Dietmar Dath ist ein Maniker. Einer, der fast zwanghaft ohne Unterlass produziert. Sein neuer Roman "Dirac" ist gerade erschienen. Es ist bereits der dritte innerhalb der letzten zwei Jahre, darunter das knapp tausend Seiten starke monumental Epos "Für immer in Honig". Dath erzählt mehr als Geschichten, denn die gibt es immer zu erzählen - sie liegen quasi auf der Straße. Man muss sie nur finden und in Form bringen. Aus Dietmar Daths Büchern berstet förmlich ein ganz grundsätzliches Anliegen an die Welt.

Das Wissen um die Vorläufigkeit
Dietmar Dath

Wenn er, wie in “Für immer in Honig”, über eine hereinbrechende Apokalypse schreibt, die in Form von blutrünstig marodierenden Zombotikern über den Planeten fegt, oder in “Die salzweißen Augen” sein literarisches Alter Ego David der unerwiderten und unerreichbaren Jugendliebe Sonja erklären lässt, was Porno- und Splatter-Filme mit der unvollendeten Moderne zu tun haben, dann ist das waghalsig, mutig, unglaublich unterhaltsam. Eigentlich geht es bei Dietmar Dath immer ums ganz große Kino, um Visionen für ein besseres Leben. Die unvollendete Moderne, das Schicksal der Weltgesellschaft – darunter macht er es nicht. Kein anderer Autor schafft es mit so viel Leidenschaft, Pop, Politik, Wissenschaft und Philosophie in Literatur zusammenzudenken.
Ganz nebenbei hat Dietmar Dath eine steile Karriere hingelegt: als Journalist von der Spex, den Berliner Seiten der FAZ bis direkt ins Epizentrum des Bildungsbürgertums, dem FAZ- Feuilleton. Als Autor vom feinen kleinen Verbrecher Verlag über den eigenen Implex-Verlag in das Herz der deutschen Geisteselite: zu Suhrkamp. Ein Marsch durch die Institutionen: von den Rändern der Subkultur mitten rein in die Gegenwartsliteratur. Aber wenn man jemandem glauben kann, dass es darum eigentlich nicht geht, dann Dietmar Dath. An erster Stelle steht das Anliegen, der Rest kommt von ganz alleine. Wenn er redet, dann schaut er ins Nichts – an einem vorbei. Das sei keine Unaufmerksamkeit, sagt er vorbeugend, er könne so beim Reden besser denken. Dietmar Dath über seinen neuen Roman, pubertäre Intelligenz und die mathematische Physik als Weg in ein Leben, das knallt.

Du schreibst unglaublich viel, hast nebenbei eine volle Redakteursstelle. Wie gehst du mit der zeitlichen und nervlichen Belastung um?

Die einzige Belastung, die ich spüre, liegt in der Rezeption meiner Bücher. Es gibt das Vorurteil gegenüber Künstlern, die viel malen, oder Musikern, die viel raushauen, dass das nicht gut sein kann, weil es einfach zu viel ist. In Bezug auf das Schreiben muss ich sagen, dass die Zeit, in der ich neben meiner Redaktionsarbeit zwei Bücher parallel geschrieben habe – also Buffy und Höhenrausch -, eine sehr angenehme war. Das eine Buch hat das andere entlastet. Wenn ich mit einem der Bücher in einer Sackgasse war, konnte ich auf ein anderes Gleis umschwenken. Es gibt diese Geschichte von Alfred Andersch: Wenn er mit einem Buch überhaupt nicht weiterkam, zwang er sich, trotzdem nichts anderes zu machen. Er guckte aus dem Fenster, bis er wieder weiterschreiben konnte. Das ist unglaublich brutal und funktioniert bei mir nur manchmal. Ich bin da konstitutionell anders gebaut. Bremsen ist für mich schlimmer als umsteigen in voller Fahrt. Diese Doppelbelastung produziert mehr Energie, als sie frisst. Noch.

Und der Schlaf?

