Macht euch kaputt mit was kaputt macht. Deutschlands Schreibmaschine Dietmar Dath kommentiert zeitgenössiche Unzulänglichkeiten: Im De:Bug-Interview und mit seiner neuen Streitschrift "Maschinenwinter - Wissen, Technik, Sozialismus".


De:Bug: Es hieß lange Zeit, dass du keine Sachbücher mehr schreiben wolltest. Nun setzt du dich in deinem kommenden Buch essayistisch mit Maschinen, Wissen, Technik und Sozialismus auseinander. Es ist anscheinend keine bejahende Stellungnahme zur jetzigen technokratischen Gesellschaft. Worum ging es dir genau?

Dietmar Dath: “Maschinenwinter“ ist kein Sachbuch, es vermittelt ja keine Kenntnisse. Das Buch stellt vielmehr ein paar politische Kategorien, Haltungen und Vorschläge vor, an deren Verbreitung mir gelegen ist. Es geht unter anderem darum, dass die beliebte Ansicht, wir lebten in einer technokratischen Gesellschaft, nicht stimmt – es herrscht keineswegs die Technik oder die Techniker-Elite, sondern der Schwachsinn, nämlich der Profit, verwaltet von Profitmachern.

De:Bug: Es handelt sich per Titel um eine Streitschrift. Wer ist der Adressat deines Textes?

Dietmar Dath: Leider hauptsächlich Intellektuelle, denn die haben, da sie zu den so genannten Funktionsträgern zählen, gelernt, sich mit politischen Kategorien auseinander zu setzen. Damit das Publikum für dergleichen sich vergrößert, müssten zuerst die Intellektuellen sich ändern, nämlich wieder mehr Interesse dafür aufbringen, was sie mit anderen gesellschaftlichen Großgruppen gemeinsam haben. Hoffentlich hilft das Buch dabei.


Schreibmaschine von Chris Gilmour, mit freundlicher Genehmigung von Perugi Artecontemporanea.

De:Bug: Heißt das, dass da ein dringender Aufklärungsbedarf besteht? Leben wir uns, wenn wir so weitermachen, in den Ruin?

Dietmar Dath: Ruin ist immer, also uninteressant. Dergleichen gehört zum Kapitalismus, ja überhaupt zu naturwüchsigen Gesellschaften, die niemand plant: Überschüsse und Fehlinvestitionen werden permanent durch Katastrophen abrasiert, statt vernünftig vermieden. Aufklärungsbedarf besteht durchaus, aber nicht in dem Sinne, dass da nun irgendwer blöd wäre und ausgerechnet von mir klüger gemacht werden muss. Ein paar falsche Ansichten sollten aber doch mal wieder angegriffen werden. Zum Beispiel das allgegenwärtige, unpolitische und reaktionäre Gefasel, das davon ausgeht, Hiroshima und Nagasaki kämen von der Physik statt vom Zweiten Weltkrieg, die Verweigerung und Zerstörung reproduktiver Rechte käme von den Biowissenschaften statt vom Patriarchat, die Überwachung käme von der Computertechnik statt vom Imperialismus und so weiter. Also die ganze gängige ”Technikkritik“, die systematisch verschweigt, dass der Folterer foltert, nicht das Folterinstrument. Unterdrückung, Ausbeutung und so weiter sind Verhältnisse zwischen Menschen, nicht schuldhafte Folgen der Aufklärung. Dies ist die wenig originelle diagnostische Kernthese des Buches. Die Therapievorschläge sind entsprechend.

De:Bug: Wie ist der Sozialismus bzw. Marxismus hierbei wirklich eine Möglichkeit zur Verbesserung?

