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Wir stehen mit dem Internet am Scheideweg. Die Vier Reiter der Infokalypse sind drauf und dran, sich das Netz – und damit dessen User – untereinander aufzuteilen. Doch noch immer steht eine handfeste Netzkritik aus, zudem fehlen Perspektiven einer echten Dissidenz. Sascha Kösch und Felix Knoke erstellen eine Kartografie der Zukunft des Internets: Wohin reiten Google, Apple, Amazon und Facebook? Sind sie Avantgarde, Zugpferde oder doch nur aufmuckende Ackergäule?

Text: Kösch/Knoke, Illustration: Scootaloo

Das Netz ist Normalität. Aber eine Kritik des Netzes, die nicht im Aktualitätswahn neuer Apps und Gadgets, vielversprechender (aber nichts ändernder) Visionen und Personenkult aufgeht, ist noch immer überfällig. Eine Kritik also, die sich des Netzes als Netz annimmt und Antworten auf die Probleme in dessen grundlegenden Struktur sucht und nicht in Technikalien und Ökonomismen. Dabei bietet sich gerade jetzt die Chance, die Zukunft des Netzes zu ergründen. Denn so klar strukturiert, mit so wenigen bestimmenden Akteuren, mit überschaubarer Daten- und Technologienvielfalt wird das Internet wohl nicht mehr lange sein – hoffen wir zumindest. Noch sind die Versprechungen und unterschwelligen Ideologien des Netzes von der alten Welt abgekupfert und verweisen auf sie zurück. Doch das könnte sich ändern: Neue Mächte aus dem Netz versuchen nicht nur unsere Vorstellungen, sondern auch unsere Möglichkeiten einer Zukunft mit dem Internet zu bestimmen. Wir müssen das neue Land noch betreten, das im oder durch das Netz entsteht. Und wir müssen hoffen, dass wir eine Wahl haben – und nicht auf die von den Hegemonialen der Netzwelt vorbereiteten Felder gezwungen werden, als Lohnsklaven der Urbarmachung unserer eigenen Identität.

The Four Horsemen of the Internet Apocalypse

Diese Hegemonialen, die führenden Technologiefirmen des Netzes, werden vor allem in den USA als wahlweise Gang of Four, die Four Horsemen oder abschätzig The Four Horsemen of the Internet Apocalypse (oder der “Consumer Cloud”) bezeichnet. Eine fragwürdige Ehre. Vier Firmen, die sich den großen Kuchen unserer Zukunft schon unter sich aufgeteilt haben: Google, Facebook, Apple und Amazon. Google gehört das, was uns beschäftigt. Facebook das, was uns mit anderen Menschen verbindet. Apple die Instrumente, auf denen wir existieren. Und Amazon das, was wir zum stofflichen Leben brauchen. Microsoft – wahrscheinlich als naiv-technologisch langweiligster Akteur – wurde in dieser Diskussion ad acta gelegt. Die klassischen Technologiefirmen, Infrastrukturanbieter, staatliche, zwischenstaatliche und kriminelle Elemente sind beim Sinnbildgalopp wohl vom Wagen gefallen. Trotzdem ist das Bild der vier Reiter vollständig – denn sie verkörpern die Kräfte, die das Netz maßgeblich bestimmmen; Firmennamen und Organisationstitel hin und her. Es gibt viele Facebooks, Googles, Amazons und Apples.

