Doch wieder alles anders mit der so genannten neueren Popliteratur.

Für unsere Oktober-Ausgabe hat Timo Feldhaus gleich vier neue Bücher von Autoren der deutschen Popliteratur gelesen. Zwei halten den alten Standort Berlin Mitte hoch, zwei handeln von der Kleinstadt, der Provinz, und den dort lebenden Menschen. Es sind Heimatromane, die ein langjähriges Coolness-System der deutschen Gegenwartsliteratur bröckeln lassen.

Die bekanntesten Vertreter der so genannten neueren Popliteratur haben sich aufgelöst. Sie sind von der Bildfläche verschwunden und inszenieren damit eine Eigenheit ihrer Protagonisten, sich stets einer eindeutigen Lesart zu entziehen. Christian Kracht und Benjamin von Stuckrad-Barre gehen dabei auf entgegengesetzte Art und Weise zu Werk: Kracht, schon immer weltreisend, ist direkt nach Erscheinen seines letzten Buches nach Argentinien entschwunden, nun will er mit seiner Familie nach Afrika ziehen. Bücher möchte er gar nicht mehr schreiben. Stuckrad-Barre veröffentlichte zwar zuletzt einen Band mit geistreichen Reportagen, aber vor allem ließ er sich vom Springer Verlag anstellen und verschwindet so in die Mitte des Sprechens. Denn dort, neben Kai Dieckmann, findet er als Schreiber für ein großes Publikum einfach nicht mehr statt.

Anfang des Jahres hat das Airen-Hegemann-Komplott einen Teil der alten Diskurse wieder angerissen, auch wenn es vor allem um Schwerwiegendes wie Intertextualität und Authentizität ging. Nun erscheinen, gewissermaßen in einer Leerstelle, zur Buchmesse eine Reihe Bücher von Autoren, die sich immer im losen Umfeld der so genannten ersten Generation der neueren Popliteratur bewegten. Und sie geben dem, was man einmal darunter verstanden hat, ein völlig neues Gesicht. Der Journalist und Buchautor Moritz von Uslar veröffentlicht die “teilnehmende Beobachtung” seines dreimonatigen Besuchs einer ostdeutschen Kleinstadt. Der Möbelbauer Rafael Horzon schreibt eine Autobiografie und der Schriftsteller Ingo Niermann legt gemeinsam mit dem weitgehend unbekannten Alexander Wallasch einen furiosen Roman vor. Zudem präsentierte Rainald Goetz Mitte September den Bildband “Elfter September 2010”. Nach der Lektüre all dieser Bücher hat man durchaus das Gefühl, dass sie einem etwas Zusammenhängendes sagen wollen: Guck dich mal um, sagen sie, blick mal zurück. Schau dir mal bitte genau deinen Standpunkt an, den Ort, an dem du bist. Und geh dann da weg. Geh mal gar nicht so weit weg. Aber guck dir das mal an, die andere Welt.


Rafael Horzon

2001
2001 war für die Popliteratur ein entscheidendes Jahr. Denn es wurde ihr Tod verkündet. Diese Erzählung orientiert sich ein weiteres Mal an Christian Kracht, dessen erster Roman “Faserland” 1995 die Geburtsstunde und sein zweites, kurz vor 9/11 veröffentlichtes Buch “1979” das Ende bedeuten soll. Das als ultrazynisch gelesene Buch habe das Gefühl nach den Terroranschlägen auf die USA vorweggenommen und die darauf folgende “neue Ernsthaftigkeit” zuerst markiert, hieß es. Es wäre nun vorbei mit dem ewigen Ironisieren, dem Rumschnöseln, der Coolness. Der campige Roman lässt sich unter Inkaufnahme schwerer Missverständnisse durchaus auch so lesen. Doch dann passierte lange Zeit einfach gar nichts, als wüsste doch niemand so recht etwas Nützliches mit diesem Gefühl anzufangen. Dass Rainald Goetz heute an genau diesen Datum wieder ansetzt, lässt aufhorchen, aber dazu später mehr.