Majakowski hat es mit fünf Stunden pro Tag geschafft. Ganz so ist es bei mir nicht, aber sechseinhalb Stunden im Durchschnitt reichen mir. Im Alltag sind es meist weniger. Ich schaffe das aber nur, wenn ich an den Wochenenden wirklich mal zehn Stunden komatös durchschlafen kann.
Außerdem glaube ich, dass ab einem bestimmten Punkt Texte nicht mehr besser werden, sondern eher brüchiger. Sie laufen dann Gefahr, sich auf eine schlechte Weise selbst zu widersprechen. Ich habe festgestellt, dass ich besser arbeiten kann, wenn ich erst mal ganz viel produziere und dann nachträglich organisiere. Die Leute, die darüber erschrecken, wie viel ich schreibe, sollten erst mal sehen, wie viel es wirklich ist. Es ist gut, einen großen Text-Fundus vor sich zu haben und dann mit großer Brutalität auszusieben. Dazu hat mir übrigens die Arbeit bei der FAZ sehr geholfen. Man kann es sich nicht leisten, einem schönen Adjektiv nachzuweinen, wenn es die Zeilenzahl nicht hergibt. Das zwingt die Eitelkeit ruhen zu lassen. Man muss sich ganz nüchtern fragen: Was ist das Effektivste an dieser Stelle?

Wie war das bei “Dirac”, deinem neuen Buch?

Dirac habe ich zweimal angefangen und ich bin jedes Mal an die Wand gefahren. ´99 etwa ging das los. Mein Scheitern lag vor allem an formalen Dingen. Ich hatte mich für eine falsche Form entschieden. Ursprünglich wollte ich einen klassisch historisch biografischen Roman über den Physiker Paul Dirac schreiben. Im Imperfekt. Da aber der Dirac-Stoff so extrem durchreflektiert ist, hieß das ein unglaubliches Konvolut von unglaublich viel Papier. Aus diesem ursprünglichen Roman habe ich dann letztes Jahr von dem anfänglich käsigen, klassisch schwerfälligen, monumentalen Schrankwand-Zeug über die Hälfte weggeätzt und den überwiegenden Teil der Handlung in die Gegenwart verlegt. Nun geht es darum, dass meine Hauptfigur David ein Buch über Dirac schreiben will und daran scheitert, gerade weil er – genau wie ich anfangs auch – nicht auf die Idee kommt, die Arbeit von Paul Dirac auf die Gegenwartsebene zu beziehen. David entfernt sich immer mehr von seiner alltäglichen Lebenswelt und will irgendwo rumkruschteln, bis er schließlich in Roswell landet, da wo 1947 angeblich mal ein UFO abgestürzt sein soll. Er entfernt sich also immer mehr von seinem sozialen Lebenskreis und von seinem Umfeld, um das Buch zu schreiben. Deshalb klappt es nicht. Er hätte in diesem Kreis bleiben sollen und hätte diese Arbeitsbedingungen zum Thema machen sollen, so wie es Paul Dirac auch in seiner Arbeit gemacht hat.

Was meinst du mit Arbeitsbedingungen zum Thema machen? Anders gefragt: Was war dein Anliegen mit dem “Dirac”-Buch?

