Der Meister des Throngs dreht an der Discokugel

From Disco to Disco: Die Glitzerkugel dreht überall die Tanzflächen schwindlig. So lässt ein Boogie-Klassiker von First Choice heute auch mal einen Schranzer aus Schrot und Korn erweichen. It’s not over, ganz im Gegenteil. Kein bisschen altersmüde ist auch DJ Harvey. Auf dem uruguayanischen Label International Feel präsentiert der Disco Administrator jetzt sein Locussolus-Album.

Den Nabel der Dancewelt muss man nicht gezwungenermaßen in London, New York, Ibiza oder Berlin suchen. Das beweist die britische Disco-Legende DJ Harvey aka Locussolus, der lieber entspannt in Hawaii und L.A. neben der perfekten Surf- auch die richtige Soundwelle sucht und nun sein erstes Album auf International Feel herausbringt. Dessen Labelbetreiber Mark hockt auch nicht in irgendeinem Dalstoner Neo-Disco-Warehouse, um seine Musik in die Welt zu bringen, sondern in Uruguay, zwischen schöner Natur und lateinamerikanischem Laissez-Faire. Emeritentum durch und durch. Dennoch eins, das durch Szenenabstinenz die wahre Essenz des Disco aufs Tapet bringt. Der Beweis: Coolness geht auch ohne Gentrifizierung, Fixies und Metropolentum. Vielleicht steckt auch deshalb der balearische Boogie besonders tief in ihren Hüften.

Dudeness als Normalzustand
Charme. Er poltert einem förmlich entgegen, spätestens dann, wenn Harvey Bassett sein hypnotisierendes Gelächter durch die Skype-Leitung schickt. Der Wahl-Amerikaner erzählt von Freunden, die von Kalifornien nach Berlin ausgewandert sind. “Hier hast du dreihundert Sonnentage im Jahr, kannst die ganze Zeit in kurzen Hosen rumlaufen und das Meer ist nur einen Steinwurf entfernt. Und das wollt ihr aufgeben? What the fuuuck are you doing?” Und wieder donnert Harveys Lachen ins Internet.
Kreativgesellschaft hin oder her, Harvey wäre dem garstigen Berliner Winter nicht sonderlich zugetan, er ist dem ewigen Sommer verfallen. In Hawaii hat er einen Club, er surft dort regelmäßig, eine Passion, der er auch an seinem Wohnsitz am Venice Beach in L.A. nachgeht. Dudeness als Normalzustand? Das Strandleben scheint Harvey nur mit einer satten Portion britischer Exzentrik zu bewältigen. Ja, vielleicht ist dies seine Raison d’être: Der Mann geht mit dem Flow. Und schlägt ihm immer wieder ein Schnippchen.

Es geht alles
Als unbewusster Rädelsführer einer weltweiten Discoverschwörung hat Harvey eine ganz Generation von Edit-Schnipslern und Dancefloor-Eklektikern infiziert. Mitte der Neunziger fädelte er mit seinem Black-Cock-Label – deren schelmisches Emblem das Warner-Brothers-Vogelvieh Leghorn Foghorn zierte – das Revival der Edit-Kultur mit ein. Als DJ foutierte sich Harvey um House-Konventionen. Lieber trug er das Anything-goes-Credo eines Larry Levan in die Welt und zeigte, dass es auch ohne elektronischen Drumbeat groovt. Wie inspirierend die Methode war, kann man auch daran erkennen, dass allein eine Mix-CD, die Harvey 2001 für die kalifornische Sarcastic Clothing Company anfertigte, heute auf den einschlägigen Marktplätzen für stolze 500 Pfund gehandelt wird.
Die internationale Harvey-Gemeinde verharrte letzten Frühling denn auch in einem Zustand hysterischer Erregung, als die Kunde von Gigs in Europa, Japan und Australien ging. Fast ein Jahrzehnt hatte Harvey wegen Visa-Problemen nicht mehr außerhalb der USA gespielt. “Es war natürlich schön zu sehen, dass es für das, was ich tue, heute eine globale Szene gibt”, resümiert er seine letztjährige Tournee, die ihn in Japan schon mal crowdsurfen ließ. “Umso besser für mich, denn das bedeutet wohl, dass ich die nächsten fünf Jahre nicht um meinen Job bangen muss.”
Flankiert wurde die Quasi-Wiederauferstehung durch drei EPs, die Harvey unter dem Pseudonym Locussolus herausbrachte. Auf jeder Platte ist ein Floorfiller zu finden: “Tan Sedan”, “Gunship” und “I Want It” jammen und schlenkern was das Drumkit hält. Harvey singt auch, und zwar in überraschend vielen Stimmschattierungen. Zur Seite stehen ihm seine “Coconuts” Sam Fox, Tara Zelig und Heidi Lusardi, wie er in Anlehnung an den Malibu-Hustler Kid Creole raunt.

