Das Normale wollen und das Monströse schaffen. So sieht des Deutschen Befindlichkeit aus. Diedrich Diederichsen sucht die große historische Klammer und zeigt, welche Geistesverwandten Antje Vollmer und Heinz Rühmann sind. ODER SOWAS?Kulturindustrie ist undeutsch und schlecht. Deshalb muss Popmusik gut sein, wenn sie deutsch ist. Logik à la Vollmer.

Wenn Deutsche die Natur suchen, finden sie Monster

Das Problem mit den Deutschen ist nicht, dass sie anders sind oder anders sein wollen. Das Problem ist, dass sie normal sein wollen. Ihnen ist irgendetwas peinlich. Das wollen sie ändern; denn sie wollen werden wie alle anderen. Das geht schon lange so: Erst wollen sie einen Staat wie alle anderen. Das ist normal. Eine Nationalkultur, haben die anderen auch, dann Kolonien – das ist ganz normal. Haben die anderen auch. Völkermörder müsste man sein – wie die eleganten Engländer oder die forschen Franzosen. Autos bauen – wie der rationale Ford. Das wird alles ganz normal. Alle großen deutschen Verbrechen – und die kleinen auch – entstehen aus diesem Normalisierungsbegehren. Man sagt, die Deutschen wollen wieder normal und unauffällig werden – wegen Hitler oder um Hitler zu vergessen. Falsch. Schon Hitler wollte auch nur normal sein.

Natürlich ist so was nicht normal. Wer will schon normal sein? Das merken die Deutschen dann auch bei ihren diversen Normalisierungsversuchen: Das Normalwerden ist so peinlich und so sichtbar, dass sie dann stattdessen lieber die Flucht nach vorne antreten: Weltherrschaft und Gesamtkunstwerk sind so als Nebenprodukte missglückter Normalisierungsversuche entstanden. Es war schon wieder auffällig unnormal, okay, dann aber wenigstens übermenschlich. Sein Peinlichkeitsgefühl wegen dieser Differenz kann der Deutsche nur durch Grandiosität überwinden. In den 70er Jahren kam dann auch die Selbstverniedlichung auf, die sich bis in die Club-Kultur der 90er erhalten hat – in verschiedenen Wellen.

Letztes Jahr war nun wieder ein großes Normalisierungsjahr. Man wollte unter anderem eine ganz normale deutsche Pop-Musik haben. Das gab´s schon öfter, diesmal war es wirklich schlimm. Noch im Dezember hatten die Grünen unter der Entdeckerin “spannender“ deutscher Pop-Musik Vollmer einen Selbstverpflichtungsappell verabschiedet, dem sich deutsche Radiosender anschließen sollen, ein bestimmtes Maß deutscher Produktionen im Programm zu berücksichtigen. Man sollte meinen, wirtschaftliche Argumente könnten allenfalls unmoralisch, aber nicht peinlich sein, aber gerade dieser Gedanke verkennt die zentrale Peinlichkeitsstruktur des protestantisch geprägten Kapitalismus: Geld verdienen zu wollen ist schon so hochnotpeinlich, dass man durch Tüchtigkeit, Fleiß und andere deutsche Tugenden zum Profit legitimiert sein muss. Der reine Kapitalismus ist den Deutschen urpeinlich: Sie müssen ihn in nationale Tugenden umleiten. Der Ami, der uns eine “normale“ Pop-Musik wegnehmen will, ist dagegen auch so einer, der nur Geld verdienen will. Wir dagegen haben “spannende“ Bands, die von den großen Ferien singen.

Deutsche glauben, das Regime der Kulturindustrie sei eine spezifische Unterdrückung ihres Nationalcharakters und der damit verbundenen Kreativität – nicht ganz normaler kapitalistischer Alltag. Sie meinen, sie müssten dem natürlichen Qualitätsverfall unter kulturindustriellen Bedingungen durch staatliche Maßnahmen zum Schutz des Deutschen begegnen. Statt zum Schutze der Qualität. Der ideologische Charakter dieser Überzeugung, dass die Kulturindustrie von außen über ein Volk der tiefen Künstler und ehrlichen Handwerker und ferienverliebten Teenager gekommen sei, drückt sich darin aus, wie nassforsch den Vollmers dieser Welt die mysteriöse Verknüpfung des Problems Qualitätsverlust mit der Lösung mehr deutsche Pop-Musik über die Lippen kommt. Sie merkt gar nicht, wie schreiend unlogisch das ist, ahnt gar nicht, was für einen Schrott sie redet. Daran erkennt man Ideologie.

