Seit fast zehn Jahren veröffentlicht Phillip Lauer House. Mit seinem Projekt Arto Mwambé und seinem Label Brontosaurus spielt er dabei zur Zeit ganz vorne mit. Alles easy in Frankfurt.


House, und seine Steigerungsform Deephouse erst recht, ist eine todernste Angelegenheit. Es geht um Ekstase und Erlösung, um Ergriffenheit und “Can you feel it”, ja im Grunde genommen um den Herrgott höchstpersönlich. Nicht für Phillip Lauer, den man wohl besser als Arto Mwambé vorstellen sollte. Arto Mwambé macht fabelhafte Houseplatten, voll gut gelaunter Orgeln, staubigen Basslines und etwas merkwürdigen Texten wie “intergalactic, prophylactic, electronic, superspastic”.

Mwambé kommt aus Burkina Faso, seine Begleitband sind die Barons of Burma und irgendwie ahnt man schon, das da diverse Bembel im Spiel gewesen sein müssen. Zusammen mit seinem Kumpel Chris Beisswenger musste ein Pseudonym für das gemeinsame Projekt her. Und afrikanisch, das passt irgendwie zur Musik, fanden beide. Schon war Arto Mwambé geboren, der gutgelaunte Deephouse-Wigger, der die Party jenseits von Preacherman-Pathos und Superlover-Klischees ordentlich anschiebt.

Das Konzept dahinter: Es gibt keines. Das hat Phillip Lauer auch gar nicht nötig. Seit 2000 veröffentlicht er House-Platten. Die erste erschien auf einem Label namens In Between. Erfolgreicher waren die Platten auf Séparée und Punkt Musik. Mittlerweile betreibt Phillip Lauer ein eigenes Label: Brontosaurus. Es ist ein kleines, feines House-Label aus Frankfurt. Neun grundsympathische Platten in zwei Jahren, irgendwo zwischen Deephouse und Italo-Disco.

Die meisten kommen aus dem Freundeskreis. Manche haben auch schon einige Jahre auf dem Buckel. Etwa die Katalognummer 8 von Extraproduktionen. Die waren mal das ganz heiße Ding – jedenfalls in Berlin-Friedrichshain so um 2001. Dass die Welt von der tollen Deephouse-Band noch nichts erfahren hat, liegt nur an deren. Zwei Drittel von Extraproduktionen spielt jetzt übrigens bei The Whitest Boy Alive.

De:Bug: Brontosaurus ist der größte aller Dinosaurier. Warum hast du dein Label nach einer Spezies benannt, die vor allem dadurch bekannt ist, dass sie ausgestorben ist?

Phillip Lauer: Das hatte keine inhaltlichen Gründe. Ein Freund von mir wollte vor Jahren eine Blackmetal-Band gründen mit diesem Namen. Ich habe ihn immer beneidet um den tollen Namen. Der Typ kam aber nie in die Gänge und dann hab ich ihn gefragt, ob ich den Namen benutzen könnte. Erst dann habe ich mal nachgeschaut, was der Brontosaurus so isst und tut.

De:Bug: Der Brontosaurus funktioniert als Name irgendwie universell …

Phillip Lauer: Scheint so. Damals habe ich in einer Powerviolence-Core Band gespielt, dadurch habe ich auch einen Bezug zu punkigeren Sachen.

De:Bug: Im Gegensatz zum Brontosaurus ist House derzeit ziemlich lebendig. Hast du eine Erklärung warum?

Phillip Lauer: Ich habe mir schon öfter Gedanken dazu gemacht, warum House wieder so schwer im Kommen ist. Auch von den Verkaufszahlen her, erstaunlicherweise. Das wäre vor zwei Jahren noch undenkbar gewesen. Ich glaube, die Leute langweilt das Düstere. Düstere Musik, düstere Clubnächte. Da gibt es eine Sehnsucht nach etwas Warmem und Emotionalen.