An genau dem Tag, an dem die Türme des World Trade Center in sich zusammenstoben, wurde auch “Redesign Deutschland”‚ geboren. Die Geschäftsidee, das Konzept einer einheitlichen Sprache und allumfassenden neuen Gestaltung Deutschlands und später der Welt. Sie entsprang den Hirnen des Schriftstellers Ingo Niermann und des Möbelbauer Rafael Horzons. Sie scheitert, wie viele der Ideen Horzons scheitern. Eine einzige hält sich bis heute: Das Horzon-Regal „Modern“. 199 cm hoch, 36 cm breit, 35 cm tief, mit fünf großen Fächern, erfreut es sich in Berlin Mitte großer Beliebtheit, gerne auch als Plattenregal. Später gründet er unter anderem die freie Wissenschaftsakademie, einen Apfelkuchenfachhandel und irgendetwas mit Lüftungsanlagen.

In “Das weiße Buch” erzählt uns der Autor Horzon, der sich bisher durch vermeintlich sachliche Kolumnen in De:Bug und Christian Krachts Literaturmagazin “Der Freund” auszeichnete, nun sein Leben in der Folie des deutschen Schelmenromans. Bauernschlau streift der junge Geschäftsmann und lebenslustige Erfinder Horzon durch die Welt, die vor allem Berlin Mitte ist, und sieht sich staunend an, was dort vor sich geht. Neben der Vorstellung aller in Berlin lebenden Halbprominenz des Cool ergibt sich ein diffuses Bild Berlins von Mitte der 90er bis 2008. Auch fast alle hier besprochenen Schriftsteller kommen dort vor. Und wie aus einem Reflex heraus kommt in der Machart des “weissen Buchs” das jungenhafte Verfahren des damaligen Literaturmachens ans Licht: das Quatscherzählen, Übertreiben, schnörkellose Verdichten, das Sich-Lustigmachen, Namedroppen und halbironische Lügenerzählen. Es bezeichnet so gewissermaßen auch den letzten Blick zurück, der Blick auf den goldenen Acker, den Hintergrund, auf dem die Gegenwartsliteratur von damals skizziert wurde.


Rainald Goetz

Elfter September 2010
In Horzons Buch gibt es zwei kleine Bildteile, auf einer der Schwarzweiß-Fotografien ist Rainald Goetz zu sehen. Tanzend auf einer Party. Ein ganz ähnliches Bild gibt es nun wiederum in Rainald Goetz‘ Fotoband von Moritz von Uslar. Auch Goetz‘ “Bildtagebuch” lebt vom Rückblick und vom Namedropping. Es versammelt in drei Kapiteln von Goetz aufgenommene Fotografien aus den Nullerjahren. Menschen, vor allem Medienmenschen sind dort zu sehen, Baustellen, Berlin. Und es ist trotzdem in seinem Grundgedanken ein völlig anderes Buch als das von Horzon. Dessen Buch ist reiner Rückblick, dem es kaum um wahrheitsgetreue Abbildung geht. Goetz‘ Buch bezeichnet dagegen die Initiation zu etwas Neuem. Ein wunderbar im Diffusen bilanzierendes Buch, das die blaue Phase des Rainald Goetz nun komplettiert. Nach den roten Rave-Büchern kamen Klage und Loslabern im blauen Umschlag. Wenn der Ort dieser Zeit die Nacht war, so ist es nun, wenigstens zum Teil, der Tag.

Statt Westbam tritt nun Schirrmacher auf, der Club ist die große Politik, das Goetz‘sche Verfahren bleibt aber dasselbe: Mitschreiben, Mitfotografieren, Mitmachen. Goetz ist aus den Trümmern seines langjährigen Romanprojekts wieder auferstanden und in seinem sagenhaften, auch sagenhaft souveränen Performance-Vortrag im Berliner Suhrkamp-Haus, auf einem Stuhl stehend, schwitzend, springend, fabulierend endgültig in den Zenit der Jetztzeit und des Hierseins zurückgekehrt. Die Leidenschaft, an der so genannten Aktualität teilzunehmen, wie Joseph Roth das einmal schrieb, sie war hier so ansteckend wie selten zuvor. Goetz präsentiert all das auf seinem Körper, die Präsenz, den Stress, die Panik, die Verworrenheit, die Dialektik, die Zartheit, das Über-Now, das Soziale, das Asoziale, den Riss.

