"Also ab 1988 bereue ich relativ wenig"

Was Greil Marcus für die USA und John Savage für England bedeutet, ist Diedrich Diederichsen für den deutschsprachigen Popdiskurs. Der säulenheilige Erneuerer, der mit literarischem Journalismus und gewagter Thesenfreudigkeit seit den 80ern der Popmusik zu Leibe rückte, bis sie für alle Zeit ihre Unschuld verloren hatte. Zu seinem 50. Geburtstag unterhalten wir uns mit ihm über den langen Weg durch die Jugendkulturen.

einsa.jpg

Seit seinen Anfängen als Redakteur beim Rockmagazin Sounds Ende der siebziger Jahre und langen Jahren bei der Kölner Spex in den Achtzigern und Neunzigern gilt der 1957 in Hamburg geborene Diedrich Diederichsen als Legendengestalt der deutschsprachigen Popkritik. Bewunderer behaupten gar, er hätte sie mit seinem an angloamerikanischen Vorbildern geschulten, furios-synkretistischen Stil hierzulande erst erschaffen. Feinde hingegen sahen in ihm immer den unlesbar-unverständlichen Theoretiker, der seine Gegenstände unnötig intellektualisiere.

In den Neunzigern sorgte Diederichsen vor allem als Autor der schwarzgrauen KiWi-Trilogie für Furore, die mit “Freiheit macht arm. Das Leben nach Rock’n’Roll“ (1993) begann, mit “Politische Korrekturen“ (1996) fortgesetzt wurde und mit “Der lange Weg nach Mitte. Der Sound und die Stadt.“ 1999 ihr Ende fand.

Diederichsen, der seit Ende der Neunziger in Berlin als freier Autor und Übersetzer lebt, lehrt zur Zeit am Institut für Gegenwartskunst an der Wiener Akademie der Bildenden Künste und hat vor kurzem die beiden Bücher “Critique electroacustique de la societe“, (Le Press du reel, Dijon) und als Herausgeber “Martin Kippenberger. Wie es wirklich war – Am Beispiel“ (Edition Suhrkamp 2486) veröffentlicht.

eins.jpg

An einem sonnigen Oktobertag traf er sich mit De:Bug-Redakteur Jan Joswig und Autor Kito Nedo auf einen doppelten Espresso im Schöneberger Café Savo, um unterlegt von sanft dahinplätschernden Jazzstandards über Popkritik, Kunst und elektronische Einsamkeit zu sprechen.

De:Bug: Woher kam die journalistische Technik, für die du Ende der Siebziger bei Sounds und später Spex bekannt geworden bist?

Diedrich Diederichsen: Mir ist das nie als Technik aufgefallen, aber im Schreiben gab es für mich damals ein paar Vorbilder, von denen ich dachte, dass die etwas über Musik herauskriegen, was andere nicht herauskriegen. Das war zum Beispiel komischerweise der später total langweilige Glenn O’Brien, der damals die “Beat“-Kolumne in “Andy Warhol’s Interview“ hatte. Für mich die ideale Weise, drei Dinge zusammenzubringen. Erstens Analytisches, das als Behauptung kommt, also nicht viel Zeit damit verschwendet, sich zu begründen, weil die Begründung eh implizit ist. Dann Emotionales, also das Nicht-Begründbare. Und drittens Informationen, die ausgeschlossen waren. Ihm fällt irgendwas auf, was man noch nicht kennt, er hat dazu drei, vier Hypothesen und er hat ein eigenes Verhältnis dazu. Das war richtig gut ausgearbeitet. In Deutschland kam so ein Schreibstil nicht vor. Hier gab es ja entweder nur das eine oder nur das andere. Also das Subjektivistische, das es natürlich auch schon vor Sounds und Spex gegeben hat, oder eben Leute, die mit ganz armen, heruntergekommenen Kunstkritik-Kriterien gearbeitet haben, wie: “Der Jeff Beck spielt aber unterkomplex auf der neuen Sowieso.“ Also diejenigen, die versuchten, objektive Gründe dafür zu finden, ob ihnen eine Schallplatte gefiel oder nicht.

De:Bug: Konntest du dieses neue Schreiben auch in anderen Feldern anwenden?