Dietmar Dath: Der Sozialismus ist die Idee, dass die Menschen demokratisch einen Plan entwerfen, wie und was sie produzieren wollen, statt sich das von den Erben irgendwelcher Titel und Vermögen vorschreiben zu lassen. Der Marxismus ist eine Theorie, die sagt, wie das gehen kann – keineswegs die einzige, und er weiß auch nicht alles, liefert aber einen soliden Begriffsrahmen, der durch die Geschichte der Sowjetunion und ihr unschönes Ende so wenig außer Kraft gesetzt ist wie die Aeronautik durch die Abstürze der ersten Flugmaschinen. Es gibt zehntausend Jahre Menschheitsgeschichte; erst seit hundertfünfzig Jahren wird versucht, sie bewusst zu steuern. Dass da einiges schief geht, ist unvermeidlich. Den Schnupfen, schlechte Fernsehshows oder das Patriarchat wird man mit einem vernünftigen Produktionsregime nicht los; aber es verbietet einem ja niemand, sich auch um diese Ärgernisse zu kümmern.


Schreibmaschine von Chris Gilmour, mit freundlicher Genehmigung von Perugi Artecontemporanea.

De:Bug: Benötigen wir einen neuen Anthropozentrismus?

Dietmar Dath: Tiere und Bäume sind okay, aber wenn man die Welt wohnlich machen will, sollte man zuallererst die eigene Bude (Gesellschaft) aufräumen. Menschen kümmern sich am besten um Menschen, das nimmt uns kein Hund und kein Engel ab.

De:Bug: Kann ein richtiger Umgang (dafür müsste dies von dir definiert werden) mit Technologie und Wissen auch im idealen Zustand ein Heilsbringer sein?

Dietmar Dath: Der richtige Umgang mit dem Wäschetrockner ist das Trocknen von Wäsche. Der richtige Umgang mit dem Zyklotron ist das Umherschleudern von Teilchen. Jedes von Menschen erzeugte Instrument dient einem von Menschen gesetzten Zweck, der nicht aus der Beschaffenheit des Instruments, sondern aus dem Willen der betreffenden Menschen folgt. Ich gehe mal davon aus, dass die möglichst wenig stumpfe Arbeit tun wollen und viel spielen, genießen, leben. Soweit Technik dazu hilft, her damit. Wissen braucht man, um Instrumente zu erfinden, zu optimieren und zu benutzen. Dafür ist ein Idealzustand nicht denknotwendig, also spare ich mir das Nachdenken darüber. ”Heilsbringer“: Der Begriff gehört ins Waffenarsenal zahlloser Versuche, die Naturwissenschaften auf den Status von Glaubenssystemen runterzudrücken, genau wie das absurde Wort ”Technikgläubigkeit“. Dass der Trockner trocknet und das Zyklotron Teilchen umherschleudert, kann man ZEIGEN und WIEDERHOLEN, muss man also nicht glauben, anders als die Sache mit der christlichen Auferstehung der Toten, der buddhistischen Erleuchtung durch Meditation oder irgendwelche Korangebote. Die Zweckbestimmungen der Vernunft sind bescheidener als die des Glaubens, aber dafür werden sie auch oft erreicht.

De:Bug: Wie sehen da die Verhältnisse zwischen Ökonomie, “Mensch“ und Wissensproduktion aus?

Dietmar Dath: Warum steht der Mensch in Anführungszeichen? Weil es ihn, so ganz abstrakt, nicht gibt, sondern immer nur einzelne, ganz verschiedene Leute? Aber dann gibt es gar nichts, auch keine Haselnüsse und Telefone – Abstraktion muss eben sein, um große Mengen zu bilden. Wie sehen die Verhältnisse aus? Ökonomie produziert das, wovon Menschen leben, und wenn sie arbeitsteilig und verwissenschaftlicht ist, produziert sie meist noch einen ordentlichen Überschuss dazu. Der kann entweder gerecht genutzt werden, etwa zur Gewinnung von Muße (für Kunst, Forschung oder demokratische Experimente), oder aber er wird privat angeeignet, in die sinnlose Vermehrung des abstrakten Reichtums investiert und so weiter. Wissen wird erworben, solange das die wollen, die über die Produktivkräfte verfügen, und es wird verzerrt, wenn es denen gefällt.

De:Bug: Welche Position nehmen digitale Kommunikationsmedien ein? Pro und Contra?