Mein Anliegen ist im Grunde zu zeigen, dass zentrale Errungenschaften des Modernismus – zum Beispiel bei Schönberg in der Musik oder T.S. Eliot, James Joyce oder Ezra Pound in der Literatur, im Konstruktivismus und Expressionismus – von zentraler Bedeutung für die Gegenwart sind.
Diese Leute haben ihr Arbeitsmaterial als ihren Gegenstand entdeckt. Sie haben festgestellt, dass man Bilder nicht mehr über Pferdchen malen muss, sondern über Farben oder Formen. Die Beschäftigung mit den Arbeitsmaterialien rückt in den Mittelpunkt. Nun zu Dirac: Ein Arbeitswerkzeug der Physiker seit Galilei und Newton war die Mathematik. Aber Entdeckungen nur oder zuerst in der Mathematik zu machen, nicht im Gedankenexperiment, das war neu.
Einstein war in dieser Hinsicht gar nicht so modern. Er hat Gedankenexperimente gemacht, den Dingen Namen gegeben. Hat zum Beispiel Züge genommen, um seine Beispiele zu illustrieren. In diesem Sinne ist er kein Modernist, sondern 19. Jahrhundert auf einem sehr hohen Niveau.
Dirac ist deshalb so interessant, weil er zwei Dinge miteinander verbindet. Einmal diesen High Modernism, dass er – wie die modernistischen Maler ihre Ideen aus Farbe und Formen holen – seine physikalischen Entdeckungen aus der Mathematik gewonnen hat. Also mit dem Handwerkszeug der Mathematik die Physik weiterentwickelt hat. Und das zunächst, ohne einen Abgleich mit der Wirklichkeit zu machen, ohne konkrete Gedankenexperimente im Sinne Einsteins.
Das hat er kombiniert mit einem anderen Punkt. Nämlich mit dem absoluten Wissen um die Vorläufigkeit. Das kann man ganz gut am DJ-Scratching erklären. Ich kann mit einer Platte Musik erzeugen, die auf der Platte so erst mal noch gar nicht ist. Wichtig ist dann aber auch, dass man so etwas nicht verabsolutieren darf. Also zu sagen, ich mache jetzt mit dem Scratching nur noch Platten. Das wäre auf Dauer langweilige Musik. Bezogen auf die Mathematik würde Dirac sagen: Damit sind wir noch nicht fertig. Dadurch unterscheidet er sich von den anderen Positionen in der Physik seiner Zeit. Albert Einstein und Erwin Schrödinger sind klassische Positionen wie Marx oder Freud, die mit einem Ansatz sagen wollen, wie es ist. Werner Heisenberg und Niels Bohr, die Vertreter der Quantenphysik, sind postmodern: Sie sagen, dass man bestimmte Dinge nicht wissen kann und auch gar nicht fragen soll.
Ich glaube, dass in ganz bestimmten Feldern wie Musik, Philosophie und Kunst uns diese Position des Weder-Noch interessieren muss. Weil sich die Postmoderne ein bisschen erschöpft hat. Sie hat sich deswegen erschöpft, weil man doch ein Bild braucht, unter dem man sich etwas ganz Konkretes vorstellen kann. Und das vor allem auf die eigene Erfahrungswelt bezogen werden kann. Das Geile an Dirac war, immer zu antworten: Wir sind noch nicht da, dass wir diese Fragen verabschieden können, wie Heisenberg und Bohr, aber wir können sie auch noch nicht beantworten, wie zum Beispiel Schrödinger und Einstein das gerne gehabt hätten. Also müssen wir an der Sache selber, an unserem Material und Arbeitszeug immer weiterarbeiten.

Aber was genau ist daran gerade jetzt so interessant?

Ich glaube, dass diese beiden Haltungen – also erstens das Arbeitszeug selbst zu bearbeiten wie bei den Malern und Literaten und zweitens das Wissen um die Vorläufigkeit – irre hilfreich sind, um mit Dingen umzugehen wie Pop, die Zeit nach dem 2. Weltkrieg, dem 21. Jahrhundert, Immaterialität von Arbeit, Computern – der ganze Scheiß. Alles das scheint mir mit diesen Werkzeugen extrem gut angreifbar. Es geht darum, über die Beschäftigung mit dem Arbeitszeug etwas über die Wirklichkeit herauszufinden, das es vorher so nicht gegeben hat. Dafür steht für mich die Arbeitsweise von Dirac. Mein Thema war also nicht so sehr Paul Dirac als vielmehr die mögliche Bedeutung von Paul Diracs Arbeitsweise für die Gegenwart. Dass das helfen könnte, ein Leben zu führen, das knallt, das Neuigkeiten produziert, die es wert sind, gelebt zu werden.

Warum Dirac, einen Wissenschaftler, warum kein Künstler oder Politiker?