Identität fassen, verändern, überprüfen

Akzeptiert man die Prämisse der Vier Reiter, dann ließe sich aus den zugrundeliegenden Strategien dieser vier Firmen also ablesen, in welche Richtung sich das Internet und die mit ihm vernetzte Welt in den nächsten Jahren bewegen. An den heftigsten Kämpfen dieser Firmen untereinander sollte man ablesen können, welche Technikfelder wirklich bestimmend sind und bleiben. Andererseits könnten aus den jeweiligen Verschiebungen und Übergriffen die Überlebenschancen im Gladiatorenkampf und die Chance und Möglichkeiten unerwarteter Wendungen, disruptiver, also “Marktsituation-verändernder” Technologien und Ideen abgeleitet werden. Vielleicht ließe sich durch ein Ausloten der von den Firmen jeweils besetzen Felder sogar eine Art brüchige Phänomenologie unseres informationellen Selbst bestimmen. Denn was wir im Netz sind – und das ist derzeit eine Hauptaufgabe im jungen Netz: Identität fassen, verändern, überprüfen – wird derzeit vor allem von den Mitteln bestimmt, die uns zur Verfügung gestellt werden. Nur die Funktionen, die ein sozialer Dienst wie Facebook uns auch anbietet, können zur Darstellung unserer Identität genutzt werden. Was wir im Netz sind, wollen, tun können, unterliegt technischen Bedingungen. Das Netz, wie es die Vier Reiter aufspannen, beschränkt zugleich unsere Ausdrucksmöglichkeiten. Daran, wie romantisch- veraltet und naiv die Cyborg-Manifeste und Cyberspace-Glaubensbekenntnisse der Achtziger und Neunziger heute klingen, erkennt man die definierende Macht der neuen Verhältnisse. Das digitale Dasein bestimmt unser Sein. Das ist die neue und kaum verstandene strukturierende Kraft des Netzes. Doch diese Macht ist fragil. Dass dies bislang nur als wirtschaftliche Chance für Emporkömmlinge (“das neue Google”, “das bessere Facebook”) gesehen wird, ist ein seltsames Versäumnis des Netz-Diskurses. Die neoliberale Perspektive: Warum genau sollten diese Vier nicht innerhalb weniger Jahre von irgendeinem frechen Startup – oder der müden Konsumentenmasse, die einfach mal eine neue Sorte digitales Eis am Stil braucht – weggefegt werden? Erstens: Daten. Zweitens: Daten. Drittens: Wissen. Viertens: Geld.

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Big Data

Jeder der Vier Reiter konnte beim rasanten Aufstieg eine Menge Daten über uns sammeln und daraus potenziell ein Wissen ableiten, das unser eigenes über uns übertrifft. Facebook kann aus der Vogelperspektive unsere Position und Bewegung im und die Bedingungen unseres sozialen Netzes betrachten. Google kann uns mit Milliarden anderen Menschen vergleichen. Amazon versteht unser Kaufverhalten, Apple unseren Medienkonsum. Und diese Dienste müssen nicht vergessen, nicht filtern. Sie müssen nur sammeln und sammeln – und hoffen, dass neue Analyse-Tools entstehen, die diese Daten verwertbar machen.

Denn bislang arbeiten Google und Facebook nur an verbesserten Systemen, um ihren Kunden Werbeträger in den bestmöglichen Häppchen auf einem vergoldeten Zielgruppen-Tellerchen zu servieren. Das wahre Potenzial der Daten-Sammlung und Netzwerk-Analysen ist allerdings in der Realtime-Auswertung aller sozialen Bewegungen verborgen. Noch werden die Tools für Big Data Tag für Tag neu erfunden. Die Algorithmen für maschinelles Lernen durchforsten Petabytes nach interessanten Zusammenhängen und Eingriffsmöglichkeiten. Aber kaum jemand weiß bisher, wie man die Datenflut tatsächlich profitabel machen könnte – derzeit ist alles Potential. Und da das Potenzial riesig erscheint, blähen sich auch die an das Potenzial gekoppelten Börsenwerte der jeweiligen Unternehmen auf. Bei diesem Wettrennen der Vier Reiter (und natürlich ihrer unsichtbaren Gefolgschaft und der möglicherweise aufholenden Nachhut) geht es darum, wer als erster versteht, das Potential von Big Data nutzbar zu machen. Sprich: wer die Datenpunkte und ihre Verknüpfungen wirklich verstehen und umformen kann. Am Ende könnte es immer noch heißen: Obwohl wir alles über einen Menschen wissen, können wir ihn nicht fremdbestimmen. Aber es bliebe noch immer die Überwachung von Kreditwürdigkeit, Gefährderpotential und Kaufbereitschaft. Es bliebe also noch immer ein Geschäft. Die Aufgabe von Facebook und Co wäre dann, ein Kommunikationsumfeld zu schaffen, das die Akteure geschmeidig dazu zu zwingen versucht, etwas zu äußern, das zu einer Werbung passt. Und selbst wenn die Vier Reiter derzeit auch völlig blind sein mögen: Sie sind die Infrastruktur, Ausdrucksmöglichkeit, der Horizont unserer Wünsche im Netz.

Google nähert sich dabei Schritt für Schritt der “Predictive Search”, der Möglichkeit, uns auch noch die letzte Aktion, die wir mit Google identifizieren, unter den Füssen wegzuziehen: Nicht wir suchen, Google sucht für uns. Weil es weiß, was wir suchen würden – oder wollen? Creatures of Habit. Facebook sortiert – da können wir protestieren so viel wir wollen – das Geplapper unserer Freunde wie eine internalisierte Scheuklappe und mischt sich obendrein noch darin ein, wenn wir Worte verwenden wollen, die dem Zensursystem nicht gefallen. Bei Facebook darf Sex nur verhohlen stattfinden – oder als Klickfallen-Spam. Amazon lenkt unsere Mauszeiger mit banalen Kaufvorschlägen und subtil unterbreiteten Angeboten auf den Bestellknopf.

