DJ Shadow ist spätestens seit seinem 96er Album "Entroducing" ein Fels des Instrumental-HipHops. Jetzt widmet er sich statt der Plattenspieler einem neuen Spielzeug: Mit dem Mobiltelefon forscht er nach dem spezifischen Klang verschiedener Städte.


Josh Davis aka DJ Shadow hat wenige Superlative ausgelassen. In den 90er Jahren machte er mit seinem fulminanten Debüt “Endtroducing“ nicht nur Samplekultur salonfähig, er brachte auch Instrumental-HipHop auf ein neues Level. Entgegen typischer Ghettoisierungen und plakativem Blackism ist er in etwa das, was Radiohead für die Popmusik oder Underground Resistance für Techno waren.

Immer neue Wege erforschen, stetig am eigenen Konzept arbeiten, Stillstand vermeiden, musikalisch lebendig bleiben. Kürzlich beendeten Shadow und sein langjähriger Weggefährte Cut Chemist (Jurassic 5) ihre Tour um die Welt, die sie ausschließlich mit 7″s auf 45 rpm bestritten, und zwar auf einem überdimensionierten Turntable-SetUp, bestehend aus acht MK2, vier Mixern, Gitarren-Looppedalen und Echoschleifen. Dabei spielt Geschichtsbewusstsein eine große Rolle, jungen Menschen der iPod-Generation Musikgeschichte vermitteln.

Eine Reminiszenz an ein verlorenes und fast vergessenes Format, das die heutige Popkultur maßgeblich mitbestimmt hat. Den Blick auf ein altes Musikmedium als konzertantes Event darzubieten, die Schwierigkeit der 7″ in ihrer Handhabbarkeit als Paradigma bewusst zu wählen: Da spielt zunächst Konzeptionierung eine Rolle, aber auch Kontextualisierung.

“In amerikanischen Clubs stehen heute fast nur noch CDJs herum, selbst wenn man mit Serato auflegen will, ist es teilweise schwierig, noch zwei Technics und einen Mixer zu bekommen. Viele Clubgänger wissen tatsächlich nicht, dass DJing eigentlich mit Vinyl zusammenhängt; dass mixbare CD-Player nur eine Simulation sind.”

Aber im Gegensatz zu vielen DJs, die sich hinter Traditionalismen verstecken und noch immer den “Real Shit“ repräsentieren wollen, ist DJ Shadow noch Visionär, sowohl als Turntablist als auch als Produzent neuen Technologien offen zugewandt:

“Wir haben lange gebraucht, um DJing überhaupt als anerkannte Musikform zu etablieren, um zu zeigen, dass Samplen auch Musik sein kann. Heutige Ausdrucksformen sollten den Zugang erweitern, aber es ist auch wichtig, den Firmen nicht jede Neuheit als den ultimativen Scheiß abzukaufen. Ich wohne im Silicon Valley und dort ist jede Woche die Rede von einer neuen Revolution. Aber wenn iTunes als die Lösung schlechthin dargeboten wird, wieso sollte man nicht auch den Blick zurückrichten und zeigen, dass Musik mehr ist als eine teure Musikdatei, wo doch Vinyl weiterhin einen höheren haptischen Wert besitzt. Jede Woche fahre ich bei Apple in Cupertino vorbei, um meinen Vater zu besuchen, und frage mich, ob der jetzige Ansatz von digitaler Musik nicht doch eine Sackgasse ist.“

In der Zeit zwischen der Produktion neuer Tracks und dem Herunterkommen von der “Hard Sell“-Tournee widmet sich DJ Shadow, der übrigens das Scratchen im Hamster-Switch gelernt hat (“Ich weiß, dass es ein Fehler war, aber er hat mich auf gewisse Weise weitergebracht, vielleicht habe ich dadurch erst meinen eigentlichen Stil gefunden.“), einem Projekt namens “What does your city sound like?“.

In Kooperation mit den Trend Labs von Nokia geht es ums Samplen von regionalen Klängen mit dem Handy, um sie im sozialen Netzwerke auszutauschen und in neue Tracks zu transformieren. Field-Recording soll zu Urban-Recording werden: “Jeder besitzt ein Mobiltelefon, jetzt will ich eine professionelle Applikation bereitstellen, um direkt auf dem Handy Musik zu produzieren. Ich werde aber auch aus den Samples der Nutzer eigene Tracks produzieren und versuchen zu zeigen, wie unterschiedlich Metropolen klingen können.“

De:Bug: Wie sieht denn deine aktuelle Produktionsplattform aus?

DJ Shadow: Für mein letztes Album habe ich mit ProTools und vielen Native-Instruments-PlugIns gearbeitet, für die nächsten Aufnahmen muss ich noch herausfinden, was es da draußen gibt.

De:Bug: Geht beim produzieren auf dem Handy nicht erst recht der Sinn dafür verloren, woher die Musik eigentlich kommt?

DJ Shadow: In diesem Projekt will ich primär gar nicht didaktisch sein. Ich kann und möchte nicht definieren, was Musik ist und was nicht. Es ist wichtig den Zugang zum Musikalischen zu erweitern, so wie die ersten Beatboxer an einer beliebigen Kreuzung standen und Musik mit ihrem Mund machten und so ein eigener Stil entstand. Heute sind es vielleicht Handys, die neue Wege eröffnen.

De:Bug: Könnte dieser Ansatz ein neues Level der Sample-Kultur darstellen?

DJ Shadow: Definitiv. Meine nächste Platte könnte wieder hundertprozentig aus Samples bestehen. Als die Sample-Kultur aufkam, hat das die Sicht auf Musik revolutioniert, aber dann wurde es zu einer großen Vereinnahmung. Gut, durch die Gegend zu ziehen, um Dinge und Landschaften zu samplen, ist nicht neu. Das wurde gemacht, seit die ersten Tape-Recorder verfügbar waren. Ethnische Musik in den jeweiligen Orten aufzunehmen, hat beispielsweise Tricky in den 90ern praktiziert. Es ist also kein brandneues Konzept, aber die Aufnahmen direkt zu manipulieren, macht es wieder spannend.

http://djshadow.com

About The Author

Elektronische Lebensaspekte.

Leave a Reply