Weil selbst in der schlimmsten Postmoderne alle einig sind, dass die Wissenschaft dafür steht, wie die Dinge wirklich sind. Die Kunst ist halt schön, die Politik gerecht, die Philosophie ist eine tolle Spielerei. Aber die Wissenschaft, der verdanken wir den Computer oder die industrielle Fertigung von Nahrungsmitteln. Der verdanken wir, dass wir älter werden als 35.
Die Wissenschaft genießt eine große Autorität. Und zu zeigen, dass jemand, der diese Autorität besessen hat, mit ihr nicht auf eine herrische, monomanische, ausgrenzende Weise umgegangen ist, sondern auf eine verantwortungsvolle kreative, spielerische Weise. Die Moral der Sache soll eigentlich sein, dass an diesem heiklen Punkt nach Entdeckung der Quantentheorie, als in der Physik für fünf Minuten niemand wusste, wo es lang gehen soll und alles in der Luft hing, Paul Dirac weiterarbeiten konnte, ohne den Kopf zu verlieren, ohne zu kapitulieren. Und vor allem hat er diese enorme Verunsicherung nicht einfach abgewürgt. Das ist mit unserer Situation heute vergleichbar. Und wenn Dirac das konnte, dann muss es uns in unserem Alltag, in unseren sozialen Beziehungen und in unserem praktischen Philosophieren doch eigentlich auch möglich sein. Insofern ist “Dirac“ eine klassische Heldenstory über einen, der es richtig macht.

In deinen Büchern sind die autobiografischen Elemente sehr präsent. Warum machst du das?

Ein sehr blöder Satz von Hemingway, der aber stimmt, lautet: Schreib, was du kennst.
Damit meint er aber nicht, dass man sich an seinem Leben abarbeiten muss. Im Sinne von einem Tagebuch. Eine Idee, die mich an der englischen Romantik, an Byron und Shelley sehr überzeugt hat, war die Idee, dass man von sich deshalb schreiben darf, weil man von sich selbst glaubt, exemplarisch zu sein. Bis dahin galt die Überlegung, dass jemand schreiben darf, der etwas Besonderes mitzuteilen hat. Wie zum Beispiel heute unsere ganze Dieter-Bohlen-Literatur.
Das Problem, mit dem ich oft konfrontiert werde, ist, dass Leute glauben, ich möchte damit sagen, dass ich jemand ganz Besonderes sei. Das ist es gerade nicht. Ich glaube, dass ich über die Welt, in der ich lebe, am besten schreiben kann, indem ich mich selbst genau beschreibe. Das ist eine altmodische Idee, denn so haben es die englischen Romantiker gesehen und ich glaube, so ist das auch bei Joyce gemeint. Mit “Portrait eines Künstler als junger Mann” wird es ein Roman-Prinzip. Joyce benutzt den Stephen, die Hauptfigur des Romans, um ihn Dinge sagen zu lassen wie: “Die Geschichte ist ein Alptraum, aus dem ich zu erwachen wünsche.” Er braucht das “Ich”, um diesen Satz zu schreiben. Wenn er ein “man” benutzen würde, würden ihm so und so viele Kinokartenabreißer oder Raubtierdomteure widersprechen. Wenn er aber das “Ich” benutzt, sagt er im Potentialis: Diese Welt produziert Menschen, die so etwas beschäftigt. Damit haben wir über diese Welt etwas gelernt.

Du argumentierst in deinen Romanen sehr stark inhaltlich. Hinter den Argumenten steht eine ausgeklügelte Kosmologie aus Wissenschaft, Philosophie, Filmen und Musik. Warum schreibst du dann einen Roman? Du könntest auch ein Sachbuch schreiben?