Throngs und Thickums
“Abgesehen von ’Throwdown’, dem einzig richtigen Song auf dem Album, sind es ja eher Throngs, halb Tracks, halb Songs,” sagt Harvey. “Die Stücke haben wir ziemlich flott eingespielt. Nach dem Motto: Lass es uns mit einer Chord Progression versuchen, und wenn’s hinhaut, schreibe ich die Lyrics dazu.” Der jetzt erscheinende Langspieler versammelt neben den EPs zwei neue Locussolus-Tracks sowie Remixe von Prins Thomas & Lindstrøm, Emperor Machine und Andrew Weatherall. Da wird auch munter zitiert: “Tan Sedan” kommt wie ein Verwandter des Supermax-Hits “Love Machine” daher, durch das infernalische “Bloodbath” wabert der Geist von John Carpenter, während die beiden norwegischen Nu-Disco-Emissäre “Venus” von Bananarama ancovern. Im Bigband-Modus.

Radikal ist der Weatherall-Remix. Harvey: “Da steckt ein Insider-Witz dahinter. Ein Freund von mir hat eine Schwäche für Frauen, die ein bisschen molliger sind, und die nennt er Thickums. Als wir dann im Studio waren, habe ich zu einer Bassline einfach vor mich hin gelabert, wie so oft, wenn ich mich warm laufen will. Das war so eine Art Drunken Rap. Als wir Andy die Files schickten, waren die Aufnahmen versehentlich mit dabei, und er hat dann einen Remix draus gezimmert. Well, es ist was es ist. Also eigentlich die Wahrheit.“ Eine ziemlich wahnwitzige Wahrheit: Den Song löst Harvey in einer freestylenden, assoziativen Wortwolke aus Kicks, Fucks und Shits auf.

Uruguayanische Balearik
Anything goes. Dieses Credo teilt auch Mark, der mysteriöse Labelmacher von International Feel, wo das Locussolus-Album erscheint. “Demnächst machen wir vielleicht Haunted Folk oder Ambient Gabba. Die Leute sollen mal so viel Vertrauen in uns kriegen, dass wir gefährliches Zeug releasen können. Zeug mit wirklich gutem Haar.” Bis dahin bereitet International Feel freilich ein äußerst stimmiges Menü aus Disco, Krautrock, Ambient, Acid bis Piano House zu. Hoffnungsträger wie Rocha, Bubble Club oder Gatto Fritto sind an Bord, dazu wurden als Remixer immer wieder Disco-Veteranen wie Ashley Beedle, Greg Wilson oder Daniele Baldelli angeheuert.

Zum akustischen und visuellen Erscheinungsbild des Labels passt, dass Mark die Labelgeschäfte von Uruguay aus lenkt. Hier, im Küstenort Punta del Este, ist das Ambiente schläfrig-entspannt. Eben überaus balearisch. Da stört es ihn auch nicht, dass sich das lokale Verständnis von elektronischer Musik auf Klingelton-House und Plastik-Chillout beschränkt. “Die meisten Leute meinen ja eh, dass ich von East London aus arbeite. Einem Hipster mag es vielleicht strange vorkommen, aber hier habe ich alles was ich brauche: schöne Natur und gute Luft. Und zum Glück bin ich fernab vom Massenkonsum, nervender Big-Brother-Fernsehkultur und ahnungslosen Politikern, die sich in mein Leben einmischen.”

Das Leben ist ein Strand
In einer früheren Kreativ-Existenz habe er vieles falsch gemacht, aber berichten will Mark darüber nicht. Das Rezept von International Feel scheint jedenfalls bestens aufzugehen, weswegen es nur konsequent ist, dass mit Harvey eine veritable Disco-Gottheit zur Crew zählt. Wie die Connection überhaupt zustande kam? “Wir begegneten uns, als Harvey durch die Astralebenen cruiste, während ich in einer tiefen Buddakan-Meditation versunken war. Hmm, dachte ich mir da, wer ist der komische bärtige Typ mit Surfbrett und Rotary Mixer? So kamen wir ins Gespräch.” Wenn alles klappt, dürften sich Harvey und Mark diesen Herbst erstmals auch physisch begegnen. Harvey soll ein paar Tage an die Punta del Este kommen. Zum Abhängen, Kiffen und Surfen. Ganz recht, das Leben ist auch ein Strand.

http://www.harveysarcasticdisco.com
http://www.internationalfeel.com

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.

One Response

Leave a Reply