Das Hamelner Netlabel Corpid pflegt in der deutschen Provinz die Melancholie traditionellen Technos. Eine Überlebensstrategie.

Vom Suchen der Stadt

Wenig knüpft auf den ersten Blick eine feste Verbindung zwischen einem Netlabel, das seine Musik auf der ganzen Welt verfügbar macht, und dem Wohnsitz seines Betreibers. Doch wenn das Leben in der norddeutschen Provinz zu sehr in Hoffnungen auf Ausbruch aus den ruhigen Bahnen des kleinstädtischen Lebens gerinnt, wird das Veröffentlichen von Musik zu einem starken Glücksversprechen und einer nicht zu vernachlässigenden Triebfeder. Mit Corpid hat Mario Vogelsteller der Gleichförmigkeit des Alltags seiner Heimatstadt Hameln den Rücken gekehrt und sich auf das Releasen melancholischer Techno-Tracks gestürzt. Seine eigenen Produktionen als Peloton lassen mit bittersüßen Melodien die harmonischen Seiten von 90s-Detroit wieder aufleben und illustrieren die Sehnsucht nach Urbanität im Allgemeinen und das Träumen von der musikgeschichtsträchtigen Großstadt im Besonderen. Tracks, die zwischen eisigen Strings, dunklen Sägezahnbässen und warmen Flächen changieren und die so herrlich traditionsbewusst klingen, als hätten Electroclash und Knarztechno nie stattgefunden. Und wenn das nun schon oft angekündigte Trance-Revival tatsächlich noch einmal stattfinden sollte, dann wird sich Peloton rückblickend ganz logisch als einer seiner Vorläufer betrachten lassen.

Konstituierend ist jedoch nicht nur das Leben außerhalb der tatsächlich existierenden Techno-Zentren. Auch innerhalb der Netaudio-Szene sieht Mario sein Label eher in der Peripherie angesiedelt: “Als Vinyl-Label wäre Corpid das kleine Liebhaberlabel, das seine Platten im unbedruckten Lochcover veröffentlicht.” Das ausführliche Taggen der MP3s, dem unter Netaudio-Hörern so viel Bedeutung beigemessen wird, findet Mario nicht so wichtig. “Man sollte das nicht zur Tugend erheben.” Lieber kümmert er sich darum, neben seiner eigenen Musik noch andere Artists für das Label zu gewinnen, die er dann unter dem Sublabel Corpid Extra veröffentlicht. In Bobby Baby hat Mario eine Gleichgesinnte gefunden, die aus der kleinen Stadt Malmö in Südschweden ihre traurigschöne Elektronika in die Welt hinausschickt. Dass Bobby Baby viel mit akustischen Instrumenten wie Klavier und Gitarre arbeitet und ihren Gesang eher innerhalb songartiger Strukturen einsetzt, stört Mario nicht. “Corpid ist zwar in erster Linie ein Techno-/House-Label, doch bin ich auch für andere Formate offen, wenn die Musik die melodiös-melancholische Stimmung des Labels teilt.” Eine Gefühlslage, die auch viel mit Intimität, Wärme und Bescheidenheit zu tun hat. Mario mag bescheidene Menschen und entsprechend sucht er, um dieses Gefühl in der Musik seiner Künstler wiederzufinden. Ein Ansatz, der zu funktionieren scheint: “Es ist komisch: Bisher habe ich fast nur Demos bekommen, die gut zu Corpid passen. Das Label scheint also Gleichgesinnte anzusprechen.”

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Elektronische Lebensaspekte.

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