Diedrich Diederichsen: Ich kann nicht sagen, dass ich dieses Schreiben über Pop auf das Schreiben über Politik oder Kunst bewusst übertragen hätte. Da waren ja die Diskurse, auf die man reagierte, ganz andere. Hinzu kommt allerdings auch, dass es bei Texten über Kunst bestimmte Freiheiten gab, die man in Texten über Musik nicht hatte, weil man zumindest mit einem Publikum rechnete, das eher bereit war, längere und ausuferndere Sachen zu akzeptieren. Solche Formate gibt es ja in einer Musikzeitschrift nicht. Diese haben wir dann teilweise in Spex und Sounds eingeführt, aber trotz allem ist das natürlich sehr stark begrenzt. Insofern: andere Voraussetzungen. Was alle diese Texte gemeinsam haben, sind natürlich bestimmte Positionen, die für bestimmte Jahre stabil blieben und sich dann wieder änderten.

p1010496.jpg

De:Bug: Für welche Medien hast du deine frühen Kunsttexte geschrieben?

Diedrich Diederichsen: Kataloge. Ich war ja eng befreundet mit Praktikern. Es gab beispielsweise Texte, die in deren Manifesten aufgegangen sind, wo mein Name teilweise gar nicht mehr drunter stand. Dann gab es mal einen Text, den ich für das kurzlebige zweite Twen geschrieben habe. Das war der erste Text über Kunst, der nicht für einen Katalog geschrieben war, um 1981. Ob der dann tatsächlich veröffentlicht wurde, weiß ich nicht mehr. Oder diese Hamburger Zeitschrift Cult. Für die habe ich auch über Kunst geschrieben. Später kam der Wolkenkratzer hinzu, für den habe ich aber auch nicht oft geschrieben, vielleicht drei, vier Mal.

De:Bug: Könnte man sagen, dass du dich als Musikschreiber eigentlich immer weiter von den Szenen entfernt hast, über die du geschrieben hast? Von der Neuen Deutschen Welle, an der du auch als Musiker beteiligt warst, über den amerikanischen Post-Hardcore um das Label SST herum bis zu HipHop?

Diedrich Diederichsen: Nein, eigentlich nicht. Meine erste HipHop-Phase war ja schon zur selben Zeit wie der frühe Achtziger-Pop. Dann verschwand HipHop wieder und andere Sachen kamen. Als HipHop Ende der Achtziger, Anfang der Neunziger wiederkam, haben Gerd Gummersbach und ich “Dread Beat“ gemacht. Da haben wir fast jede Woche irgendwo im HipHop-Umfeld aufgelegt und hatten zumindest mit der Szene, die das in Deutschland rezipierte, viel zu tun. Und SST war ja die Avantgarde einer Welt, die eigentlich bis heute noch lebendig ist: die ganze Besetzte-Häuser-Jugendzentren-Hardcore-Szene, die es ja nach wie vor gibt, obwohl sie mittlerweile kleiner und weniger bedeutend ist und weniger Fanzines produziert. Damals hat das ja sehr stark die Diskussion darüber bestimmt, dass es eine Nähe dieser Musik zu einer sich politisch verstehenden Szene gab. Insofern war das auch mit einer bestimmten Szene verbunden, aber natürlich war ich damals nicht mehr so jung, wie ich es war, als ich bei den “Nachdenklichen Wehrpflichtigen“ gespielt habe. Da war ich zwanzig und hatte ein anderes Verhältnis dazu. Nicht zu vergleichen mit der Distanz, die ich heute zu diesen Welten habe.

De:Bug: Also hast du dich schrittweise von da zurückgezogen, um dann mehr im Theater- und Kunstkontext aufzutauchen?

Diedrich Diederichsen: Ich würde sagen, solange ich bei Spex gesessen habe, hatte ich den ganzen Tag mit solchen Leuten zu tun. Und das änderte sich im Jahr 1992. Danach trifft eure Analyse zu.

p1010497.jpg

De:Bug: Bereust du heute, Techno nicht so verfolgt zu haben wie die anderen Szenen?