Quote für Heinz Rühmann!
Das meistgenannte Argument für eine Quote war der Erfolg der Quote in Frankreich, wo das “ganz normal“ ist. Nur bei uns regen sie sich auf. Wegen Hitler. Aber langsam kann man doch mal – der hat es doch auch nicht leicht gehabt, mit seinem Parkinson oder Ischias …Halt! Ich greife vor. Jedenfalls operiert in Frankreich niemand mit der Unterscheidung normal/unnormal, sondern ein Staat schützt da seine Unternehmer, was Staaten halt nicht lassen können. Und ein paar blöde Intellektuelle fallen manchmal auch dort darauf rein und meinen, das sei Anti-Imperialismus. Das ist dann auch da blöd. Unvorstellbar aber ist in Frankreich der Gedanke, man müsse Kulturleistungen im Namen der Normalität schützen oder produzieren. Man macht es eigentlich eher um aufzufallen und was zu verkaufen.

Das Normale, das dem Deutschen so wichtig ist und das ihm so hartnäckig verwehrt bleibt, ist nichts anderes als das Unmarkierte. Es ist da inner Heinz Rühmann und sein sich wegduckendes “Ich war’s nicht, Herr Wachtmeister! Ich bin eigentlich gar nicht hier. Ehrlich, ich komm rein zufällig vorbei“, das normal und unmarkiert sein will, das es bis zum Ich und zum Subjekt und zum Erwachsenwerden nie schaffen wird. Am allerschlimmsten ist der Deutsche aber, wenn er meiner Diagnose zustimmt und meint, nun wäre es Zeit erwachsen zu werden. Bloß das nicht! Dann lieber die autoritätsfixierte ängstliche Regression ins Unmarkierte.

Das Unmarkierte nennt man unter den Deutschen auch das Natürliche. Das Natürlichste, was man hat, ist die Sprache. Deswegen muss Pop-Musik in Deutsch sein, das ist natürlich, normal und unmarkiert. Ach verflixt! Geht ja nicht, Pop-Musik ist von Haus aus in Englisch. Gerade das ist also nun schon wieder nicht normal, sondern markiert und also was Besonderes. Fuck auch! Dieses Jahr war dagegen ein Jahr der Normalisierungen der Sprache: endlich einen eigenen Teenager-Akzent, am besten den der ersten Ideal-LP. Immerhin hat sich der als normal in unzähligen Synchronisierungen von Ami-Teenager-Komödien bewährt. Dann eigene Teenager-Themen: Sommer, Mond, Liebe. Und dann die Rücknahme der Rechtschreibreformen! Dann können wir nicht nur singen, sondern auch wieder schreiben, wie uns der Schnabel gewachsen ist. So normal wie man eben ist, wenn keiner hinschaut.

Aber ach! Die Rechtschreibreform, die natürlich ihrerseits schon als eine Normalisierung angetreten ist, ist bereits fortgeschrittener und eingesickerter in Strukturen und Schulbücher als die Internationalisierung der Teenager-Gefühle. Was nur kann man dagegen noch machen? Viele deutsche Schriftsteller protestieren gegen die Rechtschreibreform, weil sie Angst haben, dass das ungestört phallische Verhältnis, das sie zur deutschen Sprache unterhalten, gestört wird, wenn auch die nicht mehr natürlich und überliefert, sondern als ein Regelwerk erscheint. Oder übertreibe ich? Schließlich haben sich auch antiphallogozentrische Nobelpreisträgerinnen den Protesten gegen die Rechtschreibreform angeschlossen.

Nun, man kann immerhin die Sprache als das große gemeinsame Unmarkierte zum Urgrund des Protestes gegen beides machen, Rechtschreibreform und Anglo-Rock-Pop und dabei scheitern, oder, wie Rammstein oder Paul van Dyk, merken, dass auch diese Normalisierung wieder eine Besonderheit, eine ganz spezifisch deutsche Scheiße geworden ist und das dann vorwärtsverteidigen. Spektakulär werden. Also raunen und grunzen oder kraftwerkhell maschinenmäßig werden und internationalen Bedingungen entsprechen. Dem Deutschen öffnet sich ein weites Feld. Deutsche Pop-Musik, die deutsch klingen will, ist dabei immer noch ein bisschen schlimmer als deutsche Pop-Musik, die auf keinem Fall deutsch klingen will. Horror ist beides.

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.

Leave a Reply