Andrew Weatherall ist eine der Säulen englischer Ravekultur. Als Produzent von Primal Screams "Screamadelica" oder als Teil der Freistil- bis Kifferhouseprojekte Sabres of Paradise und Two Lone Swordsmen und als Biker in der DJ-Booth trägt er einen guten Teil Geschichte auf seinen tätowierten Unterarmen. Mit Kollege Keith Tenniswood baut es als Radioactive Man jetzt an Breakbeat-Techno-Oldschool-Querverweisen.

Der radioaktive Premierminister
Andrew Weatherall

“Create your own system or be the slave of another mans“

Vorurteile können bei Andrew Weatherall geradewegs in die Sackgasse führen. Wie er so vor einem sitzt: Tattoo-beflasterte Unterarme, dicke Hals- und Armketten. All das lässt auf Proles-Hintergrund schließen. Doch stopp: Plötzlich zitiert er William Blake. Das macht den ersten Eindruck zu einem tagträumerischen Nichts.
Andrew Weatherall lebt seit 30 Jahren beeindruckt von Musik. Kraftwerks “Autobahn“ im KfZ seines Vaters zu hören, elektrisierte den 11-jährigen Andy so sehr, dass sein Lebensweg festgelegt war. Musik, Musik, Musik. Und wenn es mal öde wird, rettet ihn die eigene Dub-Reggae-Sammlung von den frühen Wailers, Gregory Isaacs, King Tubby und Lee Perry: “Wenn ich von Musik genervt bin, wenn es nur noch ein Job ist, bringt mich Dub und Reggae wieder zurück zur Musik. Dann fühle ich mich wieder gut. Manche Reggae-Platten sind einfach ein Grund weiterzuleben.”
Seine musikalische Sozialisation verlief vielfältiger. Nach Kraftwerk hörte er sich durch diverse Stilrichtungen. Musik war immer eine Flucht: “Wenn du flüchten willst, hast du nicht nur einen Tunnel. Es gibt unendlich viele Tunnel, Straßen und Flugzeuge, die zur Flucht bereitstehen. Als ich 14 war und Punk gerade rauskam, ging ich zu den Konzerten. Aber ich bin auch in Discos gegangen. Ich mochte einfach das ganze Drumherum. Musik war für mich, sich stylen und Mädchen aufreißen. Nach Punk bin ich auf Cabaret Voltaire und A Certain Ratio gestoßen, was für mich Techno war. Das war Techno, bevor es eine Musik gab, die Techno genannt wurde. Wenn du Throbbing Gristle live hörst, dann erinnern dich viele Sounds an ein Jeff-Mills-Set. Und als Acid-House rauskam, habe ich angefangen, all die Avantgarde-Elektronik-Platten aufzulegen. Ich wurde oft gebucht, um um sechs Uhr morgens zu spielen: Dub, Punk, Disco, Elektronika. Nie habe ich Grenzen gesehen. Acid-House war eine logische Entwicklung, weil sich die Platten wie das anhörten, was ich die vergangenen zehn Jahre gekauft hatte. Ich bin einfach nur der Entwicklung gefolgt.” Das klingt in sich logisch, ist aber tiefgestapelt.
86/87 ging es los. Mit ein paar Jungs aus der Vorstadt gründete er Boys Own: “Its massive. They have Underworld. As soon as I left, they made shit of lots of money. I said good bye. As I closed the door they signed the check for millions of pounds. Thats the way it is going on. I am really pleased for them. Wir haben vor Acid-House angefangen. Damals wohnten wir nicht in London. Wir kamen aus der Vorstadt. Alles ging sehr schnell. Wir haben ein paar Magazine rausgebracht, Parties gemacht und schwupdiwup waren wir diese hippen Londoner. Aber gerade das waren wir nicht, weil wir ja aus der Suburb kamen.”
Dann ging es Schlag auf Schlag. 1988: Er fängt an anfzulegen. Residencies im Shoom und Spectrum. Für den NME schreibt er als Audrey Witherspoon. Dem Bocca-Junior-Track “Raise“ leiht er seine Stimme. 1989: Mit Paul Oakenfold remixt er “Hallelujah“ der Happy Mondays. 1991: Weatherall produziert “Screamadelica“ von Primal Scream. Remixe für James, Björk, New Order, Saint Etienne, The Orb, Stereo MC’s. “Screamadelica war ein sehr wichtiges und einflussreiches Album. Ich bin dankbar, daran mitgearbeitet zu haben. Selbst heute kommen noch Kids zu mir, die mir sagen, wie großartig Screamadelica war. Aber damals waren die Kids höchstens neun Jahre alt.” 1993 betreibt er zwei Clubs: Sabresonic und Bloodsugar. Kurze Zeit später: Koksabsturz. “I was so twatted I can’t even remember where the clubs were – and I went there every weekend for two years.”
Mit Abstürzen kann er inzwischen umgehen. Er sorgt vor. “Alle paar Jahre bringe ich Musik raus und lande wieder in den Musikmagazinen. Dann merke ich, wie ich die Leiter hochklettere, aufgrund des Medieninteresses. Das macht mir Angst. Darum gehe ich immer nur bis zur Hälfte. Dann denke ich, das ist zu viel harte Arbeit. Ich mag das nicht. Also gehe ich die Leiter wieder runter. William Blake hat mal gesagt: ’Create your own system or be the slave of another mans.Y´ Naja, ich habe mein eigenes System kreiert und meine eigene Welt. In der bin ich mein eigener Premierminister, was gar nicht so schlecht ist. William Blake hat das gemacht. Er war einer dieser Typen, die auf einen Berg steigen, ihre Klamotten ausziehen und in die Tiefe schreien. Ich bin nicht so. Ich lasse meine Hosen an. In meiner Welt nehme ich das Geld der Majors und stecke es in mein eigenes Label und unterhalte damit meine eigene Welt.”