Diedrich Diederichsen: Nein, warum? Ich hatte ja meine Gründe, das nicht zu verfolgen. Viele Dinge, die man irgendwie regeln, erleben und erledigen muss durch die Beteiligung oder das Verwickeltsein in eine emergente Szene oder Jugendkultur, die musste ich ab 1993 nicht mehr. Insofern waren da andere Dinge, die mir näher standen. Warum sollte ich das bereuen? “Oh Gott, du hast es verpasst, als Jeff Mills das erste Mal im Tresor aufgelegt hat?“ Nein. Ich war ja auch nicht dabei, als John Coltrane 1966 das erste Mal in Stuttgart gespielt hat. Dazu wurde alles Wesentliche von LCD Soundsystem gesagt.

De:Bug: Stimmt es, dass man als Musikkritiker nur zwei Jugendkulturen wirklich mitkriegen kann?

Diedrich Diederichsen: Einige kriegen auch fünf mit. Hans Keller war vom Teddy Boy bis Italo Disco/House an bestimmt mindestens fünf Jugendkulturen beteiligt. Andere sind bei nur einer Sache dabei. Aber das ist ja egal. Das ist ja alles nur relevant, solange es darum geht, partisanenhaft mit den Szenen verbunden zu sein, über die man schreibt. Und das tue ich ja schon lange nicht mehr.

De:Bug: Durch was wird das partisanenhafte Verbundensein abgelöst, wenn man dann eher in einer akademischen Umgebung arbeitet?

Diedrich Diederichsen: Das muss nicht die akademische Umgebung sein. Es wird in jedem Fall abgelöst, in dem Moment, in dem man versucht, das, worüber man schreibt, als Sache zu sehen, als Gegenstand, den man objektiviert und von sich wegschiebt. Dann wird es halt ein Gegenstand unter anderen. Vielleicht einer, von dem man mehr weiß oder den man strukturell gut kennt. Das ist eine andere Autorenposition. Das partisanenhafte Verbundensein steht einem ja weiterhin zur Verfügung, aber nicht unbedingt für Dinge, die mit dem Aufwachsen, den Themen der Jugend, Sich-Identifizieren, etcetera zusammenhängen. Das kann ja auch ein politisches Engagement sein oder ähnliches, bei dem man diese Position durchaus wieder einnehmen kann, wenn auch nicht mit dem gleichen Existenzialismus, den man dafür als Teenager oder Fan aufbringen kann.

De:Bug: Heißt das, der Schwenk zu Kunst und Theater ist biografisch begründet?

Diedrich Diederichsen: Nein. Wie gesagt, für Kunst habe ich mich immer interessiert. Theater wurde interessant, weil ich festgestellt habe, dass Popmusik und Theater auf einer bestimmten Ebene sehr viel gemeinsam haben. Beides sind genau die künstlerischen Praktiken, die für einen medientheoretischen Zugang nicht zur Verfügung stehen. Anders als etwa beim Film sind diese Praktiken eben nicht verzahnt mit einer technischen Medialität. Kunst und Theater bestehen aus einem Zusammenspiel unterschiedlicher Medien und dieses Zusammenspiel ist auch relativ wenig vorab von der Form geregelt. Alle Verbindungen sind möglich. Dieser Punkt hat mich interessiert. Zweitens wurde mir die Frage auch sehr wichtig, was eigentlich die Pop-Performance ist. Dass das der zentrale Punkt an Popmusik ist, diese seltsame Art von Performativität. Dass sich das über die Performativitätsdiskussion in der Theaterwelt, die über die letzten zehn, fünfzehn Jahre gelaufen ist, auch stark gegenseitig erhellen kann.

p1010492.jpg

Subversiv vs dissident

De:Bug: “Subversiv“ war früher so ein zentraler Begriff bei dir. Kannst du den heute noch ertragen?

Diedrich Diederichsen: “Dissident“ war länger der zentrale Begriff. Subversiv war eigentlich nur ganz kurz in Benutzung. Der wurde natürlich auch aus guten Gründen abgelöst. Das ist wie bei all diesen Begriffen: Die Voraussetzungen haben sich stark geändert. Was man sich bei diesem Begriff vorstellt, dass da etwas unterlaufen, unterwandert, unterminiert wird – heute kann man ja erkennen, dass die Auflösung von Verhältnissen unter einer anderen Schwerkraft steht als die der Befreiung. Deswegen ist das Zersetzen und das Auflösen nicht von sich aus wünschenswert. Früher war man sich sicher, wenn sich das Starre, das Etablierte und das Stehende auflöst, dann löst sich das zur Freiheit hin auf – dass dem nicht mehr so ist, ist eine Erfahrung der letzten 20 Jahre.

