Interfaces im Spiel endloser Spiegel

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Den unsichtbaren Interfaces ist ein Grusel gemeinsam: die Ahnung einer Welt, in der das Ich nur noch eine technische Funktion ist. Mit dem Verschwinden der Schnittstellen zwischen Mensch, Maschine und Welt geht eine Auflösung unserer Grenzen einher. Wir werden keine Rollenspieler unserer Selbst mehr sein, sondern die Welt als ein Ensemble von Subjektivitäten erleben.

Text: Sascha Kösch

In irgendeiner Form waren Interfaces immer etwas Sichtbares. Eine Oberfläche, an der sich Computer und Mensch, Mensch und Maschine, wenn man will auch Mensch und Objekt und Welt trafen, um etwas anzustellen, das sie alleine so nicht hinbekommen hätten. Wir erleben jetzt eine Wandlung dieser Interaktion auf zwei Ebenen: Die Interfaces werden einerseits unsichtbar oder transparent, verlieren teilweise ihre Oberfläche, den Bildschirm oder die Eingabe, und sie wachsen andererseits immer näher an uns heran. Erkennen uns, analysieren den Strom von Informationen aus Kameras, Sensoren und tun damit Dinge, die mal eine neue Bequemlichkeit, manchmal sogar eine neue Freiheit versprechen, immer aber einen Raum der Kommunikation öffnen, der über das hinausgeht, was man üblicherweise als eine Beziehung von Mensch und Werkzeug bezeichnen würde. Und genau an dieser Stelle breitet sich ein Gefühl aus, eine Unheimlichkeit, die auf die Verschiebung unserer Welt antwortet, deren Ausmaß erst dann wirklich klar wird, wenn alles in diesen Sog der gespensterhaften Beziehung zwischen uns und den Maschinen aufgegangen sein wird.

Schon vor Ewigkeiten stellte Toffler (wir befinden uns ja in einem Techno-Magazin) den Future Shock fest. Eine gewisse Angststarre beim Erkennen der Zukunft. Seit Jahrzehnten beobachten wir in unseren Memes und der alltäglichen Computer-Folklore immer wieder diese Verschiebung, mal achselzuckend, mal mit der Geste des großen Untergangs von Moral oder Freiheit. Stück für Stück, egal ob in Geschichten von GPS-gesteuerten Geisterfahrern, ob beim Googlen neuer Beziehungen, in Massenmorden aus First-Person-Shooter-Perspektive oder schlichtweg in einem Leben im freundlichen Blau-Weiß.

All diese Ängste, Vorahnungen, Unsicherheiten über die Beziehung zwischen Mensch und Maschine, Mensch und Netz, dieses tastende, langsame Vorwärts-Bewegen in einer unaufhaltsamen Entwicklung, führen in eine neue Phase, dessen neuestes Wunderkind oder auch Schreckgespenst sich Google Glass nennt. Und sie mündet auch in einer Vermischung von Augmented Reality, Gamification, Überwachung, Internet der Dinge, einer kompletten Wandlung der Privatsphäre und mehr noch, einer Vorhersage, einem Vorwegnehmen, einer Lenkung der Kommunikation und des Handelns, die so sanft wie radikal ist. In gewisser Weise lassen sich all diese Dinge unter dem Vorzeichen Hauntology beschreiben, oder unter dem einer sich verändernden Kommunikation. Von Face-To-Face haben wir uns eh mit Post und Print verabschiedet, von der Massenkommunikation zum Teil mit dem Netz – und selbst das Sprechen in den leeren Feedback-Raum der sozialen Netzwerke ist nichts Neues. Langsam dämmert uns aber, auch wenn wir das immer schon hätten wissen können, dass Kommunikation keine Frage des Ausdrucks ist, sondern der Bahnen, in denen sie überhaupt laufen kann. Diese Bahnen, früher oft durchzogen von eigener Geschichte, der eigenen Sprachfähigkeit, dem eigenen Wissen, wandeln sich mehr und mehr zu einem Multiple-Choice-Test (Google Instant). Selbst die feinsten Regungen, die uns selber noch nicht mal bewusst sein müssen, verwandeln sich in eine Kommunikation, in der ständig berechnet wird, was sein könnte.