Big Business kann er eh nicht. “Ich wollte früher immer Mr. Underground sein, der Typ in einer Bar, dessen Musik gespielt wird, den aber niemand kennt, der keine Freunde hat. Darum machte ich zu Beginn auch keine Interviews und ließ mich nicht fotografieren. Aber irgendwann habe ich dann im Studio gesessen und überlegt, dass ich doch große Musik mache, warum soll ich es niemandem sagen. Also beschloss ich, mehr zu kommunizieren. Das bedeutet ja nicht, in die Bar zu gehen und allen zu sagen, dass ich Andrew Weatherall bin. Aber einfach nur mit manchen Leuten sprechen. Das hat sich in den letzten Jahren geändert. Aber ich bin kein Publicity-Mensch. Ich bin immer noch recht scheu. DJing und Musik produzieren ist meine Art zu kommunizieren.”
Zur Kommunikation hat er seit 1993 einen Teil von sich freigegeben. Hinter den Namen Lord Weatherall, Sabres of Paradise und Two Lone Swordsmen verbirgt sich Weatheralls Faszination für englische Geschichte. “Das ist ein Image, mit dem ich spiele. Ich mag das Image der alten Aristrokratie. Darum flirte ich damit. Das gibt dem ganzen eine Art Identität. Ich fühle mich nicht als gesichtsloser Techno-Typ. Immer will ich Düsternis, Erleuchtung und Humor in der Musik zusammenbringen. Die Welt ist nun mal ein verdammt großer Witz. Das ist mein anderer Weg zu flüchten, besonders in schwarzen Humor.”
Flucht in die eigene Welt scheint ihm auch das Richtige zu sein, wenn das Gespräch auf New Labour kommt. “Ich habe wirklich ein Problem mit New Labour. Sie waren alle mal sehr idealistisch, kommen aus einem sehr linken Hintergrund. Aber wenn ich Gordon Brown und Tony Blair sehe, fällt mir immer wieder dieses Bild eines hip sein wollenden Onkels oder Vaters ein, der in dein Zimmer kommt und sagt: Hey this music is really groovy (macht austinpowersmäßige Bewegungen und schnippt mit dem Finger.) Ich will aber keinen Minister, der versucht, modisch zu sein und der auf die Kredibilität schielt. Egal wen man in England wählt, du kannst dein Kreuz überall machen. Nichts ändert sich. Die Entscheidungen fallen in Londons Financial District und in der Yellow-Press.”
Weltschmerz? Nicht so. Es geht bei Weatherall wirklich um innere Überzeugungen. Das zeigt sich auch, wenn er auf derzeit produzierte Musik zu sprechen kommt. “Heute wird zuviel Musik produziert, bei der der Prozess des Entstehens wichtiger ist als das Resultat. Da findet keine Kommunikation mit dem Hörer statt. Die Produzenten drücken nichts aus, nur das sie eine clevere Software haben. Es ist so steril, man kann das Desinfektionsmittel riechen. Ich bevorzuge immer elektronische Musik, wenn die Seele über dem Prozess steht. Ich mag Sachen wie Kid 606, Cex oder Goldchains, bei denen Kit Clayton produziert. Dieses Punkding mag ich einfach, wenn Leute den Prozess nutzen und nicht der Prozess die Leute.”
Ist der Wandel der Produktionsprozesse vielleicht auch eine Reaktion auf den Wandel, den die Clubkultur vollzogen hat? Der Gedanke scheint aufdringlich. Denn der Wandel der Produktion beinhaltet eine Abgrenzung vom Popbusiness: “Als ich anfing, war Clubkultur eine Undergroundkultur. Jetzt ist es Teil der Popkultur. Es ist verrückt. Du kannst auf dem Kinderkanal eine Reise nach Ibiza zum Clubbing gewinnen. In den ersten Klub kamen 150 Leute und jetzt 15 Jahre später ist es ein weltweites Phänomen.”
Also ab in den Underground, da wo sich gerade Techno und Breakbeat die Hand reichen und nach vollbrachter Party gute Nacht sagen. Gerade hat Weatherall mit Keith Tenniswood als Radioactive Man einen Remix für Tim Wright gemacht. Ein Album ist geplant. Alte Rockabilly-, Rock’n’Roll- und Garagepunk-Platten sind schon als Samplequelle festgelegt. Die Flucht nach vorn geht weiter. Kurzes innehalten: “Alles ist durch Zufall entstanden, DJ zu werden, sich wie jetzt in Deutschland über Musik zu unterhalten. Ich war nie an einer Karriere interessiert, mache nur mein Ding, wollte nie ein dickes Auto oder eine Villa. Davor renne ich noch immer weg. Flucht aus Prinzip ist schon eine gesunde Einstellung, solange der Atem reicht.”

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Elektronische Lebensaspekte.

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