Entrinnen kann man dieser Manipulation kaum. Im Gegenteil: Man schärft die Analyse-Instrumente selbst bei Widerwehr. Jedes neue Geschrei um eine Veränderung des EdgeRank ist für Facebook nur neues Datenfutter der Optimierung unserer Sicht auf unsere Freunde. Sollte sich herausstellen, dass Menschen tatsächlich durch die technische Manipulation ihrer sozialen Umgebung fremdsteuerbar sind, wäre jede soziale Äußerung, jede soziale Verbindung, jeder Klick, jede Suche und jeder Kommentar das Futter eines gigantischen Social-Engineering-Projekts, dem wir uns nahezu ohne jede Gegenwehr unterwerfen müssten. Bisher gilt bei Werbung, die die Möglichkeit so einer Manipulation ja annimmt, dass ein Entzug zumindest möglich ist. Je mehr das Leben aber medial über Proxy-Kommunikationsdienstleister passiert, desto anfälliger und zugleich attraktiver ist es für Manipulations-versuche. Facebook gehört nicht nur die Luft, die unsere digitale Sprache überträgt, sondern auch der Lufthahn. Zumal “nicht kommunizieren” in so einem System eh nicht geht: Wer sich entzieht, macht sich zumindest verdächtig. Wer sich ohne seine Freunde entzieht, grenzt nicht nur sich selbst aus, sondern seine eigene Umwelt gleich mit. Jede Aktion, selbst der Austritt, ist ein Datenpunkt im Social Graph – und spiegelt sich auch in unserem ja immer weiterexistierenden sozialen Netz wieder. Weil der soziale Mensch ein Kommunikationseffekt ist, existiert er auch als Leerstelle weiter. Im Grunde muss man auf die Unfähigkeit und den Unwillen derer hoffen, die nun mal Zugang zu diesen Daten haben. Denn nicht nur steht in den Sternen, ob diese Daten jemals tatsächlich kommerziell nutzbar werden (und nur darum geht es – hoffentlich?! – den Wirtschaftsunternehmen), sondern auch, ob sie letztlich überhaupt verwertbar sind. Die schlimmste Befürchtung wäre, dass sich Big Data zu einer Gesellschaftsmaschine entwickelt, die alle möglichen und gesellschaftlich relevanten Aussagen schon vorformuliert und in ihrer Auswirkung vorberechnet hat. Eine Kontrolle als Lebensraum ohne Grenzen.

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Was ist Dissidenz in so einer Zukunft wert?

Adornos Klassiker “Es gibt kein richtiges Leben im falschen” müsste um eine technische Dimension erweitert werden. Was ist das für eine Zukunft, in der weite Teile der Gesellschaft sekundengenau und vorausschauend bis ins letzte Glied kalkulierbar werden, bis in die Momente kurz vor der Entscheidung? Wenn diese Entscheidungen aus Perspektive der Big-Data-Tools eher einem Multiple- Choice-Test gleichen, der gar nicht falsch ausgefüllt werden kann? Was ist Dissidenz in so einer Zukunft wert? Wie kann eine Gegenöffentlichkeit funktionieren, die nicht automatisch, schon auf technischer Ebene, ans kritisierte System ankoppelt? Wie soll man sich verhalten, wenn es systemimmanent gar kein wirklich unerwünschtes Verhalten gibt? Und immer wieder Daten! Informationen entstehen, wenn zuvor unsichtbare Datenstrukturen sichtbar gemacht werden. Ihre virale Brisanz entwickeln sie erst, wenn sie anschlussfähig werden, also nicht mehr auf ein “Lesegerät” oder System festgelegt sind. Im selben Zuge, in dem die größten Internet-Dienstleister ihre Daten vor dem Zugriff anderer Systeme schützen, wird unsere Identität und ihre angeheftete Vertrauenswürdigkeit/Reputation zum zentralen Datum. Die Verlockung, etwa Facebook, Twitter, das Google-Konto als Generalschlüssel zum Zugang zu allem zu nehmen, ist unter Programmierern und Kunden groß. So spannen wieder die größten Anbieter das größte Netzwerk. Wir haben genug gehört von gekappten APIs, zerstörten Start-up-Träumen durch durchschnittene Firehoses und den Kampf der Giganten. Staatliche Überwachung mag ein Albtraum sein, mit den in Realtime analysierten Datenströmen innerhalb und um diese Quadriga, den Möglichkeiten, die nicht nur die Daten selbst, sondern deren ständige Analyse bieten, kann sie nicht mithalten. Aber sie rückt jede Diskussion der Regulierungsbehörden mit eben diesen Playern in ein ganz anderes Licht. Man muss für sich selbst entscheiden, ob die komplexere Motivation dieser Player mit unseren Daten die bessere oder schlechtere Wahl ist, als die überschaubare von Nationalstaaten. Staaten wollen Sicherheit, also die Begrenzung von Möglichkeiten. Unternehmen verkaufen Möglichkeiten – und immer mehr die Modi der Entstehung solcher zusätzlicher “Optionen”. Dieser Verkauf selbst ist eine Ware und damit der Kunde.

