Moritz von Oswald und Nils Pettar Molvaer

OswaldMolvaer

Nach seiner Zusammenarbeit mit Juan Atkins streckt Moritz von Oswald seine Studio-Fühler nun in andere, unerwartete Richtungen aus. Zusammen mit dem Trompeter und ECM-Künstler Nils Petter Molvaer hat er ein Album aufgenommen. Ein neues Kapitel in der Geschichte des Jazz? Die elegische Trompete des Norwegers mit Faible für Clubmusik trifft dabei auf sparsam eingesetzte Synthesizer-Akkorde und Dub-Effekte. Und viel Freiraum.

Text von Tim Caspar Boehme

Man hätte es ahnen können. Bei Moritz von Oswald hat es seit seiner Zeit von Basic Channel bis zu Rhythm & Sound immer wieder diverse Kollaborationen gegeben. Seit er jedoch vor einigen Jahren mit dem Freiform-Ensemble Moritz von Oswald Trio an die Öffentlichkeit getreten ist, scheint sich etwas in seiner Herangehensweise an Musik verändert zu haben. Was er und seine Mitstreiter Max Loderbauer und Vladislav Delay hervorbringen, wirkt im Vergleich zu seinen klassischen Produktionen mit Mark Ernestus weniger formstreng, klingt improvisierter und löst sich weitgehend von Clubkonventionen.
Elektronischer Free Jazz, wenn man so möchte.

Dass der Techno- und Dub-Visionär für sein jüngstes Projekt mit dem norwegischen Trompeter Nils Petter Molvaer ins Studio gegangen ist, um das gemeinsame Album “1/1” aufzunehmen, mag da wie ein folgerichtiger nächster Schritt erscheinen. Es spricht allemal für die Offenheit von Oswalds, der bei seinen bisherigen musikalischen Partnern insbesondere mit Elektronik-Kollegen oder Reggae-Sängern zu tun hatte. Molvaer ist jedenfalls der erste Jazzmusiker, mit dem von Oswald eine komplette Duoplatte eingespielt hat. Das Treffen der beiden ereignete sich zu Beginn des Jahres in Moritz von Oswalds Berliner Studio. Wäre es nach Molvaer gegangen, hätte es schon weitaus früher zu musikalischen Berührungen kommen können: “In den Neunzigern war ich stark daran interessiert, dass Moritz einen Remix von mir macht, doch ich glaube, meine Anfrage hat ihn nie erreicht. Seine Musik habe ich jedenfalls ziemlich viel gehört.”

Molvaer hatte 1997 mit seinem Album “Khmer” die bis dahin ungewöhnlichste Veröffentlichung des Labels ECM vorgelegt. Eine Jazz-Platte, auf der seine nordisch- klare, melancholische Trompete mit Drum-and-Bass-Rhythmen und geloopten Samples unterlegt war. Aufgeschlossenheit gegenüber der damaligen Clubmusik war Teil des Erfolgsrezepts von Molvaers Jazz-Elektronik-Hybrid, das seinerzeit Kritiker wie Publikum überzeugte. Dieser unbefangene Umgang mit anderen Genres zeigt sich auch in Molvaers Begeisterung für von Oswalds Techno-Ästhetik, die dieser während der Neunziger mit Mark Ernestus auf Basic Channel entwarf: “Mir gefiel dieser Sound, dieses Minimalistische und die Loops, die Art, wie sie auf den Delays tänzeln und die Dubs – diese ganze Klangwelt. Die Gefahr bei so etwas ist ja, dass man Dinge, die man zu sehr mag, zu kopieren beginnt. Das habe ich aber immer zu vermeiden versucht. Als ich an meinem ersten Album arbeitete, wollte ich eine Mischung aus all den Sachen erzeugen, die mir wirklich gefielen. So entstand ‘Khmer’. Es ist auch stark von Joni Mitchell beeinflusst – wobei man das wohl nicht hört.

