HipHop ist überall. Der Tokioter DJ Krush sendet seine Signale seit Jahren aus Nippon und das in hoher Frequenz. Über den Stand der Dinge und die technischen Probleme des Alterns. Oder: Go with the flow.

/hiphop/japan NY meint Nippon y’all DJ Krush: Fliessen statt schneiden Was sind das nur für Zeiten? 99 kamen einige DJ Platten auf den HipHop-Markt. Eine Schule war dabei besonders stark vertreten, der Turntablism. Sehr junge DJs mit sehr schnellen Fingern demonstrieren, was man mit Platten machen kann, wenn man sie gegen die Nadel dreht. Der ältergewordene DJ Krush aus Nippon setzt gegen deren Cut-Wahnsinn die Flow-Weisheit. ”Ich kann nicht mehr wirklich mit den jungen DJs mithalten. Meine Hände werden älter, immerhin bin ich inzwischen 37 Jahre alt”, lacht DJ Krush. “Früher habe ich die ganze Zeit gescratched.” Nachdem er letztes Jahr zwei CDs veröffentlicht hat, steht nun wieder ein Mix-Album ins Haus. “Code 4109” ist ein sehr gefühlvoll zusammengestelltes Album, vor allem instrumental. Und wie gesagt: Die Priorität liegt im Mix. ”Bei einem Mix-Album ist es mir wichtig, dass es von einem Flow getragen wird. Der DJ sticht hier nicht so sehr durch Cuts hervor, sondern dadurch, dass er einen Flow entwickelt und ihn durch das Album zieht. Das schafft dir als DJ deinen Ausdruck. Du legst einen Track auf und überlegst dir dann, welcher Song als nächstes den Flow weitertragen könnte. Es war für mich an der Zeit, ein solches Album zu produzieren. Wir haben jetzt das Jahr 2000, und ich will etwas Neues machen. Mit “Code 4109” setze ich einen Schlussstrich unter mein bisheriges Schaffen. Ausserdem bringt ein Mix-Album Club-Music zu den Leuten, die nicht in Clubs gehen. Sei es aus Angst vor der Szene oder weil sie nicht in Tokio wohnen. Ein Mix-Album weitet das Spektrum deines Publikums.” de:bug Gibt es in Japan eigentlich nur in Tokio Hiphop-Clubs? ”Nein, es gibt sie auch in anderen Städten. Aber für den japanischen HipHop hat bis vor kurzem gegolten, dass MCs aus Tokio kommen müssen. The Blue Herb, der auch auf “Code 4109” rappt, ist aber z.B. von der nordjapanischen Insel Hokkaido. Er ist mein Lieblingsrapper, sein Style ist sehr poetisch. Er macht sich in seinem Text auch darüber lustig, dass er kein Tokio MC ist. Übersetzt sich bloss leider nicht so gut.” Wie überall auf der Welt, etabliert sich HipHop auch in Japan immer stärker, und DJ Krush ist als langjähriger Aktivist und Förderer an diesem Prozess nicht ganz unbetzeiligt. Welche Transformationen durchläuft die japanische Szene? ”In den alten Tagen haben die Leute vor allem die US-Szene kopiert. Inzwischen entwickeln sie verstärkt ihre eigenen Styles. Es läuft ganz gut. Underground DJs kriegen inzwischen Remix-Aufträge von Acts, die in den Mainstream-Charts verteten sind. Das ist eine grosse Chance. Es geht dabei nicht um Sell-Out, sondern um die Frage, wie weit der Underground seine eigenen Styles entwickeln und transportieren kann. Es gab hier vor kurzem einen grossen Hype um HipHop und die Zeitungen haben viel darüber berichtet, welche Mixer und welche Nadeln cool sind. Es gibt DJ Schulen. Das hat grosse Aufmerksamkeit für den Underground produziert.” Dies sind Zeiten, in denen sich ein universeller Stil global etabliert, indem mit ihm experimentiert wird und er auf allen Märkten und in allen Nischen sein charakteristisches Profil entwickelt. HipHop ist der universelle Code, und Künstler auf der ganzen Welt verleihen ihm Sprache. Egal ob schnelle junge Finger für die Cuts oder gediegene Flows: Alles ist persönlicher Ausdruck und dient dem Ganzen. This shit will never die.

