Aram Lintzel über die Anleitung zur Revolution im Mainstream-Protest-Kontext
Text: Aram Lintzel aus De:Bug 147

Ein kleines Büchlein macht seinen Weg durch anarchistische Zirkel bis auf den Terrorismus-Index der französischen Regierung. Jetzt ist es auf deutsch erschienen. Stilistisch ist “Der Kommende Aufstand“ ein Situationismus-Update, praktisch eine Anleitung zur Sabotage. Aram Lintzel hat das Manifest oppositioneller Politik im Angesicht der aktuellen bürgerlichen Mainstream-Proteste gelesen.

Die Import/Export-Aktivitäten der Verlage gehorchen nicht immer den Dringlichkeiten des Diskurses. Dreieinhalb Jahre nach dem französischen Original und ein Jahr nach der englischen Version erschien nun kürzlich erst L’insurrection qui vient vom Comité invisible auf Deutsch (Unsichtbares Komitee: Der Kommende Aufstand) – passenderweise bei dem für die Rezeption von Situationismus hierzulande maßgeblichen Nautilus-Verlag.

Die anonyme Autorengruppe Comité Invisible brachte es zu überdimensionaler Aufmerksamkeit, als im November 2008 die so genannten Tarnac 9 festgenommen wurden, in dem französischen Dorf Tarnac lebende Landkommunarden, die beschuldigt wurden, Zugstrecken lahmgelegt zu haben. Ein Mitglied der Tarnac 9, Julien Coupat, wurde als einer der Autoren von “L’insurrection qui vient“ ausgemacht, was er jedoch bestritt. Vertreter des französischen Staates lasen den Text wegen einiger Passagen, in denen es um Bewaffnung geht, als Anleitung zum Terrorismus. Auf belustigende Weise heizte dann letztes Jahr der amerikanische TV-Moderator Glenn Beck die Hysterie an, als er in seiner Sendung bei Fox News das Büchlein als hochgefährliches Teufelszeug brandmarkte.

Ob gefährlich oder nicht: Stilistisch ist “Der Kommende Aufstand“ ein Situationismus-Update mit Zumischungen aus Anarchismus und Punk. Der lässt sich, weil schmissig formuliert, gut weglesen. Viele Sätze klingen offensiv resignierend und taugen durchaus als Kalendersprüche: “Das Paar ist die letzte Phase des großen sozialen Debakels“, lautet etwa eine verbale Verve gegen den Zwang zur Zweisamkeit. Die Autoren gefallen sich in der Pose der heroischen Melancholiker und kontrafaktischen Rebellen: Der Kapitalismus ist zwar unschlagbar, eine Revolution so unwahrscheinlich wie noch nie zuvor in der Menschheitsgeschichte – und genau deswegen muss man gerade eben jetzt against all odds den aussichtslosen Aufstand wollen.

Planetarische Hyper-Bourgeoisie
Schnell wird klar, dass das Pamphlet vollkommen anschlussunfähig für die Mainstream-Protestzüge der letzten Monate ist, seien es Anti-Atom-Demos oder die Proteste gegen “Stuttgart 21“. Der “Wutbürger“ (Der Spiegel) wäre für das Unsichtbare Komitee sicherlich nichts anderes als eine armselige Figur, Vertreter einer “planetarischen Hyper-Bourgeoisie“, wie es im Manifest heißt, die ein bisschen Abwechslung und moralischen Surplus nötig hat. Die vom Unsichtbaren Komitee sind selbstredend gegen diese Formen des Dagegenseins, handelt es sich dabei doch – wie bei ökologischer Politik generell – eh nur um eine höhere Form der Affirmation. Ökologie, so das Unsichtbare Komitee, sei die neue Moral des Kapitals und Legitimationsgrundlage für smarte Formen der Kontrolle.

Vor allem aber gehorchen die aktuellen bürgerlichen Gegenöffentlichkeiten genau jenen Sichtbarkeits- und Aufmerksamkeitsimperativen von Mainstreampolitik, gegen welche die Autoren sich richten. Weil echte oppositionelle Politik für sie im Verborgenen stattfinden muss, also weder im Parlament noch im Web2.0, ist Klandestinität denn auch das oberste Gebot ihrer Underground-Politik. Nur durch Interventionen aus dem Versteck könne die kapitalistische Maschine mitsamt ihrer Kommunikationsflüsse unterbrochen werden.

Kommuniziert werden soll demzufolge nicht durch Interessenvertretung, sondern durch Kommunikationsverweigerung. Die Chiffre dafür lautet “Sabotage“. Während viele aktuelle Konflikte zwischen Bürgern und Staat um die Frage der “Transparenz“ kreisen – wie können wir besser und offener miteinander kommunizieren? – ist für das Unsichtbare Komitee genau diese Forderung schon Teil des Problems. Wer sich zeigt, hat im Stellungskrieg verloren. Netzwerke und Milieus zu bilden, ist deswegen strikt untersagt, stattdessen gelte es Kommunen zu gründen.