De:Bug: Gab es in deiner Frühzeit Überzeugungen, von denen du froh bist, sie überwunden zu haben?

Diedrich Diederichsen: Jede Menge. Ich wüsste nicht, wo ich da anfangen sollte. Also, der Bestand an Ideen ungefähr ab 1988 – da bereue ich relativ wenig. Auch in den frühen Neunzigern ist natürlich vieles schrill und abstrus, aber ich würde immer noch sagen, dass ich das zumindest in der Zeit vertreten kann. Viele Sachen von vor 1988 kann ich auch für die Zeit nicht vertreten, das waren auch völlig falsche Positionen.

De:Bug: Stichwort zynischer Sprachgebrauch – in den 80ern, wo man aus strategischen Gründen von “Negern“, “Zigeunern“ und “Unterschicht“ sprach. Heute liest sich das ziemlich aggressiv.

Diedrich Diederichsen: Gut, das habe ich nur ganz kurz gemacht, so um 1983/84. Darüber steht auch in der Neuausgabe von “Sexbeat“ was drin. Da kann man ja sagen: Das war so wie die Leute, die heute absichtlich anti-PC sein wollen und das ist irgendwie ödipal – damit wollte man immer ganz bestimmte Leute ärgern. Aber es gibt natürlich tiefer liegende Fehleinschätzungen und Irrtümer als diesen strategischen Irrtum. Aber ich will mich hier nicht selbst denunzieren. Das finde ich auch einen blöden Gestus, zu sagen: “Schau mal, wie ich da geirrt habe, jetzt weiß ich es besser.“ Denn das impliziert ja immer, dass ich es jetzt besser weiß. Die Geste der Abrechnung mit dem jüngeren Ich ist ja auch problematisch. Das jüngere Ich ist nun mal leider jünger. Und wer wüsste das besser, wer hat sozusagen eine taktisch fiesere Überlegenheit als das ältere Selbst? Diesen Streit zu führen, ist auch etwas billig. Meine jetzige Position kann man ja an meinen aktuellen Texten erkennen.

b.jpg

De:Bug: Neulich hat Mike Kelley in der Berliner Dependance einer Kölner Galerie eine spektakuläre Ausstellung eröffnet. Kommen dir solche Ereignisse nicht aus dem Köln der 1980er bekannt vor? Du kennst Mike Kelley ja schon seit damals?

Diedrich Diederichsen: Es war damals auch schon derselbe Galerist. Mike Kelley habe ich einerseits durch Jutta Koether, andererseits durch Martin Prinzhorn kennen gelernt, die ihn beide aus verschiedenen Gegenden und verschiedenen Situationen kannten. Dann habe ich ihn getroffen, als mich der Galerist Rafael Jablonka einlud, als er das erste Mal mit Mike Kelley in Köln zusammenarbeitete, das war 1987 oder 1988. Seitdem habe ich ihn aber regelmäßig gesehen, unter anderem hat er mich nach Kalifornien geholt. Ich habe an der Schule unterrichtet, an der er auch unterrichtete. Es gab also einen kontinuierlichen Kontakt, und über die Jahre ist er immer berühmter geworden.

Kunst-Köln vs Kunst-Berlin

De:Bug: Wie schneidet denn das heutige Kunst-Berlin gegen das Kunst-Köln der 80er ab?