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DJ Krush Sascha Kösch bleed@de-bug.de Eine Zeitlang galt das Adjektiv japanisch vor Musikstilen immer als eine Art Auszeichnung der Extravaganz, des besonders Merkwürdigen, Andersartigen und wurde generell erst mal mit Begeisterung aufgenommen, so als wäre die Welt mitnichten etwas Globales, sondern immer noch voll von der radikalen Seltsamkeit unglaublicher Kulturen. Dann kam die Phase, in der Japan als Synonym für die niedliche Zukunft gelesen wurde, man konnte eigentlich nicht genug bekommen von japanischen Accessoirs und Gadgets, und der Triumphzug der “Hello Kitty” Generation ist noch längst nicht zu Ende. Daß es innerhalb von Japan allerdings grade in der Art von Musik, die wir bis hierhin mitbekommen, also im “Underground”, der in Japan allerdings logischerweise von Mediengiganten wie Sony verwaltet wird, bei dem auch DJ Krushs neues Album erscheint, aber eher darum geht, eine Position zu erreichen, die über das “Japanische” hinausgeht, weil sie in einer Weiterführung von “westlicher” Kultur produziert wird, wird gerne übersehen, oder grade auf die von hier aus per se erstmal schräge Sichtweise reduziert, die man ja laut Vorurteil dort auf uns haben muß. Alles Unsinn. DJ Krush, der nach einigen LP’s mit Rappern und Trompetisten mit seinem neuen Album “Kakusei” wieder zu den Anfängen abstrakt instrumentellen HipHops zurückgefunden hat, die ihn seit seiner Mo Wax LP “Strictly Turntablized” überall bekannt gemacht haben und ein ganzes Genre in einen unerwarteten Aufschwung der explodierenden Szene elektronischer Musik einbetteten, sieht sich in einer Position, die man überall auf der Welt haben kann. Er kämpft gegen eine immer strikter werdende Formatierung von Musik in einem musikalischen Feld, HipHop, in dem wie in kaum einem anderen der ursprüngliche Anspruch des futuristischen, nach vorne, auf Weiterentwicklung gerichteten Blicks lange Zeit immer gründlicher verschwunden war, bis man vor lauter Pussys, Knarren und Drogen eigentlich nicht mehr genau wusste, ob nicht vielleicht doch das FBI HipHop erfunden hat, um die Festlegung einer nie besonders erwünschten Kultur auf Delinquenz und billigsten Kapitalismus tief in das Bewußtsein eines jeden Jugendlichen zu zementieren. Grade durch die Verweigerung gegenüber Rap, die sich auch als ein Rückgriff auf Oldschool versteht, durch das konsequente Verstummen lassen, die Förderung von Ruhe, medial unwirksame Namen unbekannter japanischer Produzenten, mit denen fast die gesamte LP aufgenommen wurde, versucht Krush HipHop von Produzenten-Seite das Gefühl für seine experimentellen Roots, für die Verwendung von Technik als Praxis und als Abenteuer zurückzugeben. So wie es die gesamte Garde der neuerdings auf oft eher elektronisch orientierten Labeln erscheinenden Scratch Posses auch tut, und er steht damit mitten in einer Renaissance von HipHop, dessen Umorientierung, mitten auf dem Höhepunkt des Erfolges, bis hin zu Chuck D’s medienkritischen Statements, die längst fällig waren, A Tribe Called Quest, aber vor allem den überall reihenweise neugegründeten unabhängigen Labeln, immer deutlicher wird. Während auf der einen Seite das Millenium als das Ende, als totale Katastrophe und bruchlose Fortführung eines globalisieren Gangstatums