Andrew Fletcher ist das unbeschriebenste Blatt der vielleicht größten aktiven Bands der Gegenwart: Depeche Mode


Andrew Fletcher ist das unbeschriebenste Blatt der vielleicht größten aktiven Bands der Gegenwart: Depeche Mode. Die Tour de Force im Windschatten von Gore und Gahan, scheint ihn nicht zu stören. Dafür wird er selbst auf Depeche Mode-Parties in Spanien nicht erkannt und kann in aller Ruhe mit seinen alten Nachbarn Tee trinken. Glück oder Drama?

“Kommen Sie rein, kommen Sie rein.” Andrew Fletcher winkt vom offenen Fenster seines Hotelzimmers und raucht. “Besser, viel besser als gestern … das Wetter, meine ich.” Draußen, auf dem Berliner Bebelplatz, verschwindet die Welt hinter dichtem Schneeregen. “Gestern war es einfach zu kalt, finden Sie nicht auch? Meine Frau hat mir gerade eine SMS geschickt, aus dem Urlaub. Bei ihr ist es noch kälter.”

Die Dame der Plattenfirma braucht eine Entscheidung für das Mittagessen. Herr Fletcher studiert die Speisekarte, entscheidet sich für Gnocchi, will wissen, wo die Band-Kollegen essen, im Restaurant oder auf dem Zimmer. “Martin isst unten”, sagt die Promoterin. “Einverstanden, dann unten im Restaurant.” Nach den 20 Minuten für dieses Magazin ist Pause. Dann wird sich Andrew Fletcher für das nette Gespräch bedanken und im Fahrstuhl noch hinzufügen, dass er es sehr zu schätzen wisse, dass wir Journalisten uns an einem Sonntagvormittag die Zeit genommen haben.

Die Kollegen, die nach dem Mittagessen dran sind, sitzen derweil auf dem Flur Schlange. Blick auf den Boden, die Zettel mit den Fragen an sich geklammert. Mitarbeiter des Managements und der Plattenfirma hauen in ihre BlackBerrys und gähnen verstohlen: Es war eine lange Nacht. Eine wichtige Nacht. Depeche Mode haben ihre neue Single bei der Echo-Verleihung in der ARD vorgestellt, den ersten Vorboten des neuen Albums “Sounds Of The Universe”. Es ist das zwölfte Studio-Album der Band und die Berliner O2-Arena rastete schon beim Playback zur Single komplett aus.

Die Stadion-Tour im Sommer ist bereits komplett ausverkauft. Wie immer eigentlich, nur dass die Hallen oder Stadien von Tour zu Tour immer größer werden. “Haben Sie das gestern gesehen?”, fragt Andrew Fletcher und kratzt sich am Kopf. Er trägt schwere Adidas-Basketballschuhe, Blue Jeans und eine Trainingsjacke von Y-3, die ein bisschen über dem Bauch spannt. “Was für eine merkwürdige Veranstaltung. Das wollte kein Ende nehmen. U2 durften immerhin am Anfang spielen. So muss das sein. Spielen und ab nach Hause. Aber immerhin liefen vor unserem Auftritt zwei Schnulzen, da konnten wir nur gewinnen, schön laut spielen.

Aber die Warterei war schlimm. Dass solche Medienpreise groß im Fernsehen übertragen werden … es reicht doch, wenn sich da die Chefetagen der Majors treffen und ein bisschen was trinken.” Barbara Schöneberger jedenfalls war als Moderatorin der unsäglichen Veranstaltung so aus dem Häuschen, dass sie mitten in der Sendung schon mal kurz bei der Band vorbeisauste, um ein paar überflüssige Fragen zu stellen. Martin Gore stammelte ein paar Sätze auf Deutsch und schaute interessiert in Richtung Schönebergers Dekolleté, Sänger Dave Gahan gab preis, dass er gerade eine Cola trinke. Andrew Fletcher bekam erst gar keine Frage ab und schaute etwas pikiert auf seine wippenden Füße.