Ich möchte Teil einer Markenbewegung sein

Derzeit jedenfalls ist es so: Diese Daten sind auch eine Währung, die es nicht einfach auf die Schnelle zu schröpfen gilt, sondern deren aufkommende, zukunftsprägende Gewalt in einem konsistenten und haltbaren Strom zwischen den Befindlichkeiten verwaltet werden muss. Zu viel ausgequetscht, zu creepy, zu unhip geworden, tritt man nicht nur dem User auf die Füsse. Man tritt dem Gefühl auf die Füsse, dass da unterschwellig eine Art Vertrauensbasis sein müsste, auf die man sein digitales Leben gestellt hat. Wie fragil dieses Vertrauen ist, kann man am Hippness- Aufstieg und -Abstieg von Apple ablesen. Cupertino fährt die schönsten Ergebnisse der Firmengeschichte ein und lässt einen schwindeln vor pur-kapitalistisch strotzender Verkaufsmasse, aber ein paar Kids finden’s nicht mehr so cool, ein paar Kinder von Tech-Journalisten wenden sich ab, die Börsenkurse flattern. Im Grunde sollte ganz unten in der Reihe der Analyse-Tools kapitalistischer Verhältnisse nicht das Geld, nicht die Zeit, nicht die Hauntologie stehen, – wie gerne von hippen Marxisten vorgeschlagen – sondern die Hipsterologie. Befindlichkeiten, Stimmungen, virale Katapulte eines Style-Befindens, all das kann heute die Giganten in arge Bedrängnis bringen. Ich möchte Teil einer Markenbewegung sein.

Sisyphos im Schlamm der Lernkurve

Wer sich in den letzten Wochen auf Myspace rumgetrieben hat, oder von einem Handy-System ins andere wechseln wollte, der kennt noch die ganz praktische Seite dieser Dilemmas. Von einer Sekunde auf die andere bewegt man sich schlimmer als Sisyphos im Schlamm eine Lernkurve hinauf, die an jedem Plateau zeigt, das nichts mitnehmbar, nichts portabel ist, nichts in dieser Welt so funktioniert, wie das Gedächtnis es sich einbilden würde. Die digitalen Spuren haben bis in unsere antrainierten Muskelbewegungen eine proprietäre Nuance bekommen, die den AGBs dieser Welt hoffnungslos unintuitiv ausgeliefert ist. Noch mag das als Zwangsjacke aus Apps und APIs wirken. Aber in Zukunft könnte das durchaus ein eigenes Leben ausformen, zu dem die Franchising-Welt von Snow Crash im Vergleich wie ein putziger Kindertraum wirkt. Weil bis tief in unseren Körper und unsere soziale Welt hinein Eingriffe von Firmen und deren Regulationswahn zementiert sein werden: Wir wären Figuren in einem Spiel zwischen Vorhersagbarkeit und kanalisierten Entscheidungs- und Kommunikationsformen, dessen Regeln wir nie verstehen werden. Diese medial vermittelte Welt müsste umfassend, total werden. Es dürfte kein Außen mehr geben, in das man sich zurückziehen könnte. In einer letzten Analyse der grundlegenden Motivationen von Google und allem was sie tun, kam A.J. Kohn auf die verblüffend einfache und einfach ausweglose Strategie: Google will, dass wir das Internet mehr und schneller nutzen. Was genau könnte eine Gegenstrategie, die nicht zurück in die Steinzeit will, dagegen überhaupt noch einwenden. Was fehlt, sind immer wieder: Perspektiven einer Dissidenz.