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Allwissen ersetzt Wissen
Klar, der erste Horror, den alle in Google Glass sehen – und Google Glass ist hier nur ein Beispiel -, ist Überwachung. Jeder kann ständig aus eigener Sicht ein Foto oder Video von den peinlichsten Momenten machen, die ihm oder ihr vor die Nase kommen. Das ist ein altes Horror-Szenario, mit dem wir gut leben können; an dem wir sogar, das zeigen soziale Netzwerkdienste, irgendwie mehr Spaß haben, als an allem anderen. Mehr Horror-Spektakel wird dieses Spiel mit dem Grusel des Alltags nicht ausreißen. Entscheidender ist eigentlich die Möglichkeit, Information aufzunehmen, ohne dass ein Gegenüber fähig wäre, das wahrzunehmen. Quasi als eine Ahnung: Der Moment, in dem das Wissen ersetzt wird durch ein Allwissen, in dem die Brille mit dem Gehirn verschmilzt, und jeder Blick, jedes Wort eine Analyse von Hunderten von Servern auslösen kann. Man sieht einfach nicht mehr, wann das Netz an der Kommunikation beteiligt ist. Jede Begegnung droht, auch wenn diese Applikationen noch längst nicht geschrieben sind, zu einem Akt des computergesteuerten Social-Engineerings zu werden. Die Träume und Albträume von einem Date mit Google Glass sind längst ausformuliert, die Technologie ist da, die Technik steht schon lange am Horizont – jetzt könnten sie Realität werden. Allerdings anders, als erhofft. Möglich, dass Google selbst den Schritt zur Unheimlichkeit omnipräsenter Gesichtserkennung nicht wagen wird. Andere werden es – und voraussichtlich mit dem gleichen oder ähnlichen Tools. Alle arbeiten derzeit an solchen Brillen – oder Uhren, oder Hüten, oder Broschen, Diademen, Kontaktlinsen.

Sieht man sich die Liste der angedachten Applikationen für Google Glass durch, dann findet sich dieses neue Paradigma, das Google selbst gerne als “Nicht suchen, finden!” beschreibt, überall wieder. Eine KI-gestützte Gesprächsanalyse zum Beispiel, die konstant aus dem Netz gefischte Zusatzinformation zum Gespräch liefert. Im besten Fall ist das eine Art Google Now für Small-Talk-Topics. Eine Welt der Besserwisser, in der Fakten keine Wissensfrage mehr sind, nicht mal mehr eine der eigenen Suchfähigkeit, sondern ein ständig präsenter Raum des Wissens, von dem wir noch nicht einmal annähernd eine Ahnung haben, wie wir mit ihm umgehen könnten. Oder ob wir mit ihm überhaupt umgehen können, oder nicht einfach in einer ständig weiterblubbernden Filterbubble daher schwimmen. Und es geht nicht nur um diesen neuen Blick, der unsere Augen quasi aus dem Rechner hinaus auf die Welt blicken lässt. Er blickt genau so zurück.

Schon gibt es die ersten Smartphones, die unsere Augenbewegungen für einfachste Funktionen tracken können: Mit “Smart Pause” stoppt das Video, wenn man wegsieht. Klingt nach nichts. Es ist aber auch ein Kinderspiel, diese Technik so mit anderen zu verknüpfen, dass wir tatsächlich in einer anderen Welt stehen. Wir alle kennen die kläglichen Versuche, Musik über Stimmungs-Playlisten zu automatisieren. Gesichtserkennung ist längst fähig, nicht nur eine Stimmung zu lesen, sondern auch Geschlecht und Alter (Fraunhofer SHORE). Solche Systeme wären bereit, uns aus solchen Informationen, zusammen mit unseren Vorlieben (die unser Handy ja eh kennt) und ohne unser Zutun, eine Playlist zusammenzubasteln, die weitaus präziser trifft. Schon sind wir in dem Bereich der unterschwelligen Suggestion in dem jeder Marketing-Experte Herzrasen bekommt. Musik ist nur eine Einstiegsdroge … Ihr glaubt, Web-Browser wissen jetzt schon zu viel über euch? Was, wenn die Kamera mitläuft? Und das nicht nur im Gegenüber des Screens, sondern auch noch auf der eigenen Nase. Die gute Nachricht: keine Schrift ist mehr zu klein, egal aus welchem Winkel man auf den Screen blickt (Responsivetypography), beim Essen braucht man die Angry-Bird-Session nicht zu unterbrechen, da man längst nur mit den Augen spielen kann (Senseye). Die schlechte Nachricht: Gesichtserkennung ist längst nicht alles: Leap Motion ist die globalisierte Luftgitarre für alles. Kinect Fusion ist bereit, unser Zuhause in 3D zu analysieren. In zehn Jahren ist Instant-Replay keine Video-Funktion mehr, das uns unsere Konsolen-Erfolge in Kinoformat zeigt, sondern ein begehbares Lerninstrument, in dem wir jede Begegnung, jeden entscheidenden Fehler des Tages nachspielen können. Aber nicht vorgreifen.

