In China - so wird geschätzt - sollen 90 Prozent aller verkauften Datenträger fremdkopiert sein. Es scheint ganz normal zu sein, die Datenträger mir nichts dir nichts zu bespielen, ohne auch nur über so etwas wie Copyright nachzudenken. Egal oder Fremdwort? Auf der Suche nach der Antwort im Fernen Osten blieb Debug in Russland hängen, denn schon dort betritt jeder CDR-trainierte Datenteiler eine neue Welt. Was von russischen FTP-Servern mit engem Zeitfenster bekannt ist, ist auf Russlands Straßen einfach sowas von Alltag.

Kopien im Ausland / Moskau (Russland)

Moskau, China-Town. Ja, das gibt es da, genauso wie in jeder ernst zu nehmenden amerikanischen Stadt. Dem Moskowiter China Town sieht man nur überhaupt nicht an, warum es so heißen mag. Keine Pagoden oder Laternen. Keine Exotik im grauen, harten russischen Alltag. Kitai Gorod (China Town) ist auch eine U-Bahnstation nebst Unterführung, die wie viele in Moskau, Petersburg, etc. fliegende Händler beherbergt und Kioske, die zu klein zum Betreten sind. Nur fünf Fußminuten entfernt vom – wegen Terrorgefahr gesperrten – Roten Platz und Kreml kann man an dieser U-Bahnstation so ziemlich alle Daten kaufen, nach denen Laufwerke und Abspieler dürsten. Die Fenster der Kioske oder Büdchen sind mit den jeweiligen Produkten zugepflastert, nur durch ein klitzekleines Guckloch kann man erahnen, dass auch noch jemand drinsitzt und die Kundenwünsche entgegennimmt. Der Renner sind dort gerade DVDs. Billiger, aber genauso gut, MPEG-4-Dateien der aktuellsten Hollywoodproduktionen. Kleine Schildchen mit der Werbebotschaft MPEG-4 oder DVD hängen an den Läden und künden vom Angebot. Musik gibt es auch en masse, aber meist nur uninteressanter Popkram. Und wen das alles nicht hackt, der wendet sich an den Herren im grauen Anorak und legt sich ein Diplom in irgendeiner gewünschten Fachrichtung zu. BWL oder doch eine Ingenieurwissenschaft.
Rückblick: gleiche Stadt vor drei Jahren. Besuch bei Dmitri (Dima), einem heute 27-jährigen Moskowiter, zu dem Laszlo von UCMG Ungarn (Yonderboi, Marcel, Gabor Deutsch) den Kontakt herstellte. Ganz stolz der Dima, er muss mal was zeigen. Wir fahren in eine der Satellitenstädte Moskaus. Ein Kiosk, der auch Brot und Flaschenbier verkaufen könnte, entpuppt sich als Hotspot, wenn es um die aktuellsten Filme geht. Dima kauft für zehn Dollar einen Film, dessen Name unwichtig ist. Geschichte: U-Boot, Chiffriergerät, zweiter Weltkrieg, die Amis sind die Helden, obwohl es tatsächlich die Engländer waren. Egal. Er will nur Folgendes demonstrieren: Der Film kommt eine Woche später erst in den USA auf den Markt. In Moskau gibt es die VHS inklusive Overvoicing einer einzigen monotonen, getragenen, bisweilen einschläfernden Stimme, die alle Rollen (!) spricht, schon zuvor.