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Er ist der Mann im Hintergrund, schreibt keine Songs, kommt über Backing Vocals nicht hinaus und trägt Brille. Später im Gespräch erzählt er, wie er in einem Club in Barcelona auflegt, auf einem kleinen Floor für vielleicht 200 Menschen. Als er fertig ist, packt er seine Platten ein und schaut sich den Rest des Clubs an. Auf dem Mainfloor brüllen 3000 Körper “Never Let Me Down Again”, einen der größten Hits seiner Band. Er war auf eine Depeche-Mode-Party geraten. Niemand wusste, dass er am gleichen Abend im gleichen Club auflegt, und niemand hat ihn erkannt. Dabei legte er 1980 den Grundstein für eine der erfolgreichsten Popbands der Welt.

Knapp dreißig Jahre und zwölf Alben später klingt das Trio so frisch wie nie zuvor. “Sounds Of The Universe” ist dabei eigentlich die musikalische Antithese zum Erfolg, eine echte Garagen-Platte: roh, ungeschliffen, laut, dreckig. Es brummt, fiept, rauscht und kracht. Der Clou: Es ist keine digitale Simulation von Spontaneität. Hier ist alles echt. “Es hat sich so leicht angefühlt, dieses Album zu produzieren. ‘Playing The Angel’ war sehr Sound-dominiert. Jetzt, auf der neuen Platte, stehen die Songs noch mehr im Vordergrund, bilden kleine thematische Cluster, so wie damals bei ‘Black Celebration’.”

Und plötzlich sprudelt es aus Andrew Fletcher raus, als hätte jemand einen Schalter umgelegt: Martin sei jetzt trocken, was zunächst bedeutet hätte, dass er doppelt so viele Songs geschrieben hätte, wie man für ein Album braucht … ein Novum. Gleichzeitig hätte er während der Aufnahmen wie ein Wahnsinniger alte Gitarren-Effekte, Synths und Drumboxen auf eBay gekauft, so dass jeden Morgen erst mal Pakete aufgerissen und immer mehr rauschende und brummende Geräte verkabelt wurden.

De:Bug Heißt das, die Art und Weise, wie Popmusik heute produziert wird, langweilt Sie?

Fletcher: Nicht nur heute. Denken Sie zurück. Die Charts vor 10 Jahren, 15 Jahren, 20 Jahren … ein Großteil der Musik war immer langweilig. Gehen Sie aber bitte nicht aus diesem Gespräch mit dem Eindruck: Depeche Mode, das sind ganz gewitzte Checker, die setzen sich zusammen, hören die Charts durch und sagen: “Oh, die Top10 klingen so und so, genau so darf unser nächstes Album also nicht klingen.” So ist das nicht. Wir machen immer noch Musik, weil wir glauben … nein, hoffen, dass die Songs relevant sind, eine Daseinsberechtigung haben. Wie die Platte dann klingt, wissen wir erst hinterher.

De:Bug Sie persönlich haben die Aufnahmen im Studio gefilmt und immer wieder Ausschnitte auf YouTube veröffentlicht. Das sah nach einer Menge Spaß aus.

Fletcher: Martin behauptet steif und fest, er sei traurig gewesen, als das Album fertig war. Es fällt mir ein bisschen schwer, das zu glauben, aber nun gut. Wir hatten allerdings wirklich sehr viel Spaß. Mehr Sampling, mehr Experimente …

De:Bug Eine Art Update von “Construction Time Again”, ihrem ersten auf Sampling basierenden Album von 1983?

Fletcher: Zum Glück gibt es von damals kaum Filmaufnahmen: Man hätte uns in unserem Wahnsinn mit Sicherheit entmündigt. Der große Unterschied ist, dass wir heute alle mit Sampling umgehen können. Damals war die Technik neu. Daniel Miller hat die Alben produziert und er war so perfektionistisch, dass wir ihn einfach haben machen lassen, gerne auch schon in Urlaub fuhren, bevor alles wirklich fertig war … der arme Kerl. Ja, “Sounds Of The Universe” aufzunehmen, hatte schon etwas von dieser Energie von damals. Nur sind wir seit Jahren schon einfach viel näher dran, viel mehr involviert, haben viel mehr den Daumen auf allem.

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De:Bug Nehmen Sie mir die Frage nicht übel, aber was genau machen Sie denn im Studio außer den YouTube-Filmchen?