thematisiert wird, arbeiten Leute wie DJ Krush daran, von den Bedeutungen und großen Namen weg, HipHop wirklich in die Zukunft eines nächsten Jahrtausends zu bringen. DEBUG: Du mußt einer der experimentellsten Acts sein, die je auf Sony eine Platte veröffentlicht haben. Welche Mächte haben dich dahingebracht? DJ KRUSH: In Japan gibt es sehr viel Musik, die von ausserhalb kommt. Nachdem ich jahrelang immer im Ausland gewesen bin, um meine Musik, um experimentelle Musik zu machen, ist es für mich normal geworden experimentell zu sein, ohne mich dabei finden zu müssen, im Experimentellen oder in der Musik und auch nicht in Japan. Seitdem ich klein bin schon, mache ich immer aus Dingen etwas prinzipiell anderes. Aus Spielzeugautoteilen Roboter, aus Bildern Collagen usw. Vielleicht ist das mein Charakter. DEBUG: Würdest du sagen, daß “Kakusei” direkt an deine erste LP, an “Strictly Turntablized” anknüpft? DJ KRUSH: Mehr und mehr gab es ja in meiner Musik die Position der Worte, mit “Meiso” und anderen Releases, und dabei fiel mir auf, daß, wenn man experimentell arbeiten will, Instrumentals einfacher sind, besser passen. Da Vocals viel von dem, was ich bin, verstecken, ist der Schritt wieder hin zu einer Methode wie bei “Strictly Turntablized” notwendig gewesen. Technisch versuche ich jetzt aber wesentlich mehr ins Detail zu gehn. Auf einer Australientour fragten mich sogar schon Leute: Wann machst du wieder instrumentelle Tracks. Und in England, wo Krush ja eh durch Mo Wax bekannt geworden ist, haben es auch alle von mir erwartet. DEBUG: Was limitiert an der Stimme? DJ KRUSH: Der Hörer hört zuerst immer die Stimme, dann den Background, oder wie das zusammenpasst. Wenn man versucht, mit der Musik etwas anderes zu vermitteln als die Worte sagen, wird es nicht funktionieren. Das Zentrum ist dann einfach das Vocal. Die Musik ist dann ein Feld, auf dem die Stimme geschieht. Bei instrumentellen Tracks macht man auch erst das Feld, aber dann Blumen, einen Swimmingpool usw. Es ist einfach weiter. Instrumentals sind die Worte des DJ’s. DEBUG: Siehst du dich mit deiner neuen LP in einer minimalistischen Tradition, vielleicht einer japanischen, generell elektronischen? DJ KRUSH: Ja, definitiv. Natürlich auch nicht HipHop, wo ich ja nicht grade als Vorbild gelte. Als ich gemerkt habe, daß ich eher in der japanischen HipHop Szene rezipiert wurde, wollte ich da natürlich raus, aber soetwas ist schon ein Abenteuer. Sicher bin ich zuerst mal ein japanischer HipHop DJ, aber mittlerweile scheint grade das, grade so wie ich es mache, zu wesentlich mehr zu führen. DEBUG: Als deine erste Platte erschien, war Instrumental HipHop, speziell die etwas advancetere experimentellere Art, ja eher noch sehr selten, grade aus der HipHop Szene heraus fast gar nicht existent. Einer der wenigen zu dieser Zeit war vielleicht DJ Vadim. Bist du in gewisser Weise von Leuten wie ihm beeinflusst? DJ KRUSH: Ich kannte ihn damals nicht, als ich ihn kennengelernt habe, mußte ich aber sehen, daß bei Vadim ein ähnlicher Spirit war. DJ Shadow, der ja auch auf Mo Wax ist, hat mir viel über Old School beigebracht, und das war vermutlich der wichtigste Einfluß. DEBUG: Es gibt auf der neuen Platte einige Tracks, die mit einer Kollision von Grooves spielen. HipHop gegen Techno z.B. Warum