Diedrich Diederichsen: Das ist schon alles ähnlich, das sind teilweise dieselben Figuren, die daran beteiligt sind. Eine Erfindung von Köln waren ja diese “Premierentage“ – das ist das, was man jetzt in Berlin auch macht: Die Galerien machen alle an einem Tag auf und dann läuft das neckische Kunstvolk durch die Straßen und es ist irgendwie Party. Man gibt dann einen Ort aus, wo man sich trifft, und die anderen geben einen anderen Ort aus und die Guten sind dann da, wo man auch ist, und das andere Lager ist dann woanders – diese Dynamik, das ist alles dasselbe. Insgesamt sind es heutzutage jedoch viel mehr Leute und es gibt die Tendenz, dass die Kunstwelt in lauter Separatszenen zerfällt, so wie die Musik schon lange. Deswegen unterscheidet man nicht mehr zwischen Gut und Böse, sondern es gibt eben noch andere Welten, aber mit denen hat man nichts zu tun. In der Hinsicht ist das weniger interessant, als es früher war. Aber da ist viel mehr Geld. Das Geld, was in die Partys gepumpt wird, entspricht dem, was die Plattenindustrie für Promo ausgegeben hat, als sie mit Disco ihre größten Erfolge hatte. Es ist wahnsinnig, auch die Produktionskosten dieser Ausstellungen. Da ist ein großer Unterschied. Ansonsten: Köln hatte auf kleinerem Ort mehr antagonistische Energien. Hier in Berlin ist der Raum, in dem das Ganze stattfindet, größer, es gibt mehr Beteiligte, aber es gibt relativ wenige Antagonisten.

De:Bug: Verglichen mit deinen Texten zu den Berliner Verhältnissen, wie du sie in dem Buch “Der lange Weg nach Mitte“ Mitte der 90er veröffentlicht hast, klingt das geradezu milde.

Diedrich Diederichsen: Wieso? Es ist ja alles dazu gesagt. Es ist ja nichts besser geworden. Es bringt ja nichts, jedes Jahr aufs Neue die gleiche Jeremiade anzustimmen. So ist es halt. Und wenn es sich ändert, kann man sich dazu äußern. Ich finde es problematisch, was auch meine eigene Position betrifft, dass Leute, die ja an den Institutionen sitzen, so wie ich an der Kunstakademie, und damit ja auch ein bisschen Einfluss auf einen Teil des Geschehens haben, nämlich den institutionellen Teil, die ganze Zeit hingehen und sagen, wie schrecklich der Markt ist. Natürlich ist der Markt schrecklich, aber man sitzt in einer Institution und ist an der Organisation des Teils beteiligt, der noch nicht komplett vom Markt bestimmt ist. Deshalb sollte man versuchen, darin was zu entwickeln, und nicht immer von dieser scheinunterlegenen Position aus zu reden, in der man ja mit seinem ganz objektiven materiellen Sein gar nicht ist. Ich kann auch Ausstellungen kuratieren, ich kann auch Symposien abhalten, ich kann auch mit Studierenden diskutieren und so weiter.

b.jpg

De:Bug: Welche künstlerischen Ansätze findest du im Moment relevant?

Diedrich Diederichsen: Ich finde, es geht zurzeit um ein Neubedenken von Räumen, also der physikalische Raum als Rahmen von Kunst, und um Sound in der Kunst. Beides ist eng miteinander verbunden. Sound existiert ja im Raum. Das ist auf den ersten Blick eine formalistische Antwort, die aber natürlich nicht nur formalistisch ist, weil sie auch die Frage ökonomischer Grundbedingungen von Kunst, nämlich nach Produktion, Produktionskosten und auch Rezeption, Aufbewahrung und Archivierung von Kunstwerken neu stellt. Man kann, wenn man den Raum immer konsequenter exploriert, dieses klassische Storage-Prinzip von Museen und Galerien nicht aufrechterhalten, ebenso wenig wie den Objekt-Warencharakter. Aber auf der anderen Seite ist es natürlich auch offen in Richtung Architektur und Stadtentwicklung und zur Korporatisierung von öffentlichen Räumen. All das, was ich jetzt beschreibe, sind natürlich nicht nur positive Entwicklungen, sondern auch Veränderungen, die das Verhältnis von Kunst und Politik in einem nicht nur zu begrüßenden Sinne beeinflussen. Aber es sind die Fragestellungen, die interessant sind. An reinen Bildkünsten habe ich im Moment kein besonderes Interesse. In der Welt der Bildproduktion ist es natürlich ganz schwierig, dass sich über eine gewisse Form von Autonomie und Selbstbestimmung verstehende Künste noch mit den Bilderindustrien konkurrieren können, sowohl was Ausgabemedien betrifft als auch die Orte, an denen man das rezipieren kann. Das sind immer weniger die Museen und Galerien. Es sei denn, Museen und Galerien verändern sich sehr stark.