Dietmar Dath: Pro: Man kann damit Abstimmung, Planung, Kommunikation unter sozial und juristisch gleichgestellten Leuten erleichtern, damit die ihr Handeln besser koordinieren können. Contra: Man kann damit einen Haufen Scheiße verbreiten und suggestiven Dreck in irrer Frequenz und mit vorher unbekannter Reichweite in die Köpfe brüllen, bis alle denselben Unsinn erzählen, aber jeweils glauben, sie wären ganz alleine draufgekommen. Also: Man kann damit die Individuen einerseits ganz neu verbinden, man kann aber auch die Gleichschaltung auf ganz neue Art scheinindividualisieren. Was passiert, hängt davon ab, wie viel Mist die Leute sich erzählen (und gefallen) lassen.

De:Bug: Aber gerade das ”neue“ Nachhaltigkeitsbewusstsein speist sich durch digitale Informationsmedien. Wir befinden uns momentan scheinbar in einer Phase, in der man meint, mit Technologien (Hybrid, Karmakonsum, regenerative Energien) die Welt im wörtlichen Sinne verbessern zu können. Seitdem von Nachhaltigkeit hierzulande die Rede ist, schwirren wir wie wild umher, um möglichst mit allen Mitteln, die gegeben sind, die Welt zu optimieren. Ist der neue Über-Konsens eine Wahnsinnsfalle?

Dietmar Dath: Erstens: Selbst wenn kein Weltuntergang droht, ist der Verlust auch einer einzigen weiteren Tier- oder Pflanzenart ein Verbrechen, das weit über menschentypische Niedlichkeiten wie “Völkermord“ hinausgreift. Zweitens: Auch wenn ich meinen Joghurtbecher siebzigmal statt dreimal benutze, ist das nur ein Mückendreck, verglichen mit dem Fehlen vernünftiger Gesetze, die den industriellen Großverschmutzern Auflagen machen, unter denen zwar der Profit leiden würde, aber nicht notwendig die Produktion. Warum sollen immer die Sklaven den Gürtel enger schnallen, wenn die Herren den Planeten vollgekotzt haben? Auch hier wieder ist ein scheinbar moralisches Problem in Wirklichkeit ein soziales. Erst mal den Megagangstern die Kontrolle entreißen, dann demokratisch beschließen, dass man nicht auf einer Müllkippe leben will, dann diesen Beschluss umsetzen, mit Geburtenkontrolle, Filtertechnik, Ressourcenverwaltung und so fort.

De:Bug: Folgt man deinen Thesen, könnte man meinen, dass Neo Green, Sustainability und Konsorten eine riesige moralisch aufgeblasene Zerstreuungstaktik füttern. Haben wir es nicht letzten Endes mit einer Unterdrückungsökonomie zu tun, in der durch die gestiegene Wertigkeit der Wissensproduktion ein vermeintliches Aufklärungsbewusstsein der heutigen Gesellschaft ausgenutzt wird?

Dietmar Dath: Sagen wir so: Bravsein, Ökopunktesammeln und Mülltrennen hätten Hitler auch nicht verhindert. Das können nur Mut, Plan, Entschlossenheit und Solidarität. Warum sollte dies bei anderen sozialen Katastrophen (und der Umgang der Menschen mit ihrer Welt IST eine soziale, keine Naturkatastrophe) anders sein?

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Elektronische Lebensaspekte.

8 Responses

  1. Jurassic Park 2010 |

    […] (Dietmar Dath: “Sämmtliche Gedichte”, Suhrkamp, 282 Seiten, 22,80 Euro) Dieser Beitrag wurde unter Rezensorium veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. ← Tagebuch eines Melancholikers Wolf Haas und der liebe Gott → […]

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  2. Twitterpartien

    […] was Du willst, soll sein das ganze Gesetz.” (1) Feel free! Meinungsäusserungsfrei im Maschinenwinter. Erschaffe dich selbst. Twitter ist die Matrix. Menschen sind nur das, was sie tun. Den […]

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