Über Juke- & Hustensirup-Ästhetik in Chicago.

DJ Rashad

Irre schnelle Musik voller Hass und sturer Einfachheit – aber ihr Erfinder, DJ Rashad, möchte sie, bitte schön, im Radio hören. Wir haben das Juke-Mastermind aus Chicaco getroffen und gemerkt: So verrückt ist der gar nicht.

Text von Wenzel Burmeier

Als Kind fängt Rashad wie selbstverständlich mit dem Tanzen an: “Das war damals einfach Sport für uns. Jeder hat getanzt, egal ob du sonst Football gespielt oder an den Drums gesessen hast.” Dabei lernt Rashad auch seinen treuen Weggefährten Spinn kennen – die beiden gibt es seitdem nur noch im Doppelpack, konsequenter Weise auch in unserem Gespräch. Ständig fangen sie an zu lachen, wenn sie aus ihrer Kindheit erzählen und sich in Erinnerungen verlieren – an ihre ersten DJ-Gigs zum Beispiel, damals mit vierzehn auf der Rollschuhbahn. Oder an die ersten Partys, auf denen ihre Vorliebe für Ghetto House wuchs. “DJ Deeon, DJ Milton, Traxmen, DJ Funk, Jammin Gerald, diese ganzen Typen auf Dance Mania Records, die Ghetto- und Booty-House gemacht haben – das war unser Sound”, erzählt Rashad. “Und Juke war der unabdingbare nächste Schritt im Chicago-Kontinuum.” Um die konsequente Fortschreibung des Tempos und der Rohheit von Ghetto House geht es den Jungs also. Um die Reduzierung auf nicht viel mehr als HiHats, Toms und explizite Vocal-Schnipsel, platziert in einem triolischen Bassdrum-Gewitter, das von anfänglichen 130 bpm schnell auf 160 heranwächst und die hektischen Tänzer mit jedem Track aufs Neue herausfordert.

Fokussiert auf die hiesige Szene kommt Rashad und Kollegen kaum in den Sinn, ihren Sound einmal quer über den Atlantik zu tragen. Bis sich dieser gewisse Herr Paradinas 2010 durch halb Chicago telefoniert, um seine gesammelten YouTube-Favoriten auf der zweiteiligen “Bangs & Works”-Compilation zu platzieren- und Juke via Planet Mu zum kleinen Exportschlager zu machen. “Wir hatten ja keine Ahnung, dass das mal so groß werden würde”, kommentiert Rashad den plötzlichen Erfolgszug des einst lokalen Phänomens.

Bei seiner Weltreise hat der Sound aus Chi-City an den unterschiedlichsten Haltestellen angedockt, um seine ganz eigene Mutation zu vollziehen. Machinedrum, Africa Hitech, Pearson Sound, Kode9 – nur einige der Namen, die von dem stoischen 808-Gewitter und den repetitiven Sample-Schnipseln so hypnotisiert waren, dass sie diese Ästhetik in ihren eigenen Entwürfen unterbrachten, irgendwo zwischen UK Garage, Jungle und Dubstep. Eine Enwicklung, über die sich Rashad und Spinn offensichtlich Gedanken gemacht haben: “Ich begrüsse es, wenn jemand seinen eigenen Input hinzu gibt und daraus einen neuen Sound kreiert”, sagt Rashad. “Im Gegensatz zu Leuten, die den Style einfach nur kopieren und manipulieren, ohne dabei zu wissen was zur Hölle sie tun”, fügt Spinn sichtlich verärgert hinzu. Rashad hält einen Moment inne, nickt schließlich mit dem Kopf und pflichtet bei: “In Chicago gibt es wirklich genügend Leute, die einfach nur Tracks stehlen oder deinen Beat komplett nachbauen, um ein bisschen Geld zu verdienen. Deswegen wissen wir das umso mehr zu schätzen, wenn jemand Juke auf seine eigene Art und Weise aufgreift. Es sollte halt niemals eine Kopie sein.”