De:Bug: Deine letzte Veröffentlichung im deutschsprachigen Raum war ein Buch mit Texten von Martin Kippenberger bei Suhrkamp – ging es darum, sich zu einem späten Zeitpunkt da eine Hoheit zurückzuerobern?

Diedrich Diederichsen: Dieses Buch war nicht meine Idee. Der Lektor Johannes Ullmaier hat irgendwann diese Reihe mit Künstlertexten erfunden und schon war das Buch da. Das war nach Dieter Roth das zweite Buch in der Reihe. Dass die Texte überhaupt veröffentlicht wurden, fand ich nicht spät, über die wurde nie viel geredet, das war nie ein großes Thema. Und Hoheit über das Thema Kippenberger – das wäre ein Kampf mit Windmühlenflügeln. In den nächsten Jahren kommt eine Giga-Ausstellung nach der nächsten. Das wäre so, als hätte man sich irgendwann mal zu dem Duchamp- oder dem Picasso-Deuter erklärt – das hat auch nie geklappt.

Missverständnis Pop-Papst

De:Bug: Interessiert es dich als ehemaliger Pop-Papst nach neuen Gebieten zu suchen, in denen du diskursführend bist?

Diedrich Diederichsen: Das war ich nie.

De:Bug: In der Außenwahrnehmung schon.

Diedrich Diederichsen: Nein. Das war mal eine Zeit, in der, wenn irgendjemand mal eine Deutung angeboten und nicht nur Platten rezensiert hat, das irgendwie neu war und Aufmerksamkeit erregt hat. Aber auch zu der Zeit war es keineswegs so, dass es nicht auch andere Positionen gab. Das ist ja eben alles immer im Antagonismus entstanden. Ich habe mir das nicht ausgedacht. Die Vorstellung, es gäbe so etwas wie Diskurshoheit, ist eine Kompensation von realen und politischen Einflussverlusten von Intellektuellen. Da man mit Kritik an Verhältnissen offensichtlich nicht mehr weiterkommt, gewinnt man halt Hoheit über Diskurse.

De:Bug: Würdest du denn zustimmen, dass das allgemeine Interesse, das früher der Popmusik galt, mittlerweile der Kunst gilt?

Diedrich Diederichsen: Genau das hat man ja 1984 auch schon gesagt. Als Keith Haring die erste Ausstellung bei Paul Maenz hatte und vor der Galerie zum ersten Mal Türsteher standen. Natürlich ist die Anzahl der Bewerber an den Kunstakademien nach wie vor steigend, aber gemessen an dem Volumen von Praktikern in der anderen Welt ist das natürlich verschwindend gering. Noch immer gibt es in jeder Schule oder an jeder Straßenecke tausendmal mehr Bands als Leute, die irgendwas im Kunstbetrieb machen. Was die öffentliche Beachtung anbetrifft: die hat ja kein Mehr an Diskussion gebracht. Die hat ja eher ein Mehr an bunten Bildern und Boulevard produziert. Das ist sicherlich richtig, dass das ein neues Phänomen ist. Aber dadurch kaufen nicht mehr Leute “Texte zur Kunst“. Wenn man davon spricht, dass irgendeine Kultur oder Kunst die Leitkunst einer Epoche geworden ist, anhand der die Diskussionen geführt werden, dann ist die Bildende Kunst das komischerweise nicht. Die bebildert das einfach nur, aber die Diskussionen werden nicht geführt, jedenfalls nicht in den größeren Medien. Es gibt in den Feuilletons nicht etwa mehr Texte über Kunst. Es ist nach wie vor so, dass man mehr über Theater liest oder über Kino. Im Gegensatz dazu hat Popmusik mehr Aufmerksamkeit im Feuilleton als früher.

De:Bug: Welche Zeitungen liest du denn regelmäßig?

Diedrich Diederichsen: Ich lese morgens den Perlentaucher und dann suche ich mir welche aus. Ich verfolge eigentlich taz, Süddeutsche, F.A.Z., Die Zeit und Jungle World, manchmal Frankfurter Rundschau, Berliner Zeitung, Tagesspiegel. Das ist abhängig von Stimmung und Laune und wie der Tag so läuft und ob ich gerade eine Reise zu tun habe.

De:Bug: Gäbe es denn ein Magazin, für das du gerne schreiben würdest und noch nicht geschrieben hast?

