Halb gelesen: Die Kraftwerk-Biografie

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Sie leben noch! Nur sprechen, dass tun sie schon lange nicht mehr. Obwohl, Ralf Hütter, der alte Gralshüter, tourt das immer noch glänzende Kraftwerk seit kurzem ja ohne Florian Schneider (ab 2009 komplett von Bord) durch die Kunstwelt. Und redet dabei schon gelegentlich mit Journalisten. Aber nicht mit David Buckley. So geistern vornehmlich Sekundärzitate über die immerhin knapp 400 Seiten, die der renommierte britische Autor, der Lehrbeauftragter für Popkultur an der Ludwig-Maximilian-Universität in München ist, zusammengetragen hat zu einem Buch, das wie ein V-Kragen-Pullover aussehen möchte. Warum eigentlich wie ein V-Neck? Das ist nicht ganz falsch, soll es doch wohl die zackige Zugeknöpftheit und den Formalitätszwang der Musikarbeiter suggerieren. Doch sah man sie je in einem V-Neck? Und steht dieser im Kabinett der Moderegeln nicht auch für Merino-wollige Weichheit? Fehlt da nicht rotschwarzer Schlips und Kragen? Es ist eben, wie so vieles auf der Welt und doch auch einiges in dem Buch, leider nur halb richtig. Und wenn der Wälzer dann im Untertitel reißerisch zur “unautorisierten Biografie” wird, dann heisst das trotz dieses Wendungsversuchs eben doch nur: die wollten nicht mit ihm sprechen. Und Ralf und Florian, die beiden genialen Starrköpfe, sie fehlen. Neben alten deutschen Weggefährten (fast alle stinksauer) sprach Buckley dafür mit Fans und Beeinflussten, zum Beispiel: Peter Saville, Moby, John Foxx, Andy McCluskey (OMD).

Was dem Buch wiederum eine schöne Richtung gibt, kommt doch so die Entstehung des anglo-germanische Komplexes der jüngeren Musikgeschichte ans Licht. Im Spiegel von Stimmen aus UK entsteht die deutsche Stimmung der 60er und 70er, aus der Kraftwerk sich entwickelte: Sich, und diese “Volksmusik der Fabriken”, die sie in in verschiedenen Formationen im schnieken D-Dorf aus dem Kraut schälten und, an Beuys genauso wie an Stockhausen geschult, die Idee der Musik dieser Welt für immer verändern sollte. Oft wirkt das Buch leider zu wenig am verrückten Detail interessiert, die Übersetzung etwas hingeschludert, Sätze und Absätze fad. Nun muss ich allerdings selbst einräumen: Ich habe das Buch exakt nur halb lesen können, die Deadline ließ mir leider kaum Zeit – aber das reicht ja auch. Für viele Hörer hört das Kapitel Kraftwerk eh nach “Radio-Activity” auf. Und allein bis dato lässt sich von tollen Dingen lesen. Weil es auch eine so tolle Geschichte ist. Etwa die Beziehung des Stücks “Autobahn” zum amerikanischen Genre des Road Song, die Liebe von Ralf Hüter zu den Beach Boys, die fiese Geschäftstüchtigkeit der Düssi-Boys. Und ihre Ästhetik, die auf einer Begeisterung fürs Reisen genauso fusse wie auf der Anbetung der freien Natur (ihr Studio nennen sie “elektronischen Garten”), die oft und durch Kraftwerk nochmals schön abgeordnet als Facette der immergleichen deutschen Psyche behandelt wird.

Was für einen befreiten Umgang die Beatles der elektronischen Musik selbst mit ihrer Identität pflegten, wie uneindeutig verspielt deutschtümelnd sie durch die USA hüpften, als Deutschland noch voller originaler Nachnazis war und sich in ihrer Stiffness nicht festnageln ließen, das kommt in dem Buch gut zusammen. Dazu gehört auch die Art, wie die beiden schnöseligen Buben (Probleme mit Frauen sollen sie auch gehabt haben, auf jeden Fall Ralf!) die Ablehnung zu einer strukturellen Leitidee machten. Schön, wie der “Ehemalige” Wolfgang Flür dafür tief in die Sprachgeschichtswunderkammer greift: “Sie wollen absolut für sich sein. Keine Vermischung mir feindlichen Kulturen; nicht ‘feindlich’, sondern fremden Kulturen.” Sowas gefällt den Briten halt. Toll auch, wie Kraftwerk einmal vor den Jackson 5 im Ami-TV spielten, und es ihnen, logischerweise, überhaupt nicht zusagte. Wie ihnen die USA eben grundsätzlich so gar nicht zusagten. Und Geld hatten sie, immer schon: “Ich erinnere mich, dass mein erster Synthesizer so viel kostete wie mein Volkswagen”, wird Ralf Hütter 2003 (ohne Quellenangabe) zitiert. Vom Riesenbenz Florians wird nicht geschwiegen.

Aber auch nicht von der Mulitmedialität, die sie in der Happening-Szene der 60er gelernt hatten und damit die Rockmusikbühnen durcheinanderbrachten, dem DIY-Credo, das sie dem Punk vorwegnahmen. Am besten ist das Buch aber dann, wenn vom gemeinsamen Fußballspiel erzählt wird, oder der parallel zu Kraftwerks Aufstieg vonstatten gehende Erfolg ihres alten Düsseldorfer Friseurs Herr Rindlaub aufgedeckt wird. Doch bei dem Auffinden genau solcher Geschichten, so bildet man sich ein, wäre noch Luft nach oben gewesen. Aber das kann ja im zweiten Teil noch kommen. tbc.

Kraftwerk, Die unautorisierte Biografie, ist im Metrolit Verlag erschienen

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4 Responses

  1. taschentelephon

    Starrkopf nicht mit doppeltem “r”?

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    • taschentelephon

      Ah, edit, thanks! Aber kein Danke? Boooh! Herzt Eure Community, es ist Eure einzige! :)

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  2. arpclaime

    Hab so die Vermutung dass sie bald ein Album rausbringen werden !!!

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