Wegen der Vorläufigkeit wie bei Dirac. Ich habe ein System im Hinterkopf, aber ein System, das entsteht. Ich finde schon das Wort Sachbuch schrecklich. Das schlechteste Buch, das ich je geschrieben habe, ist das reine Sachbuch. Das entsprach überhaupt nicht meiner Art zu denken. Und prompt sind mir Fehler passiert. Das war das Sigmund-Freud-Prinzip. Die Form liegt mir einfach nicht. Ich werde das, wenn es geht, nie mehr machen.
Aber noch mal zur Vorläufigkeit: Der ästhetische Eindruck, dass das in meinen Romanen Sinn macht, ist meine Rückzugsposition, falls es doch alles Quatsch ist. Natürlich trete ich auf, als ob es stimmen würde. Es wäre feige zu sagen, dass es nur ein Vorschlag ist. Ich selber kann auch nur Leute lesen, die ernst meinen, was sie sagen. Wie das Ernst-Meinen dann definiert ist, lasse ich erst mal offen. Das muss nicht bedeuten, dass ich dafür sterben würde. Es kann einfach bedeuten, dass ich da einen Haufen Arbeit reinstecke. Stimmt, was ich erzähle, also nicht, so stimmt es zumindest für diese Welt, die in Form der Romane entstanden ist. Das hat einen Vorteil: Es erlaubt zumindest die Erfahrung einer Welt, in der es stimmt. Die ist mir wichtiger, als derjenige gewesen zu sein, der rausgefunden hat, wie es ist. Der DDR-Dramatiker Peter Hacks sagte an einer Stelle, dass in guten Theaterstücken nicht Aussagen über die Welt mitgeteilt werden, sondern Haltungen. Die Haltung, die ich transportieren will, ist: Man kann die Welt verstehen. Es gibt Richtiges und Falsches. Und man ist verpflichtet, wenn man etwas rausgefunden hat, sich entsprechend zu verhalten.
Ich hätte aber ein Unterdrücker-Gefühl, wenn ich nur Abhandlungen schreiben würde. Wenn ich also mitteilen will: Leute, trinkt irgendetwas, das ist gut für euch, dann ziehe ich es vor, eine Geschichte zu schreiben über einen Mann, der viel trinkt und was davon hat. Oder von einer Frau, die überhaupt nichts trinkt und entsprechend verendet. Was ich aber auf keinen Fall schreiben würde ist, der Mensch braucht Flüssigkeit. Das knallt nicht.

Würdest du sagen, dass Literatur eine inhaltliche, politische Haltung vermitteln muss?

Ich glaube, man kriegt mich, wenn man viele ganz dumme rechtsradikale Dinge sagt, dazu, wahnsinnig apodiktisch zu werden. Wenn ich im ausreichend besoffenen Zustand bin, weiß ich genau, was man im nahen Osten machen sollte, was die NASA tun sollte. Aber ich würde mich niemals trauen und sagen, Literatur muss.
Weil mir das zu wichtig ist. Eine Welt, in der alle so schreiben wie ich, wäre genauso Scheiße wie eine, in der das niemand macht. Neulich hat mich jemand nach einer Abgrenzung von Rainald Götz gefragt. Meine Antwort war: Rainald ist, so weit ich sehe – und ich weiß das nicht so genau, weil ich deutschsprachige Gegenwartsliteratur nicht so viel lese – der Beste, in dem, was er macht. Und was er macht, ist superwichtig. Ich mache aber was anderes. Ich glaube, es geht nicht um Abgrenzung. Meistens ist es doch so: Man liest etwas und hält es für totalen Scheiß. Zwei Jahre später liest man es noch mal und findet es richtig gut. Dann nimmt man den kleinen Teil, den man selber unmittelbar verwerten kann, in sich auf.
So ist mir das mit allen Autoren gegangen, die ich hasse, von all denen ist irgendetwas Kreatives auf mich übergesprungen. Viel schwieriger ist es mit Autoren, die man liebt. Von denen habe ich kaum etwas gelernt. Mit der Ausnahme des Science-Fiction- und Horror-Autors Harlan Ellison. Das ist ein Fall, von dem ich sagen würde, dass der alles richtig macht. Wenn ein Mann, der tausend mal besser ist als ich und dem immer wieder die gleichen Vorwürfe gemacht werden, trotzdem einfach nur darüber lächelt und weitermacht, dann darf ich das auch.

Es überrascht mich, dass du da so moderat bist. Oft finde ich, dass deine Bücher von harten Auseinandersetzungen leben. Zum Beispiel deine unglaublich unterhaltsame Abrechnung mit Foucault in dem Buffy-Buch …

Ich finde es so irre, dass nur so ein fades Zeug die Aufmerksamkeit regiert, dass alle so lieb zueinander sein wollen, um bloß keinen Mist zu bauen. Ich habe immer den Eindruck, die haben alle furchtbare Angst. Das ist der Tod. Angst ist der Tod.