Diedrich Diederichsen: Nachdem ich kürzlich sogar für Trafic, die französische Filmzeitschrift, geschrieben habe, weiß ich das jetzt nicht zu beantworten. Ich fand es neulich lustig, dass in mehreren Zeitungen gemeldet wurde, dass eine Erzählung von Maxim Biller im New Yorker veröffentlicht wurde. Da dachte ich, aha, da ist offensichtlich ein Lebenstraum wahr geworden und zwar nicht nur seiner, sondern auch von den Feuilletonisten, die wollen alle unbedingt mal im New Yorker schreiben. Aber ich möchte nicht unbedingt im New Yorker schreiben. Alles, was im New Yorker an Feuilletontexten steht, ist Horror. Der Musikkritiker des New Yorker ist einer der blödesten Autoren, von denen ich je etwas gelesen habe, die Kunstkritik im New Yorker ist die Pest, konservativer Müll, da ist jedes deutsche Feuilleton besser. Da ich keine Kurzgeschichten schreibe, wäre der New Yorker also nicht diese Zeitschrift. Was wäre es denn? Ich habe sehr oft erlebt, dass ich irgendwo, wo ich gerne mal geschrieben hätte, irgendwann geschrieben habe, zu einem Zeitpunkt, als es schon nicht mehr interessant war.

De:Bug: Was macht ein Magazin interessant für dich?

Diedrich Diederichsen: Das sind unterschiedliche Dinge. Zum einen, dass es gut aussieht, dass man weiß, die Texte sind gut präsentiert oder erreichen gute Leute. Oder auch, und das stimmt wirklich, gute Redakteure. Normalerweise machen ja Redakteure einen der beiden Fehler, dass sie entweder alles durchwinken oder mitarbeiten wollen, ihren eigenen Text schreiben wollen. Oder einen, der zu dem Blatt passt, weil es da eigene Regeln gibt. Beides ist Horror. Aber ein Redakteur, der einen versteht und sozusagen wie ein guter Trainer aus dem Sportler das Beste herausholt, das ist ideal. Da nimmt man gerne auch geringe Bezahlung in Kauf. Aber das ist auch sehr selten.

De:Bug: Könnte man sagen, dass du Mode nie als Kampfplatz angesehen hast? Gibt es dafür Gründe?

Diedrich Diederichsen: Abgesehen davon, dass es da auch einschlägige Texte gibt, hat sich das nicht ergeben. Aber es gibt natürlich bei Mode genau dasselbe Argument wie bei Theater. Das Hybride und Zusammengesetzte – da gibt es viele Gemeinsamkeiten. Auch hinsichtlich der Unklarheit der Produktions- und Rezeptionsunterscheidung: Wer rezipiert eigentlich Mode? Derjenige, der sie trägt, oder der, der sie im öffentlichen Raum ansieht und daraus Schlüsse zieht? Wer produziert sie? Auch wieder die, die sie tragen, oder die, die sie designen?

De:Bug: Welche Bücher liegen an?

Diedrich Diederichsen: Ich lese gerade “Die Thibaults – Geschichte einer Familie“ von Roger Martin DuGard und von Mark Z. Danielewski “House of Leaves”. Ein Buch, das viel zu tun hat mit all den Dingen, über die wir heute geredet haben. Das ist so ein amerikanischer Komplexist, wie der neue Pynchon und der neue Dietmar Dath zusammen. Super, aber auch sehr neurotisch.

De:Bug: Und an welchen Büchern schreibst du gerade selbst?

Diedrich Diederichsen: Im nächsten Frühjahr kommt ein neues Buch bei Kiepenheuer, das auf einer Vortragsreihe basiert, die ich im Hamburger Kunstverein gemacht habe. Ausgangspunkt sind die gesammelten Vorträge, die werden dann zum Teil überarbeitet. Es gibt noch eins über Musik, das ist quasi fast fertig, verschiebt sich aber immer wieder durch aktuelle Anlässe. Das erscheint schätzungsweise 2009. Dazwischen kommt noch eine Kippenberger-Biographie.

De:Bug: Muss man sich deinen Arbeitsrhythmus wie bei Thomas Mann vorstellen? Ab halb sieben am Schreibtisch und um neun darf der erste Kaffee gebracht werden?