Gegenspieler und Dissidenz

Es gibt vermutlich nur drei Gegenspieler. Der Staat, Unternehmen (und dazu zählt noch Cybercrime), wir. Derzeit geht die größte dissidente Kraft tatsächlich von Staaten aus. Sie, so scheint es, haben durch Regulierungen das einzige Instrument in der Hand, um die auf Vermarktung optimierte Infrastruktur der Wirtschaftsunternehmen in Versorgerstrukturen zu überführen. Warum betrachtet man Facebook, fragt etwa Justin Fox in der Februarausgabe des Atlantic, nicht als Versorger statt als Dienstleister? Diese Idee ist eine Kapitulation: Das Netz als wichtige Kommunikationsinfrastruktur der tatsächlichen Vernetzer, nicht der Strippenleger, hat sich eben abseits staatlicher Lenkung entwickelt – und sollte also auch so weitergeführt werden. Der Ruf, Facebook zu verstaatlichen, wirkt abstrus. Aber warum eigentlich? Es gibt jedenfalls gute Gründe, so ein Kommunikationsnetz nicht dem Staat zu überlassen. Wenn im US-Wahlkampf politische Parteien die selben Manipulations- und Vorhersagetechniken verwenden, wie die kritisierten Unternehmen, dann ist Überwachung als Ausweg nur die einfachste Version einer Gegenposition. Facebook mag alles für ihre Shareholder tun, die in einer kapitalen Demokratie jeden Fehlzug mit einem Aktien- Sturzflug beantworten. Staaten selbst regulieren aber den Geldfluss nicht selten noch direkter mit einer ausgesprochenen Präferenz für die Stärksten im System und einer Umlagerung der Last auf jeden. Auf den Staat und seine Regulierung hoffen, heißt also normalerweise nicht weniger, als den Traum von Dissidenz einfach einem anderen Monster zu überlassen, das so von Lobbystrukturen durchzogen ist, dass man bestenfalls das eigene Wissen um die Marktverquickungen auffrischt. Wer seine strategischen Hoffnungen auf diese Richtung setzt, sei es mit Petitionen oder direktem politischen Handeln, der sollte – hat er ein Mal die Macht des Staates in eine passende Richtung gelenkt – den schnellen Absprung schon vorbereitet haben.

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Haifischbecken der Aufkäufe

Start-ups und DIY-Szene, sofern sie im Haifischbecken der Aufkäufe und Patentzwänge überleben, haben nur eine Chance, die schon etwas mehr nach Dissidenz klingt. Sie müssen die systemischen Fehler, die Bahnen der notgedrungenen Überregulierung, die die Finanzflüsse der großen Vier aufrechterhalten, auch gegeneinander durchbrechen und für andere, freiere Informationsflüsse öffnen. Unter der Prämisse von Web 2.0, noch bevor dieser neue Kompass der Viererbande etabliert war, hatten wir von dort nahezu wöchentlich neue Ideen der Befreiung gehört. Was wir daraus lernten, war, dass jede Öffnung auch eine Angriffsfläche frei macht, die von den Großen einverleibt werden kann, sofern sie sich nur genug offene APIs auf die Fahnen schreiben. Gute Ideen sind zu viel wert, als dass man sie nicht kaputt machen müsste. Mittlerweile kann man – wie man sehr gut am Beispiel von Minivideos sehen konnte – die Reaktionszeit auf ein aufmüpfiges Start-up wie Snapchat schon in Wochen messen. Facebook hatte die Antwort an einem Wochenende mit Poke zusammengecodet, Twitter Vine hinzugekauft, schon war die Konkurrenz da und die Träume auf einen neuen Start-up-Star auf den nächsten verschoben. Und immer öfter tun sich gerade diese Start-ups schwer, aus den klaren aber höchst einseitigen Bereichen wie Cloud, Arbeit, Hardware, Mobile, Konsum, Identität, Soziales (deren Verquickung in einem Ökosystem eben genau die Macht der Vier Reiter auszeichnet und stabilisiert) auszubrechen und eine andere Idee für die eigene Weiterentwicklung zu haben, als: Ach, wir wollen auch eine Media-Company werden! Auch der Hacktivismus als Dissidenzmöglichkeit muss scheitern, weil er die zugrundeliegenden Strukturen des Netzes nicht kritisiert, sondern sich am untauglichen Versuch eines guten Lebens im falschen Netz versucht. Im Grunde arbeiten alle nur an der Stabilisierung eines Systems. Critical Engineering Manifesto hin oder her: Wer jätet, statt stutzt, schützt.