Es kommt mir so vor als wenn viele Gegenwarts-Literatur erst mal zynisch ist. Diese vielen Medien-Beobachtungen, die das mediale und gesellschaftliche Elend so ausstellen und dem nichts entgegensetzen. Bei dir sehe ich das überhaupt nicht …

Ich weiß nicht, ob das alles wirklich zynisch ist, es kommt mir aber auch so vor. Vielleicht ist es aber eine ästhetische Errungenschaft, an bestimmter Stelle neutral und kühl zu sein. Nur mir scheint der ethische und politische Verlust, mit dem man diese Errungenschaften bezahlt, zu teuer. Wenn man etwas gesehen hat – und sei es eine Fernsehserie – scheint es mir ungeheuer wichtig, dem Leser eine Wertung zumindest anzubieten. Was mache ich, wenn ich einen beschissenen Trainer habe in meinem Sportkurs kurz vor dem Abitur? Bin ich verpflichtet, mich mit dem anzulegen? Man könnte ja sagen, ist egal, ich gehe ja eh ab. Ich würde sagen, natürlich bin ich dazu verpflichtet, denn es kommen ja nach mir noch andere Leute. Jemand, der in Versuchung kommt, diesen oder jenen Politiker zu wählen, soll von mir alle Informationen erhalten, die ich besitze, warum der scheiße ist. Wenn er ihn dann trotzdem wählt, dann habe ich zumindest meinen Job gemacht.

Wo du gerade von der Gymnasial-Zeit sprachst. Was bei deinen Protagonisten immer wieder ähnlich ist, dass sie alle eine enge Freundschaft seit der Jugend verbindet und viel auf die Jugend bzw. eben die Schulzeit geblickt wird. Warum interessiert dich diese Zeit so sehr?

Weil es glaube ich die Zeit der höchstmöglichen Intelligenz ist. Es ist kein Zufall, dass Anna Freud in dem Buch “Das Ich und die Abwehrmechanismen” aufzählt, welche Strategien es gibt mit Neurosen umzugehen. Sie sagt, eine Methode ist, alles zu intellektualisieren. Und ihre ganzen Beispiele sind dann ausnahmslos aus der Pubertät. Offenbar ist das Intellektualisieren von allem und jedem urpubertär. Das bedeutet, man kann den menschlichen Intellekt in dieser modernen Erfindung Pubertät besonders gut unterm Vergrößerungsglas beobachten. Der Intellekt hat in dieser Zeit sehr viel Spielraum. Der Grund ist einfach: Man kann bereits denken, muss aber noch kein Geld verdienen. Die Kindheit zu nehmen wäre Quatsch, weil man muss zwar kein Geld verdienen, aber man kann noch nicht denken. Als Erwachsener kann man zwar denken, aber das Gehirn wird verblödet durch die Notwendigkeit, Geld zu verdienen. Die Leute machen sich einen Scheißdreck vor, um ihr Leben zu ertragen. Pubertäre Menschen sind manchmal ganz furchtbar, aber sie haben einen ganz spezifischen Zugang zur Attraktivität und zur Zerstörbarkeit von Illusionen. Ein Jugendlicher kann viel größeren und emphatischeren Mist im Hirn haben als jeder andere. Aber er kann auch den Mist um sich herum viel besser durchschauen. Jeder von uns erinnert sich an Momente, in denen er gedacht hat: Diese ganzen Erwachsenen, warum sehen die nicht, dass da was falsch läuft. Diese Gedanken kamen einem meist mit 15.

Du erwähnst die Illusionen, die man sich in dieser Zeit macht. Wie stehst du ganz allgemein zu Utopien? Der Einfluss von Utopien ist schwächer denn je.

