheit
CocoRosie wurden seit ihrem ersten Album 2003 gerne mit Feminismus und Gender-Kritik in Verbindung gebracht – und sei es nur, für Laien und Doofe, wegen Biancas aufgemaltem Schnurrbart. Doch sie hatte diesbezüglich viel nachzuholen, erklärt sie und dann kommt tatsächlich so etwas wie Authentizität zum Vorschein: “Ich habe das Gefühl, dass momentan viel passiert. Möglicherweise sind viele Menschen durch Pussy Riot aufgewacht. Ich habe mich nie besonders verbunden gefühlt mit Riot Grrrl oder dem Feminismus generell, obwohl er doch Hand in Hand geht mit den Queer- oder Gender-Bewegungen, der ich eher nahe stand. Aber in den letzten Jahren bemerkte ich einen immer stärkeren Fokus auf internationale Frauenrechte; das Bedürfnis, mich zu informieren, wurde immer größer.” Ich will von ihr wissen, ob die “schmerzhaftesten Erfahrungen”, über die bezüglich ihres Albums vorab gesprochen wurden, ihre eigenen waren oder doch eher aus aller Welt gesammelt? Handelt die Platte nicht eigentlich von Isolation? “Nein, im Gegenteil. Noch nie hat sich ein Album von uns so stark auf die gesamte Menschheit konzentriert. Das ist an sich bereits ein beängstigendes Konzept. Da werden zum Beispiel kleine Mädchen in Indien als ‘verfluchte Kinder’ bezeichnet; wer sie tötet, wird juristisch nicht belangt. Die Menschheit ist ein einziges Horror-Szenario. Auf dem Album findet das Kind, um das es in den Liedern geht, nur Halt in der Natur.” Das klingt gruselig. Aber wird da auch die eigene Kindheit verarbeitet? Schliesslich mussten Bianca und Sierra von klein auf mit ihren Eltern durch die Vereinigten Staaten reisen. Im zarten Alter von 14 wurde Sierra dann von ihrer Mutter aus dem Haus geworfen, sodass die Schwestern zehn Jahre lang getrennt voneinander lebten. “Natürlich ist das eine Art Horror-Geschichte. Aber man muss es doch so sehen: Jede Kindheit war irgendwie düster und verkorkst; wir sind da keine besondere Ausnahme. Und je mehr man zurückschaut, desto düsterer und bedrückender wirkt es.” Vielleicht ist dies das dunkle Geheimnis ihres spielerischen Schaffens: Die gemeinsame Aufarbeitung der eigenen Kindheit und die Selbstheilung durch das Erstellen einer Wunschkindheit, die von dem freien Leben in der Natur zehrt, unabhängig aller menschlichen Zwänge. Stimmt das, dann wurde das noch nie so deutlich wie auf diesem Album. “Wir machen eigentlich nur Musik, damit wir weiterhin ohne finanzielle oder existenzielle Sorgen in unserer eigenen Welt leben dürfen. Ich bewahre mir immer noch kindliche Hoffnungen, Träume und Erwartungsgefühle; jeden Tag. Auf Tour weigere ich mich zum Beispiel, von den anderen zu erfahren, wohin wir morgen fahren. Das hilft ungemein.”

CocoRosie, Tales Of A Grass Widow, ist auf City Slang/Universal erschienen.

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Elektronische Lebensaspekte.

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