Fletcher: Ich steige eben ein bisschen später ein. Ich schreibe die Songs nicht, ich singe nicht, die Produktion ist aber Teamwork. Wer hat was bei Kraftwerk gemacht? Das weiß auch niemand. Wir machen das zusammen, das können Sie mir glauben. So eine Platte aufzunehmen, ist wie gemeinsam etwas Großes mit Lego zu bauen, da machen alle mit. Daniel Miller kommt ja auch immer noch vorbei im Studio, auch wenn er nicht der offizielle Produzent ist.

De:Bug Für mich klingt das Album, als hätte er zusammen mit Fad Gadget erst Heroin genommen und dann die Platte produziert.

Fletcher: Ha! Er ist auf jeden Fall der Hauptgrund, warum die Platte bei der EMI erscheint. Er räumt die Firma von hinten auf …

De:Bug Ich würde behaupten, Filesharing ist bei Depeche-Mode-Fans kein Thema, dazu werden Sie und ihre Kollegen viel zu sehr vergöttert.

Fletcher: Das war vielleicht vor ein paar Jahren so. Ich muss mir aber nur meine eigenen Kinder ansehen. Das ist mittlerweile so ein Automatismus: Ich will Musik, ah, Internet, danke sehr. Wir machen es wie alle Bands, die es sich leisten können, und veröffentlichen die Platte auch als extrem aufwendiges Boxset. Extra Tracks, Demos aus der Vergangenheit, Remixe, noch eine DVD, zwei dicke Bücher … hoffentlich hilft das ein bisschen.

De:Bug Die Fans werden es lieben und haben auch schon sämtliche Tickets für ihre Stadion-Tour weggekauft. Macht das ihnen Angst, in immer größeren Arenen zu spielen?
Fletcher: Nein.

De:Bug Mir wäre es ein bisschen intimer schon lieber.

Fletcher: Dann gründen Sie eine Band, schreiben einen Hit wie “Never Let Me Down Again” und beobachten 60.000 Fans, wie die rhythmisch die Arme in die Luft werfen. Ich kann Ihnen sagen: Das ist ganz schön geil.

De:Bug Ihr neues Album dürfte als Erstkontakt für neue Fans aber denkbar ungeeignet sein. Überhaupt habe ich den Eindruck, Ihre Konzerte sind eher nostalgische Klassentreffen als Pop-Konzerte.

Fletcher: Stimmt nicht ganz. Die Fans rotieren. Das ist mein Eindruck. Vorne stehen immer die Kids. Es kommen immer neue Fans dazu, junge Fans. Das Problem ist nur: Die Alten verlieren nicht das Interesse. Deshalb müssen wir auch immer größere Hallen oder Stadien bespielen. Außerdem: Wir gehen alle auf die 50 zu, wir wissen nicht, wie viele Tourneen wir noch machen können, geschweige denn Platten. Wir haben also gar keine andere Wahl!

De:Bug Auf ihrem Facebook-Profil steht als Ort immer noch Basildon, die Kleinstadt bei London, in der sie aufgewachsen sind und ihre Karriere begonnen haben. Werden Sie sich da dann auch zur Ruhe setzen, wenn es vorbei ist mit den Olympia-Stadien dieser Welt?

Fletcher: Sie werden lachen, aber ich war letztes Jahr tatsächlich noch mal in Basildon und habe einen langen Spaziergang gemacht. Es war immer eine ziemlich beschissene Stadt … klein, piefig. Aber ich hatte eine tolle Kindheit, Martin genauso. Als ich dann letztes Jahr zurückkam, war ich wirklich schockiert. Es war alles noch da: der Fußballplatz, das Jugendzentrum, wo wir uns immer getroffen haben früher, nur: keine Menschenseele. In Basildon waren früher immer alle draußen, haben gespielt, rumgehangen. Heute ist es eine Geisterstadt. Ich habe keine Kinder gesehen. Die saßen bestimmt zu Hause und haben am Computer gezockt oder Musik geladen. Na ja. Ich habe aber sonst keine Verwandten mehr dort. Meine Eltern und mein Bruder sind schon lange umgezogen. Wer allerdings noch da war, waren unsere alten Nachbarn. Mit denen habe ich eine Tasse Tee getrunken. Das hat sich gut angefühlt.

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Elektronische Lebensaspekte.

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