arbeitet man mit soetwas? DJ KRUSH: Ich war gelangweilt. Zuviele Dinge schienen mir schon gemacht. Ich wollte einfach herausfinden, was dann passiert. Zumindest verwirrend ist es geworden. DEBUG: Wie wichtig ist dir das Fördern neuer japanischer Produzenten und DJ’s? In dem Info steht ja sogar, daß du für einige soetwas wie ein Lehrer bist, und es ist schon extrem ungewöhnlich, grade bei der ersten Platte nach 2 Jahren, dann auch noch auf Sony, fast alle Tracks mit Neuen, völlig Unbekannten zu produzieren. DJ KRUSH: Die japanische Szene ist sehr aktiv, auch wenn die meisten eher sehr formatorientiert arbeiten. Ich habe die Leute, die da raus wollten, gesammelt. Wenn man sich um soetwas nicht kümmert, dann gibt es keinen Fortschritt, und ich bin ja in einer Position, die mir erlaubt, etwas für sie zu tun, und damit für HipHop. Normalerweise produzieren sie alle nur Backtracks für Rapper, und ihre Freiheit ist sehr eingeschränkt. HipHop muß aber auf Freiheit basieren. Wir haben für dieses Album eigentlich nur einen Monat gebraucht. Es sollte soetwas wie ein gemeinsames Bild geben. Einer der Tracks z.B. basierte darauf, daß ich mit zwei anderen die gleichen Sounds genommen habe und jeder daraus versucht hat, etwas anderes zuzubereiten, das hinterher im Mix wieder zusammenfindet. DEBUG: Wie funktionierte das Zusammenarbeiten technisch? DJ KRUSH: Sehr verschieden. Z.B. der Track, von dem wir eben geredet haben. Wir drei hatten jeder seinen eigenen Sampler, alles verschiedene Modelle mit einem spezifischen Sound. Bei dem Track mit Shawn J. Period durfte ich keinen Sampler und keine Plattenspieler benutzen, weil seine merkwürdige christliche Einstellung das wohl verbietet. Ich mußte Rasseln bedienen und ein billiges Casiokeyboard, und es war das erste Mal, daß ich live solche Instrumente benutzt habe. Ein Experiment. Und für mich definitv genau so wie für die anderen. Wir haben die Sounds dann auf Tape aufgenommen, um sie ruff klingen zu lassen. DEBUG: Ist es, da der Hype um Scratch DJ’s zur Zeit ja größer ist denn je, eine absichtliche Entscheidung, grade die eher auf Scratches basierenden Tracks an das Ende des Albums zu stellen? DJ KRUSH: Ich bin sehr vorsichtig, was die Ordnung der Stücke betrifft. Der Sound von diesen Leuten wie z.B. Sinista ist natürlich ganz anders, aber auch hier trifft etwas mit dem, was ich mache, zusammen. Natürlich steht das nicht im Zentrum, aber grade mit ihnen habe ich eine Kollaboration geplant, und vielleicht soll der Track schon einmal soetwas wie einen Ausblick liefern. DEBUG: Die Frage ist vielleicht blöd, aber gibt es etwas spezifisch Japanisches an deiner Musik? DJ KRUSH: Nicht bewußt, aber sicher scheint es durch. Besonders in den Leerstellen des Sounds, in dem eine Atmosphäre von Tiefe aufscheinen kann. Es ist vermutlich etwas typisch Altjapanisches, die Balance, weniger Elemente zu halten, durch Auslassung etwas zu erzeugen. Es ist sicherlich einfacher, immer mehr in einen Track reinzupacken und alles sehr voll zu machen. Genau so ist Japan ja eigentlich auch, Tokyo ist da ein gutes Beispiel. Aber die andere, traditionellere Art hat für mich zur Zeit mehr Relevanz für eine Musik, die fortschrittlich sein will. http://www.mmjp.or.jp/sus/

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