VoIP-Vorreiter Skype hat ein entspanntes Verhältnis zur mobilen Telefonwelt: Vorsichtig nachrücken, wenn das IP-Universum sich wieder mal ausdehnt, und bloß nicht in die Telco-Scharmützel verwickelt werden.


Das Telefon der Zukunft?
Abwarten und Skypen!

Das wirklich kleinste “Mobiltelefon” kommt derzeit nicht von Samsung, Motorola und Co, sondern vom Speicherhersteller SanDisk: Ein USB-Stick mit vorinstallierter Skype-Software. Einfach in den nächstbesten Rechner mit Netzanschluss einstöpseln und schon hat man seinen Skype-Account mit allen Voreinstellungen zur Verfügung. Möglich wird diese Lösung durch einen Standard namens “U3″, mit dem man Software lauffähig auf USB-Sticks unterbringen kann.
OK: Dieses Mobiltelefon hat weder Lautsprecher noch Mikrofon, aber es illustriert recht trefflich, dass der direkte Sprint zum Ziel nicht immer die cleverste Lösung ist – und diese Lektion scheint man bei Skype gründlich inhaliert zu haben: Das Unternehmen, von den KaZaA-Erfindern Niklas Zennström und Janus Friis gegründet, wurde zwar im September 2005 für rund 2,4 Milliarden Euro von eBay übernommen, was aber nichts an der rein IP-zentrierten Strategie geändert hat. Skype benutzt das Wort “Telefon” nicht mal groß im Claim oder der Selbstdarstellung, stattdessen nennt man sich “Unternehmen für weltweite Internetkommunikation”, was erst mal natürlich komisch klingt, weil Internet doch irgendwie immer weltweit sein sollte, aber Skype bewegt sich zum einen mit seinen “globalen Ortsgesprächen” im Haifischbecken der klassischen Telecoms, da ist Vorsicht geboten, andererseits versteht Skype telefonieren konsequent als IP-Dienst mit besonderen Anforderungen.

Eigentlich alles klar
Theoretisch stellt sich die Zukunft der mobilen Internet-Telefonie glasklar und einfach dar: Nicht nur für den Rechner, sondern auch am Handy werden wir bald Datenflatrates als Standard betrachten. Pauschalen werden unsere Zugriffsberechtigungen in den Netzen bestimmen, und niemand wird mehr bereit sein, für so etwas wie eine Telefonminute oder ein einzelnes Lied zu bezahlen, es wird um Zugang und Services gehen und nicht mehr um Datenmengen. Dazu kommt die vorhersehbare Entwicklung von Voice over IP (VoIP), das sich immer weiter bekannten Internet-Kommunikations-Tools wie E-Mail oder Instant Messenging nähern wird. Während heute ein reiner VoIP-Service nicht annähernd alle Gesprächspartner erfasst, weil diese nur über die klassischen Telefonnetze zu erreichen sind, wird es in absehbarer Zeit kaum einen Telefonanschluss geben, der nicht auf VoIP basiert – schon heute wird ein großer Teil aller Gespräche über IP abgewickelt, auch wenn an beiden Enden der Leitung konventionelle Telefone im Einsatz sind. Der letzte Baustein im Szenario ist schließlich ein Verzeichnisdienst ähnlich dem “Domain Name System” (DNS), das im Web dafür sorgt, dass Surfer ihre Websites finden und E-Mails ihre Empfänger. Nimmt man alle drei Elemente zusammen – Datenflatrate, VoIP und ein globales VoIP-”Telefonbuch” – wird telefonieren auch Handy heißen: Nach der Entrichtung einer Pauschale können wir solange wir wollen und geografisch unbegrenzt telefonieren. Allerdings werden wir diese Möglichkeit nicht mehr als “telefonieren” betrachten, sondern als Audio-Standleitung, über die je nach Befindlichkeit Gespräche, Musik oder Nachrichten strömen: Ein konstanter Datenfluss, der auch nicht aufhört, wenn man das Bedürfnis nach Stille hat, das wird nämlich einfach mit Lautstärkeregler befriedigt.