Während seines kurzen Vortrags nimmt er einmal einen Fotoband zur Hand. Aus den 70er Jahren von Einar Schleef, erklärt Goetz. Er heißt “Zuhause” und es wäre für sein neues Buch neben dem Autor Rolf Dieter Brinkmann der größte Einfluss. Wenn er das hochhält, dann schauen drei der vier in diesem Artikel abgebildeten Autoren, weil sie da im Publikum stehen, auf dieses Wort, auf den Schleef‘schen Buchband und lesen dort: Zuhause. Und auch ihre Bücher handeln irgendwie, irgendwie ganz schön doll, von Heimat. Zuhause sein. In Deutschland. Nun ging es darum natürlich bereits immer schon: im “Faserland”, mit seiner Fatherland-Referenz im Titel, in Stuckrad-Barres bestem Buch “Deutsches Theater”.
Während bei Horzon und Goetz aber dezidiert der Standort Berlin Mitte verhandelt wird, verlegen die anderen drei Autoren den Ort des Handelns in die tiefe deutsche Provinz. Ins östliche Niedersachsen des ehemaligen “Zonenrandgebiets” oder nach Oberhavel, ins Herz Brandenburgs. Da soll nun hier sein.


Moritz von Uslar

Deutschboden
“Ich bin als Fremder gekommen und als Einheimischer gegangen.” Das steht da gleich auf den ersten Seiten, bevor es überhaupt losgegangen ist. Umriss der Idee Moritz von Uslars Reise in eine ostdeutsche Kleinstadt: “Nebenbei erfahre ich alles aus des Prolls reinster Seele, über Hartz 4, Nazirock, Deutschlands beste Biersorte und die Wurzel der Gegenwart.” Und dann noch: “Die Zeit in der Kleinstadt war eine der besten in meinem Leben.” Moritz von Uslar ist Journalist von Beruf, war jahrelang beim Magazin der SZ, zuletzt beim Spiegel, nun bei der Zeit. Er hat 2005 einen kurzen Roman mit einem langen Titel geschrieben, vor allem ging es dort um Berlin Mitte. Nun ist er in den Osten gegangen. “In den schönen Monaten Mai, Juni und Juli” 2010. Zu Beginn und am Ende seiner knapp 400 Seiten langen Reportage sitzt er aber dort, wo er hingehört, im Berliner Glossy-Restaurant Grill Royal, das wie höchstens das Soho Haus klarmacht, dass wir uns nicht mehr in den 90er Jahren befinden. Von Uslar inszeniert sich zwar gerne als der Proll unter den Journalisten, doch er weiß trotzdem selbst ganz genau, dass das eigentlich nicht geht, dass sein Vorhaben böse ist, dass er an sich nicht der richtige Mann ist, er, der Elitegymnasiast, der Halbadelige, der einigermaßen Reiche, die Grill-Royal-Type eben, dass er da nicht hingehört, dass er stört, dort im Osten. Und deshalb hat er Angst. In einer grandiosen Szene steht von Uslar an seinem ersten Kleinstadtabend vor der ostdeutschen Kneipe. Er hört von draußen die Stimmen, hat die Klinke schon in der Hand und kehrt dann doch um. Traut sich einfach nicht. Hat Schiss.

“Ich war Reporterdarsteller. Mich interessiert eigentlich nichts, das war ja das Geile.” Hier stellt sich das klassische Autorensubjekt der Popliteratur vor: “Das Nichts angucken und im Nichts die Zusammenhänge erkennen.” Das Arbeitsgerät ist natürlich möglichst wahnwitzig und möglichst fadenscheinig: “Das Boxen, so hatte ich mir das in Berlin überlegt, sollte neben dem Saufen mein zweites Standbein in der Kleinstadt sein.” Einfach mal ein bisschen Boxen gehen, mal bisschen losgucken. Bloß nicht professionell, bloß kein Auftrag, keine Spur, nur eben mal so. Dieses System des ziellosen Gehens und intentionslosen Sehens hat der Schriftsteller Franz Hessel bereits in den 20er Jahren installiert, aber dessen Dekade der Neuen Sachlichkeit ist eh das Prä-Pop. Von Uslar stellt, logischerweise immer nebenbei, die große Post-Pop-Frage, die ja überhaupt den Anlass auch dieses Textes darstellt. Es ist gewissermaßen auch die Goetz-Frage: “Es ging, nach zehn Jahren Berlin in den Nullerjahren – um die ebenso einfache wie dramatische Frage, ob man sich überhaupt noch irgendetwas Neues vorstellen und ansehen wollte. Oder ob man das besser bleiben ließ.”