Diedrich Diederichsen: Ja, das wäre schön. Leider nicht. Eigentlich arbeite ich richtig gut zwischen 17 und 19 Uhr. Thomas Mann hatte ja keine E-mails zu beantworten. Nein, ich habe keine festen Zeiten, zu denen ich arbeite. Ich bin ja in dem Sinne auch kein Schriftsteller, der riesige Mengen von Vorarbeiten koordinieren muss und sich zu einem Ablauf zwingt. Eine ganze Menge von dem, was ich machen muss, ergibt sich von ganz allein.

Elektronische Einsamkeit

De:Bug: Anfang der 90er hast du von elektronischer Einsamkeit geschrieben, dem Wegfall der Wege und dem Begriff des Sozialen. Worauf bezog sich das?

Diedrich Diederichsen: Ja, auf das, was damals der Bedroom-Producer war. Aber generell darauf, dass viel mehr Arbeit/Entertainment zu Hause stattfinden kann und dass die Vergesellschaftungsvorgänge elektronisch vermittelt werden und immer weniger in der dreidimensionalen Welt stattfinden müssen. Mein Hauptargument war ja damals ein situationistisches, dass die zufällige Begegnung im öffentlichen Raum das Ferment jeder positiven sozialen Entwicklung ist. Die zufällige Begegnung, nicht die, auf die man sich sowieso verlassen kann, nicht die Leute, die man sowieso immer treffen wird. Je weniger Gänge man macht, desto weniger zufällige Begegnungen macht man.

De:Bug: Würdest du das auch für Web 2.0 aufrechterhalten?

Diedrich Diederichsen: Damals war das so monokausal gedacht, dass unter anderem das Web die elektronische Einsamkeit produziert. Heute würde ich sagen, dass die Diagnose noch stimmt, aber weniger elektronisch bedingt ist, sondern auch generell von neoliberalen Bedingungen. In dem Maße, in dem man das Selbst vermarkten muss, ist die Rezeptivität für solche Begegnungen geringer geworden. Weil man sich das gar nicht erlauben kann. Dieses Offensein für die zufällige Begegnung kann ja nur jemandem gelingen, der wirklich Teile seines Lebens unbestimmt lassen kann, also etwas geschehen lassen kann. Das wird sozusagen da eher verhindert, dass man das nicht kann, als dass man zu viel vorm Rechner sitzt und nicht vor die Tür kommt, zum Stubenhocker wird. Aber das Ergebnis ist dasselbe und beides arbeitet auch nicht zufällig zusammen.

De:Bug: Gibt es ein Feld, mit dem du dich gern beschäftigen würdest?

Diedrich Diederichsen: Das nächste Thema könnten die Inszenierungen von Freizeit und Abenteuer bei gleichzeitigem Zusammenfall von elektronischen Bedingungen und großem Raumbedarf sein. Ein Zusammenfall von Geländespiel, Abenteuerurlaub, Loveparade, situationistischem Umherschweifen mit Mall-vor-den-Toren-der-Stadt-Gedanken.

De:Bug: Wie der Sturm auf den Media Markt in der Berliner Alexa-Mall?

Diedrich Diederichsen: Ich stelle mir das gar nicht als eine subversive Praktik vor, sondern dass es von der anderen Seite kommt. Als eine Industrie, die eine transportable Mall aus Abenteuerwelten herstellen wird. Also Second Life nicht im Rechner, sondern Second Life da draußen – Third Life. Vieles in der aktuellen Kunst träumt sich an so was schon heran: Fuchslöcher bauen, endlose Gänge. Elektronische Abenteuerarchitektur da draußen, dass glaube ich, wird das große Thema, was die Unterhaltungsindustrie betrifft. Das ist Kulturindustrie 4.0.
http://de.wikipedia.org/wiki/Diedrich_Diederichsen

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.

One Response

  1. Zitatzierrat « Mikel Bananeng

    […] „Früher war man sich sicher, wenn sich das Starre, das Etablierte und das Stehende auflöst, dann löst sich das zur Freiheit hin auf – dass dem nicht mehr so ist, ist eine Erfahrung der letzten 20 Jahre.“ Diedrich Diederichsen […]

    Reply

Leave a Reply