De:Bug: Glaubst du, die Leute erwarten auch mehr von der Musik als ein tolles Sounddesign, etwa eine persönliche Ansprache oder eine Handschrift?

Phillip Lauer: So würde ich das jedenfalls empfinden. Ich kann da nicht für mich sprechen, weil ich vorher nie Minimal-Techno aufgelegt oder gemacht habe, sondern immer House. Aber viele, die jetzt House machen, kommen ja vom Minimal.

De:Bug: In den 90er Jahren hat man “referenzlos” neue Musik gemacht auf einem veralteten Medium – der Schallplatte. Heute, wo die Musik ihre Entmaterialisierung erlebt, besinnt man sich auf “traditionelle” Musik.

Phillip Lauer: Mir geht das auch so. Ich habe mir gerade eine 808 gekauft und bin gänzlich weg von Software. Früher habe ich das notgedrungenerweise mit Software produziert, weil ich mir das nicht leisten wollte und konnte. Mittlerweile bin ich doch fest davon überzeugt, dass sich das sogar besser anhört. Der Sound ist mir da auch wichtiger als das Handling, was natürlich auch eine Rolle spielt. Und die Dinger sehen auch noch gut aus.

De:Bug: Das Hauptprojekt auf deinem Label ist Arto Mwambé. Manche Stücke sind schon recht alt. Hum Along ist von 2004. Hattest du so viel auf der Festplatte, so dass du ein eigenes Laben gründen wolltest?

Phillip Lauer: Ich hatte vor allem viele Disco-Stücke gemacht und wusste nicht recht, wohin damit. Die Leute, die ich gefragt habe, hatten keine Lust darauf. Dann habe ich mir gedacht, mache ich doch ein eigenes Label, für eigene Sachen und Musik von Freunden. Intergroove hat letztendlich Brontosaurus möglich gemacht. Ich bin zu meinem Chef gegangen und habe gefragt, ob man das als Intergroove-Label machen könnte und er die Produktion zahlen würde. Aus Vertrauen und Sympathie hat er es dann gemacht. Natürlich auch, um Vinyl am Leben zu erhalten. Alleine wäre das schon schwieriger zu stemmen gewesen.

De:Bug: Du hattest schnell gute Remixer am Start – Move D, Toby Tobias, Fabrizio Mammarella. Wie kam’s?

Phillip Lauer: Der Einzige, den wir gefragt haben, ist Fabrizio Mammarella. Der ist mittlerweile ein richtiger Freund geworden. Der Rest waren Austauschmixe. Wir wurden für Remixe angefragt und haben dann eben auch einen bekommen. Move D hat sich selbst gemeldet. Er hatte da einfach Lust drauf.

De:Bug: Wenn man deine Platten hört, könnte man meinen, du würdest schon ziemlich lange House hören.

Phillip Lauer: Meine erste Houseplatte habe ich 2000 rausgebracht. Ich hieß Plenty Emo und das Label “In between”. Leider wurde es danach gleich wieder eingestellt. Dann kamen ein paar auf Séparée. Mir gefällt diese Proto-Phase gut, wo House gerade los geht. Wenn man die neue Arto Mwambé hört, da klingt ein Stück wie aus dem Backkatalog von Warp. Das lag an dem neuen Synthesizer, den Chris, mein Arto Mwambé-Partner, und ich uns damals gekauft haben. Da ist dieser Sound drin. Als Arto Mwambé sind wir aber beide nicht so die Referenz-Heinis. Das entsteht einfach so im Studio.

De:Bug: Wie kam es denn zu dem Künstlernamen Arto Mwambé?

Phillip Lauer: Aus einer Weinlaune. Wir dachten uns, etwas Afrikanisches für die Musik wäre lustig. Eigentlich wollten wir das auch geheim halten, aber das haben wir dann doch schnell wieder aufgegeben. Wenn jemand kommt und uns fragt, ob wir spielen wollen, dann hätten wir sagen müssen, der Arto Mwambé hat keinen Strom in seiner Hütte und keinen Plattenspieler. Aber es ist auch Antimarketing. Wenn man die MySpace-Seite von Arto sieht, denk man, dass das eine Karikatur wäre.