Und dann macht er sich lustig. Und das ist wirklich lustig. Und natürlich megagemein und richtig blöd. Und es bleibt trotzdem, immer, richtig, lustig. Der Reporter findet Hardrockhausen, Spuckefaden-Heros, Killerprolls, Runen-Tattoos. Viel Komplettverweigerung, viele Da-sage-ich-Da-sagte-sie-Da-sage-ich-Dialoge, viel Pilszapfer-Lyrik, Autotuner-Lyrik, viele Wörter wie “uffjebaumelt”. Oft kumpelt er durch die Kneipe. Teilnehmend beobachten, das bedeutet in diesem Text: Ich sehe ein Haus in der Provinz, ich finde, das sieht völlig alkoholisiert aus. Ich guck da mal rein und merke, mit den Jungs kann man ja ganz schön gut einen saufen. Und dann denkt der Moritz eben: “Alte Scheiße, ist das gemütlich hier.” Und beim Kater danach dann wieder: “Deutschland, das war ja wirklich die hinterletzte, die fertigste, die hassenswerteste Scheiße”.

Von Uslar reitet auf Klischees und freut sich, wenn die genauso eintreffen und das den Ort trotzdem nicht schlechter, eigentlich erst noch schöner macht. Je mehr sich von Uslar dabei bemüht nicht hinzuschauen, desto steter entwickelt sich an den Rändern seines Sehapparats ein blödes wie begeisterndes, wie absolut liebenswertes Bild dieses Ortes. Deutschboden ist ein rasant gutes Buch, an dessen Ende so etwas wie Freundschaft mit einer Ex-Nazis-Rockband steht. Und eine hammerharte Konklusion: “Meine Jungs aber, die Jungs von 5 Teeth Less, wollte ich weiter anschauen, damit es – was sich wunderbar und richtig anfühlte – weiter nichts zu verstehen gab.”



Ingo Niermann & Alexander Wallasch

Deutscher Sohn
Auch hier die Provinz. Sie ergibt sich aus dem Bericht des Ich-Erzählers Toni. Am Ende des Romans laufen Vater und Sohn versöhnlich, versonnen und vereint durch die deutsche, mythenhafte Harzlandschaft und pflanzen Zitronenfelder. Kurz zuvor wurde dem Protagonist, dem Sohn, durch einen Lichtstrahl aus den Augen seiner Geliebten seine bis dahin viele hundert Tage durchtriefende Wunde am Bein geschlossen. Auf dem riesigen Müllberg einer namenlosen Kleinstadt, auf dem ein Amphitheater gebaut, auf dem der Parsifal aufgeführt wurde und die Sekte der Deutschreligiösen den Kriegs-Heimkehrer zu ihrem Messias machen. Lange davor ist Toni bei seinem ersten Einsatz in Afghanistan durch eine im Zitronenkübel versteckte Bombe schwer verwundet worden.

Der Bundeswehrsoldat musste zurück in die Kleinstadt und fristet dort ein Leben im elektrischen Wohnzimmersessel mit Lidl-Laptop auf den Knien, zwischen der Billig-Biermarke Adelskrone, hart dosierten Schmerzmedikamenten, Internet-Porno und ausgefeilten, superobszönen Sexszenen, die ihm eine ominöse Oberstufenschülerin namens Helen beschert. Der Roman “Der Deutsche Sohn”, den Ingo Niermann und Alexander Wallasch gemeinsam geschrieben haben, er zielt vom Rand der Gesellschaft ins Zentrum deutscher Verhältnisse. Gelegen zwischen Taliban und Goethe. Es ist, wie die SZ ganz richtig schrieb, “der erste große Pop-Roman über die Kriegs-Heimkehrer unserer Tage”. Und er handelt von einem jungen Mann, der sich aus der deutschen Gesellschaft in den Krieg flüchtet, freiwillig, wie alle deutschen Afghanistan-Soldaten. Wieder nach Hause geschickt, hat er den Krieg mitgebracht in die Einöde. Doch unter den großen Geschichten, die in dem Roman zusammengeschnitten werden, ergibt sich vor allem das Bild einer grotesken deutschen Kleinstadtexistenz, die so exzellent ausgeleuchtet, wie sie ausgedacht und fantastisch ist. Die Dumpfheit, die Stille, der öde Wahnsinn. Es ist ein Kriegs-Heimkehrer-Roman, es ist vor allem aber auch ein Heimatroman.