Wischer für Werbetexter
Der russische Autor Viktor Pelewin hat in seinem Buch “Generation P” eine neue Art von Filmranking erfunden, das in Russland überaus sinnreich ist. Sein Held Tatarski, der es vom Junglyriker zum aufstrebenden Werbetexter im Dauerrausch bringt, misst die Qualität des Films an der Anzahl der Wischer. Je mehr Leute die Kinovorstellung vor Ende des Films verlassen und beim Herausgehen die aufzeichnende Kamera kurz verdecken, desto schlechter ist der Film. Der U-Boot-Film war unterirdisch schlecht. Mit ungeübtem Auge mehr als fünf Wischer gezählt. Aber gut, den musste man wirklich nicht im Kino sehen.
Dima, der zur Zeit rumfreelanct und Musik produziert, sogar mal ein Lied in den russischen Charts hatte, checkt so sehr gern, was man sehen muss und was nicht. Immerhin gibt es in Moskau ein Imax, das auch Blockbuster zeigt. Das ist teuer, lohnt sich seiner Meinung aber. Gerade Spezialeffektzeugs wie Matrix. Wenn die Kopie – VHS oder MPEG-4 – einen schlechten Film zeigt, braucht man im Imax nicht Unmengen von Geld aus dem Fenster herauszuwerfen. Die Sache hat nur einen Haken: Will Dima mit seiner Freundin Vika beispielsweise die neue Star-Wars-Episode schon vor Kinostart sehen, um dann als einer der ersten den Lukasschen Bilderrausch auch nochmal im Kino auf sich niederprasseln zu lassen, muss man sehr tief in die Tasche greifen. Zehn und mehr Dollar sind keine Seltenheit. Ist der Film allerdings schon in den Kinos, purzeln die Preise um die Hälfte und mehr.
In Kitai Gorod werden eher Dinge vercheckt, die nicht hochaktuell sind. Hier lässt so mancher Labelbetreiber auch seine eigenen CDs und MCs per Bootleg an den Mann bringen, um seinen Künstlern keine Tantiemen zahlen zu müssen. Im Sommer erließ Putin ein Gesetz, wonach der Verkauf von Raubkopien auf offener Straße verboten ist. Hat das irgendwelche Konsequenzen, fünf Minuten vom Kreml entfernt? Keine. Denn die Kioske sind ja – obwohl nicht betretbar – Geschäfte, also nicht offene Straße. Das Gesetz dient wohl eher dazu, den G-7 zu sagen, dass G-8 auch was gegen Copyrightverletzungen macht. Nachvollziehbar ist das für jemanden von außen nicht. Kontrolle also zwecklos. Und in Russland halten sich Menschen mit jedem erdenklichen Handel und Geschäft über Wasser, da würde das Schließen der Kioske nur das Heer der Arbeitslosen und die Not vergrößern.

Terminator mit Totenkopfflagge
Die Russlandreise geht mit Dima nach Tscheboxary, seiner Heimatstadt. Tscheboxary ist die Hauptstadt der autonomen Republik der Tschuwaschen. Hervorstechende Besonderheit: Die Tschuwaschen glauben in den Bahnen eines Schamanismus. Hier wohnt Dimas Mutter in einem Plattenbau. Als wir nach zehnstündiger Fahrt ankommen, will sie uns unbedingt dort schlafen lassen statt im Hotel. Gastfreundschaft wird großgeschrieben. Zu Essen gibt es Okroschka, eine kalte Gemüsesuppe, die mit dem russischen Gärgetränk Kwas gemacht wird. Hervorragend. Am Abend werden wir im Klub Studio Vkusa (Studio des Stils oder Geschmacks) auflegen. Der Klubbetreiber ist der Anfang 20-jährige Livan. Zum Klub gehört auch eine Modelagentur. In Russland gibt es nur wenige Gewerbeformen, die ausschließlich einem Bereich dienen. Livans Vater ist der Chef des Obersten Gerichtshofes. Sonst wäre es Livan kaum möglich, einen Klub wie diesen zu betreiben. Zu viele Interessenten würden Geld haben wollen. Die Hits des Abends von DJ Sascha kommen hauptsächlich aus der Electroclash-Ecke. Bei Le Tigres “Deception” rastet man dort besonders gern aus. Sascha lässt sich seine Platten – wie übrigens viele andere DJs auch – von Bekannten auf Bestellung aus dem Ausland (oft Holland) mitbringen. Je nach Geldlage sind es Vinyl oder flugs zusammengestellte CDR-Sampler. Über Tauschbörsen saugen ist nicht so angesagt, da die Sprachbarriere zu groß ist.
Der Abend vorbei, die Nacht geschlummert, am nächsten Tag bei Dimas Mutter. Wir schauen fern. Dima schaut immer fern, wenn er Zugang zu einem Gerät hat. Programm: NTW. Das Nationalfernsehen, etwa die ARD. Plötzlich Bildstörung und ein Film läuft an. Häh! Ja. Es ist Terminator 3, der gerade seit ein paar Tagen in russischen Kinos läuft. Nach einem Drittel kommt das reguläre Programm wieder. Was ist geschehen? Dima meint, ein paar Jungs werden den Film wohl im Kino aufgenommen und als Piraten-TV einfach mal dem offiziellen Programm untergeschummelt haben.

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.

Leave a Reply