Text: jörg koch aus De:Bug 05

DEAD MEDIA PROJECT
Eine Bestandsaufnahme verblichener Medien

Jörg Koch
koch@buzz.de

Die Science Fiction-Autoren Bruce Sterling, der in die Annalen als Co-Godfather des Cyberpunk-Genres eingeht, und Richard Kadrey haben vor zwei Jahren ein Projekt mit viel Nerd-Appeal im Internet initiiert: eine copyright-freie Bestandsaufnahme verblichener Medien, die sich am Ende in Buchform manifestieren soll. Bis zum Jahr 2001, so prognostiziert Bruce Sterling, werden er und seine Medienpaläontologen um die tausend Berichte von der byzantinischen Schriftrolle bis zu obsoleten Computersystemen zusammengetragen haben. Retro-Science-Fiction zum Mitmachen mit Gebrauchswert für die Gegenwart? Oder ist es gar nur ein Experiment von cleveren Autoren, wie man das Internet benutzen kann, um relevante Bücher zu produzieren?

“Anstelle der Schrift verwendeten die Inkas Gewebe aus Schnüren oder dünnen Wollfäden, ähnlich wie wir sie für Rosenkränze benutzen; und diese Gewebe werden als “Quipus” bezeichnet.” berichtet der peruanische Jesuit Bernabe Cobo in seinem 1653 veröffentlichten Buch “Historia del Nuevo Mundo”. “Mit Hilfe dieses Aufzeichnungsregisters bewahrten sie die Erinnerung an ihre Taten auf, während die Inka-Aufseher und Buchhalter nie den Überblick darüber verloren, was sie erhielten und verbrauchten. Die Quipus bestanden aus mannigfaltigen Strängen in verschiedenen Farben, an welchen mehrere Knoten befestigt waren.” Diese Knoten konnten Maßeinheiten repräsentieren, die Farben den Kontext vorgeben und im Zusammenspiel mit der Knotenplazierung auf dem Strang ergaben sich offenbar ausreichend Möglichkeiten der Datendarstellung. Denn eine Schrift gab es bei den hochentwickelten Inkas nicht, das logisch- numerische System der Quipus konnte jedoch eine Bandbreite von Volkszählungen, Getreideengpässen in den Lagerhallen, die Förderung in den Minen und tradiertes Wissen erfassen. Die Inka-Bürokraten in dem Andenreich waren manische data-user, die mehrfach täglich Meldungen und Instruktionen in Form von Quipus verschickten. Dank des tausende von Kilometern ausgebauten, vernetzten Straßensystems und eines in Staffeln durchorganisierten Botenservices, konnten die in Wolle gewebten Informationsbits eine Strecke von 240 km am Tag zurücklegen. Doch mit der spanischen Kolonialisierung verschwand das Medium und in den Nachwehen der letzten peruanischen Indianeraufstände setzten die Spanier 1583 das Quipu-Archiv der Inkas in Brand. Einige Jahrhunderte später stellt der amerikanische Science Fiction-Autor Bruce Sterling den in Vergessenheit geratenen Quipu auf dem sechsten Symposium on Electronic Art in Montreal 1995 vor: “Für die Inkas war dies das Netz.” Mit Stirnrunzeln mag man seinen Ausführungen zum inkaischen, absturzsicheren Data-Network aus Wollschnüren gefolgt sein; die essentielle Hi-tech Prise für einen Science Fiction Autor fehlt in diesem historischen Schwenk vollkommen. Seiner Zuhörerschaft offenbart Bruce Sterlin seine Schaffenskrise. Seitdem er als 23-jähriger seinen ersten Roman “Involution Ocean” veröffentlichte, beackert er das weite Feld von Informationszeitalter, Technologie und Science Fiction. Doch in den 90ern wird die Lufthoheit über dieses Gebiet mehr und mehr von der Industrie okkupiert. Wer braucht schon Science Fiction, wenn die Gegenwart nur so vor Zukunftsverheissungen brodelt? Kann man gegen die PR-Abteilungen großer Telekomfirmen wie ATT überhaupt konkurrieren, wenn diese 60-Sekunden Werbeclips zur besten Sendezeit mit dem heilsversprechenden Slogan “You will!” über die Zukunft abfeuert? Und, verdammt, wenn sich der reichste Mann der Welt in Redmond, Wa. als Visionär in Sachen Informationszeitalter entpuppen will, dann macht das Schreiben über die Zukunft der Informationsgesellschaft natürlich keinen Spaß mehr für einen true player des Cyberpunk-Genres. Deswegen stellt der Familienvater aus Austin, Tx. auf dem Symposium ein von ihm und seinem Kollegen Richard Kadrey initiiertes Projekt vor. Welcome to dead media! Ein taktischer Rückzug vor den PR-Maschinerien, die sich davor hüten werden, dieses Gefilde der toten Medien zu betreten: die von Kolonialisten vernichteten Quipus, die vom Fortschritt überholten Ziffernrechner von Zuse; vom Graphonoscope und der tongaischen Blechdosenpost. Denn, so stellten Sterling und Kadrey in dem Dead Media Manifest fest, eine Bestandsaufnahme verblichener Medien ist in Anbetracht der rasanten Entwicklung neuer, digitaler Medien dringend nötig. Die Renaissance an technik-deterministischen Utopien einhergehend mit den neuen Medien verlangt nach einer wohlkalkulierten Reaktion. Wie wäre es mit einem Kabinett an all den oftmals nicht eingelösten Versprechen vergangener Medien? Denn kaum ist ein neues Medium im Entstehen begriffen, schon werden dessen Vorzüge bzw. Gefahren für die Gesellschaft prophezeit. Verschafft man sich nun einen Überblick über tote Medien und ihren sozio-kulturellen Kontext, und nichts anderes hat das Dead Media Projekt im Sinn, dann kann man untersuchen, wieviele