Rashad-DJ

In der Entwicklung von Juke wächst London zu einem Dreh- und Angelpunkt heran. In dieser Stadt spielt Rashad nicht nur seine ersten Gigs außerhalb der Staaten, hier sitzt vor allem auch seine neue Label-Heimat Hyperdub. “Der Kontakt zu Kode9 kam über ein paar Radio-Shows, die wir mit ihm bei Rinse FM gespielt haben”, erzählt er. “Ich habe ihn damals gefragt, ob ich nicht eine EP auf seinem Label releasen könne und er war total begeistert. Ich wollte da eigentlich gar kein Album anschließen, weil das in erster Linie eine Menge Arbeit bedeutet (lacht). Als er dann vor ein paar Monaten aber auf mich zukam, war das eine riesige Chance, unsere Crew zu repräsentieren. Und wir konnten da wirklich unser Ding machen, ganz anders als bei einigen Labels, die ich bis dahin kannte.”

Diesen Spielraum scheint Rashad nicht nur dafür zu nutzen seine ganze Teklife-Crew unterzubringen, sondern mit “Double Cup” vor allem auch mit den erwarteten Juke-Parametern zu brechen. Da tauchen auf einmal Verweise auf Drum and Bass auf, die sich erst durch das viele Reisen ergeben haben, wie Rashad erzählt: “Wir nehmen auf Tour unglaublich viele Einflüsse auf.Die Leute nehmen sich Zeit um uns beizubringen, was qualitativ ist und was nicht. Natürlich haben wir früher schon mal von Drum and Bass gehört, aber wir hatten keine Ahnung von der ganzen Geschichte dahinter.” Also wagt sich DJ Rashad für “I’m Too High” nun auch an einen klassischen Breakbeat, den er im Handumdrehen seiner Juke-Ästhetik unterzieht, sprich: in kleinste Schnipsel zerhäckselt und triolisch loopt – die Meta-Ebene des Breaks wäre dann soweit. Diese Praxis kündigte sich übrigens schon mit dem absoluten Snare-Wahnsinn “Drums Please” an, dem heimlichen Highlight auf Rashads erster EP für das Londoner Label, die Anfang des Jahres erschien. Besagtes Release legte außerdem den Grundstein für Rashads Hyper-Soul, der auf “Double Cup” konsequent fortgeführt wird. Soul-Samples aus seiner Kindheit werden hier auf ihre eingängigsten Kleinteile heruntergebrochen und geloopt, sodass sie sich schneller ins Gedächtnis brennen als je eine Motown-Catchphrase dazu im Stande war. Man vergleiche “Show U How”, “Only One” und “Every Day of My Life” – wozu eigentlich noch ganze Strophen, geschweige denn vollständige Sätze singen?

Na gut, ein paar Sätze und sogar Reime finden sich auch auf “Double Cup”. Auf “She A Go” und dem Titeltrack zum Beispiel, für die sich Rashad an der gescrewten Hustensirup-Ästhetik von Südstaaten-Rap bedient. Auch die begleitende Kombination aus Halftime-Drums und hektischen HiHats macht diese Referenz auf. Keine Neuerfindung, aber eine stimmige Verbindung zweier gar nicht so weit entfernter und so bislang doch nicht gekreuzter Welten – und eben keine Kopie. Bei all den Entwicklungen im Sound muss man sich aber kaum um den Verlust Rashad typischer Drum- und Sample-Patterns sorgen. Immerhin wird mit “I Don’t Give A Fuck” ein Exempel der Stärke von Juke statuiert, die ohne Zweifel in dessen eigensinnig reduzierter und ungeschönter Ästhetik liegt. Das wird spätestens deutlich, wenn der Hass-Monolog des Intros mit dem Satz “I don’t give a fuck” endet und plötzlich diese brutal herunter gepitchte Kick einsetzt, die von nicht viel mehr als einem grässlich dünnen, zuckenden Lead-Synthie begleitet wird – und dem Vocal: “I don’t give a fuck about you/I don’t give a fuck about myself“. Man hat schon viel düstere Musik voller Hass gehört, aber in solcher Einfachheit? “In Chicago ist Juke eigentlich immer noch underground, obwohl das mittlerweile viel größer sein müsste“, erzählt Rashad zum Ende unseres Gesprächs und das erste Mal kann ich nicht so wirklich nachvollziehen, was bei ihm vorgeht. In was für einer Welt lebt dieser Rashad eigentlich? Einer Welt, die diesem skurrilen Sound selbstverständlich Radio-Airplay bietet? Ich bitte wirklich um ein Ticket und zwar genau dorthin.

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lebt für die Musik.

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