Hoffnung Indie-Hardware

Zur Zeit befinden wir uns in einer Phase, in der viele die Hoffnung auf Indie-Hardware richten. Auf Crowd-finanzierte Kickstarter, die kurzzeitige Banden zwischen uns und der Technologie, die wir uns wünschen, erlauben. Nicht wenige halten 2013 für das Jahr, in dem Crowd-finanzierte Hardware – 3D-Printer, Arduino/Rasperry, – alles umkrempeln wird. Aus der vielbeschworenen Generation, die alles umsonst haben will, könnte eine werden, die ihre Zukunft durch minimale aber hochdistribuierte Investitionen selbst finanziert. Ob aber aus dieser Szene eine disruptive Technologie entstehen wird, die mehr ist als ein kurzer neuer Gadget-Hype, oder der Applaus für eine Millionen Investitionsgelder, muss abgewartet werden. Wichtig ist, dass hier das “Wir” mit den Start-ups ein neues Bündnis eingeht, das zumindest strukturell kurzfristig gute Chancen haben könnte. Am Ende dieser Entwicklung würde ein neues Internet stehen, das die strukturellen Fehler des aktuellen Netzes nicht wiederholt.

Dronenet, Sneakernet oder Subnetz

Ganz auf uns geworfen, mit einer gewissen Erfahrung von DIY, Hackertum und dem Wissen, dass Software immer genug Brüche erzeugt, sind Projekte oder Visionen wie Dronenet, Sneakernet oder hyperlokale Subnetze sicherlich vielversprechend. Sie könnten neue Möglichkeiten des Netzes aufmachen und so die Zukunft in neue Bahnen lenken. Nicht selten sind solche Bereiche aber von den Think Tanks der Großen gleich mitbesetzt oder der Vorsprung der Alltagstechnik ist einfach zu groß. Denn ein Problem des derzeitigen Internets ist ein einfacher Netzwerk-Effekt: kritische Masse, größter Haufen. Wer groß ist, wird größer. Aber selbst AR-Träume einer hochgefilterten Welt sollten mit Sergej Brins Google-Brille nicht zu Ende sein, die Hoffnung auf ein freies und mobiles Filesharing-Netzwerk als widerstandsfähige Kommunikationsbasis nie aussterben. Das immer und immer wieder bemühte Beispiel des arabischen Frühlings als Social-Media-Dissidenz muss nicht darüber hinwegtäuschen, dass so ein Internet vielleicht den viralen Zündstoff für Revolutionen liefern könnte – aber genau so eine Revolution zukünftig nicht überstehen wird. Die Stabilisierung der Zeit danach, das Konzept jenseits der Disruption, die Sustainability einer Zukunft ist in unserem sozialen Arsenal von Zusammenschlüssen nur mager implementiert und stößt schnell an Grenzen, die gerade staatliche Eingriffe in diese Systeme (Facebook, Google, wo sind die Aufrührer?) noch enger schnüren könnten.

Mehr Feinde, mehr Dissidenz, mehr Risiko

Keine Frage, die Arbeit an Jailbreaks, die unermüdliche Scene, die gelegentlich quietschigen Aktionen loser Zusammenschlüsse wie Anonymous, zeigen immer wieder: Nichts ist in Stein gemeißelt, unser technologisches Epitaph ist noch nicht geschrieben. So groß die Hoffnung aber auch sein mag: Hier legt sich die flexibel organisierte Crowd nicht nur mit den Reitern der Infokalypse an, sondern auch immer gleich mit dem Staat. Mehr Feinde, mehr Dissidenz, mehr Risiko. Dennoch würden wir uns wünschen, flexiblere und gleichzeitig tragbarere, das eigene Überleben sichernde Strategien des Widerstands zu sehen, die den Hype, den Nervenkitzel, den kurzen Aufruhr auf eine strukturell sichere Basis danach zu heben vermögen. Eine Welt also, die nicht von vier Prinzipien einer technokratischen Hegemonie bestimmt werden kann.

ZDFInfo hat Sascha Kösch und Felix Knoke zu den Chancen und Risiken des “Internets der Möglichkeiten” befragt. Das Interview wird am Dienstag den 7. Mai umd 18:15 Uhr, am 11. Mai um 5:00 Uhr und am 12. Mai um 11:30 Uhr auf ZDFInfo ausgestrahlt.

ZDFInfo: Wiso Plus

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