Zurück in der Wirklichkeit
Die Zukunft des Telefons ist mobil, die Zukunft des Telefonierens liegt im Internet-Protokoll und Skype ist in weiten Kreisen ein Synonym für VoIP. Angesichts dieser Kombination sollte man meinen, dass Skype beim Thema drahtlose IP-Telefonie schon ganz hibbelig ist und vor Visionen nur so sprüht. Dem ist allerdings nicht so und das dürfte nicht nur an den schlechten Erfahrungen mit dem Herausposaunen von Visionen während des ersten Internet-Booms liegen, sondern auch daran, dass Skype sich in einer potentiell hochgradig gefährlichen und tückischen Umgebung bewegen muss: der Telco-Landschaft im permanenten Umbruch. Zur Erinnerung: Im Gegensatz zum Strommarkt haben die klassischen Telekom-Monopolgesellschaften ihre Position nicht halten können, sie mussten Konkurrenz zulassen, sie mussten ihre eigene Rolle neu definieren und dann noch durch die Unwetter der New-Economy-Blase steuern. Den übrig gebliebenen Konzernen und ihrer gerade erst etablierten Konkurrenz blieb allerdings kein Zeit für eine Atempause und eine Konsolidierung, stattdessen ist die Branche durch VoIP schon wieder in der Defensive, weil das Internet den Nutzern die Wahl zwischen verschiedenen Services lässt und weil das bewährte Geschäftsmodell der Festnetz- und Mobilfunk-Firmen auf der Kontrolle über den gesamten Gesprächsweg vom Anrufer zum Angerufenen beruht. Im Netz verschwinden die Datenpakete dagegen in einer Datenwolke und tauchen am Zielort wieder aus dieser auf, hier ist das Geschäftsmodell der “Terminierungsentgelte” nicht mehr realisierbar. Dabei kassieren die Telekomnetzbetreiber immer dann, wenn sie ein Gespräch aus ihrem Netz in ein anderes vermitteln.

Vorsichtig Nachrücken
Skype hält sich aus der Telco-Welt also wohlweislich heraus, was damit beginnt, dass man sich in erster Linie als Softwarehersteller sieht, dessen Produkte zwar das Telefonieren ermöglichen, aber ein Anbieter im Sinne des Telekommunikationsgesetzes zu werden, wird tunlichst vermieden. Denn damit sind jede Menge lästige Dinge verbunden, etwa die Sicherstellung von Notrufen oder die Kontrolle durch die Regulierungsbehörde. Wenn Skype also Dienste jenseits der Software benötigt, werden Partnerschaften eingegangen: “Wir machen das, was wir am besten können, die anderen machen, was sie am besten können,” bringt Skypes Deutschland-Repräsentant Tim von Törne die Strategie auf den Punkt. Daher wird mit Telefonica für die Vergabe von regulären Telefonnummern für SkypeIn kooperiert oder mit E-Plus für den Test von Skype via UMTS-Datenkarten. Dieser Test hat zwar dem Vernehmen nach hervorragend geklappt – Ängste vor überlasteten Mobilnetzen durch VoIP-Traffic scheinen unbegründet – trotzdem ist klar, dass sich die Mobilfunkanbieter nicht begeistert auf diese Möglichkeit stürzen, weil sie damit das eigene Geschäftsmodell zerstören würden, das gerade noch funktioniert: Die E-Plus-Tochter Base bietet jetzt zwar auch eine Datenflatrate via Laptop-Karte an, aber dabei ist VoIP ausdrücklich nicht gestattet. Skype muss das zunächst nicht schocken, die Zeit spielt für das Unternehmen, denn der Wettbewerb auf dem Handy-Markt wird schon dafür sorgen, dass die Schranken langsam aber sicher fallen, und wenn es so weit ist, ist Skype mit der weltweit größten VoIP-Nutzerschar und einer Reihe kostenpflichtiger VoIP-Services jenseits der Telefonminute fantastisch aufgestellt. Bis es so weit ist, zieht man vorsichtig bei der Expansion des IP-Universums mit, zuletzt wurden dafür Skype-WiFi-Telfone vorgestellt. In Nordamerika wurde der Preis für Anrufe von Skype ins Festnetz übrigens bereits auf Null gesenkt: Weil hier die Terminierungsgebühren schon so billig geworden sind, dass sie als Marketing-Goodie verschenkt werden können, um neue Nutzer zu gewinnen, erklärt von Törne: “Aktuell gehen wir davon aus, dass Ende 2007 Telefonate von Skype ins Festnetz fast überall gratis sein werden.”

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Elektronische Lebensaspekte.

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