Welcher ungeheure Prozentsatz der Populärkultur von überhaupt nichts anderem handelt als von anderen Welten und Utopien, ist glaube ich klar. Aber die Verbindung der Produktion von Utopie und politischer Tätigkeit ist zerrissener denn je. Das glaube ich auch. Es gibt ein paar Leute, die wissen, was ist, und ganz viele Leute, die sich nur ausmalen, wie es sein könnte. Ich würde das gerne wieder näher aneinander ranholen. Und dafür scheinen mir die ganzen Erfahrungen, die man mit den Fantastik-Genres gemacht hat, sehr geeignet. Spätestens seit Edgar Allen Poe erforschen diese Leute nichts anderes als eben diese Verbindung. Da sind wir an einem ganz zentralen Punkt:
Mich interessiert mehr als der Gedanke, ob die Leute sich etwas anderes vorstellen können, ein anderer. Der Schritt vom Wünschen zum Wollen. Das ist nämlich derselbe Unterschied wie zwischen Leiden und Unrechtsempfinden. Es ist ein großer Unterschied, ob ich sage, mir geht es schlecht, oder ob ich sage, das ist nicht richtig, was hier passiert. Ein genauso großer Unterschied ist es, ob ich sage: “Das wär schön” oder “Das müssen wir machen”. Darum mag ich das Wort Utopie nicht. Dadurch, dass man es Utopie nennt, sagt man ja schon, es ist nirgends. An der Science Fiction finde ich sehr schön, dass sie nicht sagt: “Es ist irgendwo”, sondern “Es ist morgen”. Das erlaubt eine Linie zu ziehen vom Jetzt zum Dort oder zum Dann. Es geht mir im Grunde darum, dass die Leute nicht mehr sagen: “So kann das nicht weitergehen” – das sagt ganz viele populäre Kultur ohnehin schon. Es geht um den Schritt zu sagen “So darf es nicht weitergehen. Es soll anders werden”. Ich hätte gerne die Verbindung zwischen Konjunktiv und Indikativ enger gezurrt.

Wie erlebst du eigentlich die Reaktionen auf deine Bücher?

Durch die Dinge wie die inhaltliche Transparenz, die argumentative Stringenz, das System in meinen Büchern, so ein Totalitätsanspruch, entsteht ein interessanter Effekt: Gerade Leute, die es loben wollen, sehen sich von einem inneren Teufel gezwungen, irgendwelche Vorbehalte – und seien sie erfundener Natur – einzubauen, um klarzumachen, dass sie keine Sklaven sind. Weil mein Zeug so massiv kommt, fühlen sich auch Sympathisanten in einen Kritik-Zwang genötigt.
Im Gespräch und auch in ihrer eigenen Benutzung der Sachen bestehen bei vielen Leuten diese Bedenken erst mal nicht. Es geht darum, sich beim Lesen den Tag zu verkürzen, zu lachen oder um von Herzen zu sagen: “Da haut mal einer drauf, das finde ich gut.” Wenn sie sich aber schriftlich äußern, dann werden die ganzen Bedenken eingebaut. Interessanterweise existiert eine irre Angst davor, als unkritisch zu gelten. Aber diese Angst existiert scheinbar immer nur bei Kunstwerken, die selber einen kritischen Anspruch haben. Offenbar hat niemand ein Problem damit, den neuen Superman-Film einfach nur gut zu finden. Viele haben jedoch ein Problem damit, etwas Kompliziertes, das in sich gebrochen ist und einen politischen Anspruch hat, einfach nur gut zu finden. Das ist aber ok. Ich verspüre ja denselben Zwang. Das ganze Buffy-Buch ist der heroische Versuch, mir selber zu verbieten, diesen Mechanismus der kritischen Abgrenzerei einfach abrattern zu lassen. Lustigerweise gab es dann prompt den Vorwurf, dass ich so tue, als ob alles, was der Buffy-Autor Joss Whedon macht, richtig wäre. Und da wusste ich, die Mission war erfolgreich. Ich bin natürlich keineswegs der Ansicht, dass es an dem Zeug nichts zu kritisieren gibt. Das Problem ist aber, dass wenn ich es zu meiner Aufgabe mache, vollständiger als jeder andere zu sagen, warum das so gut ist, dann entspricht das nicht der Tagesordnung. Ich eliminiere Zweideutigkeit, wo ich merke, dass sie auf meinen eigenen Ängsten basiert. Wenn ich merke, ich mache einen Kompromiss in dem Ding und ich mache den, weil ich Schiss habe, dann beseitige ich diesen Kompromiss. Aber es kommt dann bestimmt wieder jemand, der mir aufs Maul haut. Das ist dann aber immer so, als ob man einen Kongress macht über Rassismus und dann steht jemand auf und sagt: Was ist mit den Frauen? Diese Person hat vollkommen Recht, aber es macht doch die Konferenz kaputt.

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Elektronische Lebensaspekte.

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