Coolness
Heimatroman, das klingt nun nicht besonders lässig, nicht besonders cool eigentlich. Anette Geiger, Gerald Schröder und Änne Söll veröffentlichten Mitte des Jahres einen akademischen Sammelband im Transcript-Verlag mit dem Namen “Coolness”. Der Band möchte “den heute zu verzeichnenden Trend zur kulturellen Erwärmung” beantworten. Der Wind des Zeitgeistes habe sich gedreht. Diese Aussagen bewegen sich genau in dem Wind, der vorher auch das Reden von der Neuen Ernsthaftigkeit angeweht hatte. Und so sind wir am Ende wieder bei der Frage angelangt, ob sich dieses Gefühl in einer deutschen Gegenwartsliteratur nun abgebildet findet. Interessant an dem Band ist, dass sie dabei im Titel einem Buch Antwort geben, das der Pop-Publizist Ulf Poschardt vor genau zehn Jahren in der Nachfolge von Helmut Lethens “Verhaltenslehre der Kälte” vorlegte. 2000 erschien sein Reader “Cool”. “Coolness”, so schreibt er dort, “ermöglicht den Menschen, mit der Kälte zu leben, statt in ihr zu erfrieren.” Ist diese Zeit, diese Haltung nun endgültig vorbei?

Die Bücher von Niermann/Wallasch und von Uslar, so unterschiedlich sie sind, spielen an einem ähnlichen Ort und sie kreisen dort um neue Themen: Prolls, Rechtsradikale, Arbeitslosigkeit, Provinz, da wo die deutschen Flaggen wedeln und man sich gut mit Autos auskennt. Sie erzählen von der Kleinstadt. Manchmal überscheinen sich die Texte darin fast. Wenn bei von Uslar der absurde Bundeswehrsoldat laut Heintje-hörend sein Auto durch die kleine Stadt fährt oder wenn ein Mann mit Krücken aus dem Auto steigt, dann sieht man da für einen Augenblick Toni aus dem Auto klettern, den Deutschen Sohn mit seinem laufenden Bein und den ewigen Adidas-Hosen darüber. Beiden Romane tümmeln in der Deutscherei. Und sie sind Anti-Heimatromane insofern, dass ja die Autoren Niermann und von Uslar, Berlin-Mitte-Bewohner, ihre Heimat verlassen haben und weggegangen sind. Und nicht wie Goetz und Horzon vor Ort geblieben. Sie entdecken dort eine neue Sprache.

Von Uslar sitzt am Anfang und am Ende im Grill Royal. Aber in den knapp 400 Seiten dazwischen vergisst er diesen für die Popliteratur stets wesentlichen Ort, der seine eigene Logik, sein eigenes Witzsystem stets hochhält und letztlich hermetisch um sich selbst kreist. Der Autor Alexander Wallasch wird so zu einer Schlüsselfigur. Denn er wohnt selbst in Braunschweig und gibt dem Ich-Erzähler in der Provinz von dort eine Stimme. Trotzdem funktioniert das vorgebliche Wärmesystem mitnichten völlig, das Cool ist auch weiterhin das Interesse des Moritz von Uslar. Nach dem Besuch im ostdeutschen Eiscafe vermeldet er glücklich: “Die in der Großstadt längst erledigten, weil leer und beliebig gewordenen Begriffe Style, Trend und Fashion – hier wurden sie noch einmal vorgeführt und gefeiert mit einem geradezu existenziellen Ernst, wie das vielleicht nur noch in der Kleinstadt möglich war.” Wenn das “neue Wärmeparadigma” überhaupt irgendwo greifen sollte, dann ist es der im schönsten Sinne rührende Blick auf die Figuren. Die liebenswerte Art, wie der Proll dort agiert. Wie gerne man dem eigentlich zuschaut. Wie ernsthaft toll der das macht. Es sind sehr schöne Bücher geworden. Die neuen Romane erzählen uns unvermittelt von draußen und wie es den Menschen dort draußen geht. Das konnte man eigentlich noch nie von der deutschen Popliteratur sagen.

5 Responses

  1. MB

    ganz unvermittelt, die menschen dort draußen, wärmeparadigma, rührend, bla …

    aber ein rechter informativer artikel.

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