Die auf Sichtbarkeit setzenden Bürgerproteste 2010 wären aus dieser Perspektive also nichts anderes als Affirmation in der Maske der Negation. Leider aber drehen die Autoren von “Der Kommende Aufstand“ die dialektische Schraube in ihrer Gesellschaftsanalyse nicht weiter, sondern zurück. Das Ergebnis ist nichts anderes als politische Regression. Denn im rhetorischen Zentrum des Buches findet sich die schlichte Gegenüberstellung von “echter” und “entfremdeter” Politik. Nach dieser Logik ist die Kommune der Genossen das schöne Reich der Unmittelbarkeit, das parlamentarische System hingegen nichts anderes als das hässliche Theater der Repräsentation. Einmal mehr wird hier Jean Jacques Rousseaus Traum von einer authentischen Gesellschaft ohne Konflikte geträumt. An manchen Stellen liest sich die vulgär-situationistische Polemik gegen die Spektakelgesellschaft wie ein Jargon der Eigentlichkeit von links. “Sabotiere jede repräsentative Autorität!“ – das sind klaren Ansagen, und das Buch ist voll davon, sind sie aber am Ende nicht genau so autoritär wie die Sprache des Feindes?

Kult der Unmittelbarkeit
Und überhaupt: Als ob Freisein heute so einfach wäre. Leider vermisst man in “Der Kommende Aufstand“ eine kritische Reflexion darüber, warum wohl das alte linke Ideal der Autonomie auf den neoliberalen Hund gekommen ist – Stichwort “Eigenverantwortung”. Genau so wenig Gedanken machen sich die Autoren über die wichtige Frage, wie in einer globalisierten Gesellschaft ohne Repräsentation eine Politik möglich sein soll, die die Interessen möglichst vieler Menschen zur Sprache bringt. Der Kult der Unmittelbarkeit ist auch deshalb regressiv, weil er auf einen gefühligen Spontaneismus vertraut, Begriffe wie ”Aufstand“ oder ”Sabotage“ stehen genau dafür. Das Richtige zu wollen ist da wichtiger, als das Richtige zu erreichen. Das romantische Scheitern wird nicht bloß in Kauf genommen, sondern begehrt. Immerhin kann dem Leser so suggeriert werden, dass er sich vom gewöhnlichen Protest-Nichtwähler kulturell unterscheidet.

Allerdings wäre es borniert und zynisch, den wiederholten Appell des “Unsichtbaren Komitees“ an politische Leidenschaften und Intensitäten nur als pubertäres Gestrotze abzutun. Eine Diagnose des Buches, nämlich dass Politik sich heute oft nur noch auf Krisenmanagement beschränke, ist nicht ganz von der Hand zu weisen. Gegen den öden Rationalismus der ‘Problemlösung’ versucht das Komitee tiefer liegende Energien anzuzapfen. Einer der großen Fehler linker Politik sei es gewesen, zu sehr auf Disziplin zu setzen, und die Emphase der Wut vom politischen Handeln abzukoppeln. So sehr man die altlinke (und neuerdings von Slavoj Zizek wieder aufgelegte) Fetischisierung der (Partei-)Organisation zu recht kritisieren kann: Keine Regung scheint heute unzeitgemäßer zu sein als eben diese Wut.

In dem gerade erschienenen und viel besprochenen Essay über die “Müdigkeitsgesellschaft“ des südkoreanischen Philosophen Byung-Chul Han findet sich eine Passage, die sich wie ein Einspruch gegen die Politik des Unsichtbaren Komitees liest: “Die allgemeine Zerstreuung, die die Gesellschaft von heute kennzeichnet, lässt die Emphase und Energie der Wut nicht aufkommen. Die Wut ist ein Vermögen, das in der Lage ist, einen Zustand zu unterbrechen und einen neuen Zustand beginnen zu lassen. Sie weicht heute immer mehr dem Ärgernis oder dem Angenervtsein, das keine einschneidende Veränderung zu bewirken vermag.“ Dass dieser Zustand im angeblichen Paradies der Kommune überwunden wäre, darf mit einigem Recht angezweifelt werden. Zum Leben in der Kommune gehöre nämlich, so die Kommunarden des Unsichtbaren Komitee, dass dort endlos und frei gesprochen werden dürfe, ohne Ziel und ohne Entscheidung. Das klingt nicht nur wie die ideale Voraussetzung für “Ärgernis“ und “Angenervtsein“, das klingt wie der blanke Horror.

“Der kommende Aufstand” von Das Unsichtbare Komitee ist im Nautilus Verlag auf Deutsch erschienen.

5 Responses

  1. zur Rezeption des „kommenden Aufstandes“ | Rhizomorph's Blog

    […] „Der kommende Aufstand“ aus De:Bug: Ein sehr gelungener kritischer Kommentar der die Schwächen des „Kommenden Aufstandes“ aufzeigt, und gleichzeitig versucht zu ergründen was die Motive für diesen Text waren. Sehr wichtig, wenn auch nichts neues, die Erkenntnis, dass diese Handlungsanleitungen denkbar ungeeignet für Proteste wie Castor und S21 sind. „Ob gefährlich oder nicht: Stilistisch ist ‘Der Kommende Aufstand’ ein Situationismus-Update mit Zumischungen aus Anarchismus und Punk. Der lässt sich, weil schmissig formuliert, gut weglesen. Viele Sätze klingen offensiv resignierend und taugen durchaus als Kalendersprüche.“ […]