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Wir sind die Roboter
Warum erschreckt uns diese Zukunft, die keine mehr ist, in dem Maße, in dem sie uns fasziniert? Und mit welchem Recht fühlen wir uns selbst dann etwas ungemütlich, wenn wir sonst nicht mal Do-Not-Track oder eine hochgezüchtete Firewall installiert haben? Die grundlegende Veränderung, die uns droht, oder sich uns endlich als Möglichkeit eröffnet, ist nicht, einer digital durchzogenen Welt endlich mit den Tools begegnen zu können, die uns irgendwie halbwegs kompatibel machen. Nicht mal die, dass wir uns alle in wenigen Jahren so anfühlen könnten, wie wir uns früher mal Roboter vorgestellt haben; mit ständigem Zugriff auf alle Datenbanken dieser Welt.
Was uns Sorge machen dürfte: Wir haben nie gelernt, dass wir uns in einer Umgebung befinden, in der nicht wir – wie schlecht auch immer – entscheiden können und nach unserem Willen handeln, also autonom sind, sondern immer mehr klar wird, dass der nächste Schritt, der nächste Gedanke, der nächste Einfall schon vorformuliert sein könnte. Dass wir in jeder Handlung umgeben sind von einem durch algorithmische Präferenzen bestimmten Raum möglicher Handlungen, möglicher Antworten, vorformuliert/vorgedachter Wege, die uns längst genügen könnten. Generation Déjà-vu. Die Sorge, die uns jetzt umtreibt und beschäftigen wird, bis wir vielleicht verstehen damit umzugehen, ist, dass wir ein Leben unendlicher Möglichkeiten leben, diese Möglichkeiten aber längst und immer genauer vorgezeichnet und vorgelebt werden, wir uns also in diesem Raum eine Identität einrichten müssen, deren Basis eine neue Unheimlichkeit ist.

Alles, was wir mit Identität verbinden – unsere Eigenschaften, unsere eigene Geschichte, Status, Wissen, Gedanken und Erinnerungen, die in unserem Lebenslauf und unserem sozialem Verhalten so etwas wie Stabilität vermitteln und von der ausgehend wir uns nicht selten verhalten oder zumindest unser Verhalten in einer Welt der Stile, Beherrschbarkeit, Vorstellungen und Einstellungen verorten – steht in diesem Raum der Unheimlichkeit auf ein Mal auf dem Spiel. Unser Einsatz dieser Identität ist genau dann nicht mehr unser Eigenstes, wenn wir nicht nur verstehen, sondern ständig vermittelt bekommen, ständig vor Augen haben, dass unser nächster Zug einer sein könnte, der uns vorgerechnet wurde und alles in einer Flut der Medien und deren Bedingungen aufgegangen ist. Wenn der Gang durch eine beliebige Straße nicht nur von digitalen Erinnerungen durchzogen ist (“Letztes mal, als du hier warst, sind wir in die Bar da drüben gegangen”, sagt Google Glass) sondern auch von Analysen einerseits noch nicht gesehener Korrelationen mit Dingen und Orten (“da vorne um die Ecke gibt’s die besten Erdbeeren, die stehen doch auf deiner Diätliste für heute”) von kommenden Begegnungen (“Lust, Edward zu treffen? Der sitzt da drüben im Café.”) bis hin zu einfachen Zeitplänen (“jetzt aber ab in die U-Bahn nach Hause, sonst packst du es heute nicht mehr”).

Wir sehen eine rapide Entwicklung der Verwebung des Netzes mit uns, von “immer online“, über “Instant” und “Prädiktion” hin zu Präkognition. Pre-Crime ist im Testversuch beim LAPD, Subvokalisierung – diese innere Stimme, kurz bevor sie den Mund als hörbar verlässt – schon ein erprobtes Kommunikationsmedium auf dem Test-Schlachtfeld, Bone-Induction (Hören über Knochen) in Glass implementiert, und die pure Hirnkontrolle von “klassischen” Interfaces ein medizinisches Forschungsfeld mit ständig neuen Erfolgen. Neulich erst schickten Ratten sich gegenseitig Erfolgserlebnisse durch das Internet, und Menschenhirne lassen die ersten Rattenschwänze in den Labors wackeln.

Genau dann, wenn uns klar wird, dass unsere Gedanken erstens nicht unbedingt unsere Gedanken sein müssen, sondern eine Stimme von vielen, die direkt ihren Wert in das Feld algorithmischer Überprüfbarkeit entlassen hat (wir stellen uns eine App vor, die mit Casino-Bing jede unserer Aussagen auf Wahrheitsgehalt überprüft und den Stand unserer Lügen im Highscore mit Freunden zu einem Wettbewerb macht) wird uns auch klar, dass wir sämtliche Vorstellungen von Identität auf den Prüfstand stellen müssen – und das Netz endgültig in uns aufgegangen ist. Eine Welt in der Unheimlichkeit, Vorahnung, Déjà-vu, Vielstimmigkeit, subjektive Kakophonie und vieles mehr eine Rolle spielen wird, die uns aus der Vorstellung der Rollenspieler in ein ganzes Ensemble aus Subjektivitäten entlässt.

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Elektronische Lebensaspekte.

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