Indie-Filmemacher Andrew Bujalski beobachtet Nerds, die in den frühen Achtzigerjahren ein Schachcomputer-Turnier ausrichten. “Computer Chess” stellt in erster Linie die eigenen technischen Parameter aus, erzählt deshalb aber umso subtiler von ganz menschlichen Angelegenheiten.

Text von Christian Blumberg

1979 übertrug das ZDF eine Schachpartie zwischen dem schottischen Meister David Levy und dem Großrechner CDC Cyber-176. Die Partie endete unentschieden. Levy erneuerte danach ein Wette um einen mittleren Geldbetrag: Für zehn weitere Jahren erklärte er sich im Duell gegen einen Computer für unschlagbar. Die Wette ging selbstverständlich verloren, wenn auch nur knapp: Erst 1988 unterlag Levy einer Software. Ein ähnlicher Wettabschluss steht am Beginn von Andrew Bujalskis “Computer Chess”. Das Ausmessen der Kräfteverhältnisse zwischen Mensch und Maschine soll im Film der Höhepunkt einer Konferenz werden, die in erster Linie aus einem Turnier besteht, auf dem zuvor der beste Schachcomputer der USA ausgespielt wird. Programmierer, Experimentalpsychologen, Nerds sowie das universitäre Informatik-Team des MIT haben deshalb unförmige Rechner in ein Hotel verfrachtet, es ist ungefähr 1980. Eine der partizipierenden Crews tritt mit dem neuesten Modell aus Compaqs PDP-11-Reihe an. Stolz verweist man auf die Portabilität des Geräts: bei ebenerdigen Verhältnissen lässt es sich auf einem Rolltisch von nur zwei Personen herumschieben. Die Abdrücke, die ein solcher Transport im flauschigen 70er-Jahre Teppich der Mittelklasse-Hotelanlagehinterlässt, kann man nur erahnen. Denn Bujalski nimmt seinen Retro-Auftrag überaus ernst. Waren seine bisherigen Filme auf 16mm gedreht, der Kamera des amerikanischen Underground-Kinos, hat er für “Computer Chess” alte, analoge Videokameras benutzt. Deren schwarzweiße Bilder sind nicht bloß kontrastarm, sondern von einer regelrechten flatness. Der Einsatz von Video birgt im Kino gewisse Gefahren, bleibt doch ein Versprechen der Leinwand unerfüllt, die Detailfülle. Bujalkis Film bedient sich daher eines einfachen Kniffs: Er macht die Videokamera zu einem seiner Hauptdarsteller. Sie bekommt eine eigene Einführungsszene, und die von ihr produzierten Bildfehler – das Einbrennen heller Bildpunkte, durchlaufende Störstreifen etc. – sind die optischen Attraktionen von “Computer Chess”. Visuelles Rauschen soll im Kino meistens einen ästhetischen Bruch herbei – führen. Bei Bujalski hingegen ist der Einsatz von Video keine bloße Retrostrategie, sondern die mediale Beglaubigung des historischen Kosmos. Seit Videokassetten o utmodet sind, wirkt die feh lende Taktilität ihrer Bilder ein wenig unheimlich. Es ist ganz s icher kein Zufall, dass gerade der fantastische Film oft auf VHS zurückgriff, wenn er vom Auftauchen geisterhafter Existenzen erzählte. Von den Gesichtern der Protagonisten in “Computer Chess” bleiben oft nur Schemen, weshalb sie mitunter eben auch ganz geisterhaft anmuten. Vielleicht so, wie Programmierer vor mehr als 30 Jahren wohl auch auf Teile ihrer Mitmenschen gewirkt haben müssen.

Als Nerds noch Nerds waren

Oder wie Aliens mit naturwissenschaftlichem Diplom, einer geheimen Sprache und Gadgets aus der Zukunft. Bujalskis period piece versteht sich in erster Linie als ver gnügliches Stück Zeitgeschichte, wobei das Vergnügen anfangs aus Stereotypen gezogen wird: ein sa me Typen mit schweren Hornbrillen und äußerst ungelenkem Auftreten bei der Partnersuche, diskutieren über die Grenzen der künstlichen Intelligenz und vermuten hinter dem Versagen eines Schachcomputers mindestens das Pentagon, beziehungsweise den “militärisch-industriellen Komplex”. Bipolare Welt, Binärcodes, Schachbretter: Zunächst inszeniert Bujalski dies unter Zuhilfenahme authentischer Strategien, etwa solchen der Mockumentary und des Cinéma Vérité – die Bilder des Films werden immer an die die-getische Anwesenheit dokumentierender Kameramänner zurückgebunden. Nun verfügt Bujalski 2013 über einen Blick der technologischen Überlegenheit. Doch dankenswerterweise, sonst wäre Computer Chess wohl recht stumpfe Comedy geworden, spielt er diese Position nicht gegen seine Figuren aus. Stattdessen kippt der Film nicht nur formal in einen zunehmend erzählenden Modus, fortlaufend werden kleine Nebenschauplätze eröffnet: Eine Gruppe Esoteriker trifft sich zu einer Art Erkenntnistherapie im Hotel. Von den Programmierern werden sie zunächst argwöhnisch begutachtet, die Unterschiede scheinen zumindest in Fragen von Ideologie und Gebaren (sie wühlen ihre Hände in Weißbrotlaiben und stöhnen vor Wonne) unüberwindbar. Später checkt, noch myste riöser!, eine Horde Katzen ein. Und natürlich entwickelt einer der Computer ein widerspenstiges Eigenleben. Es verwundert kaum, dass das Mensch-Maschine-Duell, auf das hier doch alles hinauslaufen sollte, weder den Erwartungen der Figuren, noch denen des Zuschauers entsprechen wird. “Computer Chess” ist kein Film über Nerds und ihre Computer, eher einer über Kommunikationsprobleme. Über das Handeln und Nichthandeln in Situationen, in denen die eigenen Strategien nicht weiterhelfen. Die Welt ist kein Schachbrett – wäre dies allein Bujalskis menschelnde Lektion, die beleidigte Zuschauerintelligenz würde ihm eine kleben wollen. Sein zeit- und ideengeschichtliches Spiel aber ist zu kontrastarm und zu klug zum Moralisieren, auch zu leise. Es wird derzeit viel von einer Renaissance des USamerikanischen Indie-Kinos gesprochen. “Computer Chess” darf als weiterer Zeuge dafür gelten. Auch weil den Film eine Aura des Glaubhaften umgibt, was weniger mit dem Videomaterial als mit der Tatsache zu tun hat, dass Bujalski beispielsweise einen Informatikprofessor einfach von einem Informatikprofessor spielen lässt. So schön und einfach ist es.

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Elektronische Lebensaspekte.

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