Auch von Oswald erkannte in Molvaers Musik einige gemeinsame Vorlieben. Ihm gefiel die Räumlichkeit und Weite seiner Musik – und sein Trompetenspiel: “Was mich an seinem Trompetenklang sofort fasziniert hat, ist der volle, leuchtende und leichte Ton. Der hat letztendlich unsere Zusammenarbeit inspiriert. Ich dachte mir: Damit kann ich arbeiten, mit dieser Leichtigkeit. Auch unsere Platte hat ja etwas Schwebendes.” Tatsächlich besteht “1/1” überwiegend aus sehr bedächtig schwingenden Synthesizer-Akkorden, gelegentlichen diskreten Beats und von Oswalds präzise gesetzten Dub-Echos, zu deren ruhigem Fluss Molvaer seine Melodien fast zögerlich vorträgt. Zugleich strahlt die Musik eine ganz außerordentliche Entspanntheit aus. Molvaer: “Wir begannen im Grundesofort zu spielen. Ich setzte mich vor das Mikrofon und wir nahmen ein paar Stücke auf. Danach kam ich noch zwei- oder dreimal zurück. Am Ende hatten wir über zwei Stunden Musik.” Alle Aufnahmen wurden mit bloß einem Take gemacht. Ein vorab entwickeltes Konzept für die Platte gab es nicht, erinnert sich Molvaer: “Es war eine sehr intuitive Sache zwischen uns.”

Die Zusammenarbeit zwischen akustischen und elektronischen Instrumenten gestaltete sich für die beiden ebenfalls wie von selbst, sagt von Oswald: “Normalerweise denkt jeder, elektronische Instrumente seien unflexibel. Dabei habe ich die elektronischen Instrumente gerade so eingesetzt, dass ich ihre Flexibilität genutzt habe, was ausgezeichnet zur Flexibilität von Nils’ Trompetenspiel passte.” Bei der Auswahl der Instrumente entschied von Oswald daher sowohl nach ihrer spezifischen Beweglichkeit als auch nach ihrem Klang. “Ich habe vornehmlich Synthesizer mit Tastatur verwendet, deren Klang schön und zugleich seltsam, etwas kantig ist. Es kam mir vor allem darauf an, dass ihr Klang voll genug war, um die Trompete zu unterstützen.”

Das harmonischeund rhythmische Gerüst, meistens auf ein bloßes Skelett reduziert, lässt Molvaer sehr viel Raum. Selbst in den Stücken, in denen von Oswald Rauschen einsetzt, das wie langsamer Nebel aufsteigt (“Noise 1” und “Noise 2”), bleibt das Arrangement stets luftig. Es ist Musik, die von sehr, sehr großer Gelassenheit erzählt. Für Molvaer ein Gewinn: “Wir hatten keine Angst vor Stille oder Lücken zwischen den Klängen. Dadurch, dass nicht so viel passierte, hatte ich sehr viel Freiheit. Wenn man mit anderen Musikern spielt, passiert normalerweise ständig etwas, aber hier war es eine Angelegenheit mit viel Tiefe.” Bei von Oswald hingegen stand für die Freiräume auf “1/1” ein Komponist des 20. Jahrhunderts Pate, den man beim Hörenso nicht unbedingt als Inspiration erwarten würde: Karlheinz Stockhausen. Der Avantgardist spielt für den als klassischer Schlagzeuger ausgebildeten von Oswald sogar eine immens wichtige Rolle: “Ich habe Stockhausen schon immer geliebt. Was mir an seiner Einstellung zu Klang gefällt, sind die Auslassungen. Bei ihm gibt es die Klänge – und es gibt Leere.”

Vielleicht hätte sich der eine oder die andere noch mehr Stockhausen auf der Platte gewünscht, etwas mehr Experiment oder hier und da einen zugespitzteren Dialog zwischen Trompete und Synthesizern. Doch das war gar nicht die Absicht der beiden. Ein Austesten von Grenzen gehörte zumindest nicht zum Programm von “1/1”, wie Molvaer klarstellt: “An Grenzen habe ich nie gedacht. Grenzen gibt es für mich auch gar nicht so richtig. Ich sehe lediglich Horizonte.”

Gleichwohl bleibt der Eindruck, hier hätten es sich zwei gestandene Musiker ein bisschen zu leicht gemacht. Dass von Oswald sich darauf versteht, Auslassungen so zu gestalten, dass sich Räume auftun, in denen Spannung aus nur wenigen Elementen entsteht, kann man auf seinen früheren Platten in sehr beeindruckender Form nachvollziehen. Hier jedoch fühlt man sich wie in einem überdimensionierten Wartezimmer, das unentschlossen vor sich hin hallt, während jemand dazu laut auf der Trompete sinniert. Und die Horizonte, von denen Molvaer spricht, hängen irgendwie ein wenig schlaff und flach herab. Das einzig wirklich Neue für Molvaer und von Oswald bestand denn auch darin, dass sie noch nie zuvor miteinander Musik gemacht hatten. Doch allein weil etwas wie von selbst läuft, wächst daraus nicht zwangsläufig ein Gebilde, das man hinterher für seine natürliche Schönheit bewundert. Manchmal tut die planende Hand des Gärtners not.

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Elektronische Lebensaspekte.

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