De:Bug: House ist ja oft so eine todernste Angelegenheit.

Phillip Lauer: Ja, das stimmt. Für uns ist das aber nicht so. Ich finde das auch anstrengend, dass da immer alles gleich so oberspirituell ist. Solo hier, Deepness da. Das war nie so unser Ding.

De:Bug: Deephouse ist ein urschwarzes Musikgenre. Wenn man das als Weißer macht, muss man auch irgendwie ausweichen?

Phillip Lauer: Bloßes Nachmachen wäre albern, auch wenn das viele machen. Bei uns läuft das eher spontan. Die meisten Stücke entstehen in einer Stunde. Ich sitze am Klavier und Chris, der auch als Toningenieur arbeitet, ist am Computer und dann jammen wir rum. Es ist ziemlich viel von Hand gespielt. Wir samplen auch nicht, außer vielleicht mal ein paar Vocals.

De:Bug: Deine eigenen Sachen klingen anders als die Mwambé-Stücke. Mehr Disco, mehr Italo, mehr Kitsch, mehr mehr.

Phillip Lauer: Ja, mehr Käse. So nenn ich das. Ich bin ja der Melodien-Mann. Bei Arto Mwambé werde ich immer von Chris ausgebremst. Alleine kann ich das dann machen. Das bringt einen auch wieder auf den Boden zurück. Es verkauft sich nämlich deutlich schlechter als die House-Sachen.

De:Bug: Spielst du viele Instrumente?

Phillip Lauer: Als Kind musste ich Klavier lernen. Dann habe ich mal Bass gespielt, dann Schlagzeug. Davon ist zwar nicht mehr viel übrig geblieben, aber für House reicht es noch. Letztendlich kommt es bei Clubmusik immer auf die Idee an, nicht aufs Können. Da muss man nicht musikalisch-harmonisch arbeiten können.

De:Bug: Wobei die interessanteren Sachen in den letzten Jahren wieder von Leuten kommen, die auch was können.

Phillip Lauer: Ja. Da gibt es schon Unterschiede. Es ist was anderes, wenn man Klavier spielen kann oder nur am Midi-Sequencer rumklickt. Wir spielen das ja auch immer live ein.

De:Bug: In der Hochphase der Techno-Euphorie dachte man ja, jetzt tanzt bald jeder zu Stücken, die sich schnell selbst produzieren.

Phillip Lauer: Das ist natürlich eine Horrorvorstellung für die Musikbranche. Das hat sich totgelaufen. Jetzt greifen schon wieder Filtermechanismen, auch wenn das für viele schmerzhaft ist. Aber die Flut ist sonst nicht mehr zu bewältigen. Ich denke auch immer wieder daran, Brontosaurus als Vinyl-Only-Label zu machen. Die Stücke kann man zwar bei Kompakt und Word and Sound kaufen, aber was man da einnimmt, reicht, um einmal Pizza zu essen. Über Online-Shops kann man ja auch Vinyl bestellen. Auch wenn da viel von diesem Digger-Glück verloren geht.

De:Bug: Ein Arto Mwambé Album – kommt das mal?

Phillip Lauer: Vielleicht irgendwann. Wir haben erst seit März ein Studio. Deshalb geht das jetzt erst wirklich los. Zunächst kommen mal ein paar Maxis. Eine mit einem Osborne-Remix. Dessen Album finde ich toll. Auch ein käseaffiner Mensch. Außerdem basteln wir an einem Live-Act. Da wollen wir mit 909 und einer Menge Synthies aufschlagen.
http://www.myspace.com/brontolaurus

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Elektronische Lebensaspekte.

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