Vorhersagen sich tatsächlich im Laufe der Zeit bewahrheitet haben. Ein kohärentes Verständnis über Leben und Tod von Medien kann daraus entstehen, ein hilfreiches Instrument zum häufig benötigten Realitätsabgleich bei neuen Medien ist es allemal. Die mit viel Verve geführte Diskussion über den scheinbaren Paradigmenwechsel von Pull zu Push im Internet verkümmert zur reinen Fußnote in der Mediengeschichte, wenn man eine Autopsie vergangener Medien vornimmt. Wieviel nüchterner betrachtet man den Hype um Web TV, intelligente Agenten etc., wenn man die banale Erkenntnis intus hat, daß die meisten Medien nicht überleben und in der Medienevolution untergehen oder verdrängt werden. Nein, der Nutzen liegt klar auf der Hand, man mag in den Mantra von Sterling und Kadrey einstimmen: “We need a book about the failures of media, the collapses of media, the supercessions of media, the strangulations of media, a book detailing all the freakish and hideous media mistakes that we should know enough now not to repeat, a book about media that have died on the barbed wire of technological advance, media that didn’t make it, martyred media, dead media.” Ihr Manifest ist gleichzeitig eine Aufforderung an alle, dieses anvisierte Handbuch für Kommunikationspaläontologen zu schreiben, denn die Initiatoren sind bereits mit anderen Buchprojekten bis zum Millenium ausgebucht. Stattdessen hat Bruce Sterling eine Infrastruktur im Netz – sprich: eine Webseite und eine Mailing Liste – bereitgestellt, die ein kollaboratives Arbeiten im virtuellen Raum ermöglicht. Mittlerweile abonnieren weltweit 350, zumeist aus universitären Strukturen stammende, Menschen die Dead Media Liste und steuern Beiträge in knapper, leicht recherchierbarer Form zu toten Medien bei. So auch über den Scopitone. Er war eine Jukebox mit großem Bildschirm, die 1963 in Frankreich auf den Markt kam und als Münzapparat in Bars und Nachtclubs aufgestellt wurde. Gezeigt wurden kurze 16mm-Farbfilme von Popstars wie Nancy Sinatra und Tijuana Brass, doch knapp fünf Jahre später flimmerten keine Filmchen mehr – die Scopitones waren aufgrund von Münz-Gaunereien und örtlichen Zensurbestimmungen ausgestorben. Irgendjemand da draußen, so erhoffen es sich Sterling & Kadrey, wird diese angesammelten Dead Media Notes vom Quipu zum Scopitone verwenden, um jenes ominöse Buch zu schreiben. Alle Beiträge sind copyright-frei, eine Public Domain an Wissen über tote Medien ist angelegt, nur darauf wartend, in Buchform materialisiert zu werden. “Das ^Dead Media Project^ basiert auf vielen freiwilligen Beiträgen von einem weltweiten Kader an Personen, die eine einzigartige Beteiligung zur globalen Medienwissenschaft darstellen.” erläutert Sterling im Interview. Ein bißchen unsichtbares College für Medienarchäologie? Und doch wird das Dead Media Projekt als Paradebeispiel du jour für Sociomedia angeführt. Der Terminus “Sociomedia” geht auf das gleichnamige, Anfang der 90er Jahre erschienene Buch des Hypermedia-Theoristen und Dozenten für digitale Kommunikation am MIT, Edward Barret, zurück. Laut Barret entsteht Sociomedia, wenn via Datennetze verbundene Individuen sich ein gemeinsames, in Entwicklung begriffenes Wissen erarbeiten. Die einen mag die pure Lust am Forschen in der bisweiligen Obskurität motivieren (immerhin gutes Partywissen!), doch für Necronauten wie den amerikanischen Künstler Patrick Lichty, dessen Arbeiten die Interaktionen zwischen Technologie und Gesellschaft adressieren, ist es eine dringliche Aufgabe: “Für mich handelt das Dead Media Projekt von dem kulturellen Gedächtnisverlust und der Wichtigkeit, dieses Verschwinden zu erfassen. Der Subtext des Projektes besteht sicherlich aus Angst oder dem Gefühl des Verlusts über die Zerstörung von sozialen Aufzeichnungen in Form toter Medien. Wir hinterfragen die Zerstörung von Information und deren Folgen für die Gesellschaft.” Von den Quipus, Zeugnissen einer Hochkultur aus dem Andenreich, sind nur knapp 400 authentische erhalten geblieben, die man als Grabbeilagen gefunden hat. Der peruanische Jesuit Bernabe Cobo schreibt, daß Quipus knüpfen und lesen können ein Vorrecht der Offiziellen war; und sie, die quipo camayos, konnten nur ihre eigenen geknüpften Quipus decodieren. Von Generation zu Generation wurde weitergegeben, wie man die Quipus der Ahnen lesen konnte. Heute können Forscher nur vermuten, welche Bedeutung welche Farbe besaß – einen Quipu mit all seinem enthaltenen Wissen können sie nicht decodieren. Aber werden wir in einem Vierteljahrhundert eine von der Digital Video Disk und deren Nachfolger verdrängte CD-ROM lesen können? Wird das World Wide Web mit seinen Terrabytes an Wissen, Kunst und Banalitäten das größte Informations-Mausoleum in der Menschheitsgeschichte werden? Kann man es verhindern, soll man es überhaupt? Ein Buch über obsolet gewordene Medien könnte Hinweise enthalten.

Zitat: Retro-Science-Fiction zum Mitmachen mit Gebrauchswert für die Gegenwart?

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Elektronische Lebensaspekte.